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no. 9: kommunikation -> ausgegraben
 

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Jan Amos Komenský (Comenius): Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens

von Andreas Daams

Abermals ein Autor, den es nicht mehr gibt, der allenfalls noch als unbedenklicher Namensgeber von Schulen und öffentlichen Einrichtungen herumgeistert. Die Menschen (nicht nur unserer Tage) beschäftigen sich fortwährend mit überflüssigen Dingen und übersehen dabei ihre Quellen, als seien diese bereits für immer zugeschüttet. Womit wir beim Thema wären: Das Labyrinth der Welt (und das Paradies des Herzens) -- das Hauptwerk des Jan Amos Komenský.

Die letzte Auflage dieser Schrift in deutscher Sprache (das Original ist in tschechischer Sprache gehalten) erschien 1985 und ist längst vergriffen. So wird wieder einmal der Gang zum Antiquariat unumgänglich, es sei denn, man begnügt sich mit der kurzen Leihfrist einer öffentlichen Bibliothek -- dabei sollte man doch immer wieder einmal in diesem Buch lesen, es ist auch nicht dick.

Von 1592 bis 1670 zu überleben, ist per se ein Kunststück. Doch zu leben, wenn man jahrelang des Glaubens wegen verfolgt wird, wenn Kriege das Land verheeren und Frau und Kinder innerhalb kürzester Zeit von der Pest hinweggerafft werden, das ist nur die eine Seite: dabei nicht mit dem Denken aufzuhören und nicht mit dem Schreiben, das ist noch erstaunlicher. Kind seiner Zeit, die die Aufklärung noch vor sich hatte, die Technisierung und die großen, folgenschweren Ideologien, betrachtet er die Menschen um sich herum, wie auch wir sie heute trotz allem immer noch betrachten können:

"Einige von ihnen gingen, andere liefen, wieder andere ritten; einige standen, andere saßen oder lagen, einige erhoben sich, während andere sich wieder niederlegten oder in verschiedener Weise sich drehten und wanden. Manche waren allein, bald wieder in größeren oder kleineren Haufen beisammen. Ihre Kleidung und ihr Aussehen waren sehr mannigfaltig, einige waren sogar splitternackt, aber alle gebärdeten sich in höchst sonderbarer Weise. Wenn einige von ihnen einander begegneten, trieben sie allerlei Alfanzereien, man sah sie Verbeugungen machen, sich aneinanderschmiegen, kurz allerhand Possen reißen. Da sagte mein Begleiter zu mir: 'Das also ist das edle Menschengeschlecht, das sind die herrlichen, mit Vernunft und Unsterblichkeit begabten Wesen; schon aus der Mannigfaltigkeit dieser ihrer erhabenen Taten kannst du erkennen, wie die Menschen das Bild ihres unendlichen Schöpfers und die Gottähnlichkeit in ihrem Herzen tragen; da erblickst du wie in einem Spiegel die Würde deines eigenen Geschlechtes!' "

Penibel erwandert die Hauptperson des Buches, der Pilger, ausgestattet mit der allerdings schiefsitzenden "Brille der Verblendung", alle Stätten und Institutionen menschlichen Daseins. Er sieht die Arbeit, das Militär, die Ehe, die Gelehrten, die Philosophie, den Gewerbestand. Und was er sieht, ist immerzu erschreckend:

"Ich sah, daß alle nur für ihren Magen arbeiteten. Denn was sie ergatterten, stopften sie sich und den Ihrigen in den Mund, mit Ausnahme weniger, die das, was sie dem Munde entzogen, in den Beutel taten. Doch war dieser, wie ich bemerkte, oft voll Löcher, so daß das, was man hineintat, wieder herausfiel und von den anderen aufgehoben wurde, oder man entriß ihnen den Beutel mit Gewalt. Deutlich konnte man sehen, daß alles menschliche Bemühen zu nichts anderem führt, als daß Geld aus einer Tasche in die andere wandert."

Was kann man als Mensch Sinnvolles tun? Den Pilger zieht es an die Universität, wo Wissen vermittelt wird:

"Als wir nun weitergingen, sah ich, wie ein jeder Wächter einen oder mehrere der jungen Leute wegführte und zu bearbeiten begann, wobei er ihnen etwas in die Ohren blies, ihnen die Augen auswischte, Mund und Nase auskratzte, die Zunge herausnahm und beschnitt, die Finger verrenkte, die Arme bog und streckte. Einige versuchten ihnen sogar die Köpfe anzubohren und etwas einzutrichtern."

Komenský ist erschüttert von der Unsinnigkeit und Torheit menschlichen Handelns. Gevatter Tod schlendernd wahllos Pfeile schießend durch die Straßen, aber die Menschen beachten ihn nicht, sie sind voller Habgier, Eitelkeit und Dummheit. Schaue ich also in den Spiegel: bin auch so ein Mensch.

Am besten also, man liest dieses Buch nicht. Heute benötigt man dazu keine Zensur mehr wie zu Komenskýs Zeiten, als seine Schriften indiziert waren und größtenteils vernichtet wurden. Heute gibt es Fernsehgeräte und die Freiheit, die wir ja so lieben. Schütten wir nur bedenkenlos unsere Quellen zu, wir brauchen sie nicht mehr.

Doch Komenský sieht auch einen Trost, einen kleinen nur, aber immerhin. Ganz am Ende seines Buches, wenn er am bodenlosen Abgrund jenseits der Welt steht, am Sterbeacker, und Gott um Erbarmen anfleht, hört er eine Stimme:

" 'Kehr um, von wo du ausgegangen bist, in das Haus deines Herzens, und schließe die Tür hinter dir.' "

Das ist sein Rat an uns. An uns in unserem wahnwitzigen, täglich aufs neue angepriesenen Labyrinth, in dem neunjährige Kinder in Afrika Menschen zerhacken und die Kleinbürger Europas mit Aktiensparplänen allesamt Millionäre werden wollen.

Komenský lebte (wie jeder Mensch) in einer verworrenen Zeit. 'Das große Welttheater' ist Inhalt und Titel zahlreicher literarischer Werke jener Tage. Gepuderte Perücken und lächerliche Hofzeremonien beispielsweise waren Merkmale einer barocken (schief-runden) Welt. Und die verschiedenen Länder der damaligen Welt hat Komenský zwangsweise gesehen: im Exil. Er, der so oft alle friedenswilligen Parteien mit Briefen unterstützte, wurde bald von allen geächtet. Die Bitterkeit, wie sie in Das Labyrinth der Welt zum Vorschein kommt, ist allerdings einzigartig unter seinen vielen Schriften. Einen Großteil seiner Werke widmet er der 'Pansophie' und der 'Panharmonie', was bedeutet, "das den Sinn des Ganzen erfüllende Können des Menschen zu verschmelzen, politica, philosophia und religio" (weshalb er in unserer Zeit vorzugsweise als Pädagoge bekannt ist). Das freilich sind Träume von gestern. Politica, philosophia und religio sind absterbende Beschäftigungsfelder des Menschen, deren Auswirkungen in unserer Zeit gar nicht niedrig genug eingeschätzt werden können. Wenn Das Labyrinth der Welt gerade heute die Absurdität menschlicher Existenz greller beleuchtet als der größte Teil zeitgenössischer Versuche, dann wird doch bei der Lektüre anderer Schriften des Comenius deutlich, was für ein ungeheuerlicher Wertewandel in kürzester Zeit stattgefunden hat, ja, mehr noch, was für eine Wertevernichtung. Bemühte Komenský sich in solcherlei Fragen noch um größtmögliche Klarheit und praktische Umsetzung, so gilt heute das Schweigen, die Resignation und im Gegensatz dazu -- natürlich -- hochpeinliches Talkshowgerede als einzig mögliche und offenbar von allen akzeptierte Gegenwartsbewältigung, gerade so, als ob die Grundfragen heute gänzlich andere seien.

"Es ist die allergrößte Schande, ja beinahe tierischer Stumpfsinn, nicht zu wissen, nicht zu forschen, nicht zu fragen, wer du bist, woher du kommst und wohin dein ganzes Wesen strebt."

Dieses Diktum des Komenský sollte uns in den Ohren klingeln. Möglicherweise ist unserer Zeit der Umgang mit den 'letzten Fragen' deshalb so abhanden gekommen, weil wir den Tod noch wirkungsvoller ausklammern als die Generationen vor uns. Unsere Tode sind klinisch weiß, die Tode der Vergangenheit aber waren blutig und dauerten einfach länger.

Komenský war kein Savonarola, gewiß nicht, und das wollte er auch gar nicht sein. Aber heute mangelt es an beidem. Spazieren Sie durch unsere Fußgängerzonen, schalten Sie die Fernsehgeräte ein. Sie werden schon sehen.

Ach ja: wenn mich nicht alles täuscht, trägt ein Saal in der Prager Universität den Namen des großen Comenius. Wahrscheinlich ist es ein Speisesaal.

Einen Lebenslauf immerhin bietet das Evangelische Comenius-Institut in Düsseldorf, das sich aber ansonsten zu den Hintergründen seines Namenspatronen ausschweigt. Unter der Adresse http://www.linf.fu-berlin.de/~wiesen/comenius/erdkunde/comenius.html erfährt man, daß in Berlin-Neukölln 1992 ein Comenius-Denkmal errichtet wurde. Bei Amazon kann man immerhin 10 Bücher bestellen, die irgend etwas mit Comenius zu tun haben. Einige weiterführende Links kann man beim Comenius-Projekt finden. Es gibt natürlich auch Comenius-Schulen, etwa in Kalbach. Kaum irgendwo erwähnt wird aber Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens. Kein Wunder.
"Sie wachsen, stehen, erstarken; alles mit dem einen Ziele: zu fallen."

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