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Besprochen werden:
* Feridun Zaimoglu: Liebesmale, scharlachrot
* Alessandro Baricco: Oceano Mare
* Stefan Beck (Hrsg.): Technogene Nähe. Ethnographische Studien zur Mediennutzung im Alltag
 

Feridun Zaimoglu: Liebesmale, scharlachrot

Berlin: Rotbuch Verlag. 297 Seiten.

Der durch seine Bücher Kanak Sprak, Abschaum und Koppstoff mittlerweile zum Kultautor avancierte alemanci Feridun Zaimoglu hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Basierten seine ersten Titel noch auf quasi-ethnologischen Befunden, hauptsächlich auf stilistisch bearbeiteten Interviews mit Jugendlichen, so präsentiert Zaimoglu dem Leser diesmal eine fiktive Story. Sie besteht aus einer Folge von 42 langen Briefen nebst Anlagen. Unzweifelhaft enthält auch dieser Briefroman eine Fülle dokumentarischen Materials aus der Welt der Kanakster, jener jungen, Grenzen negierenden und Grenzen überschreitenden chaotischen Zwischenwelt des Mültikültüralizms.

Im Mittelpunkt des Romans agieren zwei Kumpel: Serdar ist von Kiel an die türkische Ägäis geflüchtet, weil er sich von seinen diversen Frauenbeziehungen in Deutschland zu sehr bedrängt fühlt. Aus dem Haus seiner Eltern in einer Ferienanlage teilt er seinem Freund Hakan mit, was sich fernab von seinen Kieler und Berliner Gespielinnen so tut: nämlich gar nix. Mit der Landung auf dem pseudoheimatlichen Boden sieht sich Serdar vom Schlimmsten befallen, was einem Kanakster zustossen kann. Vollgliedlähmung lautet die Selbstdiagnose. Freund Hakan liefert postwendend Empfehlungen zur Behebung dieses Mißstandes und berichtet seinerseits von dem anfangs schwierigen Unterfangen, seine Nachbarin aufzureißen. So wechseln die Briefe zwischen Kiel und dem "trockenen Arsch Anatoliens" und es wird schnell klar, dass Hakan den Typ des "hardboiled Kanaksta" repräsentiert, der dauerbrünstig und ohne nachlassenden Eifer die ganze Pallette der Anbaggerei abzieht, um seine Angebetete möglichst schnell flachzulegen. Diese echte Kanakeridentität hat Serdar in den Augen seines Kumpels dagegen verloren: Er ist der "Assimil-Ali", der Dudenschwätzer mit der "Goethenummer", der Haikus schreibt und vor lauter Vornehmheit vergessen hat, "wie man mit Karacho fickt".

Ab Brief Nr. 8 mischt sich die erste Frau in den Dialog der Kumpel. Zuerst meldet sich die intellektuelle Dina -- aus Serdars Sicht "die parallel geführte Kontaktbereichskonkubine" -- aus Berlin. Ihr geht es vornehmlich darum, die Trennung von Serdar aufzuarbeiten. Aus Kiel meldet sich etwas später (Brief 16) Anke, die eher an einer Wiederbelebung der Beziehung zu Serdar interessiert ist. Um ihrer Sache Nachdruck zu verleihen, schickt sie in folgenden Postsendungen ihre Slips mit ("Lecker Slip, drei Tage getragen, viel Spaß dabei!") um sich danach leibhaftig anzukündigen. Serdar ist von letzterem wenig angetan, da er sich in seinem Feriendomizil gerade in Rena verliebt hat. Hinter der ist aber auch der dumpfbackige einheimische Baba her. Kurzerhand beauftragt Serdar Hakan, ebenfalls in die Türkei zu reisen, um ihm Anke vom Leib zu halten. Das gelingt zwar nicht wie erhofft, doch der Kieler Kumpel kommt gerade noch rechtzeitig, um Serdar vor der Massakrierung durch den eifersüchtigen local hero Baba zu bewahren.

Die ganze Geschichte wird uns -- wie gesagt -- in Form eines Briefwechsels der Freunde erzählt. Feridun Zaimoglu hat dabei alle Rollen gekonnt übernommen. Er treibt den Dialog über weite Strecken kunst- und genußvoll voran, wobei recht drastische Beschreibungen der sexuellen Phantasien und Praktiken breiten Raum einnehmen, seine luziden Beobachtungen und Beschreibungen der alltäglichen Wirklichkeit des Kanaksterdaseins aber das größere Lesevergnügen bereiten. Es ist vor allem die Sprachgewalt des ehemaligen Kunst- und Medizinstudenten Zaimoglu, die seinem Roman eine unerhörte Kraft verleiht. Wenn er Hakan eher beiläufig über seinen Job als Testesser schwadronieren oder die Visa-Card-Werbung (mit der Frau im Badeanzug) analysieren läßt, so bringen diese Schilderungen aus der Perspektive der Kümmels mehr Witz und Wahrheit zutage als manche soziologische Seminararbeit. Die Schilderung einer Wohnzimmerparty entlarvt den Esoterikfimmel und die "Sanftmutscheißersekte" der achtziger Jahre ebenso köstlich wie das Juppigetue der neunziger. Zaimoglu verfügt über das Talent, dem Leser mit nie dagewesenen -- mal rüpelig-provozierenden, mal sanft-kokettierenden -- Worten Empfindungen, Beziehungen und Situationen, vielleicht sogar so etwas wie das Lebensgefühl eines Kanakstas nahe zu bringen. Erfrischend und erfreulich dabei: Die ganze Chose bleibt leicht und hat drive. Oft sind es die geradzu flapsig dahingeworfenen Bemerkungen seiner Protagonisten, die zu punktgenau treffenden Aussagen über deren gesellschaftliche Realität geraten. Zaimoglus Erfindung (oder Weiterentwicklung) der Kanaksprak schafft ihm dabei einen unerschöpflichen Fundus für skurille Bilder.

Mitunter scheint es jedoch, dass er dem puren Jargon des Kiez überdrüssig geworden ist, der rauhe Ton der Straße im Roman eine Veredelung erfahren hat. Neben den gewohnt ungestüm davonpreschenden Passagen (Hakans Briefe), gibt es erstaunlich ruhige, geradezu poetische Zeilen (besonders in den Briefen von Dina). An solchen Stellen schimmert Zaimoglus gediegene literarische Bildung durch, Anspielungen auf Kafka, Hemmingway und Philip Roth sind unauffällig ins Werk geschmuggelt. Der letzte Brief (Serdar an Rena) liest sich wie die hochkanakische Fassung des biblischen Liedes der Lieder.

Man könnte dem Autor vorwerfen, dass letztlich alle seine Figuren auf mehr oder weniger gleichem intellektuellen Niveau ihre Briefe formulieren. Selbst der ansonsten als Trottel dargestellte Baba spricht mit hoher Eloquenz. Hier kann Zaimoglu offensichtlich nicht aus seiner Haut. Angesichts der sprachlichen Meisterschaft des Autors mag dies jedoch durchgehen. Nerviger sind dagegen die in Überdosis verabreichten Sexprotzereien. Was anfangs noch ganz witzig angeht, endet leider in unnötigem Ekelkram. Da hätte der educated Kanakster Feridun Zaimoglu beherzigen sollen, was er sein alter ego Serdar sagen läßt: "Maximal schreibe ich vier Zeilen, minimal zwei Wörter, das Wenige ist bekanntlich mehr."

(Ulrich Steuten)

 

Alessandro Baricco: Oceano Mare

München: Piper 2000. Aus dem Italienischen von Erika Cristiani. 280 Seiten.

Diesmal ist es nicht das Land der blühenden Zitronen und des Taugenichts, in dem Sehnsucht ihren Ort findet und Ausgang nimmt, sondern das Werk eines seiner Autoren. Die Rede ist von dem mittlerweile auch jenseits von Italien nicht mehr unbekannten Alessandro Baricco, der mit Oceano Mare dem deutschsprachigen Publikum seinen vierten Roman vorstellt.

Eine Handvoll Genies, Liebender, Melancholiker, Träumer und Sinnsucher strandet (sic!) unabhängig voneinander in der am Meer gelegenen Pension Almayer. Kein Million-Dollar-Hotel, sondern immer schon die abgeschiedenste aller abgeschiedenen Unterkünfte, ein Camino Real zwischen Sein und Schein. Im Romanverlauf finden die Protagonisten zu sich selbst oder auch zueinander, ebenso wie sie von sich, anderen und anderem Abschied nehmen. Allen gemein, wenn auch individuell verschieden, ist die Lebenslage eines Noch-nicht-Mehr. Doch geht es nicht darum, einen Wendepunkt im Leben der Helden darzustellen, also um Reflexion von Ausgangspunkten, Wegen, Zielen und deren Umsetzung. Was und wovon Baricco vornehmlich erzählt, ist der Figuren Erleben und Leben einer Schwellensituation als solcher. Ein individuelles Sich-Sammeln zufällig Versammelter; bloßes Da-Sein, das schließlich und ganz leise aus sich selbst heraus zu Lösungen führt.

Keine Stereotypen, nie bloße Ideenträger, ebensowenig ausgearbeitete Charaktere, vielmehr seltsam skurrile Traumfiguren, hingetupft, die in seltsam skurrilen Realitäten leben und zu berühren vermögen, nicht zuletzt, da man zugleich den Kopf über sie schütteln und sie lieben, bewundern kann: Dies ist die Verführungsstrategie Bariccos, wie man sie bereits aus Novecento und Land aus Glas kennt! Wurde man dort etwa vertraut mit Pekisch, Komponist und Erfinder, der alle Töne in sich trug und ein menschliches Musikinstrument zu entwickeln suchte oder mit Mr. Rail, der davon träumte eine schnurgerade, unendliche Eisenbahnstrecke zu bauen, so trifft man hier:

Plasson, Künstler, ehedem Spezialist für Portraitmalerei, der sich nur mehr dem Gesicht des Meeres widmet. Oder allenfalls Seemännern, die als solche Meer im Gesicht haben. Doch wie das Meer portraitieren, wenn man nicht weiß wo dieses seine Augen hat? Und mit den Augen hat ein Portrait nun mal zu beginnen! Eine von Bariccos ach so erwachsenen Kinderfiguren weiß Rat. Doch trotz und gerade wegen der Antwort, bleiben Plassons Leinwände oft weiß, lediglich benetzt von salzigem Wasser.

Elisewin, die junge Frau mit dem sublimen Wesen, zu zerbrechlich um zu leben, zu lebendig um zu sterben. Die Stille sei in ihre Kleider eingearbeitet, erzählt man sich. Aufgewachsen in einem Haus mit weißen Teppichen und ohne Meer, ist es ihres Vaters letzte Hoffnung, Elisewin auf einem kleinen Fluß der Küste entgegenzuschicken, damit sie in einer "Welt, die einfach nur geschieht" das Leben finde.

Bartleboom, Professor und Autor eines Werkes, das ebenso grenzenlos ist wie die ewig-unfertigen Gemälde Plassons. Im Gegensatz zu diesem beschäftigt Bartleboom allerdings die Frage, wo das Meer aufhöre. "Über die in der Natur feststellbaren Grenzen, mit einem gesonderten den Grenzen menschlicher Fähigkeiten gewidmeten Anhang", heißt die Enzyklopädie, die der philosophische Poet Baricco seinem poetischen Philosophen Bartleboom ans Herz legt. Gesetzt, dieses schlägt nicht gerade für die eine oder andere Frau-des-Lebens.

Verwoben sind diese und weitere Figuren in das -- und zum -- Märchen vom Wesen des Meeres, so der Untertitel der deutschen Ausgabe. Bei geeigneter Lektüre, kann dieser, obgleich nur redaktionelle Zutat, feinsinnig in die spielerisch-philosophische Poetik des Romans Einblick geben. Da ist zunächst das Wort 'Märchen' als ein das Phantastische betonende Synonym für 'Erzählung' oder 'Geschichte'. So hört man vom Meer das wallet und siedet und brauset und zischt, von der gnadenlosen Lawine, dem Hort der Zerstörung oder auch von demjenigen, das sanft ist und langsam. Psalmen aufsagend. Mit der Einsicht in all die zwischen diesen geläufigen Polen liegenden ozeanischen Erscheinungsweisen, wird eine zweite Interpretation des Untertitels offenbar. 'Märchen' im Sinne von 'Illusion' -- und der Roman liest sich als Reflexion über die Frage, ob das Meer so etwas besitze, wie ein -- notwendig einzigartiges -- Wesen. Eine Antwort scheint einfach, wäre da nicht eine dritte Auslegungsmöglichkeit. Mag Baricco das Meer auch als komplex und unreduzierbar, also wesenlos schreiben und beschreiben, findet sich auf einer anderen Ebene schließlich doch ein gemeinsamer Nenner. Bei 'Wesen' als substantiviertem Verb, werden Pluralität und Einheit vermittelbar, zugunsten eines beständig wesenden Meeres, das nie gleich aber immer dasselbe ist.

Das bemerkenswerteste Charakteristikum von Bariccos ozeanischer Anthropologie, bzw. anthropischer Ozeanologie, ist, vor Poesie, Witz und Weisheit, eine paradoxe Verdichtung des Textes zur Leichtigkeit. Sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht. Mit großem Bedacht entworfene Sätze, sorgfältig gewählte Worte und Satzzeichen, wohlbemessene Erzählrythmen und Stile geraten hier nicht, obgleich sie als Besonderheiten auffallen wollen, zu einer angestrengten Komplexität, bedingen keine mühsam-stockende Lektüre. Vielmehr erzeugen sie einen Text von der Qualität einer sich auflösenden Brausetablette. Der Übersetzerin Erika Cristiani sei an dieser Stelle ein ausdrückliches Lob zugesprochen, wenn damit auch die Querelen zwischen dem Piper-Verlag und Karin Krieger, die Bariccos Schriften ursprünglich ins Deutsche übertrug, nicht besser werden (siehe Süddeutsche Zeitung vom 24.04.00, "Seite Drei": "Vom Glück, das richtige Wort zu finden")

Zurecht wurde Oceano Mare im Lichte der Tradition von Conrad, Melville und Stevenson gelesen. Vergleiche zum Thema fruchten über die Literatur hinaus etwa bei Debussy, unter dem Gesichtspunkt einer Baricccos Schreiben oftmals nahestehenden Kompositionstechnik der Nuancenverschiebung (La Mer). Oder auch bei Bessons Big Blue, im Hinblick auf die Beziehung zwischen Mensch und Meer. Ähnlich wie hier ist nicht zuletzt auch die Bereitschaft von Vorteil -- und manchmal sogar ziemlich nötig -- sich auf eine poetische Erfahrung einzulassen. Ist diese Bereitschaft vorhanden, wird Oceano Mare leicht Flügel verleihen. Selbst wer sich nicht nach dem Meer sehnt, kann hier die Sehnsucht, sich nach dem Meer zu sehnen, kennenlernen.

(Christoph Bock)

 

Stefan Beck (Hrsg.): Technogene Nähe. Ethnographische Studien zur Mediennutzung im Alltag

Münster: LIT 2000. 184 Seiten.

Der Titel dieses kleinen Sammelbandes provoziert bewußt: Ist eine durch Technologien, also künstlich geschaffene Nähe nicht ein Widerspruch in sich? Welcher Qualität kann diese Form von Intimität wohl sein? Der Begriff impliziert Kälte, weckt möglicherweise ähnlich diffuse Assoziationen wie ehedem 'Cybersex'. Wie der Untertitel bereits andeutet, handelt es sich jedoch um einen auch für breite Bevölkerungsschichten ganz alltäglichen Zusammenhang: die Schaffung und Erhaltung von Beziehungen mittels medial gestützter Kommunikation im Kontext einer hochmobilen, spätmodernen Gesellschaft.

Der Begriff der Beziehung ist dabei recht allgemein gefaßt und reicht von beruflichen Beziehungen am Arbeitsplatz (Fallstudien im Büro und auf einer Baustelle) über freundschaftliche Netzwerke und Liebesbeziehungen geographisch getrennter Paare bis zu mehr oder minder anonymen Kommunikationsverhältnissen beim Talkradio oder auf einer nächtlichen Telefondatingline. Aber auch das Verhältnis zum eigenen PC als täglichem Gebrauchsgegenstand wird nicht ausgelassen.

Der Flut medienkritischer Texte mit ihren 'telephobischen', kulturpessimistischen Thesen auf der einen, sowie der Multimedia-Euphorie auf der anderen Seite, setzt dieses Berliner Projekt konkrete empirische Beobachtung entgegen. Das Frageinteresse ist ein ethnologisch-kulturanthropologisches, im Mittelpunkt stehen die transformativen Wirkungen der Mediennutzung auf Alltagskulturen. Beleuchtet wird der aktive Umgang der Betroffenen, das heißt die "aneignenden und symbolisierenden Praxen der Nutzer und Nutzerinnen".

Als theoretische Grundlage werden u.a. Erving Goffmans Schriften zum Kommunikationsverhalten von Angesicht zu Angesicht herangezogen. Sein Konzept des 'Image', das im Gespräch von den Beteiligten gegenseitig zu erhalten gesucht wird, wird hier nun auf medial gestützte Kommunikationszusammenhänge übertragen.

Die Beobachtung, daß sich mit der zunehmenden Nutzung von Kommunikationsmedien wie Brief, Telefon, E-Mail etc. zugleich der eigene Output steigert -- man ist es zunehmend gewohnt, immer neue Botschaften von sich zu geben, Erlebtes in Worte zu fassen, statt es unmittelbar zu teilen --, führt als Konsequenz zu einer größeren Festschreibung der Persönlichkeit. Diese Fixierung birgt dabei zugleich einen Schlüssel für das Geheimnis der technogenen Nähe: "Möglicherweise ist es aber gerade der 'Verlust' von Körperlichkeit im Sinne der Kopräsenz, der die 'Greifbarkeit' einer Persönlichkeit zu steigern vermag."

Nach zunächst auto-ethnographischen Beobachtungen über ihren eigenen Einsatz von Telefon, Anrufbeantworter, E-Mail, Post etc. haben die zehn studentischen Autorinnen und Autoren ihr Feld schrittweise erweitert und Fallstudien im privaten und beruflichen Umfeld durchgeführt.

Der Frage der Medienwahl und des Medienwechsels kommt dabei besondere Bedeutung zu. Seien es private oder berufliche Kontakte, die jeweilige Kommunikationsform wird bewußt gewählt und eingesetzt. So untersuchte eine Projektstudentin in ihrer parallelen Rolle als feste Mitarbeiterin einer mittelständischen Firma, wie das dort sehr vielfältige Angebot an unterschiedlichen Kommunikationsmitteln genutzt wird, welche Wahlmöglichkeiten für die Mitarbeiter bestehen und aus welchen Gründen welche Auswahl getroffen wird. Die aufgestellten 'Kommunikationsprofile' ihrer Kollegen zeigen sehr anschaulich, wie insbesondere asynchrone Kommunikationsformen -- über das Intranet, reguläre E-Mail oder aber Notizzettel im persönlichen Fach -- häufig gewählt werden, um Distanz zu erzeugen und längere Gespräche zu vermeiden. Soziale Nähe wird hingegen eher über synchrone Kommunikation wie das Gespräch von Angesicht zu Angesicht oder das Telefon versichert. Dabei kommen diese Formen durchaus auch parallel zum Einsatz, z.B. wenn ein Mitarbeiter per Telefon anschließend die (eigentlich überflüssige) Frage stellt, ob die Mail denn auch angekommen sei und so dem sachlichen Inhalt auch eine emotionale Komponente verleiht, Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Neben sachlichen Beweggründen (Logistik, eigene technische Sicherheit im Umgang mit diesen Medien etc.) spielen soziale Nebeneffekte für die Wahl der jeweiligen Modi durchaus eine Rolle, so eines der empirischen Ergebnisse. Soziale Beziehungen können differenzierter gestaltet werden, Nähe wird abgestuft.

Spannende Einblicke in eine den meisten LeserInnen vermutlich verschlossene Welt bieten die Ergebnisse einer kleinen Feldstudie auf einer Baustelle. Das Interesse der Autorin richtet sich dabei auf die Frage, wie angesichts der hierarchischen Arbeitsverhältnisse Macht und Kommunikationsprozesse zusammenhängen. Das Baustellengelände wird als Kontaktzone verstanden, und die Analyse seiner Organisation führt zum Vergleich mit einer zentralisierten Gesellschaft: An der Spitze stehen der Bauherr und die Investoren, welche jedoch in der Regel auf dem Gelände nicht körperlich präsent sind. Diese Rolle übernimmt der Bauleiter, der alle Informationen bündelt und Instruktionen an die Poliere gibt. Deren Aufgabe wiederum ist die Koordination und Überwachung des konkreten Baugeschehens, und sie geben den Arbeitern bis hinunter zu den unqualifizierten, meist ausländischen Hilfsarbeitern direkte, d.h. unvermittelte Anweisungen.

Bezieht man das Büro im Containerbereich mit ein, so kommen folgende Kommunikationsmedien zum Einsatz: Fax, E-Mail, Festnetztelefon, Handy und Funkgerät. Während der Bauleiter dem Bauherrn sowie anderen Verhandlungspartnern gegenüber auf große Informationsdichte angewiesen ist und zur Absicherung nicht nur telefonisch, sondern vor allem durch Fax kommuniziert, kann es sich der Bauherr leisten, sich diesem 'Kommunikationschaos' weitgehend zu entziehen und allein über Handy zu kommunizieren. Die Poliere fungieren als vermeintliches 'Interface' zwischen den Arbeitern und dem Bauleiter im Container, und auch ihr wichtigstes Hilfsmittel ist das Handy. Damit benachrichtigen sie nicht nur die Firmenchefs der jeweiligen Arbeiter und schlagen so eine Brücke zu parallelen, externen Kontaktbereichen, sondern rufen auch auf dem Gelände befindliche Verantwortliche wie die Meister herbei. Durch diese Verbindungsmöglichkeiten, so die These, liegt über dem freien Gelände eine 'mediale Metastruktur', die das Gewirr der Baustelle und die räumlichen Entfernungen überbrückt und wertvolle Zeit zu sparen verspricht.

Während das Funkgerät nur für die Kooperation mit dem Kranführer eingesetzt wird, heißt es vom Handy, daß dies alle hätten, zumindest laut eines Meisters die, die "was zu sagen haben". Da die Arbeiter sich untereinander nur in angesichtiger Kommunikation verständigen, scheint es, als wären sie kein Teil der 'medialen Metastruktur'. Die Interviews mit einzelnen von ihnen -- unterstützt durch Zeichnungen der typischen Arbeitsabläufe -- zeigen jedoch die Paradoxie, daß sie meist die Initiatoren der (technisch vermittelten) Interaktions- und Kommunikationskette sind, denn sie verrichten die konkrete Arbeit am Bau und forschen bei Schäden und Fehlern zunächst selbst nach den Ursachen, steuern, bevor sie den Polier benachrichtigen etc. Selbst wenn einige von ihnen zwischenzeitlich ein Handy besaßen, so erwies sich dessen Besitz abgesehen von den hohen Kosten auch durch die ständige Erreichbarkeit und Unterbrechung bei der Arbeit als nachteilig. Während die Meister mit diesem Argument die private Kommunikation unterbinden wollen, sieht der interviewte Rohrverleger sich im Gegenteil als privilegiert an, denn -- so die Interpretation -- "abschalten bedeutet hier ein Wieder-Freischalten der in ihrem Verlauf selbstbestimmten Arbeit."

Die Studie illustriert mit ihren vielfältigen Beispielen nicht nur die machtdurchsetzte, formale Arbeitskommunikation, sondern konstrastiert diese mit solidarischen Netzwerken, die sich neben -- und entgegen -- offiziellen Arbeitsbeziehungen bilden.

Aber zurück zum Medienwechsel, der sich insbesondere für Fernbeziehungen als sehr bedeutsam erweist. Entsprechend der These Manfred Faßlers, daß der Inhalt immer an das Medium gebunden ist, die Beziehung danach immer das Echo des Mediums trägt, zeigen die Interviews mit mehreren betroffenen Partnern, daß das Bild vom anderen generell umso differenzierter ist, desto diverser sich die Mediennutzung gestaltet. Ein beständiger Medienwechsel trägt zu einer intensiven und vielschichtigen Gestaltung der Beziehung bei, ist jedoch auch abhängig von der jeweiligen Kompetenz des Agierenden. Die vergleichenden Einschätzung der jeweiligen von den Interviewpartnern genutzten Medien wie Telefon, Brief, E-Mail kommt zu dem überraschenden Ergebnis, daß das Telefon zwar das von der Häufigkeit am meisten genutzte Medium ist, hinsichtlich seines Prestiges, seiner Qualität an Nähe jedoch weit unter dem Wert eines Briefes angesiedelt ist. Während das Telefongespräch schnellebig ist, man keine Aufzeichnung davon besitzt, erweist sich insbesondere das (eigene) Briefschreiben als konstitutiv für eine Fernbeziehung: Es ist damit ein höherer Aufwand verbunden sowie ein hohes Maß an Reflexion: "Im Schreiben beginnt aktive Beziehungsarbeit, hier wird gedacht und gefühlt." Daß der Austausch von Inhalten dabei phasenverschoben ist, muß dieser Form der Kommunikation dabei nicht unbedingt zum Nachteil gereichen, ganz im Gegenteil: die dadurch mögliche semantische Mehrdeutigkeit vermag den Reiz eines Liebesbriefs zu steigern.

Die medial hergestellte Gleichzeitigkeit eines Telefongesprächs wird trotz der damit verbundenen Erweiterung des Raums nicht als allein positiv, sondern vor allem als Täuschung von Nähe empfunden. Der Vorteil des Telefons liegt für die interviewten Paare vor allem in seiner spontanen Verfügbarkeit und in seiner Funktion für den Alltag: "Briefe sind für die Grundfesten der Beziehung verantwortlich, und häufige Telefonate bilden den Leim aus Alltag, der das Haus aufrecht hält."

Angesichts dieses differenzierten Nutzungsverhalten verwundert es nicht, daß eine Veränderung in der Mediennutzung oft auch eine Entwicklung oder einen Bruch in der Beziehung signalisiert.

Der erwähnte Leim des alltäglichen Geplauders ist jedoch auch für jegliche andere Beziehungen bedeutungsvoll, wie die Analyse von kosmopoliten Freundschaftsnetzwerken zeigt. Statt wie Hubert Knoblauch von 'Geschwätzigkeit' als Charakteristikum moderner Gesellschaften zu sprechen, wird hier der englische Begriff der 'conviviality' eingeführt, der weniger negativ faßt, daß gemeinsame Lebenswelten in erster Linie auf einem Austausch verschiedenster Alltagserfahrungen aufbauen. Je intensiver zwei Menschen ihre Freundschaft empfinden, desto mehr Aspekte der Alltagswelt werden thematisiert, und dazu eignen sich mediale Formen recht gut.

Als Übungsfeld für Nähetechniken und Raum für Fantasie eignen sich Datinglines, wie die Erfahrungen eines männlichen Projektkollegen zeigen. Geschützt durch die Anonymität können Anforderungen an soziale Kompetenz hier erfahren, erprobt und erlernt werden. Beim Talkradio hingegen ist es schon schwieriger, sich live länger auf der Leitung zu halten, wie ein anderer Beitrag zeigt. Die Spezifik dieser Kommunikationsform liegt darüber hinaus in der Verschränkung eines öffentlichen Hörraums mit einem vermeintlich privaten, durch das Telefon vermittelten Kommunikations- und Begegnungsraum.

Eine weitere Feldstudie widmet sich den Vorgängen in einem Call-Shop der Berliner Sonnenallee. Durch den Einsatz von Kommunikationsmedien wird die multikulturelle Straßenecke zu einer "Bühne für translokale Interaktionen in einer elektronischen Nachbarschaft" erweitert, und der Begriff der 'Glokalität' steht für die dort vorgefundene Vermischung des Lokalen mit dem Globalen.

Insbesondere für Migranten werden Kommunikationsmedien zur wichtigen Anbindung an ihre Heimat und ihre in alle Winde verstreuten Verwandten und Freunde. Entsprechend spielen sie in diesen Schilderungen eine wesentliche Rolle. Ihre Lebensbedingungen unterscheiden sich jedoch sehr voneinander. Im Callshop finden sich eher die klassischen Arbeitsmigranten, die zwingend auf die Billigtarife ins Ausland angewiesen sind. Wenn sie ein Handy besitzen, dann nur die teurere vertraglose Option, denn -- Paradoxie der mobilen Telekommunikationsgesellschaft -- für einen Laufzeitvertrag ist örtliche Stabilität entscheidend, ein fester Wohnort und ein gesichertes Einkommen.

Ein anderer Beitrag beleuchtet daneben, wie hochqualifizierte Migrantinnen in einer Fortbildungsmaßnahme sich den Computer gezielt aneignen, um damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, entsprechend die Form der elektronischen Bewerbung wählen etc.

Eine dritte Gruppe sind schließlich die bereits erwähnten Kosmopoliten, die aufgrund ihrer besonderen kommunikativen, sozialen und kulturellen Kompetenzen in der Lage sind, sich nahezu überall in der Welt zurechtzufinden.

Der Sammelband bietet trotz mancher Wiederholungen, die auf die gemeinsame Einstimmung zu Beginn des dreisemestrigen Projekts und die sich partiell überschneidenden Fragestellungen zurückzuführen sind, eine Fülle an detaillierten und theoretisch fundierten Beobachtungen und ermöglicht so neue Einsichten in alltägliches Tun. Dem Projekt gebührt Respekt für seine experimentelle Vorgehensweise. Die Methoden der klassischen Ethnographie wie Feldforschung mit teilnehmender Beobachtung und narrativen Interviews wurden auf mediale Räume erweitert und darüber hinaus 'mental maps' zur Unterstützung herangezogen, von denen viele im Buch abgedruckt sind. Auch die Fotografie als eigene Methode zur visuell erfahrbaren Kenntnis kam zum Einsatz. Die Aufnahmen sind gemeinsam mit einem Überblick über die einzelnen Kapitel auf der projekteigenen Website zu sehen.

Bleibt nur noch, sich zu fragen, wie es um die eigenen Beziehungen / den Freundeskreis bestellt ist... Ist immer noch der Ort Referent für den gemeinsamen Lebensmittelpunkt, oder ist es eher bereits die -- technogen -- geteilte Zeit?

(Anke Bahl)

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