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Ist Indien 'modern'?

Max Weber und die indische Politik

von Andreas Metzger

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* druckbares

Der Versuch, das gegenwärtige indische Herrschaftssystem mit den Kategorien Max Webers zu beschreiben, könnte Aufschluß darüber geben, ob das europäische Etikett 'modern' dem indischen Subkontinent zurecht zugewiesen werden kann.

 

Ist Indien 'modern'? Zugegeben: eine riskante Frage, die vielleicht provoziert. Ist Max Weber 'modern'? Dies ist ohne weiteres zu beantworten, wenn man 'modern' im Sinne von gegenwärtig aktuell definiert. Aktuell ist Max Weber, nicht nur in Europa. Dies beweisen die Veröffentlichungen über Weber, die sich gegenwärtig in einem konjunkturellen Hoch befinden. Warum das so ist? Vielleicht weil 'Kultur' aktuell ist, und Max Weber in seinem Aufsatz "Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" aus dem Jahre 1904 die Kulturwissenschaften als eigentliche Königsdisziplin der verstehenden Soziologie begründete.

'Kultur' ist also 'modern', 'Kultur' infiltriert die Kulturwissenschaften (dies ist nicht so selbstverständlich), die Sozialwissenschaften, die Geschichtswissenschaft et cetera. Kritiker sprechen bereits von 'Kulturalismus' und meinen damit unter anderem den Ideologiegehalt des neuen Paradigmas: mit 'Kultur' ließen sich (willkürlich?) Andersheiten konstruieren, die dann politisch instrumentalisiert werden könnten (Asylanten: ein Problem, da ein Mensch aus Bombay anders ist als ein Bewohner Buxtehudes). Max Weber ist also 'modern' im Sinne von aktuell. Ist es Indien auch? Ich möchte diese Frage zunächst zurückstellen, um stattdessen auf aktuelle Begebenheiten in Indien zu sprechen zu kommen: auf die Politik. Mithin ist 'Politik' ein diffuser Begriff, ebenso wie 'Kultur'; beide Begriffe hängen zusammen: es gibt die Kulturpolitik, und es gibt die politische Kultur. Zudem sind die jüngeren Ereignisse in Indien (die Zerstörung der Moschee in Ayodya, die Unruhen zwischen Hindus und Muslimen) beileibe kein ausschließlich kulturelles Phänomen, sondern auch ein Politikum, mit dem es sich zu beschäftigen gilt; in den westlichen Medien ist von "Hindu-Faschismus" die Rede oder von der "Jugoslawisierung Indiens". Die Frage lautet also nun: Ist die indische Politik 'modern'? Oder noch anders ausgedrückt: Ist Indiens Herrschaftssystem 'modern'?

Bei der Beantwortung dieser Frage mag uns Weber, der deutsche Theoretiker der klassischen Moderne, aushelfen. Es interessiert hier überhaupt nicht, was Weber in seiner vergleichenden Religionssoziologie über die Religionen Indiens aussagte (darüber ist bereits viel geschrieben worden), es geht vielmehr darum, was Weber hätte aussagen können, hätte er das politische Herrschaftssystem Indiens nach 1947 (dem Jahr der politischen Unabhängigkeit Indiens) analysiert.

In seiner Herrschaftssoziologie vertritt Weber den Anspruch, ein Raster von Idealtypen legitimer Herrschaft entwickelt zu haben, das -- eben weil es sich um Idealtypen handelt -- auf prinzipiell alle Fälle anwendbar sei. Prämisse zwei: Idealtypen unterscheiden sich (seit Weber) von Realtypen dadurch, daß diese in der Realität so nicht vorkommen. Die jeweils real existierenden Herrschaftsformen seien Mischformen aller drei Idealtypen, die Weber in seiner Herrschaftssoziologie voneinander isolierte. So weit, so gut. Werfen wir also einen Blick auf Webers Idealtypen.

Auch in seinem fragmentarischen Spätwerk Wirtschaft und Gesellschaft (dort findet sich seine Herrschaftssoziologie) stellt sich Weber die universalhistorische Grundfrage nach den Ursachen des okzidentalen Sonderweges, dessen 'Früchte' sich zu seinen Lebzeiten über den gesamten Erdball ausbreiteten. Die Geschichte der Herrschaft im Okzident (bei Weber weder linear noch teleologisch gedacht) vollzieht sich dabei vom Idealtypus der "traditionalen Herrschaft" (die an der Herrschaft aktiv oder passiv Beteiligten handeln kraft eingelebter Gewohnheit) bis hin zum Idealtypus der "rationalen Herrschaft" (die Beteiligten handeln zweck- bzw. wertrational). Die Geschichte des Okzidents ist bei Weber durch Rationalisierungsprozesse gekennzeichnet; diese Prozesse seien unvermeidlich und führten geradewegs in die Herrschaft der Bürokratie (als rationale Herrschaftsform). Weber ist Skeptiker: die Herrschaft der Verwaltungsbeamten führe die Menschheit in ein "neues Gehäuse der Hörigkeit". Warum ist diese Bürokratisierung als spezifische Form der Rationalisierung so unvermeidlich und so universal? Der Grund liege in der überlegenen Effizienz des Fachbeamten. Kraft seines Wissens sei er beispielsweise dem Parlamentarier weitaus überlegen. Vor der Bürokratie seien alle Menschen gleich; Bürokraten seien überaus sachlich, neutral, leidenschaftslos etc. Webers Verhältnis zum modernen rationalen Herrschaftstypus ist also durchaus ambivalent.

Der dritte Idealtypus ist die "charismatische Herrschaft" (die an der Herrschaft Beteiligten handeln gefühlsbetont, d.h. affektuell). Kennzeichen diese Typus' ist seine fehlende Dauerhaftigkeit. Religiöse Führer (z.B. Jesus) seien Charismaträger. Das Charisma dauert günstigenfalls solange an, wie der Charismaträger am Leben ist, bzw. das Charisma anhält. Verfliegt die Wirkung durch mangelnden Erfolg, so laufen die Jünger davon. Charismatische Herrschaft kann aber auch auf Dauer gestellt werden: etwa, indem sich die Handlungen traditionalisieren (Erstellung feudaler Herrschaftsverhältnisse) oder indem sich Handlungen rationalisieren (Setzung eines positiven Rechts).

Wendet man dieses (unvollständig skizzierte) Schema auf die politischen Verhältnisse Indiens an, so muß zunächst nacheinander gefragt werden, inwieweit Indiens Herrschaftssystem rational, traditional und charismatisch ist. Beginnen wir mit der "charismatischen Herrschaft".

Unerwähnt bleiben soll hier der Umstand, daß es 'charismatische' Gurus in Indien gibt, die -- wie Jesus -- eine Jüngerschar zu versammeln in der Lage sind, um auf diese Weise charismatische Herrschaftsformen zu installieren. Hier geht es um die Politik, genauer: um staatliche Herrschaft. Charismaträger sind politische Führer, die aufgrund ihres Charismas in der Lage sind, Ressourcen zu mobilisieren (Geld, Wählerstimmen), um auf diese Weise ihre Interessen im politischen Diskurs durchzusetzen. Mahatma Gandhi könnte solch ein Charismaträger genannt werden. Um seine Interessen, seine politischen Ziele, durchzusetzen, appellierte er (unter Verwendung religiöser Symbole) an das indische Volk, um es auf diese Weise gegen die britischen Kolonialherren zu mobilisieren. Die Geschichte zeigt, daß Gandhi auf diese Weise ungemein erfolgreich war. Wie steht es mit dem ersten indischen Ministerpräsidenten, mit Jawarharlal Nehru? Mit Indira Gandhi? Auch Nehru wurde (wie sich beispielsweise auf den Blockfreien-Konferenzen zeigte) zuweilen als charismatisch geschildert; ebenso seine Tochter Indira Gandhi, die zuweilen in der politischen Publizistik werbewirksam mit der streitbaren Göttin Durga identifiziert wurde. Doch ist, insgesamt betrachtet, deren Charisma weitaus geringer als das von Gandhi. Ein aktuelles Beispiel ist vielleicht aussagekräftiger.

Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ist eine Partei an der Macht, die sich Dravidische Fortschrittspartei (DMK) nennt. Die derzeitige Ministerpräsidentin, die (ehemalige) Schauspielerin Jayalalitha, läßt sich wie eine Göttin verehren. Wenn sie erscheint, werden rote Teppiche ausgerollt, Minister werfen sich vor ihren Füßen in den Staub, in mehreren Städten wurden monumentale Standbilder Layalalithas angebracht. Dabei verwundert es, daß es ihr gelang, ihre "charismatische Herrschaft" bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf Dauer zu stellen, da die südindische Ministerpräsidentin alles andere als eine 'erfolgreiche' Politikerin genannt werden kann. Der Politikstil ist in Indien allgemein personalistischer als in anderen Ländern. Der politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß hängt stark von informellen Strukturen (und damit auch von persönlichen Bindungen) ab. Diese personal ties verweisen aber auch auf den zweiten Herschaftstypus: den der 'traditionalen' Herrschaft. Weber subsumiert diese unter den Begriffen Feudalismus und Patrimonialismus, also Herrschaftstypen, die sich zwischen der traditionalen und der rationalen Herrschaft bewegen. Die Moghul-Herrschaft sei ein Beispiel für Patrimonialismus.

Die Frage nach traditionalen Elementen im heutigen Indien ist schwierig zu beantworten, da das heutige Regierungssystem, die parlamentarisch-präsidentielle Demokratie, ein Erbe des indischen Unabhähngigkeitskampfes ist, wenngleich zahlreiche Institutionen in die Kolonialgeschichte zurückreichen. Das heutige politische System steht auf einer rechtsstaatlichen Grundlage, vertritt demzufolge ebenso den Typus "rationaler Herrschaft" wie irgendein anderes de facto parlamentarisches System. Es muß also anders gefragt werden: Inwieweit finden sich in Indien Re-Traditionalisierungsprozesse? Anzuführen wären in diesem Sinne Gerichtsurteile aus jüngerer Zeit, die sich formal und inhaltlich den alten indischen Rechtslehrbüchern, den Dharmashastras, anzulehnen scheinen. Doch dies spricht nicht per se für "traditionale Herrschaft". Beispiele muß man suchen: Die Stellung des 'Königs von Puri' zum Beispiel, ist in der Staatsverfassung des indischen Bundesstaates Orissa verankert. Dieser König besitzt rituelle Funktionen, die insbesondere bei den Tempelfesten der Stadt Puri virulent werden. Aber auch dieses Beispiel verweist eher auf den Typus "charismatische Herrschaft" als auf "traditionale Herrschaft". Zudem kann dieses Beispiel keinesfalls als für Indien repräsentativ gewertet werden. Festzuhalten wäre vorläufig: traditionale Elemente scheinen in der indischen Politik eher die Ausnahme zu sein. Dies heißt natürlich nicht, daß Herrschaft in Indien per se ohne Traditionalismen auskommt. "Traditionale Herrschaft" findet sich als vorherrschender Typus auf der kommunalen Ebene (Herrschaft einer Kaste) oder dort, wo große Tempelkomplexe noch immer bestehen und alteingelebte Herrschaftsverhältnisse tradieren (Herrschaft der Brahmanen). Aber auf der staatlich-politischen Ebene scheint "traditionale Herrschaft" eher rudimentär ausgebildet.

Zum dritten und letzten Typus, der "rationalen Herrschaft". Die Bedeutung der Bürokratie ist in Indien generell sehr hoch. Schon unter der britischen Kolonialherrschaft galt der Indian Civil Service (ICS) als ausdifferenziert und für die Belange der Kolonialverwaltung als effizient. Seit 1947 heißt der ICS Indian Administrative Service (IAS), der von der unabhängigen Regierung beibehalten wurde, um auf diese Weise die Ordnung im Land besser aufrechterhalten zu können. Die Aufnahme in diese Beamtenelite ist mit einem erheblichen Prestige verbunden, die Funktionen des IAS gehen hinsichtlich des Initiativrechts und der Verantwortlichkeit weit über die 'traditionellen' Verwaltungsfunktionen hinaus. Die Kehrseite ist allerdings, daß allenthalben in Indien eine überbürokratisierung beklagt wird, die spontane ad-hoc-Entscheidungen erschwere.

Zusammengefaßt läßt sich sagen: Indiens politisches Herrschaftssystem ist eine Mischung aus rationalen und charismatischen Elementen, wobei insgesamt der rationale Typus überwiegen dürfte. In Zeiten hoher Charisma-Ausprägung kann das Verhältnis beider Idealtypen ausgeglichen sein. Dagegen scheinen auf staatlicher Ebene die traditionalen Elemente zurückzutreten.

Bevor wir hieraus weitere Schlüsse ziehen, zunächst einmal zurück zu Max Weber. In seinen politischen Schriften beklagte dieser die Herrschaft der Bürokratie im Deutschen Kaiserreich, allerdings ohne zu erkennen, daß sie sich herausbildete, um den deutschen Reichseinigungsprozeß seit 1866 effektiv zu 'managen'. Wer den Prozeß der Wiedervereinigung Deutschlands nach 1990 verfolgt, der ahnt, welche Aufgaben bei einem solchen nation-building-Prozeß auf eine Verwaltung zukommen können. Davon einmal abgesehen, erlebte Max Weber das Desaster der deutschen Politik vor und während des Ersten Weltkriegs und machte sich deshalb seine Gedanken um eine künftige Neuordnung Deutschlands nach Kriegsende. Sein Therapievorschlag lautete: um die Bürokratie zu domestizieren, müsse einmal das Parlament gestärkt, zum anderen solle der Reichspräsident direkt, also durch Plebiszit, vom Volk gewählt werden. Diesen von ihm gemeinten Herrschaftstypus nannte er deshalb "Plebiszitäre Demokratie". Nur ein vom Volk legitimierter Führer (Cäsar) könne effektive Entscheidungen fällen und gleichzeitig den Leviathan der Bürokratie bändigen. Was Weber allerdings nicht bedachte, war die Gefahr des Umschlagens der plebiszitären Demokratie in eine Führerdiktatur ...

Zwar war für Weber die bürokratische Herrschaft 'modern' im Sinne von 'rational' (und 'rational' hieß für Weber immer 'effektiv'). Da er aber selbst einsah, daß parlamentarische Regierungssysteme vor und während des ersten Weltkriegs den Erbmonarchien überlegen gewesen waren, wollte er diese Erbmonarchien (in diesem Fall Deutschland) 'modernisieren', indem er sich für die oben genannten plebiszitär-cäsaristischen Elemente einsetzte. Weber wäre ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus gewesen. Er hätte sich aber mithin eingestehen müssen, daß die Methoden des Führerstaates unzweifelhaft 'modern' im Sinne von 'effizient' gewesen wären. Andererseits steigerten gerade diese effizienten Methoden die Schrecken des Regimes: In der Moderne ist ein "Rückfall in die Barbarei" möglich.

In der Geschichtswissenschaft gab und gibt es eine breite Debatte zur Frage nach der Modernität der nationalsozialistischen Herrschaft. Doch wie sieht dies für Indien aus? Der Hindu-Nationalismus wird in der Literatur zumeist unter die Begriffe 'Fundamentalismus' oder 'Traditionalismus' subsumiert. Auch die Fundamentalismus-Diskussion steht unter der Leitfrage, inwieweit dieser ein spezifisches Merkmal der Modernisierung ist oder einen "Rückfall in die Barbarei" darstellt. Die hindu-nationalistische BJP ist eine straff und hierarchisch organisierte Partei, die in der Mobilisierung von Wählerstimmen äußerst effizient ist, auch wenn sie in den jüngsten Wahlen teils wieder Stimmeneinbußen erleiden mußte. Die Shiv Sena (ebenso hindu-nationalistisch orientiert) im indischen Bundesstaat Maharashtra fördert nicht nur den Terror gegen Muslime und organisierte Unberührbare (Dalits), sondern verlegt sich auch auf soziale Nachbarschaftshilfe, um persönliche Leiden, etwa in den armen Vierteln von Bombay, zu lindern.

Die Moderne beginnt also auch in Indien ihr janusköpfiges Gesicht zu zeigen. Insbesondere Herbert Marcuse und Max Horkheimer kritisieren am Weberschen Rationalitäts-Begriff, daß 'Moderne' einseitig über die Kategorie der Mittel definiert werde, nicht aber über die Kategorie des Zwecks, für den diese Mittel eingesetzt würden. Aus dieser "Kritik der instrumentellen Vernunft" resultiere dann ein normativer Begriff der Moderne: Die 'Moderne' wurde zum 'Projekt'. Zu verwirklichen sei die 'vernünftige' Herrschaftsordnung als eine Utopie nur dann, wenn man sich kollektiv auf 'vernünftige' Zwecke einige. Dies bedeute jedoch, daß man sich Wertentscheidungen (was ist vernünftig, sittlich und gut?) nicht enthalten dürfe, so wie dies Weber im Werturteilstreit noch mit Vehemenz gefordert hatte.

Die Instrumente, die in Indien von den neuen radikal-nationalistischen Gruppen eingesetzt werden, sind durchaus 'modern' im Weberschen Sinne: Charismatisch-plebiszitäre Massenmobilisierung im Fall der Zerstörung der Moschee in Ayodhya, soziale Hilfsdienste in den Großstädten, straff organisierte para-militärische Einheiten (RSS) et cetera. Über die Zwecke läßt sich ein eindeutiges Urteil jedoch nur schwer fällen. Nehrus Projekt der Moderne zielte auf einen demokratisch-säkularen industrialisierten Staat, in dem die politischen (westlich gebildeten) Eliten das indische Volk zu einer (vom Charakter her 'indischen') Zivilgesellschaft erziehen sollten (diese Vorstellung ist zu einem großen Teil heute noch gültig). Mahatma Gandhi propagierte ein Indien, das im wesentlichen eine dezentral organisierte dörfliche Agrargemeinschaft sein sollte, in der verschiedene Ethnien und religiöse 'Communities' friedlich harmonisieren sollten (davon ist nicht viel übrig geblieben). Die Ziele der Hindu-Nationalisten, sofern sich diese bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestimmen lassen, sind vielleicht am klarsten in Savarkars 'Hindutva' aus den dreißiger Jahren beschrieben. Sarvarkar trat für eine homogene Hindu-Nation ein, die, im Bewußtsein der eigenen großen Vergangenheit, zu einer kraftvollen (Macht-)Politik in der Gegenwart befähigt sei (diese Zweck-Bestimmung ist heute bei den Hindu-Nationalisten populär). Pointiert ausgedrückt: Heute konkurrieren in Indien im wesentlichen zwei dominante Zweckdefinitionen: Indien als "Einheit in Vielheit" (Nehru) und Indien als "homogener Einheitsstaat" (Sarvarkar). Welches Ziel sich durchsetzen wird, könnte nun davon abhängen, inwieweit es den jeweiligen Vertretern der beiden 'Projekte' gelingt, ihre Mittel möglichst effektiv dafür einzusetzen (Mobilisierung von Unterstützung, Zuteilung von Wohlfahrtschancen, außenpolitischer Erfolg ...).

Abschließend kann nun gefragt werden, welcher dieser beiden konkurrierenden Zwecke 'modern' ist. Wie hätte Max Weber diese Frage beantwortet? Denn auch er hatte insgeheim seine eigene Wertehierarchie, auch wenn er sich als Wissenschaftler dagegen verwahrte. Diese Wertehierarchie reflektiert das Zeitalter der nationalstaatlichen Machtpolitik, sie spiegelt das Bewußtsein, daß verschiedene Staaten miteinander konkurrieren (um Industriepotentiale, um Kolonien). Zu Lebzeiten Webers bildeten sich in Mitteleuropa die Nationalstaaten heraus, begleitet durch diverse Homogenisierungsprozesse (österreich, Böhmen, Deutschland), also durch solche Prozesse, die heute mit dem Prädikat 'ethnische Säuberung' belegt werden, sofern diese Prozesse gewaltsam ablaufen. Erst der homogene Nationalstaat sei 'modern'; erst damit sei das notwendige Ambiente für Demokratie, Frieden und Wohlstand gegeben.

Doch Indien ist nicht Europa. Wenn der Webersche Modernitätsbegriff zugrunde gelegt wird (dieser Begriff ist eurozentrisch in dem Sinne, daß die Modernisierungsprozesse, also Industrialisierung, Demokratisierung, Individualisierung etc., sich zunächst in Europa zeigten, um sich dann zu universalisieren), dann wäre der Hindu-Nationalismus in Indien durchaus 'modern'. Wir könnten aber den Modernitäts-Begriff auch in ein 'Projekt' fassen und fragen: Wie ist auf dem indischen Subkontinent ein würdiges Dasein möglich, ohne daß 'Hindu-Faschismus' und 'Jugoslawisierung' als Begleitumstände erneut beweisen, daß die Moderne ein janus-köpfiges Wesen ist?

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