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Kopfgeburten oder Indienfahrer

(De-)Literarisierte Indienbilder von Günther Grass und Hubert Fichte

von Richard Feldmann

zum artikel:

* literatur
* druckbares

Auf sehr unterschiedliche Weise haben sich die Schriftsteller Grass und Fichte auf das Thema Indien eingelassen: Beim einen scheitert der Resensibilisierungstrip, beim andern gelingt die Fremderfahrung.

 

Vorweg zwei Szenen, die sozusagen auf 'unterster Ebene' den Unterschied zwischen Resensibilisierung und Fremderfahrung illustrieren. Hier die eine Szene bei Grass: "Und mitten im Straßengewühl ... scheißt er sich in die Hosen ... Dörte geniert sich. Harm schreit: 'Was issen dabei! Hier scheißt doch jeder hin wo er will!' Kindisch ausgelassen (oder sagt man: glücklich enthemmt) zappelt er in seinen verschissenen Hosen. Er fühlt sich dazugehörig. Nicht mehr fremd ... Er hockt sich an den Straßenrand zwischen andere Hocker ... Schwitzend und fröstelnd steht Dörte dazwischen, dann abseits. Sie gehört nicht dazu, riecht fremd." Und nun die andere Szene bei Fichte: "Wolli: Das ist ja das Erschreckende, daß die Europäer annehmen, daß die Inder schmutzig sind, und das erscheint auf den ersten Blick auch so ... Aber wenn du ein zweites Mal hinguckst, dann siehst du, daß die alle saubere Fingernägel haben und saubere Zehennägel und wahrscheinlich auch einen sauberen Arsch und einen sauberen Schwanz. Und einen sauberen Hals und daß sie sich jeden Tag wirklich ganz gründlich waschen, oft unter primitiven Bedingungen ... Während wirklich 80 Prozent der europäischen Hippies, die rumlaufen, verlaust sind, verdreckt sind. Daß du sagst, das sind die wirklich schmutzigen Leute, die da rumlaufen, die ungepflegten Leute."

Die erste Szene ereignet sich als bloße "Kopfgeburt" in Günter Grass' Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus. Hier läßt der Autor das Lehrerehepaar Harm und Dörte Peters in den Ferien 1980 eine Reise machen, die er zuvor selbst mit Frau und Freunden gemacht hat. Vorwiegend zynisch behandelt er die Figuren: "Unser Lehrerehepaar soll eine Reise machen, wie Ute und ich, Volker [Schlöndorff] und Margarethe [von Trotha]. Und wie wir soll es fremd dazwischenstehen und schwitzend die Wirklichkeit mit der Statistik vergleichen." Grass hat einen Film im Kopf: die Parodie der (eigenen) Indienfahrt.

Die zweite Szene entstammt dem Protokoll der Reportage Hubert Fichtes: Wolli Indienfahrer aus dem Jahre 1976. Fichtes einziger Beitrag zu diesem Interview sind seine Fragen. Wolli, der Hamburger Bordellbesitzer, korrigiert die Interviews später und wird so zum selbstironischen Erzähler. Fichte hat also einen Menschen vor sich: (sein) Vorbild einer Indienfahrt.

Man muß sich darüber im klaren sein, daß hier trotz gleicher Thematik zwei sehr unterschiedliche Texte miteinander verglichen werden, die außerdem für die Autoren nicht wirklich typisch sind. Während für Grass die indische Thematik ungewöhnlich ist, ist es für Fichte der Stil des Interviews. Bleibt zu erwähnen, daß Grass später einen ganz anderen Text zu Indien verfaßt hat -- Zunge zeigen -- und daß es Fichte ganz besonders um eine "Geschichte der Empfindlichkeit" ging. Beide produzieren in den 70er Jahren im engeren Sinne autobiographische Texte, Grass als epischer Chronist, Fichte als mit literarischen Formen experimentierender Ethnograph.

Noch einmal ein Blick aufs Personal: Harm und Dörte sind "anhaltend sich selbst reflektierende Veteranen des Studentenprotests". Inzwischen sind sie zum bürgerlichen Mittelstande aufgestiegen. Wolli dagegen ist in eine gesellschaftliche Randgruppe abgestiegen, grenzt sich in jeder Hinsicht von der Mehrheit ab: "Fichte: Du hast also Hosenanzüge aus sehr bunten Stoffen, ziehst rosa Anzüge an ... Wolli: ... trage die Haare lang und fühle mich ansonsten als Hippie und Blumenkind, als flower power."

Politisch ist Wolli zwar links, aber Entwicklungshilfe, meint er, solle man erst leisten, wenn man genügend Einblick in das Land und seine Probleme hat. Dagegen ist das Lehrerehepaar nicht nur links, sondern auch aktiv zum Thema 'Dritte Welt': "Proteinmangel und andere Sorgen der dritten Welt sind ihnen näher als Wohngeld und Rentenreform."

Hier haben wir es mit denkbar unterschiedlichen Indienfahrern zu tun. "Harm" und "Dörte" -- man höre auf die Namen -- müssen mit ihrem "wechselseitig bejahten verneinten Wunsch" nach einem Kind zurechtkommen und machen das auf einem wohlgeplanten Alternativurlaub: Asien ungeschminkt erleben. Beide brauchen Fakten für die Entscheidung, in diese Welt ein Kind zu setzen, und für den Wahlkampf und den Unterricht. Wolli dagegen fährt ganz zufällig mal hin, bleibt dann da und kommt auch wieder. Aus dem Hotel zieht er gleich aus und lebt unter den Einheimischen. Alle machen sie Erfahrungen: Wolli verändern sie, Harm und Dörte nicht.

Alternativ will das Ehepaar zwar sein, man bewegt sich vom Reiseleiter gut geführt abseits der Touristenpfade: "Es sind wahre Erlebnisse ... sowas vergißt man nicht: den stechenden Gestank der Sumpfkloake über dem aufgepfählten Bretterbudengewirr, die Fliegen, die Ratten, die Enge und die Gastfreundschaft der zwölfköpfigen heiteren Familie." Zum echten Indienerlebnis gehört eine Nacht im Slum, aber ohne Risiko: "mit keimfreiem Hotelwasser in Flaschen, mit immunisierenden Tabletten, mit Keksen und in Klarsichtfolie verpacktem Obst." Harm und Dörte fällt nicht ein, daß sie schon in Deutschland unter 'Berbern' fremd wären. Mit ihrem sicheren Proviant sind sie den Slumbewohnern doppelt fremd. Auch wird hier viel diskutiert, nur in den Köpfen nichts verändert: "Neo-Kolonialismus" ist ihr Schlagwort, sie sehen es überall durch Firmennamen wie Siemens und Unilever bestätigt. Die Misere nimmt man also wahr und meint gefällig: "Naja, an unserem Demokratieverständnis dürfen wir die Zustände hier nicht messen."

Natürlich hat auch Wolli so sein Vorverständnis: "Indien als heiliges Wunderland, Indien als Armenhaus". Von den Berichten über St. Pauli weiß Wolli, wie falsch sie sind, deshalb mißtraut er auch dem Medienbild von Indien, der Märchenwelt von unempfindlichen Fakiren, reichen Maharadjas und tanzenden Frauen. So kommt er erst zu einer eignen Meinung: "Wolli: ... Zu Anfang, als wir nach Bombay gekommen sind, da sind wir erschrocken und haben gesagt: Wie ist das möglich? Das ist ja die Hölle! Die Menschen liegen alle auf der Straße. Die haben alle keine Wohnung. Das ist alles verfallen. Das ist furchtbar. Wenn man eine Weile da ist, dann sieht man, daß manche Leute wohl ne Wohnung haben, aber ganz gerne auf der Straße schlafen ... Das ist eine ganz andere Lebensauffassung. Nicht jeder, der da auf der Straße liegt, ist einer, der bei uns auf der Straße liegt. Der kann müde sein und da legt man sich eben vor das Haus."

Wolli korrigiert nicht nur seine vorherige Auffassung von Indien, sondern Indien korrigiert ihn: "Wolli: ... Ich glaube, daß Indien mich insofern verändert hat -- verändert ist nicht das richtige Wort -- aber mir ist in Indien bewußt geworden, daß die Werte, die wir haben, doch sehr fraglich sind. Fichte: Schon das erste Mal? Wolli: Schon das erste Mal. Und das war das Faszinierendste von Indien, daß man direkt den Drang hatte, wieder nach Indien zu fahren." Wolli ist verändert, ist dabei, wie man sagt, sich zu 'akkulturieren'.

Wollis bewußtseinserweiternde Erfahrung machen Harm und Dörte nicht, dafür 'rächt' sich Grass und unterhält den Leser mit seinem Witz: Ausgerechnet anhand einer Leberwurst, die er seinem Schulfreund mitbringen will, hat Harm die Gelegenheit, unabhängig von der Reisegruppe indischen Alltag zu erleben: "Wo immer Harm schwitzend, mit der Leberwurst in der Tragetasche, sein Zettelchen vorweist, wird er in andere Richtung geschickt. Ihm unverständlicher Wortschwall. Kaufangebote. Trinkgelder für immer heitere Burschen, die ihn in abgelegene Budenquartiere führen. Viel untouristische Realität. Und das bei Mittagshitze, während Dörte im Schatten unter Hotelpalmen liegt. Das ist selbst für eine in Frischhaltefolie eingeschweißte Leberwurst zuviel. Das ist gegen ihre Natur. Sie will zurück ins Hotel Kuta-Beach. Sie will in der Kühlbox sicher liegen." Harm analysiert nicht, was er erlebt, wie Wolli das tut: "Der Inder ist enorm an Geld interessiert." Stellvertretend für Harms Gemütszustand wird die Leberwurst beschrieben. Den Witz dieser Stelle bewirkt die Distanz des auktorialen Erzählers zu den Protagonisten. Aber ist dieser kopfgeborene Distanzgewinn nicht auch eine weitere Distanzierung vom Problem "Fremdwahrnehmung Indiens"? Darum geht es zwar, doch die literarische Stilisierung überhöht das Problem anstatt es zu vertiefen.

Fragt man sich nach den Gründen für das Scheitern des kopfgeborenen Resensibilisierungstrips bzw. den Erfolg der Fremderfahrung des Indienfahrers, kommen noch ein paar Beobachtungen dazu. Die einen haben ihr Interesse für die "dritte Welt" um Faktenwissen vermehrt, der andere hat sich selbst verändert. Der Grund liegt einmal im Vorverständnis: "Jetzt will ich Harm und Dörte auf unsere Reise schicken, aber sie widersprechen mir. Sie wollen ihr Vorwissen nicht ablegen." So werden nur Klischees bestätigt. Da sie sich nicht von ihrem Vorwissen losmachen können, kollidieren ihre Vorstellungen immer wieder mit der Realität: "Am meisten schockt mich die Heiterkeit der Elenden. Immer haben sie was zu lachen". Wenn es um Wissen geht und nicht um Erfahrung, wird das Gegenüber, die indische Gesellschaft zum bloßen Objekt reduziert: Harm filmt selbstverständlich alles, was ihnen begegnet, was dazu führt, daß von der Seite des anderen her, den Indern kein Interesse an einem Kontakt mit den Ausländern entstehen kann. Wolli ist dagegen allein der Gedanke zu fotografieren unangenehm: "Wolli:... Aber ich komm mir immer vor, als ob ich unerlaubt durch ein Astloch gucke, wenn ich fotografier. Das geht so weit, daß ich ein Nashorn um Erlaubnis fragen möchte, ob ich es fotografieren darf... Ich komm mir sehr touristisch vor, wenn ich in son Dorf reinkomme, mit der Kamera so umhängen, so Mister Klick-Klick. Und das erschwert die Kontakte ungeheuer."

Entscheidend für die Erfahrungen in der Fremde ist natürlich die Art und Weise, wie man selbst mit dem Problem des Fremdseins umgeht. Wolli gehört ja selbst einer Randgruppe der Gesellschaft an, ist selbst ein Außenseiter. -- Von seiner bizarren Kleidung bis zur selbstverständlichen Ausübung des Gewerbes eines Bordellbesitzers versteht er sich als solcher. Er ist daher auch imstande, sich seine eigene Touristenrolle vorzustellen: "Wolli: Geheime Dinge möchte ich in Anführungsstriche setzen. Ich möchte das damit vergleichen: Eine katholische Messe in einem bayerischen Dorf ist nicht ein geheimes Ding -- aber wenn jetzt ein afrikanischer Neger, der vielleicht auch noch afrikanisch gekleidet ist, da rein kommt und will zugucken, dann kann das für ihn ein geheimes Dinge sein." In seiner Überlegung doppelt Wolli seine eigene Fremdheit reflektorisch und ist so in der Lage, Erfahrungen zu machen, die über die des Touristen hinausgehen. Harm und Dörte allerdings, die doch fast alles kritisch hinterfragen, machen sich gerade über das Problem der Fremdwahrnehmung und der Integration keinerlei Gedanken. Lediglich der Erzähler ist in Grass' Buch imstande, sich Fremdheit vorzustellen. Geradezu visionär erscheint der Schluß des Buches, als Harm und Dörte auf dem Rückweg von der Schule beinahe einen Türkenjungen anfahren, dessen Glück, daß er dem Unfall entkommen ist, von immer mehr hinzuströmenden Ausländerkindern gefeiert wird. "Jetzt kommen aus Nebenstraßen und Hinterhöfen, von überall her immer mehr Kinder, die alle fremdländisch sind. Indische, chinesische, afrikanische, heitere Kinder. Sie beleben die Straßen, winken aus Fenstern, springen von Mauern, werden zahllos. Alle feiern den kleinen Türken, der nochmal Glück gehabt hat. Sie umdrängen, betasten ihn. Sie klopfen den gut erhaltenen VW ab, in dem unser kinderloses Lehrerehepaar sitzt und nicht weiß, was sagen auf deutsch." Harm und Dörte selbst spüren zwar ihre Fremdheit, aber weil ihnen das Bewußtsein dafür fehlt, fühlen sie sich durch ihre Lage geradezu bedroht. Deshalb können sie ungleich Wolli nichts gegen das Gefühl der Fremdheit unternehmen. Grass hat hier also ein Beispiel gebracht, das die Notwendigkeit von Julia Kristevas These des gleichnamigen Buchs Fremde sind wir uns selbst bestätigt: Fremdverstehen setzt produktive Selbstentfremdung voraus.

Eingangs wurde ein momentanes Integrationserlebnis Harms zitiert, sein Durchfall auf der Straße. Es gibt im Laufe der Erzählung weitere und zwar spiritueller Natur, die die Sehnsucht Harms und Dörtes ausdrücken, von den Einheimischen als dazugehörig angesehen zu werden. Weil sie es in ihrem Touristenalltag nicht geschafft haben, Indien nach ihren Vorstellungen zu erleben, nämlich nicht als übliche Touristen, kann man diese spirituellen Erlebnisse als unbewußten Versuch ansehen, die Fremdheit, die sie zwar spüren, aber nicht reflektieren und verarbeiten können, durch ein Integrationserlebnis zu kompensieren. So ist Harm gerade noch davon abzuhalten, barfuß mit Balinesen im Feuer zu tanzen und Dörte hängt mit Einheimischen nach einem Reisopfer ihren Wunschzettel an einen Wunschbaum, der Kinder verspricht. Wolli dagegen -- sonst gleichfalls ein Materialist -- fühlt sich nicht nur über die Religion integriert, sondern er wird auch vom Priester als dazugehörig verstanden: "Wolli: ... Du merkst, auf einmal geschieht hier irgendetwas, daß du tatsächlich gläubig vor einer Ganesch- oder Hanumanstatue stehst, und opferst und dir der Priester ein paar Blumen, die wieder von anderen geopfert wurden und eine Apfelsine ... schenkt und sagt, die sollst du alleine essen, die ist dir von Hanuman gegeben ..., da passiert was, wo man seine Worte sehr genau abwägen müßte, um das genau zu erklären."

Wiederum ist nur der Erzähler von Harm und Dörte dazu fähig, den beiden noch ein -- wenn auch nur vorgestelltes -- Integrationserlebnis zu ermöglichen, genauso wie auch nur er zu einer Problematisierung der Fremdwahrnehmung imstande war: "Für Harm und Dörte läuft vorne tonlos der Film. Aber (gebührenfrei) hinsehen können sie, was sie wollen: ihre Wünsche, ihr verfilmtes Doppelleben, den jeweils tragischen Verlauf. Sie mischt Szenen aus Liebe und Tod auf Bali in den geduldigen, nie um seine Handlung verlegenen Western. Er verdrängt John Wayne und sieht sich auf Timor in Partisanenkämpfe verwickelt. Dörte spielt in der Vicky-Baum-Verfilmung mit. Beide in Hauptrollen. Sie in einen Sarong gewickelt, er im Kampfanzug."

Auch Wolli wird in Indien nicht vollständig integriert. Er wird seiner Meinung nach "in Nordindien für einen Südinder, in Südindien für einen Nordinder" gehalten. Weil er aber durch sein Leben in Deutschland daran gewöhnt ist, eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft zu spielen, ist er sich dessen bewußt, daß er das als Europäer und Tourist in Indien auch tun wird. Diese Reflexion doppelter Fremdheit erleichtert ihm die Integration. Da er außerdem durch eigene Erfahrung für die Problematik von Fremdberichterstattung sensibilisiert worden ist, läßt er sich von seinen ursprünglichen Vorstellungen von Indien kaum beirren, sondern begegnet der neuen Umgebung mit der Offenheit, die sich Harm und Dörte vorgenommen hatten. So hat Wolli völlig untouristische Eindrücke von und neue Interessen durch Indien gewonnen -- er hat sich verändert.

Das Lehrerehepaar erlebt dagegen nur pseudoalternativen Tourismus. Sie bemerken zwar die Zwiespältigkeit ihrer Unternehmung: "Natürlich ist das zynisch, was wir machen ... Eigentlich müßten alle unsere Konsum-Demokraten mal ein zwei Nächte in einem Slum übernachten, um ihren verdammten überfluß endlich satt zu kriegen."

In dieser aufklärerischen Haltung lügen sie sich aber nur in die komfortable Tasche ihrer andauernden Reflexion, der die eigentliche Fremdwahrnehmung entgeht. Mit dieser Fremdwahrnehmung sind sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position und Rolle schon in Deutschland nicht vertraut gemacht worden und die gelingt nun auch nicht am Ort der Exotik. Die Touristenrolle liegt ihnen nicht, sie hatten sich ihre Reise anders vorgestellt. Sie bemühen sich einerseits um Integration, andererseits können sie gar keine wirklich neuen Erfahrungen sammeln, weil sie ihre vorgefaßten Einstellungen gegenüber Indien -- und seien sie noch so intellektuell und kritisch -- nicht durch die Reflexion doppelter Fremdheit, einer produktiven Selbstentfremdung ablegen.

Im Scheitern eines Resensibilisierungstrips und im Erfolg einer Fremderfahrung -- immer an den Erwartungen der Indienfahrer selbst gemessen -- liegt beiden Autoren an dieser doppelten Reflexion. Die schriftstellerischen Mittel sind dabei äußerst gegensätzlich. Während Fichte die Autorschaft Wolli 'verleiht' und seinen Text geradezu deliterarisiert, muß Grass diese Reflexion 'auf Kosten' seiner zynisch überzeichneten Figuren bewerkstelligen. Dabei erkennt der Leser natürlich erst die Fremdwahrnehmung des Erzählers, von den tatsächlichen Erlebnissen des Autors soll er nichts wissen. Ob diese literarische Camouflage einer deprimierenden Indienreise gelungen ist, sei dahingestellt. Es mag sein, daß für Grass der 'Resensibilisierungstrip' des Schreibens wichtiger war als irgendwelche Mitteilungen über seine eigene Begegnung mit Indien oder diese selbst.

Angesichts des Mythos Indien bleibt zu vermuten, daß Grass sein eigenes Unvermögen zur Fremderfahrung ästhetisiert hat, indem er es auf "Harm" und "Dörte" projizierte -- er hätte auch noch einen Film darüber gemacht. Fichte dagegen zeichnet eine Reportage auf und schreibt seine weiteren Werke in einer de-literarisierten Form: teils noch immer mythologisierend, wie es sich nicht verhindern läßt, teils entmythologisierend in der Korrektur der doppelten Fremdreflexion, teils selbst-entfremdend, teils auch immer den Gegenstand verfremdend.

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