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Literatur am laufenden Bändel -- Günter Grass in der Zensur

oder warum Günter Grass zum 'Pornographen' ernannt wurde

von Daniel Sturm

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* literatur
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Als "Verfasser übelster pornographischer Ferkeleien" mußte sich Günter Grass 1969 wegen seiner Novelle Katz und Maus beschimpfen lassen. Spaltprozesse zwischen Kunst und Politik hatte er vermeiden wollen. Doch die empörten Vertreter des lesenden Wohlstands hielten lediglich die verbale Jauchegrube bereit. Ein Lehrstück der Literatur-Zensur.

 

Welche Schmerzgrenze muß ein Dichter überschreiten, um als "Pornograph und schmutziger Blasphemiker" zu gelten?

Einblicke in die Werkzeugkiste öffentlicher Bevormundung bieten zwei Schauprozesse der 60er-Jahre: Günter Grass wird genötigt, seine Novelle Katz und Maus heftigst gegen die Schergen der auslaufenden Adenauer-Ära in Schutz nehmen -- "Nicht nur in eigener Sache" (1961) schlüpft er in die Rolle des Klägers, um den restaurativen Kräften politisch Kontra zu geben.

Böll, Grass und die Gruppe 47 werden des "Landesverrats" und "nihilistischen Terrors" bezichtigt. Um staatliche Restriktionen begründen zu können, machen die "Restaurateure" (klassisch) treudeutsche Geschütze wie "Sittengesetz" und "christliche Haltung des Grundgesetzes" mobil. Mit aller polemischen Härte entbrennt nun ein Streit um die Frage, wem oder was Kunst eigentlich zu dienen habe. Gleichzeitig rückt der Prozeß um Günter Grass einen Geburtsfehler der bundesrepublikanischen Gesellschaft ins Licht: Wie denn mit Schuld und Geschichte umzugehen sei.

 

Was Katz und Maus von den Buddenbrocks trennt

"...und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte", läßt Günter Grass seinen Erzähler Pilenz grüblerisch in Erinnerungen kramen. Es geht um Katz und Maus oder Jagen und Gejagt-Werden. Pilenz als Konstruktion der deutschen Durchschnittsfigur ist dem Phänomen des "Großen Mahlke" und damit der Frage nach der eigenen Schuldbeteiligung auf der Spur. Trotz äußerst bruchstückhaft erhaltener Erinnerungen wagt er den Sprung aus dem katholischen Kolpinghaus des Adenauerschen Nachkriegsdeutschland in die erinnerte Jugendzeit des Nazideutschlands. In der Atmosphäre stickiger Kleinbürgerlichkeit sucht Pilenz jedoch vergeblich nach Vernunft und Gewissensruhe. Statt aufgeklärten Bürgertums findet er in seiner Heimat Danzig nur heruntergekommene "Buddenbrocks" und auch der "Große Mahlke" erscheint nur als hoffnungsloser Leistungsneurotiker.

Als Vertreter der vaterlosen Generation ist Mahlkes Verhältnis zu Frauen ein gestörtes -- seine Liebesbriefe richten sich vielmehr nur an die Gottesmutter Maria. Mahlkes Glaubensbekenntnis äußert sich zum Beispiel im peniblen Bemühen, abgeschossene Kanonenboote oder Schützenpanzer wie lateinische Verbformen aufsagen zu können. Inhaltsentleerte Ausnahmeleistungen werden ausschließlich von sportiven Idealen gelenkt: So unterliegt selbst das gemeinschaftliche Onanieren der Jungen-Clique auf Deck des Kanonenboot-Wracks dem gestrengen olympischen Reglement.

Im Spiegel dieses fragwürdigen Heldenbildes flackern Ideologien wie groteske Fratzen auf. Die gezeichneten Figuren-Bilder sind allerdings als Teile der Gesellschaft zu verstehen, die Hitlers Aufstieg erst ermöglicht hatten und damit dem Wahnsinn Vorschub leisteten. Verurteilung oder Verdammung dieser treuen Gefolgsleute ist Pilenz dennoch unmöglich. Als fortwährend hadernde Reflektor-Figur stellt er in beinahe neurotischer Manie die eigene Rolle in Frage. Schuldgefühle sind -- wenn man so eindeutig davon überhaupt sprechen kann -- diffus skizziert und ironisch verzerrt.

Günter Grass und "Extremisten seiner Art, die unsere Demokratie vor der Weltöffentlichkeit in Mißkredit bringen" dürften aus der "pflichtgemäßen Verfolgung der Iustiz" nicht ausgenommen werden, urteilt der schokoladenbraune Publizist Kurt Ziesel 1968. Was Ziesel veranlaßt, derart tief im Farbtopf der Beleidigungen zu rühren und wutentbrannt gegen Grass zu Gericht zu ziehen, ist geradezu zeittypisch: Katz und Maus kratzt an der Illusion deutscher Anständigkeit und dem Bedürfnis nach Freispruch und Anerkennung.

 

Das Trauma eigener Unschuld

Als sich Deutschland am Ende des zweiten Weltkriegs in ein frühes Stadium der Industrialisierung zurückgeworfen findet, keimt das Bewußtsein auf, man müsse jetzt "ganz von vorne anfangen". Sozialpsychologisch weist das auf den Wunsch nach aktiver Aufhebung eines Traumas hin: Der Nationalsozialismus habe alte Tugenden wie "Sauberkeit, Fleiß und Genauigkeit" zerstört und nur durch kollektives Zupacken könne man die verlorenen Werte wiederbeleben.

Ein tragisches, aber typisch deutsches Schicksal wäre also der Grund für die Entlastung der Gesellschaft von der eigenen Verantwortung und hielte den Traum von der eigenen Güte aufrecht. In Windeseile werden 'Tugenden' mobilisiert (vergleiche den berühmten Dreischritt "schaffe, schaffe, Häusle baue"), die nach Ansicht der Meinungsmacher kausal Erfolgsgaranten für das Wirtschaftswunder sind.

Was hat sich Günter Grass also zu Schulden kommen lassen? "Wir haben durch unsere Volksvertreter Gesetze gegen derartige Sexualexzesse geschaffen, um unsere Kinder vor diesem Schmutz zu schützen", wettert Ziesel in seiner Anklage gegen Grass. Nachdem Günter Grass gegen Ziesel, Geschäftsführer der rechtskonservativen "Deutschland-Stiftung", per einstweiliger Verfügung 1968 erreicht hatte, daß der ihn nicht mehr länger ungestraft einen "Pornographen" schimpfen darf, erhebt der gekränkte Publizist Einspruch.

Fünfzig Textstellen vornehmlich aus Blechtrommel, Katz und Maus und den Hundejahren ("Gott hat Zucker im Urin") sollen beweisen, daß Grass die katholische Kirche "in gröbster Weise" verunglimpfe. Die Zieselsche Unterstellung, Grass wolle mit seiner Darstellung bewußt sexualisieren und seine Leser zu schmutzigen Ausschweifungen motivieren, entsprechen dem Klischee politisch intendierter Ausgrenzungsversuche: Der Vorwurf eines ungewöhnlich offenen Umgangs mit der Darstellung von Sexualität, wie sie etwa die alltagssprachliche Unmittelbarkeit von Katz und Maus realisiert, zieht zweifellos am stärksten. Es braucht hier nicht verdeutlicht zu werden, welch groteske Züge der scheinheilige Umgang mit diesem ungebrochenen Tabu (wie zum Beispiel im Fall Navratilowa oder Magic Johnson) trägt.

Die Figur Kurt Ziesel (Grass: "Ziesel, das ist nun mal so ein Stigma, das dieser Gesellschaft anhaftet und mit dem man älter werden muß") ist nur deshalb so interessant, weil sie die Situation der Nachkriegszeit im Extremfall aufschlüsselt. Im Grass-Prozeß stilisiert sich Ziesel zum "Notwehrbeauftragten des ganzen Abendlandes" und geriert sich als Erbwalter Konrad Adenauers, indem er die "innere Gesundung des deutschen Volkes" herbeizitieren will. Religion und verletztes Schamgefühl sind allerdings nur vorgeschobene Gründe für eine tieferliegende Wunde:

Mit Günter Grass' Erzähler Pilenz hat ein melancholischer Lästerer seinen Auftritt, um am modischen Verhaltenskonzept des "vorbei und vergessen" (auch: sich selbst vergessen) zu rütteln.

 

Gegen die "Unfähigkeit zu trauern"

Als unter dem Mandat Konrad Adenauers 1961 auf der anderen Seite Deutschlands der Mauerbau stattfindet, bald darauf Spiegel-Affäre (1962) und Ausschwitz-Prozeß (1963-65) wüten, tritt mit Günter Grass ein Vertreter der skeptischen Enkelgeneration auf die literarische Bühne. Sein erklärtes Ziel ist es, die Barriere zwischen Literatur und Politik einzureißen und eigene Kunst als politische Auffassung zu vertreten.

In über das Selbstverständliche resümiert Grass 1969: "In gefärbten Uniformstücken standen wir frühreif zwischen Trümmern. Wir waren skeptisch und fortan bereit, jedes Wort zu prüfen und nicht mehr blindlings zu glauben. Jede Ideologie prallte an uns ab."

Sein Mißtrauen gegen weltanschauliche Rezepte richtet sich auch gegen die gnadenlose Abrechnung mit der Vergangenheit. Während die Psychologen Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 "Die Unfähigkeit zu trauern" als "Grundlage kollektiven Verhaltens" interpretieren, setzt Grass provokativ auf ebendiese Fähigkeit zu trauern. Im Bewußtsein des zufälligen Überlebens liegen ihm Schuldzuweisungen nach dem Böllschen Modell von Lämmern und Wölfen fern. Schon allein, weil die Trennung in Opfer- und Täterrollen faktisch unmöglich ist, erzählen Figuren wie Pilenz oder Oskar Matzerath nicht aufgrund ihres reduzierten Dokumentarcharakters, sondern damit Erinnerungen so lebendig erhalten werden "wie man sie damals konkret [...] erfahren hat." (Grass 1979).

Weil sich Grass mit dieser Haltung zum Verfechter von Zweifel, Argwohn und Tragigkomik macht, weil seine Figuren gewissermaßen Hamlet und Wallenstein in einem zu sein scheinen, ist er dem restaurativen Nachkriegsdeutschland ein Dorn im Auge. Politische Salzsäulen wie Kurt Ziesel oder Bundeskanzler Ludwig Erhard, der kritische Schriftsteller als "ganz kleine Pinscher, die in dümmster Weise kläffen" bezeichnete, sind laute Zeugen für das schwach entwickelte demokratische Bewußtsein.

"Staat" wurde und wird in Deutschland nie als die Möglichkeit gemeinsamer Willensbildung und -durchsetzung empfunden. Vielmehr reißt das fehlende bürgerliche Bewußtsein, das irgendwo zwischen Ohnmachtsgefühl und Kadavergehorsam oszilliert, einen tiefen Graben durch die Gesellschaft: Während die eine Seite sich als Insulanerin auf der Freiheit des Geistes sonnt (Kunst, Literatur, Wissenschaft), wähnt die andere Seite sich als Teilhaberin an der fortschreitenden Wohlstandsgesellschaft.

Als Schriftsteller und politischer Redner für die SPD begehrt Grass in den 60er-Jahren gegen das Staatsverständnis der Schönwetterparolen auf. Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto kommentiert er 1971 dann auch folgendermaßen: "Reue, als gesellschaftlicher Zustand, wäre dann die entsprechende Utopie; sie setzt Melancholie als Erkenntnis voraus."

 

Unangenehme Folgen für angeknackste "Gelenke"

Kurz nach Erscheinen von Katz und Maus beantragt das hessische Ministerium für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen die Aufnahme der Novelle in die Liste der jugendgefährdenden Schriften. Begründung: Katz und Maus enthalte eine Reihe obszöner Schilderungen, die "Jugendliche zu sexuellen Handlungen animieren" könnten. Das Buch sei also "unter keinen Umständen [...] der Kunst dienend", obwohl dem Autor "eine gewisse Fähigkeit und eine eigene Art des Schreibens nicht abzusprechen ist." Was sich wie die Beschreibung eines Sketches aus den Vätern der Klamotte liest, wirft ein helles Licht auf das Vergehen, das sich Grass in Katz und Maus zu Schulden lassen kam:

Zunächst einmal würde nicht der ärgste Revanchist das Privileg des Künstlers anzweifeln, frei von gesellschaftlichen Anforderungen und stellvertretend für andere eine tiefere Wirklichkeit zu betrachten. Wagt ein Autor es aber, seine Literatur ins Handgemenge der Lebenspraxis zu treiben, wendet sich das Privileg mit allen Konsequenzen gegen ihn. Kunst kann also da, wo sie realistisch wird, keinen besonderen Schutz mehr beanspruchen.

Das Gerichtsurteil im Prozeß um Katz und Maus (1969): Grass wird lediglich davor verschont, von Ziesel "außerhalb literaturkritischer Zusammenhänge" als "Verfasser übelster pornographischer Ferkeleien" bezeichnet zu werden. Da keine vermögensrechtliche Streitfrage Prozeßgegenstand war, darf Grass keine Revision einlegen ...

 

autoreninfo 
Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
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