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no. 17: improvisation -> popstarisierung
 

Die MachArt der Popstarisierung

oder: Gibt es richtige Improvisation in der falschen?

von Angela Oster

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* druckbares

Stars, so suggeriert DSDS, der RTL Fernsehkassenschlager des Jahres 2003, können ganz authentisch sein. Unbelastet von der Maschinerie der Medien treten ganz spontan und ungeplant die Kids von nebenan ins Rampenlicht, werden entdeckt und dank der Gunst des Publikums berühmt. Doch ist der 'Superstar' tatsächlich ein Produkt der spontanen Improvisation, oder aber der kalkulierten MachArt? Wieviel Platz ist wirklich für Improvisation und Authenzität im System der Medien?

 

 

I. Was ist DSDS?

Eine Entwarnung vorweg: Anders als SARS ist DSDS keine heimtückische Krankheit, vor der man sich dringend schützen müßte.

Hinter diesem Kürzel verbirgt sich vielmehr der Fernsehkassenschlager 2003 des deutschen Fernsehens: Deutschland sucht den Superstar, gecastet von RTL. Zwar gibt es zwischenzeitlich eine Reihe von Nachahmungsmodellen bei konkurrierenden Sendern, doch an den Erfolg von DSDS konnten diese nur bedingt anknüpfen, und es steht in Aussicht, daß die zweite Staffel von DSDS bei RTL im Herbst wieder alle Zuschauerrekorde brechen wird.

Dabei dürfte die Neuauflage nichts wirklich 'Neues' bringen -- oder vielleicht doch? Ist der Erfolg der Popstarisierung wiederholbar, ist er machbar, ist er gar improvisierbar? Hat die erste Superstaffel auf der Zielgeraden der zweiten Staffel eine Art erfolgsgarantierenden Zauberstab übergeben? Und was ist der Reiz auf der anderen Seite: warum interessieren sich Millionen dafür, wenigen Auserwählten dabei zuzuschauen, wie sie zu 'Superstars' popstarisiert werden? Ist der 'Superstar' ein Produkt der spontanen Improvisation oder der kalkulierten MachArt? Vor allem: gibt es, mit Adorno philosophiert, eine 'richtige' Improvisation in der 'falschen'?

Nun, beinahe wäre es dem letztlich drittplazierten Daniel Küblböck aus dem bayrischen Eggenfelden gelungen, der perfekt geölten Vermarktungsmaschinerie von DSDS gehörig Sand ins vorprogrammierte Erfolgsgetriebe zu streuen. Ursprünglich wohl eher als kleiner schriller Farbklecks unter die zehn Besten aufgenommen, mauserte sich Daniel K. -- wie inzwischen sein geflügelter Name lautet -- zum heimlichen Superstar und Publikumsliebling. Fast hätten Authentizität und Improvisation über System und MachArt gesiegt. Oder war auch die Improvisation letztlich ein berechnetes Kalkül des Simulakrums TV-Show?

Am Schluß siegte dann doch der nette Alex in der Endausscheidung gegen die adrette Juliette. Bis dahin war es allerdings für alle Beteiligten ein langer Weg.

 

II. Zehn kleine Negerlein: Glanz, Gloria und Glamour pur

Als -- letztlich -- klarer Sieger aus dem finalen Showdown der ersten Staffel ging der 19jährige Schüler Alexander Klaws hervor. Dabei waren sie zunächst nach dem Prinzip der zehn kleinen Negerlein gegeneinander angetreten: Stephanie, Andrea, Nektarios, Nicole, Daniel L., Gracia, Vanessa, Daniel K., Juliette und Alexander. Die als heiße Favoritin und neue Whitney Houston gehandelte Judith hingegen war im Verlauf der Sendungen bereits freiwillig ausgeschieden, weil sie -- nach in der Presse kolportierten eigenen Aussagen -- dem Erfolgsdruck nicht mehr standhielt. Sie sei nicht mehr 'sie selbst', und es tue weh, jede Woche zu erleben, wie einer aus der Runde sich unter Tränen verabschieden müsse.

Eine umfangreiche Dressur lag hinter allen Kandidaten: Vom spannenden Casting, über die Imageberatung und das Gesangstraining, die Plattenproduktion und auf zu den Charts. Dann war sie vorbei, die erste Staffel des neuen deutschen Megaevents "Deutschland sucht den Superstar". Mit dem Moderatorengespann Carsten Spengemann, dem etwas steifen Herrn im (des) Ring und seiner Barbiebraut, Michelle Hunziker. Die Ex-Ehefrau von Eros Ramazzotti hat ihre Karriere als Moderatorin alles andere als improvisiert. Ihren blond-naiven (vom Ex-Ehemann kopierten?) Schlafzimmerblick sollte man nicht unterschätzen. Ähnlich wie bei Verona Feldbusch steckt hinter Hunzikers Auftreten viel Kalkül. Anders als bei Verona Feldbusch entfaltet Hunziker aber ihre Stärken gerade dort, wo sich ihr Temperament dem deutschen Fernsehknigge das eine oder andere Mal nicht fügen wollte -- und südländisch improvisierte.

Dann gab es bei DSDS noch die gestrenge Jury: den Plattenpatenonkel und BMG-Chef Thomas Stein, Blubberradioboy Thomas Bug, Strahlemann und Superproduzent Dieter Bohlen (der bereits vor dem Ende der Show für seine Superstar-Songs wieder einmal Gold und Platin absahnen konnte) und das Huhn im Korb, die Musikjournalistin Shona Fraser.

Die Show der Superstars basierte auf einem ausgetüfelten Konzept, dessen Rechte bei dem Erfinder der britischen Show-Idee "Pop-Idol", Simon Fuller, liegt (geschätztes Privatvermögen auf der Basis seines Patents: rund eine Viertelmilliarde Euro). Die Popstarisierung unterliegt mitnichten dem reinen Zufall. Popstars werden 'gemacht'. Aber there is no business like showbusiness, und so ist auch die Popstarisierung nicht zur Gänze berechenbar. Denn es ist letztlich das Publikum, das via Telefonanruf seinen ganz persönlichen Superstar wählt. Läßt sich der Konsumkost-Geschmack des Publikums vorhersehen oder gar beeinflußen? Darüber kann man streiten. Nicht zuletzt deshalb, weil RTL die genauen Daten der Auswertung lange Zeit in der Dunkelziffer belassen hatte.

Über 10 Millionen Zuschauer verfolgten das Abschlußfinale von " Deutschland sucht den Superstar". Eine absolute Traumquote, die ebenfalls nicht vom Himmel fiel. Die Macher der Superstar-Show sind, wie ihre Kandidaten, zunächst in die Lehre gegangen. Dies belegt der Mißerfolg der vorherigen, ähnlich konzipierten RTL-Serie "Deine Band", wo ebenfalls die Zuschauer ihre Stars wählen sollten.

Was wurde bei der neuen Sendung anders gemacht? Klappe auf, die erste: Die Show wurde bereits im Vorfeld als Event der absoluten Superlative promotet. Eine Werbekampagne ohnegleichen bereitete nicht nur den Einzelnen (Deine Band), sondern eine ganze deutschheilige Nation auf die Wahl ihres geklonten Superstars vor. Ob man nun wollte oder nicht, ob man tatsächlich eine der Shows gesehen hatte oder nicht: Daß diese Sendung existierte, wußte irdendwann nahezu jeder in germanischen Landen. Dafür hatte eine vollindustrialisierte Profiwerbung ausgezeichnet gesorgt.

Ganz Deutschland konnte von Anfang die MachArt der Popstarisierung auch hinter den Kulissen nachverfolgen. Ein demokratischer Akt, eine dokumentarische Aufklärungsarbeit ohnegleichen wurde unter Einschluß der Öffentlichkeit zelebriert. Dies tat der Popularität des popstarisierten Nachwuchses keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Popstarisierung entlarvte ihre Kinder in einer durchgestylten Reality-Show à la Big Brother. Wohldosiert, versteht sich. Es wurde das gezeigt, was den Zuschauer interessiert: nämlich Glanz, Gloria und "Glamour pur" (so der Slogan der Zweitplazierten des Wettbewerbs, Juliette). Die Popstarisierung machte sich selbst transparent und versprach damit improvisierte Authentizität. Das mediale Fernsehbild vermittelte Pseudo-Intimitäten und setzte auf die (vorgeblich) alltägliche Normalität der Kandidaten. Gestern noch waren die Teenies der Show Mädels und Jungs wie alle anderen auch. Dann waren sie -- auf einmal! -- Stars. Superstars. Und eigentlich, in der Tiefe ihres Herzens und Könnens, waren sie das immer schon gewesen. Es mußte nur jemand kommen, der ihr Talent erkannte: Und -- schwuppdiwups! ausdiegraueMausundausderSchuleraus! -- it's glitterglänzende Startime! We have a dream lautete denn auch der erste gemeinsame Erfolgssong der zehn Finalisten.

Ein Superstar muß faszinieren, wie in einem Urknall pur. Nur wenige Sekunden hatten die jungen Leute zur Verfügung, um Bohlen & Co. im Casting mit abgekupferten Posen davon zu überzeugen, daß sie singen, tanzen oder zumindest "cool" und "echt klasse" aussehen können. Daß in einem solchen Casting auch 'fertiggemacht' wird, gehört zum Geschäft dazu. Wer bei Beurteilungen wie: "Du singst wie Kermit der Frosch, wenn man hinten drauftritt" oder "Du hast gerade zum zweiten Mal die Titanic versenkt" bereits heulend den Aufstand erprobte, hatte in der knallharten Popindustrie nichts zu suchen. So das lakonische Statement der Starmacher.

Unter 10 000 Konkurrenten wurden zunächst 100, dann 30, schließlich 10 Kandidaten im gnadenlos darwinistischen Wettkampf ausgesondert. Nur die Besseren kamen weiter, die anderen durften mit einem Frust fürs Leben ab nach Hause ziehen. Und Tschüß. Es ging schließlich um Geld, um viel Geld, und da konnte man sich nicht groß bei Möchtegerntalenten aufhalten.

Und damit Klappe auf, die zweite: Bereits vor Beginn des Castings stand fest, daß ein Millionenpublikum das Spektakel vor dem Fernseher verfolgen würde. Es standen die Plattenverträge fest, und auch die Songs wurden nicht genial über Nacht gezaubert, sondern warteten in Bohlens Aufnahmekammer auf ihre erlesenen "Singvögelchen" und "Igelschnäuzchen". Der Rahmen für den tatsächlichen Superstar war lange kreiert, bevor es ihn in Gestalt des strahlenden Alexander -- für den in der Endausscheidung über 70 Prozent votierten - tatsächlich gab. Verkauft wurde dann in den Medien, was und wer den Leuten gefiel: Platten, T-Shirts, Poster, Zeitschriften. Und da hatte die zweitplazierte Glamour-Juliette gegen Alexandre-Charmeur kaum eine reale Chance.

Denn, Klappe auf, die marktentscheidende dritte: das kaufende Zielpublikum der Superstars war und ist jung, kindlich bis pubertierend, und damit dem Alter gemäß (erfreulicherweise!) begeisterungsfähig bis hin zur Exstase. Und ein einziger Blick in die kreischenden Fanmassen genügte, um zu sehen, daß es sich dabei hauptsächlich um Mädchen handelt, die im traditionell weiblichen Rollenverhalten hysterisch weinend um Autogramme und die Aufmerksamkeit ihres Alex bettelten. Da hat sich seit den Zeiten der Beatles kaum etwas geändert. Medienwirksam läßt sich die Popstarisierung nur mit dem adäquaten Publikum inszenieren, das seine Sehnsüchte stellvertretend durch Popstars auslebt. Mit einem Aspekt der des Lebens eines Stars mag sich darüber hinaus kaum ein Fan (gleich welchen Geschlechts) identifizieren, und dieser blieb dann auch --

Klappe auf, die vierte -- tunlichst im Hintergrund der Popstarisierung verborgen. Denn improvisierter Glanz, Gloria und Glamour pur waren nur die eine Seite der MachArt. Die andere existierte in der zuschauerfreundlichen Superstar-Show lediglich als Hinweis am Rande, als reine Rhetorik ohne realen Schweiß und Tränen.

Weniger glamourös ist nämlich die Tatsache, daß das Stargeschäft auch entwürdigend sein kann, daß es rund-um-die-Uhr-Arbeit, eiserne Selbstdisziplin und aus-dem-Koffer-leben bedeutet. Daß man mit eingeschränktem Privatleben von einem Termin zum nächsten hetzt, daß man kaserniert im Starcamp mit ständiger Medienpräsenz und unentwegter TV-Auf- und Draufsicht beglotzt wird, daß jede kleinste Emotion von der Kamera im Tresor-TV der Reality-Soap gnadenlos herangezoomt wird und auf den Wohnzimmertisch der Nation kommt. Man mag über Dieter Bohlens, von Katja Kessler geschriebene, Autobiographie Nichts als die Wahrheit denken, was man will. Unter dem zugegebenermaßen dämlich titulierten Kapitel "Vergiß Konfuzius! Oder: Dieters twenty tolle Thesen to Erfolg & Happiness" wird Tacheles geschrieben, was die schonungslose Härte auf dem Weg hin zur Popstarisierung angeht. Dieses Kapitel wurde denn auch in den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Da waren Abschnitte aus Bohlens Büchlein wie "Howard Carpendale. Oder: Isch magg dän Song!" und "Keiner singt geiler als die Tyler" oder auch "Das Teppichluder""anscheinend interessanter.

Nichts als diese Wahrheit interessierte die Nation auch im Pressewirbel von DSDS: wer mit wem, und wann, und wie! Besonders prickelnd waren vor allem die kleinen Dramen drumherum, von denen die Show lebte. War der zu Heulkrämpfen neigende Daniel K. nun schwul oder nicht? Wie verkraftete Gracia die Tragödie ihres frühzeitigen Ausscheidens? War Alex nackt in der Disse abgehottet und ließ sich Juliette tatsächlich ihren Vorderbau vergrößern? Alles menschlich-allzumenschliche Fragen, die Deutschland auf der Suche nach dem Superstar bewegten.

Natürlich, die Sternchen (bzw. ihre Eltern) hatten die Verträge freiwillig unterschrieben. Der unentbehrliche, imagefördernde Rückenwind, der ihnen aus dem ganzen kalkulierten Medienrummel erwuchs, ist in improvisierter Eigenregie kaum zu bewerkstelligen. Popstarisierung findet vor einem Millionenpublikum am Bildschirm statt, nirgends sonst. Auch der Geschmack der traumhungrigen jungen Zuschauer auf dem Schulhof ist durch die Werbung fremdgesteuerter, als es der taschengeldspendenden Elterngeneration lieb ist. Oder vielleicht doch nicht so ganz?

 

III. Nichts Neues also unter der Sonne?

Ja, alles lief einigermaßen glatt, wäre da eben nicht der eigenwillige Daniel K. mit seinem hartnäckig kultivierten bayrischen Akzent gewesen. An seinen Improvisationen schieden sich die Geister. Daniel K. wurde zum Liebes- und gleichzeitig zum Haßobjekt von Deutschlands TV-Gemeinde. Doch ein halbes Jahr nach dem Ende der ersten DSDS-Staffel ist es ausgerechnet er, der es schaffen könnte, auch über das Haltbarkeitsdatum eines Joghurtbechers hinaus in der Medienwelt präsent zu bleiben.

Bereits im Casting fiel Daniel K. auf und sprengte den Rahmen des Zulässigen. Verpickelt und im eher schlampigen Look trat er unbekümmert vor die Jury, das entgeistert blickende Inquisitionsquartett Bohlen, Bug, Stein und Fraser, und trällerte krähend zu eigenem Gitarrengeklimper. Ein Begleitinstrument war allerdings im Casting strengstens untersagt. Von dem erteilten Rüffel ließ sich Daniel K. aber, anders als die meisten Konkurrenten, nicht entmutigen, sondern improvisierte dann eben 'ohne'.

Bohlen assistierte ihm ohne Umschweife, daß er zweifelsohne 'nicht ganz sauber da oben' sei -- aber der Mut zum Außergewöhnlichen wurde belohnt. Und obwohl Daniel K. bei seinen folgenden Auftritten bei DSDS mindestens ebenso heftig ausgebuht wie beklatscht wurde: der "Wadenbeißer" fügte sich nicht den vorgegebenen Popstarisierungsregeln. Mal in Karosöckchen, mal im Schottenröckchen -- Daniel K. blieb weiter verhaltensauffällig. Superstar Nummer Eins konnte er so vielleicht nicht werden, aber einen eigenen Weg innerhalb des Betriebs der MachArt finden. Daniel K., der u.a. zum "Brillenträger des Jahres 2003" gekürt wurde, verkörperte innerhalb von DSDS so etwas wie die widerständige Emergenz, die Personifizierung einer hartnäckig performativen Note. "Ich lebe meine Töne", verteidigt er seine für manche irritierende Art und auch was die bezweifelte Qualität seiner Singstimme anging, war er um eine Antwort nicht verlegen: "Im Wald wäre es sehr still, wenn nur die talentiertesten Vögel zwitschern würden."

Die Macher von DSDS konnten jedenfalls am Ende der ersten Staffel aufatmen und den "Rohdiamanten" Alexander in die Bohlen-Werkstatt weiterreichen, wo er zum massentauglichen Pop-Diamanten geschliffen werden sollte. Denn der etwas langweilige Alexander zeichnete sich im Vergleich zu den anderen Kandidaten durch eine gewisse Glätte aus, die beliebig mit Projektionen besetz- und damit auch manipulierbar war. Alexander war der perfekte Boygroup-Klon einer popstarisierten Corporate Identity. Er war die blond-helläugige Compilation aus gestyltem Body und entzückend harmloser Servilität. Er paßte, zugegebenermaßen, hervorragend in das Arrangement der Superstar-Strategie von Plattenbossen, PR-Beratern, Stylisten, Komponisten, Image-Beratern und TV-Produzenten. Entscheidend ist schließlich, was hinten 'rauskommt. Und der deutsche Publikumsgeschmack wollte letztendlich denn doch keine Experimente. Am Ende einer langen Sendestaffette entließ die Popstarisierung ihre Kinder: A perfect Popstarist was born.

Hier Alexander K., dort Daniel K. Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Gibt es -- bei aller Popstarisierung -- dennoch so etwas wie eine richtige Improvisation in der falschen?

 

IV. Minimalismus, List und bestimmte Negationen

Adornos Meinung zur 'modernen' Musik ist bekannt: Er lehnte sie Zeit seines Lebens ab und sah sie als Ausdruck der von ihm gering geschätzten Konsumwelt des "beschädigten Lebens" im 20. Jahrhundert. Adorno, der -- pikanterweise -- am 11. September diesen Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, hätte DSDS sicherlich nicht sonderlich geschätzt. Er hätte aber als Verfechter einer Minima Moralia die Auseinandersetzung -- und nicht die intellektuell gepflegte Ächtung -- mit diesem Bestandteil unserer kulturellen Welt eingefordert: "Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen", schreibt er in der Einleitung der Minima Moralia und kommt zu der Schlußfolgerung: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Die Existenz von 'Superstar-Shows' mag manchem als dekadenter Bestandteil gegenwärtiger Kultur erscheinen, den man tunlichst ignorieren sollte. Das Nachvollziehen dieses Phänomens lädt aber zum Nachdenken darüber ein, was im 21. Jahrhundert an Improvisation, Performanz und Authentizität noch möglich ist und ob es noch 'Neues unter der Sonne' geben kann. Existiert ein authentisches Improvisationspotential des Einzelnen als Refugium fernab der manipulierten Improvisation der Gesellschaft?

Auf diese Fragen hätte Adorno wohl mit dem von ihm so genannten Verfahren der 'bestimmten Negation' geantwortet. Wieder in der Minima Moralia heißt es: "In der individualistischen Gesellschaft jedoch verwirklicht nicht nur das Allgemeine sich durchs Zusammenspiel der Einzelnen hindurch, sondern die Gesellschaft ist wesentlich die Substanz des Individuums." Die authentische Improvisation, die Einmaligkeit ihrer Performanz kann demnach aus den verfälschenden Vorgaben nicht gänzlich heraus: sie ist immer auch "in der" falschen Improvisation. D.h., eine Improvisation, die ihrem Wesen als spontaner Performanz gerecht werden möchte, kann die eigene Emergenz moralisch nicht höher ansiedeln als jene verfälschenden Repräsentationen, von denen sie sich abheben will. Oder wiederum im Vokabular Adornos: Eine richtige Improvisation kann es nie als reine Positivität geben, sondern nur im Modus, im 'Zusammenspiel' der bestimmten Negation. Diese vermeidet falsche Konzessionen und bleibt dennoch im Dialog mit dem von ihr Negierten.

Im 'Falschen' hat das 'Richtige' keine hundertprozentige Chance der Verwirklichung. Wer im Geschäft der Popstarisierung mitmischt, muß nach den Regeln der MachArt mitspielen. Und so ist zwischenzeitlich auch Daniel Küblböcks individualistisches Kennzeichen, eben sein Talent zur belebenden Improvisation, ebenfalls Objekt einer Marktstrategie geworden und fügt sich den omnipotenten Konsumregeln des Medienbetriebs: "Ich will so bleiben wie ich bin -- Du darfst!" Innerhalb der omnipotenten, falschen Improvisation kann es keine Revolution der richtigen Improvisation geben. Doch scheint auch die Wirtschaft der Mediengiganten umgekehrt nicht ohne den Störfunken einer widerspenstigen Improvisation auskommen, selbst wenn sie ihn möglichst umgehend zu vereinnahmen versucht. Gegen diese Vereinnahmungsstrategien gibt es letztlich nur die Strategie der kleineren Listen und Improvisationstaktiken: "Einzig listige Verschränkung von Glück und Arbeit läßt unterm Druck der Gesellschaft eigentliche Erfahrung noch offen." (Minima Moralia).

Warten wir also ab, ob Daniel K. der MachArt der Popstarisierungs-Industrie noch weiterhin den einen oder anderen schelmenhaften Improvisations-Haken schlagen wird.

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