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no. 12: haut -> tätowieren
 

Renaissance eines Kunsthandwerkes: Zum Berufsbild der TätowiererInnen auf Conventions

Ein ethnographischer Praxisbericht

von Andrea Hund

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* literatur
* druckbares

Das gewerblich gestochene Tattoo ist derart verbreitet, daß das Kunsthandwerk der Tätowierung eine Renaissance erlebt und sogar Einrichtungen wie Krankenkassen nicht umhin können, wertfrei die Vorgänge und die medizinischen Risiken in Broschüren darzulegen. Mit dem Produkt 'Tattoo' an vielen, meist jugendlichen Körpern rückt auch das Berufsfeld der Produzierenden, der tätowierenden Männer und Frauen, in das öffentliche Interesse.

 

Bis vor wenigen Jahren galt ein Tattoo in Deutschland ausschließlich als Provokation und Protest; mittlerweile steht es von professioneller Hand gestochen anhaltend hoch im Kurs. Die Akzeptanz von Tätowierung als Körper-Kunst ist integriert in die Welt der Mode und des Zeitgeistes zwischen Körperbewußtsein und Körperkult.

Tätowierung als populäre ästhetische Praxis wird neben Graffiti, Weihnachtsbasteleien, Wohnzimmergemälden und Kleingartenskulpturen etc. von der Kulturwissenschaft zur 'Volkskunst' gezählt. Diese ästhetischen Praxisformen stehen als kreativer Gegenpart zur industriellen Produktion zum Teil in bewußter Opposition zu Serienprodukten und Massenmoden, zum Teil sind sie aber auch in Form und Inhalt von ihnen geprägt.

Während die Tätowierungspraxis durch AmateurInnen hinreichend erforscht und dokumentiert ist, ist über die zunehmende gewerbliche Berufspraxis außerhalb von Insiderkreisen wenig bekannt. Eigene empirische Beobachtungen auf verschiedenen Tattoo-Messen in Karlsruhe und Frankfurt am Main bieten daher die Grundlage für die folgenden Schilderungen.

Die von dem Kultursoziologen Matthias Friedrich formulierte Definition von 'Tätowierung' läßt sich an das gewerbliche Tattoo, das Produkt, anpassen. Die Körpermodifikation ist folglich eine beabsichtigte und dauerhafte Einlagerung von Pigmenten in die Haut, die einen bild- oder zeichenhaften Charakter besitzt. Der Tätowiervorgang ist nach dem Öffnen der Oberhaut, dem Einbringen der Farbpartikel in die Lederhaut bzw. Unterhaut erst mit dem Zuwachsen der durchtrennten Hautschichten beendet. Dann ist die Haut, mit ihrer individuellen Ausprägung, durch den Prozeß zur verletzlichen und vergänglichen Bildträgerin für eine dauerhafte Zeichnung geworden.

 

Die Convention -- Messe und Party

Einen guten Überblick über das breite Spektrum der aktiven Tätowierszene bietet die Convention. Die Geschichte dieser Tattoo-Messen begann im britischen und nordamerikanischen Kulturraum mit einzelnen Versammlungen von Tattoobegeisterten in den Hinterzimmern der Studios und hat sich seit etwas mehr als zehn Jahren nun ihren Weg in die Öffentlichkeit auch deutscher Messehallen gebahnt. Veranstaltungstermine erfährt man zum Beispiel in deutschen Fachzeitschriften bzw. im Internet in Webzines oder auf speziellen Seiten der Veranstalter selbst. Bei der Durchführung werden die VeranstalterInnen von einem Motorradclub unterstützt, dessen Mitglieder als Aufsichten oder HelferInnen mitarbeiten. Die ausgegebenen Messebroschüren geben einen Überblick über die Anwesenden und das Rahmenprogramm mit Tattoo-Wettbewerben in verschiedenen Motivkategorien, den sogenannten 'Contests', oder mit 'Live-Acts'. Ebenfalls enthalten ist oft eine Liste mit weit über fünfzig Studios, an deren Adressen man über offizielle Stellen wie das Gesundheitsamt oder die Gelben Seiten nie gelangen würde.

MessebesucherInnen können Tätowierenden bei der Arbeit über die Schulter schauen, oder selbst ein Tattoo erwerben. Die sogenannten StecherInnen arbeiten meist maschinell mit der Tätowiermaschine, die manuelle, oft außereuropäische Tätowiertechnik ist selten vertreten. Die Profession der Tätowierenden wird vom Gesundheitsamt zum Körper- und Schönheitspflege-Bereich gezählt. Während jedoch z.B. im Kosmetik-Beruf einem Mann sieben Frauen gegenüber stehen, dominiert auf der Convention der Tätowierer, und weibliche Vertreterinnen sind kaum sichtbar.

Zusätzlich zu den Tattoo-Kabinen gibt es weitere gewerbliche Stände mit Fachliteratur, medizinisch-technischen Geräten, Verkaufsstände mit Flashs und vor allem Einkaufsmöglichkeiten von Accessoires, unter anderem mit Schmuck im Stil der nordamerikanischen Indianer.

Im Unterschied zu klassischen Fachmessen wird die Convention nicht nur vom Fachpublikum, sondern auch von zahlreichen Laien samt ganzer Familie zum Freizeitvergnügen genutzt.

 

Die Arbeitskabinen mit den Tätowierteams -- 'Hygiene' und 'Kunst' als Leitmotive

Die schmalen Kabinen der Anbieter bieten Raum für ein bis drei Arbeitsplätze und verfügen über Strom, Arbeitsmobiliar und Einwegmaterial für den Tätowiervorgang. Oft ist kaum Platz für alle Akteure. Je nach Geschmack werden sie vielfältig ausgestaltet und geschmückt. Beispielsweise im klassischen, sparsamen Stil des fahrenden Gewerbes, indem man Werkzeugkasten und Beleuchtung aufstellt, Visitenkarten und Vorlagenbücher auslegt sowie ein Banner aufhängt. Die Regel sind jedoch aufwendiger gestaltete Kabinen, in denen das gestellte Mobiliar kombiniert wird mit eigenen Arbeitsmöbeln und Dekorationsmaterialien, wie Poster und Flashs, den Tätowiervorlagen.

Die Vorlagenbücher bestehen aus A4 bis A3 großen Ringordnern mit Blättern, die selbst angefertigte oder reproduzierte Flashs enthalten. Durch ein einprägsam gestaltetes Banner, das den Namen und ein Emblem enthält, kann ein Stand aus einiger Entfernung schnell identifiziert werden. Die Visitenkarte, das kleinste 'Aushängeschild' des Studios, enthält neben Sachinformationen kurze graphische Hinweise zum Stil der TätowiererInnen und auf ihrer Rückseite Vordrucke für Terminvereinbarungen.

Die Studionamen enthalten meist den Namen mit der Gewerbebezeichnung oder ein Programm, zum Beispiel Larry's Tattoo oder The Rebels. Anglizismen ziehen sich durch die Fachsprache, die Studiobezeichnungen und die Vornamen der TätowiererInnen und verweisen auf die historische Vorreiterrolle der britischen und nordamerikanischen Tätowierszene, die viel früher ihre Spezialausdrücke in die Öffentlichkeit getragen hat. Die entsprechende Übersetzung ins Deutsche erscheint überflüssig bei der internationalen Ausrichtung des Gewerbes.

Bei sehr aufwendig ausgestalteten Kabinen sind die Aspekte 'Hygiene' und 'Kunst' auffällig. Zum Beispiel die Präsentation einer 'Zahnarztpraxis' in einer hellen Arbeitskabine mit Behandlungstuhl und Desinfektionsgeräten. Dieser medizinische und daher als hygienisch assoziierte Arbeitsplatz symbolisiert ein sauberes Arbeiten. Für den Aspekt der 'Kunst' sprechen nicht nur die Bezeichnung 'Artist' für die Tätowierenden, sondern auch die kunsthandwerklichen Vorlagenbücher und Alben mit Bildern von Umarbeitungen alter Tattoos (Cover-ups). Die Photos verweisen, neben dem Neustechen und dem Auffrischen von gestochenen Farben, auf ein weiteres Standbein in der Berufspraxis. Das Können einer TätowiererIn wird durch den Abdruck eines eigenen Motivs in einer Fachzeitschrift besonders anerkannt und unterstrichen.

Die bevorzugten Bildmotive eines Tätowierenden entsprechen den realen Gegenständen in der Kabine und setzen einen künstlerisch-stilistischen Schwerpunkt. Zum Beispiel in Postern mit den düsteren 'biomechanischen' Motiven, inspiriert vom Schweizer Künstlers und Alien-Erfinder Giger oder mit den schwarz-geometrischen 'Tribals', den Neuinterpretationen außereuropäisch-polynesischer oder irisch-keltischer Zeichnungen. Häufig sind auch bunte, verspielte Darstellungen von Fabelwesen aus dem Bereich der 'Fantasy'. 'Biker'-Motive mit Motorraddarstellungen fügen sich ikonographisch zusammen zum Beispiel durch die Südstaatenflagge oder Totenkopfvariationen.

 

Corporate Identity -- die laufende Werbung der Tätowierenden

Auch das äußere Erscheinungsbild der TätowiererInnen selbst fügt sich mit Kopftüchern oder Lederkleidung in ein romantisch verklärtes oder scherzhaft gebrochenes Bild von freiheitsliebenden Outlaws, wie IndianerInnen oder PiratInnen. Bei den tätowierten Gewerbetreibenden kann von einer Corporate Identity gesprochen werden durch die Präsentation der eigenen Haut mit ihren bildhaften Körpermodifikationen. Die TätowiererInnen sind selbst eine lebendige Vorlage, und ihre Haut ist Leinwand und Werbefläche zugleich. Viele Männer präsentieren auf ihren Oberarmen oder dem ganzen Oberkörper, gleich einem lebendigen Musterbuch eine Sammlung der unterschiedlichsten Motive, am besten aus aller Welt und von den besten StecherInnen. Manche folgen darin der Körperkunsttradition der Seefahrer, die sich Tattoos als 'leicht transportable' Souvenirs aus allen angesteuerten Häfen mitnahmen.

Die Frauen sind auf der Convention bekleideter und daher weniger sichtbar tätowiert als ihre Kollegen. Somit demonstrieren vor allem Tätowierer, aber auch zunehmend ihre Kolleginnen, ein lebendig gewordenes Lebensgefühl, dessen Sinnbilder sich Tätowierte im übertragenen Sinne über ihre Haut einverleibt haben, aber auch auf ihrer Haut für andere sichtbar präsentieren.

Meist arbeiten die StudioinhaberInnen in Teams von mehreren Personen, auch mit GesellInnen und Auszubildenden. Viele selbständige Kleinbetriebe sind durchaus wie Familienbetriebe strukturiert, und in einigen Studios haben sich die Angestellten von den Auszubildenden bis zu FilialleiterInnen emporgearbeitet. In der Regel erwerben sich die MeisterInnen der Hautkunst ihr Kunsthandwerk in einem klassischen Ausbildungsablauf Dennoch, um Mißverständnissen vorzubeugen, TätowiererIn ist kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf.

Die Teilnahme an Messen und deren Organisation gehören zur Berufspraxis. Das Sehen-Und-Gesehen-Werden erweitert den Bekanntenkreis, der überwiegend informell funktioniert und auf verbaler, face-to-face Kommunikation beruht. Durch die Präsentation der Tattoos an sich selbst, den anwesenden KundInnen und auch die Präsenz ihrer Studios mit ihren Werbematerialien wird die Bekanntheit erhöht. Neben dem Publikum mit potentiellen KundInnen ist auch die Fachpresse als weiterer Multiplikator anwesend.

 

Der Tätowiervorgang

Die eigentliche Übertragung der Zeichnung geschieht entweder mit Orientierungspunkten oder durch eine durchgehende Vorzeichnung frei Hand mit einem Stift bzw. durch das Abklatschen einer Bildpause. Frei Hand ohne Vorzeichnung wird nur selten gearbeitet, zu groß ist das Risiko, Fehler in das dauerhafte Hautbild einzubringen. Das Erstellen der Bildpause ist zeitlich nicht vom eigentlichen Tätowiertermin abhängig und muß nicht vom Tätowierenden selbst, sondern kann von jeder Person mit ruhiger Hand und zeichnerischem Geschick ausgeführt werden. Wichtig ist, daß die wasserlösliche Vorzeichnung möglichst gut die Proportionen und die wesentlichen Merkmale des Motivs wiedergibt. Das manuelle Abpausen von Flashs auf Transparentpapier durch Glasscheiben über Schreibtischlampen oder Leuchttischen wird auf der Convention vor allem von Begleiterinnen des Teams vorgenommen. Die Kopiermaschine für die maschinelle Übertragung wurde ursprünglich für die Erstellung von Transparentfolien für Overhead-Projektoren entwickelt. Liegt die Pause vor, werden die KundInnen je nach Sitz des geplanten Motivs auf den Sitzgelegenheiten 'gedreht und gewendet'. Die entsprechende Hautstelle wird enthaart, mit medizinischem Alkohol aus Zerstäubern desinfiziert und mit Einwegtüchern getrocknet. Die Haut oder die Vorzeichnung wird mit Wasser besprüht und das Motiv mit der Pause aufgedrückt. Es folgt das Nachziehen von unvollständigen Linien mit einem Stift, dann zieht der oder die TätowiererIn vor dem eigentlichen Stechen Latexhandschuhe zum Selbstschutz an. Hygienisches Arbeiten drückt sich nicht nur durch den Gebrauch von Einwegmaterialien und dem Säubern der Arbeitsflächen aus, sondern auch durch die Reinigung der Nadeln und Griffstücke der Tätowiermaschine in Desinfektionsbädern, Ultraschallgeräten oder Sterilisatoren.

Das Einbringen von Farbpigmenten ist das zentrale Element der Berufspraxis, und die Tätowiermaschine das zentrale Arbeitsinstrument. Diese Maschine industrialisierte gegen Ende des 19. Jahrhundert das manuelle Tätowieren. Die erste elektrische Maschine wurde in den USA von den Cousins O'Reilly erfunden, 1875 in New York erprobt und 1891 auf den Namen 'Tattaugraph' patentiert. Der einfache, robuste Mechanismus gleicht einer Türklingel. Das Herzstück besteht aus einem Spulenkörper. Am Federblech des Motors ist mit einer Öse die Nadelstange befestigt, die zur Fixierung im sich verjüngenden Ende des Griffstücks endet. Die Nadelstange vollzieht die Auf- und Abwärtsbewegungen des Federbleches nach. Ihr Anpressen mit Gummibändern in Richtung Motor verleiht der Nadel einen 'ruhigeren' Lauf. Das von ihr aufgenommene Farbmittel gelangt durch die Kapillarwirkung der Bewegung in den Hohlraum des vorderen Griffstücks und dann unter die Haut. Der unterschiedliche Duktus der Tätowierlinie wird durch den Austausch der Nadelstange mit einer oder bis zu zehn Nadelspitzen, den 'Needle-Bars', oder durch die Justierung der Nadelstange gewählt. Mit Hilfe des Transformators läßt sich die Stichfrequenz für die breite bis zur schmalen Linienführung bis zu maximal 3000 Stichen pro Minute regulieren. Es ist nicht leicht, die etwa 400 Gramm schwere, vibrierende Maschine für eine ruhige Linienführung auf den weichen, unregelmäßigen Untergrund auszutarieren. Selbst eine Tätowiermaschine mit umschlossenem Spulenkörper brummt ordentlich. Auf der Convention mischen sich die allgegenwärtigen Dauertöne der Arbeitsgeräte mit der laufenden Hintergrundmusik bzw. dem variierenden Geräuschpegel des Publikums und des Rahmenprogramms zum typischen Klangbild dieser Messe.

Laut einer Untersuchung des Volkskundlers Adolf Spamers Anfang der dreißiger Jahre hat sich der Gebrauch der Tätowiermaschine in Deutschland in den zwanziger Jahren durchgesetzt gegenüber der manuellen Stichelei wegen einer enormen Arbeitszeitverkürzung und einem erhöhten Produktionsvermögen an einzelnen Tattoos. Zudem arbeitet die Maschine fortwährend mit der gleichen Stichtiefe, in einer kontrollierten Frequenz und ermöglicht damit nicht nur die Rationalisierung des Vorganges, sondern vermindert bei sachgerechter Handhabung auch das Verletzungsrisiko der KundInnen. Das Kunstgewerbe des Tätowierens profitierte von den Optimierungen durch erhöhten Umsatz. Gleichfalls ist die Tätowiermaschine zu einem Symbol und Logo für das ganze Gewerbe geworden.

Zum Einbringen der Farbpigmente entnimmt die oder der Tätowierende aus Metalldosen die zuvor gesäuberten Nadelspitzen und Griffstücke und setzt sie mit dem Spulenkörper zusammen. Die Arbeit wird mit dem Nachziehen der 'Outlines', der Umrißlinien, begonnen. Nach dem Konturieren werden die Schattierungen eingebracht, die eine räumliche Wirkung des Motivs erzielen, zuletzt kommen die homogenen Flächenfarben. Während der ganzen Zeit wird die bearbeitete Haut mit der freien Hand gestrafft. In kürzeren Abständen taucht die TätowiererIn die laufende Maschine in die Farbe, welche in einer Einwegpalette bereit steht, und wischt mit einem Tuch die austretende Lymphflüssigkeit sowie die überschüssige Farbe von der Haut. Während den kurzen Stechpausen kann das Gestochene ohne die künstliche Spannung der Haut in seiner richtigen Ausprägung betrachtet werden.

Über die Zusammensetzung der Farbe in den nachfüllbaren Plastikflaschen wird nicht gerne gesprochen. Das ganze Angebot der breiten Farbpalette ist im allgemeinen hautverträglich und besteht, soweit bekannt, aus organischen Farbstoffen und anorganischen Füllmitteln. In einigen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen des Körpers auf unverträgliche Farbelemente kommen.

Je nach Motivgröße, Farbigkeit und Stil dehnt sich die Sitzung zeitlich in die Länge. Aufwendigere Arbeiten können mehrere Sitzungen dauern. Nach dem Tätowiervorgang schwellen die verletzten Hautstellen an. Zur Prävention werden sie mit antibiotischen Salben behandelt oder mit Desinfektionsmitteln besprüht. Der Verband aus Gaze oder Frischhaltefolie ist mit Heftpflastern fixiert. Unter den Folien kann sich bei langer Anwendung der Bakterienwuchs rasch vermehren. Für die Dauer der Convention sind sie jedoch attraktiver, da die frisch gestochenen Tattoos trotz Abdeckung betrachtet werden können und dadurch für die StecherInnen werben.

 

Der Contest -- das eigentliche Highlight

Die Nähe zum Fahrenden Gewerbe und zum Schaugewerbe drückt sich beim Kunsthandwerk des Tätowierens nicht nur während seiner Zurschaustellung auf der Messe aus. Am deutlichsten wird der Showcharakter bei den Wettbewerben in verschiedenen Tattoo-Kategorien. Diese Contests sind die Kernstücke des Rahmenprogramms, um die sich Live-Acts mit rhythmusbetonter, treibender Musik und Tanzdarbietungen gruppieren. Zumeist befindet sich in der Haupthalle eine große Bühne für das Rahmenprogramm. Beim Contest treten nicht nur Tätowierte mit ihrem Motiv zum Vergleich an, sondern auch indirekt die anwesenden StecherInnen des Motivs. Es gibt Kategorien wie 'Realistisches Tattoo' 'Horror Tattoo', 'Indianer' oder 'Traditional Tattoo'. Angemeldete Frauen und Männer streiten gemeinsam oder getrennt um die vorderen drei Plätze. Anmeldeschluß ist bis kurz vor Beginn der Veranstaltung, die mehrköpfige Jury besteht aus unabhängigen RichterInnen. Zum Teil ist die Nennung der Produzentinnen bis nach der Bewertung untersagt, damit sich die Jury nicht von großen Namen beeinflussen läßt. Es ist jedoch fraglich, ob die fachkundigen PreisrichterInnen die Handschrift einer KünstlerIn nicht ohnehin erkennen.

Bei der Beurteilung durch die Sachverständigen tritt das Tattoo und nicht dessen TrägerIn in den Mittelpunkt des Interesses. Nach der Beurteilung durch die Jury präsentiert sich der oder die WettbewerbsteilnehmerIn dem ausgelassenen Publikum. Durch den großen Abstand zwischen der Bühne und den Zuschauenden, der ein genaues Betrachten des zu bewertenden Hautbildes verhindert, steht nun der nonverbale Dialog zwischen den Teilnehmenden und dem Publikum im Vordergrund des Showteils.

Während der Beratungspause der Jury sorgen Live-Musik oder Tanzdarbietungen für Unterhaltung. Nach der Bekanntgabe der GewinnerInnen erhalten die Tätowierten sowie die anwesenden KünstlerInnen einen Pokal. Die 'Prämierten' werden anschließend für Reportagen in Fachzeitschriften photographiert. Sie sind nicht nur stolze BesitzerInnen eines ausgezeichneten Tattoos, sondern sind ebenso lebende Werbefläche für die StecherIn wie Motivvorlage für andere KäuferInnen. Für die Tätowierenden kann neben dem öffentlichen Wettbewerb mit den BerufskollegInnen im Contest der direkte, andauernde Vergleich ihrer Arbeitsweisen in den Studiokabinen zur stressigen Leistungsschau werden.

 

Mainstream und Kult

Für viele der anwesenden Frauen und Männer mag entweder ein kleinflächiges bunt blumig-verspieltes Fantasy oder ein schwarzes geometrisch-abstraktes Tribal am Arm oder im Armbereich mittlerweile als normal, modebewußt und mutig gelten. Denn sie haben als 'Tattoo-Jungfrauen' in einem Übergangsritual den ersten Schritt vom temporären Abziehbild oder vom Hennatattoo (Mendhi) zur Gemeinschaft der 'Ungeschminkten' gemacht. Es ist zu fragen, ob beim anhaltenden Boom ein kleines Tattoo nicht zum Ausdruck eines Körper-Mainstreams geworden ist oder wird. In der Insiderszene ist eine dauerhafte Körpermodifizierung, größer als eine Handteller, angesehener. Und die stilechte Liebhaberei bis zum Kult fängt an mit dem Sammeln möglichst maßgeschneiderter Tattoos, den Customs, die im Gegensatz zu den herkömmlichen seriellen Flashs stehen. Neben der Dauerhaftigkeit der Zeichnung liegt der spezielle Reiz eines Tattoos für viele in der Beweglichkeit der Bilder auf der nackten, lebendigen Haut. Hierbei kann eine großflächige Zeichnung bis zum Body-suit werden, hinter dem ein ganzheitliches gestalterisches Konzept steckt oder die eine Aneinanderreihung verschiedener Motive darstellt. Das klassische Suit orientiert sich in seiner Ausdehnung am Irezumi, dem traditionellen Erkennungszeichen der japanischen Mafia. Bei ihm sind Rücken, Pobacken, äußere Schenkel, Brustbereich, sowie äußere Armteile bis zu den Ellenbogen bedeckt und können durch die zusätzliche Bedeckung vom Bereich des gesamten Oberkörpers, der Arminnenflächen bis möglicherweise an die Handgelenke zum dreiviertel oder Full-Body-Suit werden. Nur in wenigen Fällen findet sich eine totale Bedeckung.

 

Marktanteile sichern und ausbauen

Manche Körperkunstsammlung braucht aus finanzieller Sicht den Vergleich mit einer herkömmlichen Kunstsammlung nicht zu scheuen. Denn der durchschnittliche Preis für eine 10 cm lange Schwarz-Weiß-Arbeit mit einfachem Motiv liegt bei etwa 40 Euro und bis zu 500 Euro für eine mehrfarbige Ausführung. Der Preis ist außerdem von der Exklusivität des Motivs und dem Bekanntheitsgrad der TätowiererIn abhängig. Die Preise der Profis sind nicht für jedeN LiehaberIn erschwinglich, und ihre Finanzierung mag der Demokratisierungsbewegung beim Tragen von Tattoos durch alle Bevölkerungsteile entgegenstehen.

Nach Matthias Friederich wurden Anfang der 90er Jahre 96,5 Prozent der Hautbilder von AmateurInnen gestochen. Diese Prozentzahl hat sich im Zuge der Freizeit- und Erlebniskultur in Deutschland zugunsten der gewerblichen StecherInnen verschoben. Da jedoch der Marktanteil weiterhin relativ klein ist, sind die gewerblichen Tätowierenden an einem Ausbau des KundInnenkreises interessiert, indem sie eine allgemeine und weithin bekannt gemachte Professionalisierung ihres Gewerbes anstreben.

Klare Standards zur Abgrenzung gegenüber den 'Hinterzimmerscratchern', den Schwarzarbeitenden, sind die Aspekte 'Hygiene' und 'Integrität', zu denen sie sich als offiziell Gewerbetreibende verpflichtet haben. Neben einer medizinisch, aber auch 'ethisch' sauberen Arbeit, die Minderjährige schützt und den freien Willen der KäuferInnen respektiert, argumentieren sie zudem mit einem künstlerischen Standard. Der Maßstab 'Kunst' wird im Wettbewerb mit anderen KollegInnen auf den Conventions und in den Contests einer regelmäßigen Qualitätsprüfung unterzogen. Ein hohes, gesichertes Niveau soll bei der Vermarktung helfen. Das sportliche Konkurrieren auf der Convention und im Contest entzweit nicht, sondern eint unter anderem die KleinunternehmerInnen. Die Convention bietet ihnen einen Rahmen zum internen Austausch und eine Werbefläche als ernstzunehmende Branche. Sie ist für die Gewerbetreibenden eine interessante Gratwanderung zwischen dem unkonventionellen Image ihres Berufes und den Konventionen einer Handwerksmesse, denen auch ihr Gewerbebetrieb unterliegt. Auch im Internet sind Tätowierende in den zunehmend obligatorischen Webauftritten für die breite Öffentlichkeit sichtbarer und allgemein zugänglicher. Relativ junge Berufsverbände bemühen sich um eine öffentliche Diskussion auf Tagungen und kümmern sich um eine Weiterqualifizierung ihrer Mitglieder in Workshops. Die Interessenverbände werben im Internet zusammen mit einzelnen Anbietern und Anbieterinnen durch die Vorstellung ihrer Mitglieder, der Studios und ihrer Ziele. Durch eingefügte E-Mail-Adressen sind die Homepages auf Interaktion mit weiteren Tattoobegeisterten angelegt. Nicht alle weltweiten NutzerInnen des Internets können die meist deutschsprachigen Texte der Webseiten entschlüsseln. Doch im Vordergrund auch der internationalen Verständigung steht nicht das Wort, sondern die visuelle Verständigung über ein gezeigtes Hautbild.

Im internationalen Vergleich von Tätowierenden, dem sich die TätowiererInnen in Deutschland nun stellen, werden diese bestehen können. Im Zuge der allgemeinen Professionalisierung, die um allgemeine Anerkennung ringt, wird das Tattoo, das noch ein unkonventionelles Image umgibt, zunehmend zum konventionellen Massenartikel. Durch die Ergänzung anderer Körpermodifikationsarten, wie zum Beispiel dem Piercing, erreicht man in der Öffentlichkeit eine zunehmende Steigerung der eigenen und der fremden Körperwahrnehmung. Die Berufspraxis der Tätowierenden reagiert auf die geänderte Nachfrage nicht nur auf den Conventions, sondern bietet Piercing auch über das Internet in ihren Studios an. Es bleibt spannend zu sehen, wie sich die gewerblich Tätowierenden den sich ändernden Herausforderungen an die Körpermodifikation stellen und mit ihrer Kunst der Hautzeichnung reagieren.

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