parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 12: haut -> revisionen
 

revisionen

Tod eines Malerfürsten: Peter Paul Rubens, vergessener Superstar

von Andreas Hartmann

Peter Paul Rubens, als protestantischer niederländischer Glaubensflüchtling 1577 im deutschen Siegen geboren, später reumütig in den Schoß der heiligen katholischen Kirche zurückgekehrt, war ein Superstar. Der größte Maler des Abendlandes, nach dem Urteil seiner Zeitgenossen, aufs Höchste geschätzt und verehrt, umworben, hofiert. Er diente den habsburgischen und sonstigen Majestäten nicht nur als Porträtist, als Propagandist für den einzig wahren -- katholischen -- Glauben, sondern auch als Diplomat, empfing höchste Ehren, saß am selben Tisch mit Grafen, Herzögen, Königen und sogar dem Kaiser. Seine Bilder riß ihm die noble Kundschaft förmlich von der Staffelei. Nach dem Tod seiner ersten Frau Isabella Brandt heiratete er die "schönste Frau Flanderns", die 16jährige Helene Fourment, einen Teenager. Mit ihr bewohnte er ein prächtiges Stadthaus in Antwerpen und ein Schloß auf dem Lande, führte ein Leben voller Glamour und blieb auch nach seinem Tod 1640 der Inbegriff für einen Malerfürsten -- ein Aufsteiger, der nach heutigen Begriffen zum internationalen Jet-set zählen würde. Eine gewaltige Werkstatt versorgte das blaublütige Europa, gleich ob katholisch oder protestantisch, und die Kirchen der Gegenreformation mit unendlichen Mengen an Gemälden aller Formate, mit Entwürfen für Bildteppiche und mit Graphiken nach den Bildern des Meisters. Die Kunstwelt hat vor allem eines an seinem riesigen Werk geschätzt, etwas, das Rubens wohl wie kein zweiter Künstler verstanden hat: seine Fähigkeit, Haut zu malen. In dem Meer an ihm zugeschriebenen Werken ist die vom Meister eigenhändig gemalte Haut so etwas wie eine zweite -- und viel schwieriger nachzuahmende -- Signatur.

*

In der größten Kunstbuchhandlung Frankfurts wird so ziemlich jedem einigermaßen bekannten Maler, Bildhauer oder Architekten gehuldigt. Ob Renoir oder Rembrandt, ob Rothko oder Rodin, hier findet jeder Geschmack eine umfassende Auswahl prächtiger Bildbände und günstiger Paperbacks. Nur die Auswahl an Büchern über Peter Paul Rubens ist äußerst dürftig -- ein einziges, sehr teures Fachbuch steht neben zwei ärmlich bebilderten Dissertationen im Regal. Mindestens zehn Mal so viel Raum nimmt der große Konkurrent Rembrandt ein. "Ich weiß auch nicht, warum sich so ein Billigheimer wie der Taschen-Verlag nicht auch mal Rubens annimmt", meint der Verkäufer. Sein Tip: Ein Antiquariat in der Nähe soll noch einen Restposten von Ausstellungskatalogen im Angebot haben.

Rubens ist out -- diese Botschaft Frankfurter Buchhandlungen bestätigt sich bei einem Blick auf die internationale Ausstellungsszene. Der junge Rembrandt sorgt zur Zeit in Kassel für eine volle Gemäldegalerie und hat dies bereits in der Londoner National Gallery und im Haager Mauritshuis 1999 mit seinen Selbstbildnissen und mit seinen Frauenbildern in der Royal Academy of Arts, zur Zeit ebenfalls in London, getan. Rembrandt ist in -- Rubens ein Name, mit dem heute hauptsächlich übergewichtige Weiblichkeit assoziert wird. Riesige Formate, Schwulst und barockes Theater, zu dem der Mensch des 21. Jahrhunderts keinen Zugang mehr hat. Und auch nicht mehr haben will.

Dabei ist ein Besuch in den Rubens-Sälen etwa der Alten Pinakothek in München oder des Kunsthistorischen Museums in Wien auch heute noch ein Erlebnis. In keiner Sammlung ist der Flame so ausufernd vertreten wie in der der Wittelsbacher in München. Da stürzen die Leiber auf dem größten Altmeistergemälde überhaupt, dem Großen Jüngsten Gericht, das so groß ist, daß es bei der Renovierung des Gebäudes durchs eigens abgedeckte Dach ausgelagert werden mußte. Daneben werden die Sabinerinnen geraubt, und Afrikaner kämpfen gegen Flußpferde, Löwen und Krokodile. Verzweifelt schreiende und weinende Frauen beklagen den Kindermord zu Bethlehem, milde lächelnde Märtyrer träumen auf dem Bratrost von einem besseren Jenseits. Zwischen all den nackten Körpern tummelt sich die High Society, elegant porträtiert, und selbst Landschaften von der Hand des Meisters hängen im Hauptraum der Alten Pinakothek. Der große Saal läßt vor allem eine Erinnerung zurück: an leuchtende, strahlende Farben, an Rot, Blau- und Grüntöne und an zahlreiche fein unterschiedene Hauttypen. An die 3000 Werke sollen aus seinem Werkstattbetrieb stammen, etwa 600 davon sind von ihm offiziell abgesegnet worden.

Für jedes Detail hatte Peter Paul Rubens eigene Meister in seiner Werkstatt angestellt, die ihm in praktischer Arbeitsteilung zum Beispiel alles Tierische (Experte: Frans Snyders) oder Blumen und Früchte (unschlagbar: Jan Bruegel der Ältere) abnahmen. Auch Rubens' wohl prominentester Schüler Antonius van Dyck und der selbst sehr erfolgreiche Jan Steen legten mit Hand an, gemeinsam mit einem Heer heute vergessener Gesellen und Lehrlinge, streng überwacht von Rubens selbst. Die Entwürfe, Zeichnungen und Ölskizzen, schuf er selbst. Bereits zu seinen Lebzeiten waren sie begehrte Sammlerobjekte. Das Gemälde an sich sei gar nicht so wichtig, schrieb er in einem Brief, das könne man auch in der Werkstatt machen lassen. Der Entwurf, die Erfindung sei ausschlaggebend. Für jedes Detail gab es also in der Rubens-Werkstatt einen oder mehrere Spezialisten. Für Haut jedoch war Rubens selbst der Experte schlechthin. Im Rubenssaal der Pinakothek sieht man die ganz unterschiedlichen Hauttypen: zarte Madonnen- und Heiligenhaut, grobe, sonnengegerbte Bauernhaut, dunkle arabische und weiße Blondinenhaut, die Haut von Babys und Kindern, die runzlige Haut von alten Männern und Frauen und die schuppige, rauhe Haut der Dämonen, Teufel und gefallenen Engel.

Schauen wir uns -- stellvertretend für viele -- ein Gemälde an, das die Landgrafen von Hessen-Kassel, fromme Protestanten, im 18. Jahrhundert ihrer Gemäldegalerie einverleibten. Es ist uns heutigen, nicht mehr mythenfesten Betrachtern eine seltsame Szene, die sich da abspielt, schlüpfrig-pikant und eine Männerphantasie. Eine gut genährte Dame besten Alters sitzt nackt auf dem Boden, sie stützt sich auf einen Bogen und einen Köcher voller Pfeile. Damit sie sich nicht verkühlt, hat sie sich ihr rotes Gewand unter den Popo geschoben. Bedrängt wird die verlegen dreinblickende Frau von einer zweiten, halb bekleideten, die ihr recht forsch mit der einen Hand das Kinn tätschelt und mit der anderen Hand ihren Mund in Kußnähe schiebt -- Typus Erobererin. Ihr zur Seite beobachtet ein aufgeregtes Federvieh die Szene, ein Adler -- aha, Frans Snyders läßt grüßen. Das heilige Tier des Gottes Jupiter verrät uns die Nähe seines Herrchens. Und schauen wir uns einmal genauer die Hauttypen der beiden Frauen an, bemerken wir das weiße Frauenfleisch der Nackten und das viel dunklere, sonnengebräunte der Verführerin. Denn hier ist eine antike Sage dargestellt, die Ovid in den Metamorphosen beschreibt: Jupiter verführt in der Gestalt der Göttin Diana die jungfräuliche Nymphe Kallisto, eine Dienerin der Jagdgöttin. Rubens, der Könner, hat uns das schon verraten: Einfach, indem er der 'Diana' auf seinem mythologischen Gemälde aus dem Jahr 1613 einen männlichen Teint verpaßt hat.

Jeder von Rubens Dargestellte hat eine andere Haut, und die verrät uns viel über den Charakter des Dargestellten. Eine braungebrannte Madonna oder Venus? Unmöglich! Die Art, wie der Meister das Inkarnat zum Leben und Atmen bringt, ist ein Detail an der Malerei Rubens', das genaues Hinsehen lohnt. Gemalt hat Rubens sowohl auf Leinwand -- eine Kosten- und Transportfrage bei den Riesenformaten -- als auch auf Holz, das haltbarer und stabiler, aber auch sperriger und schwerer ist. Der zu bemalende Untergrund wurde von Lehrlingen mehrfach mit Kreide grundiert und abgeschliffen, bis eine glatte Oberfläche entstand. Diese erhielt einen braunen Grundierungsanstrich. Er scheint bei Rubens vor allem bei den Darstellungen von Haut oft durch und wird von ihm geschickt in die Wirkung der Malerei eingeplant. Schülerarbeiten unterscheiden sich häufig schon darin, daß der braune Bilduntergrund sorgfältig-ängstlich übermalt wird. Und dann kommt Rubens' Clou: Er mischt den Hauttönen eine Farbe bei, die kaum jemand mit Gesundheit und Frische assoziieren würde: Grün. Dieser leicht bläulich-grüne Grundton der Hautpartien verrät die Hand des Meisters selbst.

Ein zweites Gemälde aus der Kasseler Galerie zeigt uns das. Es ist das Porträt einer jungen Frau mit einem Spiegel, das um 1640 entstanden ist, also etwa im Todesjahr des Meisters. Vermutlich ist seine strahlend schöne zweite Ehefrau Helene Fourment hier dargestellt. Lange Zeit hatte die schöne Helene ein kleines Schildchen, auf dem dem Werkstattmitarbeiter Jan Boeckhorst die Autorschaft zugeschrieben wurde. Zu viele Rüschen, die Hände gar nicht im Rubens-Stil und das eher ungewohnte Motiv begründeten dies. Dabei zeigt ein genaues Hinsehen etwas sehr Erstaunliches: Die Haut im Gesicht und im tiefen Ausschnitt der Frau hat genau denselben grünlichen Farbschimmer wie das nackte Fleisch der Kallisto, die nebenan hängt. Genauere Untersuchungen haben gezeigt, daß die Kasseler Galerie mit der Jungen Frau wohl doch einen 'echten' Rubens ihr eigen nennt. Sogar einen der letzten, die der Meister gemalt haben dürfte. Das Bild der Ehefrau blieb wohl unvollendet und wurde von Jan Boeckhorst in die Allegorie der Eitelkeit mit dem Spiegel umgedeutet. Trotzdem bleibt es ein Porträt voll strahlender Anmut und großer Eleganz, eines der besten seiner Epoche.

Anders als seine populären Kollegen entzieht sich Rubens heute dem Massengeschmack. Raphael-Engel, Van-Gogh-Porträts und Kandinsky-Abstraktionen zieren die Küchen wie die Schlafzimmer unserer Zeit. Rubens sucht man vergeblich in den WG-Küchen und Bankangestelltenwohnungen. Es mag an der Lautstärke liegen, mit der Rubens'sche Werke auftreten -- Pauken und Trompeten, Dramatik, Wildheit, durchaus auch Schlüpfrigkeit, nicht Süße und stille Betrachtung. Ein fürstlicher Geschmack, der einem (klein-)bürgerlichen Publikum verschlossen bleibt und es verschreckt. Ein Geschmack, der out ist -- aber der vielleicht bald wieder eine Renaissance erleben könnte. Denn: Eventcharakter hat das Werk des Peter Paul Rubens.

[ druckbares: HTML-Datei (11 kBytes) | PDF-Datei (42 kBytes) ]

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/haut/revision/