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no. 12: haut -> hautkrankheiten
 

Die Haut als Symptomträger und Kommunikator psychischer Problematik

von Alfred Lévy

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* literatur
* druckbares

Das flächenmäßig größte Organ des Menschen, die Haut, findet seit einigen Jahren in den Medien vermehrt Aufmerksamkeit, nicht nur zum Zweck der Werbung z.B. für kosmetische Produkte, sondern auch aufgrund von Hautkrankheiten, bei welchen die Psychologie Zusammenhänge mit der 'Seele' aufgedeckt hat. Im folgenden sollen derartige Abhängigkeiten thematisiert werden, unter anderem auch, um den Blick auszuweiten auf die conditio humana, welche sich in jedem Symptom auf individuelle Weise ausdrückt.

 
"Die Seele schiebt die Verantwortung auf die Haut ab [...]
Jede Flechte ist ein hinausgeworfenes Gefühl."
Irena Brezna

 

Stellen Sie sich folgende Hypnose-Situation vor: Der Hypnotiseur suggeriert einer Probandin, daß Herpes-Bläschen, die bei ihr bereits öfter großflächig auftraten, auf ihren Lippen erscheinen werden. Nichts geschieht. Während einer anderen Session erzählt er der 'Lippenbläschen-Märtyrerin' von einem ihm bekannten Streit mit ihrem Mann, bei dem dieser so ausfallend geworden war, daß sie es als Brutalität empfunden hatte. Danach streicht der Magier über ihre Lippen, suggeriert ihr Juckreiz und Herpesbläschen -- und der Bläschenschub tritt auf.

Dieses Experiment aus dem Jahre 1928 (Heilig und Hoff) wurde erfolgreich mit ähnlichen Konstellationen bei anderen Patienten durchgeführt und ergab, daß kränkende, deprimierende und angstauslösende Emotionen die bereitliegende Hauterkrankung wieder zum Ausbruch ('Aus-Schlag') bringen können.

Die Zahl solcher Untersuchungen ist mittlerweile Legion und sollte selbst bei anderen Hautkrankheiten als beweiskräftig genug anerkannt sein. Dem ist aber in der Schulmedizin nicht so, da als wissenschaftlich bewiesen (verifiziert) heute nur dasjenige gilt, was standardisiert, korreliert, in statistisch relevanten Dimensionen, im Doppelblind-Verfahren usw. durchgeführt wird.

Die folgenden Ausführungen bewegen sich nicht auf dieser naturwissenschaftlichen Ebene, sondern gehen 'idiographisch' und geisteswissenschaftlich vor, indem sie den Symptomträger (Patienten) als Individualität mit einer absolut eigenen Biographie begreifen. In einem verstehenden (hermeneutischen) Zirkel soll der einzelne Befund mit dem Leben insgesamt verbunden werden und eine für jeden vernünftigen Menschen nachvollziehbare Einheit ergeben. Mit anderen Worten versuchen wir den Dualismus zu vermeiden, der auf den französischen Philosophen Descartes zurückzuführen ist, welcher der Naturwissenschaft das Organ 'Haut' in ihren räumlichen Details zur Untersuchung überantwortete, während er die 'Seele' und den 'Geist' als etwas Raumloses und von ihr Getrenntes durch andere Wissenschaftler beurteilt wissen wollte.

 

Gibt es 'die' Haut?

Aus phänomenologischer Sicht, d.h. von ihrer alltäglichen und Wesens-Erfahrung her, spüren wir das Organ Haut gar nicht, da wir uns draußen bei den Objekten, d.h. der Arbeit, den Details der Sinneswahrnehmungen, den Mitmenschen im Gespräch und den Geschehnissen befinden. Dabei schweigt die Haut; sie regt sich allenfalls in "Leibesinseln", wie der Phänomenologe Hermann Schmitz sagt, und fühlt sich im gesunden Zustand warm, weich, anschmiegsam und wohlig an.

Sie tritt als Haut erst in unser Bewußtsein, wenn sie sich heiß, brennend, empfindlich, rauh oder schmerzhaft bemerkbar macht und stört uns, wenn wir auf ihr Pickel, Beulen, Wunden, Krusten, Schuppen, Bläschen und Verfärbungen wahrnehmen oder sie chemisch-physiologisch bzw. als anatomisches Sektionsobjekt untersuchen. Diese Befunde gehen recht different in die jeweiligen Wissenschaften oder ins Gemüt der Beobachter ein: Die Mediziner geben Diagnosen wie eine Art Etikette aus -- z.B. Herpes simplex labialis im ersten Beispiel --, die Kosmetikerin spricht von ansteckenden Bläschen, und die Betroffenen beklagen sich über ekelhafte Grieben.

Wir befassen uns in diesem Essay mit den Geschehnissen, Erlebnissen und Auswirkungen, welche im Zusammenhang mit Hauterscheinungen auftreten, wenn also die normale Transzendenz-Fähigkeit, d.h. das Nicht-gewahr-Werden der Haut beim Überschreiten in die Welt, eingeschränkt oder in einer schwereren Krankheit aufgehoben ist. Das ist der Fall, sobald sich die Erkrankten aufgrund ihrer Beschwerden und ihres Aussehens fast ausschließlich mit sich und ihrem befallenen Organ beschäftigen.

Als erstes Beispiel möge die Ekzemkrankheit der Neurodermitis dienen, da sie schon seit Franz Alexanders Zeiten zu den originär psychosomatischen Krankheiten zählt. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß das atopische Ekzem, wie die Neurodermitis auch genannt wird, eine konstitutionelle und vererbbare somatische Komponente aufweist, welche die Betreffenden im Vergleich zu anderen Menschen für Asthma, Heuschnupfen, Allergien und Ekzeme anfälliger macht.

 

Neurodermitis als Protosprache

Wer schon einmal ein Kind mit aufgekratzten Ellbeugen, Kniekehlen, Wangen oder sonstigen Körperstellen in voller Reibe- und Schubberaktion erlebt hat, kann gut nachvollziehen, was Thomas S. Szasz mit "ikonischen Zeichen" gemeint hat. Dieser rebellische amerikanische Psychiater unterschied beim Menschen verschiedene Sprachebenen, wobei er vor allem bei Kindern, psychisch Gestörten und sozial Stigmatisierten eine undifferenzierte Äußerungsart beobachtete, die er Körper- bzw. "Protosprache" nannte. In dieser Protosprache, welche der komplexeren normalen Sprache vorausgeht, herrschen ikonische Zeichen vor, die wie bei einer Ikone mit einem darauf abgebildeten Heiligen dem Betrachter eindrücklich vorgeben, was er sehen soll.

Welche Botschaften vermittelt nun ein derart malträtiertes, sich kratzendes, nervöses, durch nichts in seinem Verhalten zu bremsendes Kind? Dessen Körpersprache hat ihre suggestive Wirkung jeweils im individuellen Mutter-Kind-Verhältnis entwickelt, wobei seltener auch der Vater in diese Interaktionen einbezogen sein kann. Die Anamnesen ermöglichen es dem Fachmann, die 'Privatsprache' der Hauterscheinungen in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen. Er deckt dann unter Umständen folgende 'Reden' auf, die aufgrund ihrer primitiven Struktur auf der Körperebene -- sie bestehen ja 'nur' aus Kratzen, Hautbeschädigungen, Arztbesuchen, Bade- und Eincremeaktionen -- für die meisten Beteiligten mißverständlich und belastend sind:

Kind: "Kümmere Dich um mich wenigstens beim Eincremen, beim Baden, indem Du mich zum Arzt führst, da Du mir sonst nicht zeigen kannst, daß Du mich magst."
Mutter: "Da Du krank bist, muß ich Dich in dieser Situation schonen und Dich von Aufgaben entlasten -- sonst aber hast Du zu gehorchen."
Kind und Mutter: "Wenn wir durch die Krankheit und das aufwendige Behandeln aufeinander angewiesen sind, bleiben wir immer zusammen und haben es nicht nötig, uns in Richtung auf Selbständigkeit zu entwickeln."
Kind: "Wenn ich mit so einer Krankheit bereits so tüchtig (in der Schule, im Sport) bin, was wäre ich doch für ein einzigartiges Wesen ohne diese Belastung, und wie müßtet Ihr mich deswegen noch mehr bewundern."
Kind: "Wenn Du als Elternteil nicht willig bist, so kratz' ich mich, bis Du nachgibst."
Kind: "Kratzen ist, bevor es in Brennen und Schmerz übergeht, außerordentlich lustvoll; es entspricht in der Erregungssteigerung dem Onanieren, aber Du (Ihr) könnt es ja nicht mißbilligen oder verbieten, da es ja eine Krankheit ist."
Neurodermitiker: "Ich habe eine schulmedizinisch anerkannte somatische Krankheit und bin deshalb per definitionem nicht neurotisch; Psychotherapie ist etwas für die anderen, nicht für mich."

 

Von der Körpersprache und dem 'Leiben'

Wie sehr gerade die Haut dazu prädisponiert ist, als Kommunikationsvehikel zu dienen, ist aus ihrer Entstehungsgeschichte verständlich, da sie aus demselben Keimblatt wie das Gehirn und das Nervensystem stammt. Somit ist jeder Mensch praktisch von Geburt an dazu befähigt, sich entweder mittels Gefühlen, Affekten, Reflexionen und Bewußtseinsakten oder aber körperlich via Nervenbahnen mimisch, gestisch und mit somatischen Symptomen auszudrücken, um der Umgebung etwas zu 'sagen'. Bekanntermaßen befindet sich der Mensch von Geburt an in einem unausweichlichen Kommunikationsnetz: Er kann nicht anders als sich mitzuteilen. Selbst wenn er sich in einem Winkel verkriecht oder sich abschließt, gibt er der Umwelt mehr oder weniger deutlich etwas zu verstehen.

Im Sinne des Individualpsychologen Alfred Adler bestünde somit die Möglichkeit, unter den "Organdialekten" -- so lautet seine 1912 gemachte Entdeckung -- eine "Hautsprache" herauszufiltern, die jedoch, und das ist ein Kennzeichen aller Organdialekte, recht eintönig wäre: Juckreiz, Rötung, Hitze, Quaddel, Blasen oder Pickel-ähnliche Gebilde, deren Kommunikations-Breite relativ gering ist, z.B.: "Entlaste, unterstütze, verwöhne mich; beachte nur mich; gehorche mir und bleibe bei mir."

Es wurde bereits angedeutet, daß unser Körper -- und damit auch unsere Haut -- stumm bleibt, wenn wir mit der Welt 'gut' kommunizieren. Mit 'gut' ist ein vernünftiger, solidarischer, freundlicher, kooperativer und bestenfalls liebevoller Umgang mit den Mitmenschen gemeint. Ein 'schlechter', defizienter und gestörter Austausch manifestiert sich in ständiger Kampfbereitschaft, Streit, Angst, Isolation, Verschlossenheit, Zornausbrüchen oder depressiven Verstimmungen, die einerseits direkt ausgedrückt, andererseits aber auch 'somatisiert' werden können. Die Psychoanalyse spricht bei letzterem vom unbewußt Verdrängten, die Daseinsanalyse (Medard Boss) vom "Leiben" einer bestimmten Daseinsthematik.

Um es an weiteren Beispielen von Hautsymptomen zu verdeutlichen: Eine Gruppe von Rosazea-Patienten (Couperose) 'verkörpert' ihre unterdrückten Wutaffekte in mehr oder minder permanenten Gesichtsrötungen und Pustelausbrüchen, ein anderer Teil ist mehr in Scham verstrickt. Gerade im Gesicht reagieren die Blutgefässe auf affektive Veränderungen besonders empfindlich. Man denke hierbei nur an einen vor Wut hochrot angelaufenen Menschen oder an zarte Naturen, denen die Schamröte ins Gesicht schießt.

Zahlreiche Urticaria-Patienten (Nesselsucht) verdrängen oder 'leiben' (korrekter wäre eigentlich: 'körpern') ihre sprachlosen Affekte in Quaddeln, die manchmal gleich einem Wunder verschwinden, wenn sie ihre Aufregung, ohnmächtige Wut und masochistische Unterwürfigkeit in Worte zu kleiden und eine Veränderung anzustreben vermögen. Manchmal trifft auch zu, daß die Quaddeln symbolisch einem 'Weinen in die Haut' entsprechen; gelingt es den Betroffenen, die Trauer in Worte zu fassen, hat das 'Leiben' seinen Sinn verloren und kann verschwinden.

Bei den immer häufiger auftretenden Allergien wäre zu bedenken, daß Überempfindlichkeit, Abwehr und aggressives Abstoßen von Umwelt-Objekten, z.B. der Eltern, oft nicht 'ausgelebt' werden dürfen, da dies den Erziehungsvorstellungen der Eltern widerspricht. Das statistisch untermauerte Resultat, daß Allergien wie Heuschnupfen, Neurodermitis und Asthma gehäuft in zivilisierten, urbanen und intellektuellen Kreisen auftreten, könnte mit deren besonderer Erziehungsweise zusammenhängen: Sozial höher gestellte Mütter und Väter übertragen meist in einer Mischung aus Verwöhnung und Strenge ihre eigenen ehrgeizigen Ansprüche sowie die Kontrolle und Unterdrückung der Affekte auf ihre Kinder. Kein Wunder, daß die Zöglinge danach zwischen Kleinheits- und Größengefühlen, Angst und Aggression schwanken und sich permanent gestreßt wie in Feindesland fühlen. Wiederum 'spricht' dabei der Körper ikonischer und monomorpher, als wenn die Betroffenen ihre Wünsche, Ängste, Leidenschaften und Befindlichkeiten in Sprache kleiden könnten.

Ein einfühlsamer Übersetzer der Organsprache, der Psychosomatiker Franz Alexander, hatte bereits vor fünfzig Jahren bei seinen Asthma-Patienten herausgehört, daß ihr Leiden wie ein "Schrei nach der Mutter" zu interpretieren wäre; andere Forscher ergänzten: auch ein "Schrei gegen die Mutter". Die Biographie des französischen Schriftstellers Marcel Proust, der zeitlebens an einem schweren allergischen Asthma litt, bestätigt diese Thesen (Lévy, 1999). An ihm kann jedoch auch die Problematik und Tragik nachvollzogen werden, daß es ihm zwar gelang, seine Empfindungen in Ästhetik und Worte zu verwandeln, das Asthma aber somatisiert blieb. Damals war es leider noch nicht möglich, durch Medikamente, die wir heute bei derart massiven körperlichen Entgleisungen einsetzen müssen, das Geschehen rechtzeitig aufzuhalten.

Psoriasis-Patienten (Schuppenflechte) 'leiben' ihre Überaktivität und Extraversion, um die basalen depressiven Verstimmungen in Schach zu halten und zu überspielen. Verständlich wird dann auch, daß z.B. in einer erzwungenen Ruhephase die ursprüngliche Depression ausbrechen kann, wobei die stellvertretenden Hauterscheinungen, die sonst die Emotionalität absorbieren, relativ konstant bleiben.

Die Neurodermitis-Erkrankten zeigen oft deutlich, daß sie anstelle von ruhiger und geduldiger Auseinandersetzung ihre 'kribbligen' und nervösen Emotionen an der Haut abreagieren: Wer sich in die jeweilige individuelle Situation einfühlt, erfährt dann von grundlegenden Konflikten mit dem Partner, den Kindern, den Eltern und den Arbeitskollegen. Ekzeme vermitteln auch eine widersprüchliche Botschaft, die man in folgende Aussage kleiden könnte: "Hab' mich lieb, aber rühr' mich nicht an." Diese Ambivalenz soll im folgenden Abschnitt thematisiert werden.

 

Haut als Grenze

Die psychosomatische Erkenntnis, daß z.B. neurodermitische Ekzeme in frühester Kindheit neben der Konstitution auch mit psychosozialen Komponenten zu tun haben können, stößt bei vielen Menschen zuerst auf Unglauben. Was sollte denn, so argumentieren sie, eine Säuglings-Seele zum Kratzen beitragen? Gewiß, allergische Reaktionen auf Ei, Milch, Karotten, Vitamin C usw. sind verständlich, da man hier auch erhöhte Immunglobuline und Antikörper im Blut nachweisen kann -- aber 'Seelisches', das ist doch noch kaum vorhanden?!

Bei näherer Überlegung ist aber gerade das Säuglingsekzem recht aussagekräftig für die psychosomatischen Thesen. Wie erwähnt, muß ein relativ undifferenziertes menschliches Wesen sich auf der einfacheren somatischen Ebene ausdrücken, da ihm noch die Sprache fehlt. Des weiteren ist ein Säugling hilflos und allein nicht lebensfähig. Deshalb hat die Natur eine Art von Mutter-Kind-Einheit (Symbiose) eingerichtet, in der mit Nahrung, Wärme, Trockenheit und Sauberkeit auch Emotionales wie Vertrauen, Sympathie, Hoffnung, Liebe ebenso wie negative Eindrücke überfließen.

Dies kann jede Mutter bestätigen, die in Unruhe, Angst, Aggression oder Nervosität geraten ist: Das kleine Wesen registriert wie ein Seismograph die Befindlichkeit der engsten Bezugsperson und versucht, damit fertig zu werden, denn negative (nihilistische) Affekte wie Angst, Ärger, Neid, Ungeduld oder Eifersucht (Fuchs 1998) erzeugen nicht nur beim Erwachsenen, sondern von Lebensbeginn an Spannung, Unwohlsein und Disharmonie.

Wenn die Konstitution also bereits Neigung zu Allergien, übermäßig trockene und deshalb leicht juckende Haut vorgegeben hat, wird es verständlich, daß ein Säugling in bestimmten Situationen körperlich darauf reagiert. Darüber hinaus ist gerade die Haut als somatische Grenze zwischen zwei Wesen dazu prädestiniert, soziale Spannungen auszudrücken und zu 'leiben'. Hierbei sind nicht nur Differenzen zwischen Mutter und Kind angesprochen, sondern gleichermaßen Interaktions-Probleme zwischen Eheleuten, Partnern, Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen.

An der Grenze Haut treffen sich dann widersprüchliche (ambivalente) Tendenzen: Einerseits benötigt jedes menschliche Wesen Zuwendung, Zärtlichkeit und Liebe, andererseits ist die dazu erforderliche Nähe zu den Beziehungspersonen mit Spannung, Angst, Aggression und Abwehr besetzt, so daß Annäherung und Distanzierung ständig wechseln.

 

Von der sozialen Haut

Abschließend soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob es einen Weg gibt, trotz vererbter konstitutioneller Mängel und Schwächen sich einer möglichst ruhigen und gesunden Haut zu erfreuen. Wir könnten dies kurz abtun und sagen: erwiesenermaßen durch Psychotherapie. Aber was ist darin wirklich wirksam und hilfreich?

Aus dem vorher Explizierten ragen mindestens drei Komponenten heraus, welche verändert werden sollten: die Transzendenz, die negativen Affekte und die gespannten Beziehungsstrukturen. Gelingt die sukzessive Verwandlung, so nähern sich die genannten Faktoren einem gemeinsamen Zentrum an, das wir als 'positive Beziehung' bzw. 'Sozialgefühl' bezeichnen können.

Wenn Beziehungen positive Gefühle als auch gemeinsam erlebte Freude, Sympathie und Kooperation durch die Haut diffundieren lassen, kann es wieder gelingen, ruhiger, gelassener und zufriedener in die Welt zu expandieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, trennende Affekte wie Ärger, Feindschaft, Haß, Neid und Eifersucht nach und nach zu verstehen und abzubauen. Aber wie soll das gelingen?

Soziale Kompetenz darf nicht Lippenbekenntnis bleiben, sondern muß erarbeitet und alltäglich unter Beweis gestellt werden: Der Grundstock für ein vernünftiges soziales Miteinander wird in Erziehung und Partnerschaft gelegt und später auf Schule, Arbeitsplatz und Politik ausgedehnt. Eine humanistisch orientierte Pädagogik schlägt dazu Einübung der "einfachen Sittlichkeit" (Otto F. Bollnow) wie Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Kooperation, Mitgefühl und Takt vor. Denn erst darauf kann sich ein wahrhaft hohes Ethos entwickeln, das Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und Menschheitsliebe nicht nur phrasenhaft verkündet, sondern im Kleinen wie im Großen realisiert (Danzer, Rattner). Auf diese Weise ist es möglich, über die Besserung von Hautkrankheiten hinaus via 'Erziehung der Erzieher' und Selbsterziehung zum Fortschritt der Kultur -- unseren Kräften gemäß -- beizutragen: Das ist mit der 'sozialen Haut' gemeint.

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