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no. 12: haut -> perspektive
 

perspektive

Körperwelten

von Ina Jekeli

Zunächst: eine Ausstellung wie jede andere; die Warteschlange, die Kassen, der Eingangsbereich mit Katalogen, Verleih elektronischer Führer und Merchandising: Körperwelten auf Wandkalendern, Kaffeebechern und T-Shirts. Dann, eher technisch als künstlerisch orientiert, der Ausstellungsbereich: einführend die Darstellung des Plastinationsverfahrens auf einem Drehtisch. Eine Plazenta im Durchgang durch die Stadien des Verarbeitungsprozesses, Wasser wird durch Aceton, Aceton durch Kunststoff ersetzt. Es folgt der menschliche Körper in feinen, halbtransparenten Kunststoffscheiben, Längsschnitt, Querschnitt, frontal, im Profil. Präparate. Ebensogut könnten es reine Kunststoffmodelle sein, niemand würde einen Unterschied bemerken.

Einen Stock höher die zentralen Bereiche der Ausstellung. In Schaukästen die einzelnen präparierten Organe im Durchgang durch die Teile und Funktionssysteme des Körpers. Gesunde, kranke, fehlgebildete, chirurgisch reparierte. Daneben die bekannten und vielbeschriebenen Stücke. Ganze Menschen, längs in dicke Scheiben geschnitten, aus denen Knochen und Organe sich vorwölben, so daß man sehen kann, wie sie sich ineinanderfügen; ein Skelett und der dazugehörige Muskelmann im Gleichschritt; ein Mensch mit wehenden Muskel- und Nervensträngen; ein anderer, in allen Richtungen in seine Einzelteile expandiert, die Augäpfel vor den Schädelknochen vor dem Gehirn blicken erstaunt auf die schwebenden Bestandteile. Niegesehenes, mit Sorgfalt durch viele Schichten Verhülltes wird sichtbar.

Seltsamerweise ist es unter all dem Aufsehenerregenden gerade die Haut, das alltäglichste Organ des menschlichen Körpers, welches die größte Irritation hervorruft. Ohne sie fiele es leicht, die Exponate distanziert zu betrachten als bloße Modelle des menschlichen Körpers. Herz, Leber, Raucherlunge, Hirnblutung -- alles schon im Biologiebuch gesehen. Doch hier: neben dem eröffneten Hirn mit dem dunklen Blutungsbereich die Kopfhaut mit kurzem, stoppeligem Haar, dunkel, rötlich oder ergraut; darunter die blassen, festgeschlossenen Augenlider. An der Außenseite der festen, gekrümmten Niere die runzelige Haut im Übergang zwischen Rücken und Hüfte, die kleine, hilflose Speckfalte. Obwohl man diesem Menschen in alle Gedärme schauen kann, hat man plötzlich das Gefühl, etwas Ungehöriges erblickt zu haben, ihm zu nahe getreten zu sein. Allzu intime Details werden sichtbar; die harten, gewölbten Zehennägel, die Schwiele am Daumen, das glänzende, drahtige Haar an der Innenseite des Oberschenkels.

Es sind diese Details, die es unmöglich machen, das Betrachtete als bloßes medizinisches Präparat oder als Kunstobjekt zu sehen. Zu deutlich tritt hier, im Alltäglichen und gleichzeitig Intimen, die unabweisbare Tatsache hervor, daß da Menschen stehen, tote Menschen, Menschen, die einmal gelebt haben und nicht nur ihre Nieren, sondern auch ihre Speckfalten dem Blick der Öffentlichkeit entzogen; diesem Blick, dem sie jetzt schonungsloser präsentiert sind, als es sonst je ein Mensch sein kann.

Dies bleibt nicht unempfunden noch unbeantwortet. Bei aller Enge, Hitze und der Vielzahl der lebendigen Menschen, die sich um die Toten drängen, Erläuterungen lesen oder den Hörer des elektronischen Katalogs wie das Handy ans Ohr drücken, entsteht nicht die Atmosphäre einer Ausstellung oder gar einer Fußgängerzone. Man ist vielmehr in einer Kirche; die Menschen bewegen sich ruhig und andachtsvoll, die Stimmen sind gedeckt, und es bedarf keiner Absperrungen oder Glasscheiben, um die empfindlichen Körper vor ihren Betrachtern zu schützen.

Natürlich gibt es auch die, die anders reagieren; Jungmediziner, die eifrig der staunenden Freundin Erklärungen geben und deren Augen und Finger in alle Öffnungen und Höhlungen dringen; Verlegene, die mit erhöhter Stimme und hilflos-zynischen Bemerkungen Sicherheit suchen. Es gibt sie wie in jeder Leichenhalle und bei jedem Begräbnis. Und hier wie dort zerstören sie nicht die beherrschende Stimmung der Totenruhe, sondern tragen, als eine ihrer Facetten, dazu bei. Nicht jeder fühlt sich in der Gegenwart von Toten wohl in seiner Haut.

Denn diese schafft erst die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten, beiden gemeinsam und an beiden sichtbar. Für die Lebenden ist sie, im Blick und im Streicheln, im Geräusch der Fußsohlen auf dem Boden und im unverwechselbaren Duft des Geliebten, der direkteste Gegenstand wechselseitiger sinnlicher Wahrnehmung und gleichzeitig Hülle und Schutz des restlichen Körpers. Wäre nun an den Toten nur sichtbar, was man bei den Lebenden nicht sieht und umgekehrt, dann wäre die Grenze leicht zu ziehen, die Gemeinsamkeit verdeckt. So aber vereint die Haut, die beide tragen, Lebende und Tote und unterscheidet gleichzeitig die Toten von bloßen Ausstellungsobjekten, bringt sie den Lebenden näher und gibt ihnen ihre Menschlichkeit zurück -- ob einem das nun gefällt oder nicht.

 

autoreninfo 
Dr. Ina Jekeli, Jahrgang 1972, studierte Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Tübingen und Paris. Sie promovierte in Tübingen mit der Dissertation: Ambivalenz und Ambivalenztoleranz. Soziologie an der Schnittstelle von Psyche und Sozialität. Osnabrück 2002. Parallel war sie an der Uni Tübingen in einem Forschungsprojekt zur Heimerziehung taetig. Seit 2002 lebt sie in Amsterdam und arbeitet im Bereich der Familiendiagnostik und Supervision bei kommunikativen und familienstrukturellen Problemen. Ina Jekeli ist seit 1997 Mitglied der parapluie-Redaktion.

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