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no. 12: haut -> editorial
 

editorial

Die Haut wirft in ihrer Besonderheit als äußere Hülle Fragen nach dem Verhältnis von innen und außen, von Grenzziehung und Öffnung auf. Da kommt uns jemand zu nah, rückt uns auf die Pelle, so daß wir uns nicht mehr wohlfühlen in unserer Haut. Vielleicht fahren wir sogar aus der Haut, möchten dem anderen das Fell über die Ohren ziehen.

Kein anderes Organ des menschlichen Körpers dient so vielen -- biologischen, kulturellen und sozialen -- Funktionen. Zunächst und trivialerweise ist sie eine Hülle, schützt vor Verletzungen, wärmt und grenzt ab. In dieser Funktion ermöglicht sie zugleich Wahrnehmung und Kontakt; die Haut ist das erste, was wir am anderen wahrnehmen, woraus wir Schlüsse über seine Person ziehen; und über die Haut nehmen wir mit der Außenwelt Kontakt auf, spüren den Boden unter den Füßen, die Sonne auf dem Rücken, den Wind im Gesicht.

Doch die Haut nimmt nicht nur wahr, sie gibt auch preis, zeigt dauerhafte Merkmale und momentane Empfindungen, selbst die, die wir gerne verborgen hätten. Im Erröten und Erblassen, in trockener, feuchter oder fiebriger Haut kommunizieren der Körper und die Seele an unseren Intentionen vorbei, äußern sich, ohne uns zu fragen. Zugleich steht die Haut auch der bewußten Kommunikation zur Verfügung; in der Sinnlichkeit eines Streichelns wird Intimität erzeugt, und ein Schlag brennt noch lange, auf der Haut wie auf der Seele. Lust und Schmerz werden über die Haut kommuniziert wie Wärme und Kälte.

Darüberhinaus hat die Haut nach außen hin Zeichencharakter. Sie gibt Auskunft über Gesundheitszustand und Stimmungen, über das Alter und manchmal auch die kulturelle Herkunft.

Damit wird sie zugleich zur Chronik unseres Lebens, ob wir es wollen oder nicht: Prägende Erfahrungen schreiben sich physisch als Falten und Furchen in unsere Haut. Diese Einschreibungen sind nicht nur durch den natürlichen Alterungsprozeß der Haut bedingt, sondern auch kulturell beeinflußt: Sie können einen besonders hohen sozialen Status begründen, resigniert als Zeichen verlorener Jugend hingenomen oder durch kosmetische und chirurgische Manipulationen vertuscht werden.

Auch darin zeigt sich, daß die Haut nicht ein statisches Element ist, sondern kontinuierlichen Metamorphosen unterliegt. Sie erneuert sich unablässig, schuppt sich ab, wächst von innen nach und wandelt sich dabei allmählich von der zarten Baby- zur gefurchten Greisenhaut; sie macht Übergänge von Gesundheit und Krankheit mit, ja von Leben und Tod und unterliegt noch im Prozeß der Verwesung ihrer letzten Verwandlung. Häutung, bei Reptilien ein einmaliger Akt der Veränderung und Erneuerung, existiert beim Menschen gewissermaßen nur in Zeitlupe; oder sie wird in symbolischen Prozessen repräsentiert, bei denen an der eigenen Haut eine plötzliche, dauerhafte und umfassende Metamorphose vollzogen wird, wie etwa eine großflächige Tätowierung. Hier wird auf der lebendigen Haut das Zeichen gesetzt, daß da nun ein anderer ist, daß sich mit der äußeren Hülle auch das Innere gewandelt hat.

Innen und Außen -- an der Haut wird beides getrennt und zugleich verbunden. Kein anderer Teil des Körpers ist wie die Haut dazu geeignet, das Ganze zu repräsentieren, den Körper, die Seele, die Identität. Das wird auch an den vielfältigen Hautmetaphern deutlich, die oben bereits angeklungen sind. Natürlich werden auch andere Körperteile metaphorisch verwendet und symbolisch aufgeladen -- man denke nur an das Herz -- doch die Bedeutung bleibt meist recht spezifisch: Wir haben Schmetterlinge im Bauch, einen Kloß in der Kehle, es sträuben sich die Haare und etwas schlägt auf die Leber -- durchgängig recht klar umgrenzte Empfindungen. Wenn uns aber etwas unter die Haut geht, dann kann das Freude oder Begeisterung ebenso sein wie Schreck, Schmerz oder Trauer.

In der Systemtheorie wird nicht ohne Grund das System über seine Grenze definiert. Das gilt nicht nur räumlich, sondern auch im Hinblick auf die Art der Grenze, ihre besonderen Merkmale und Qualitäten. Haut steht nicht nur für sich selbst, und auch nicht nur für ihre biologischen Funktionen. Wenn es um die eigene Haut geht, ist nicht nur der Körper betroffen, sondern die Identität. In der Verbindung aller genannten Merkmale, Schutz und Hülle, Wahrnehmung und Wahrnehmbarkeit, Entäußerung und Kommunikation, Zeichen und Chronik steht die Haut für die Gesamtperson. All dies sind Merkmale je individueller Identität, aber auch unserer kollektiven anthropologischen Identität.

Der Haut in dieser komplexen Qualität als Trägerin von Identität ist diese zwölfte Ausgabe von parapluie gewidmet. Der Haut als natürlichem wie als kulturellem Zeichen; der Haut, die literarisch besungen, gemalt, für ihre Schönheit gepriesen, gestreichelt und umarmt wird. Der Haut, die, wie das meiste an uns, auch eine kulturelle Konstruktion ist. Die Redaktion wünscht viel Freude beim Nachdenken über Haut, und nicht zuletzt über die eigene Haut. Wir hoffen, daß es Sie dabei mit Haut und Haaren packt -- genauso wie uns.

Anke Bahl
Ina Jekeli

 

autoreninfo 
Anke Bahl stammt aus dem Norden Deutschlands und studierte Empirische Kulturwissenschaft, Germanistik und Romanistik in Tübingen und Eugene, Oregon. Inzwischen ist sie im Rheinland zu Hause und lebt in Bonn. Nach Tätigkeiten im Bereich der Medienforschung und Europäischen Jugendbildung ist sie nun schon viele Jahre in der Beruflichen Bildung unterwegs. Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Betrieblichen Bildung und Ausbildungskultur. Verschiedene Veröffentlichungen.

Dr. Ina Jekeli, Jahrgang 1972, studierte Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Tübingen und Paris. Sie promovierte in Tübingen mit der Dissertation: Ambivalenz und Ambivalenztoleranz. Soziologie an der Schnittstelle von Psyche und Sozialität. Osnabrück 2002. Parallel war sie an der Uni Tübingen in einem Forschungsprojekt zur Heimerziehung taetig. Seit 2002 lebt sie in Amsterdam und arbeitet im Bereich der Familiendiagnostik und Supervision bei kommunikativen und familienstrukturellen Problemen. Ina Jekeli ist seit 1997 Mitglied der parapluie-Redaktion.

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