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no. 6: x. generation -> perspektive
 

perspektive

"Was du wolle?"

von Thomas Wägenbaur

Früher hieß es auf Autoaufklebern ganz korrekt: "Alle Menschen sind Ausländer", heute ganz unkorrekt: "Wo du wolle?" So hat man Verkehr mit seiner Gesinnung, ob Aktion Sühnezeichen oder Taxifahrer in Iserlohn. Die Ausländer brauchen keine Anwälte mehr -- vielleicht brauchen die Anwälte dringend neue Ausländer. Kanak-Sprak ist in und Verona Feldbusch peepst: "Ich habe fertig". Nach Gastarbeitern, Mauerfall und Bosnien-Krieg oder auch durch Globalisierung, Multimedia und Last-minute- Reisespaß ist auch in der Bundesrepublik die Dialektik vom Eigenen und Fremden ins Rutschen gekommen, und fast schon ist der Nationalismus auf dem Balkan nicht mehr nachzuvollziehen. Nach drei Ausländer- und drei Nachkriegsgenerationen ist beides falsch: das Erbsenzählen der Generationen und das der ihr Zugehörigen. Jeder wird "nach seiner eigenen Façon glücklich" -- und das war preußisch! Keiner weiß, wie lang das anhält ...

Nicht ins Bild der Erbsenzähler paßt die Satire der zweiten über die erste Generation, wie in Osman Engins Kanaken Gandhi: Der Vater läßt sich als Fabrikarbeiter ausbeuten, obwohl er lieber einen Obstladen hätte, fährt Ford Transit, leidet unter Magengeschwüren, der zeternden Frau, dem linksradikalen Sohn und Minderwertigkeitsgefühlen und soll auch noch als Asylbewerber abgeschoben werden. Da hat er sich seit dreißig Jahren angepaßt und verliert nun seinen Job, versucht es mit Bestechung und Scheinehe, besetzt sogar ein Atomkraftwerk und wird trotzdem verhaftet, gefoltert, abgeschoben -- und das auch noch nach Indien. Engin ist nicht politically correct und braucht es auch nicht zu sein. Das writing back beherrschen sie heute alle, egal welcher Generation sie angehören: Sie schreiben an gegen die Umwelt (und sei sie deutsch), gegen die Eltern (und seien sie türkisch) oder gegen die Humorlosigkeit (und sei sie dialektisch). Ihre Muttersprache ist ihnen zwar fremd: "Deutsch ist meine Muttersprache, obwohl es nicht die Sprache meiner Mutter ist" (Alev Tekinay, Nur der Hauch vom Paradies), aber dafür wird das Pidgin-Deutsch kultiviert: "Ich Osman Engin, du schicken Brief, ich kommen, Jane und Chita warten draußen vor Tür. Huga, huga!" (Kanaken Gandhi). Und alle haben sie erkannt, was auch der Inländer wissen sollte: "Wer oder was man ist, kann man sich nicht aussuchen, das entscheiden die anderen" (Zafer Senocak, Gefährliche Verwandtschaft). Bei Salman Rushdie hieß es: "They have the power of description, and we succumb to the pictures they construct." (Die satanischen Verse , the "manticore" im Kapitelle Ellowen Deeowen). Diese Literatur ist der postkolonialen verwandt: Sie ist hybrid und emergent, sie ist neu und auf keine Nationalliteratur mehr zu reduzieren.

Vorbei sind die Zeiten des Multi-Kulti-Gedöns, wo der Deutsche für den "armen, aber herzensguten Türken Ali" (Feridun Zaimolglu, Kanak Sprak) Partei ergriff. Kein Ausländer macht mehr das Opfer, das es zu beschützen gilt. Nach dem Krieg herrschte noch die Doktrin der Entfremdung, dann kam die Hysterie der Überfremdung. Wir sollten wissen, was es jetzt braucht, ein gewisses Befremden: "Ego and Alter mirror each other pretty well -- Alter alters Ego not too much, but tells Ego what both are." (Victor Turner). So kann das Paradox der Unterscheidung zwischen fremd und eigen selbst in den Blick geraten:

Die 'Generation' von Kultur kommt in der Gesellschaft dadurch in Gang, daß diese sie qua Kultur zwar ihren Zustand konstatiert, aber in diesem Konstatieren ihn immer schon performativ überwindet. Kultur findet in der Gesellschaft auf einer Ebene statt, auf der diesesie ihre Beobachtungen erster einer Beobachtung zweiter Ordnung unterzieht (Niklas Luhmann, "Kultur als historischer Begriff", in: Gesellschaftsstruktur und Semantik IV). In der Sprache vom Eigenen und Fremden hieße dies: Wer aus einer 'Kultur' ausgeschlossen wird, der erweist sich bald darauf als einer, der gerade deshalb dazugehört, weil jede Gruppe ihre Identität nur durch Ausschluß definieren kann. (siehe Franz Kafkas Parabel "Gemeinschaft"). Die 'Generation' der Kultur oder ihre kulturelle Dynamik besteht also in der Entfaltung der paradoxen Einheit ihrer Unterscheidungen, sei es Ego/Alter, Kultur/Unkultur oder -- um beim Kanaken Gandhi zu bleiben: Alltag/Satire. Über angebliche kulturelle Werte können wir uns streiten, aber nur der Streit -- und nicht nur einer der Streitpunkte, national, ethnisch, religiös etc. -- wird nachträglich einer Kultur zugerechnet werden können. In einer Hinsicht gilt so für die Generationen der Gegenwart, was Ilija Trojanow für das Internet behauptet: "Im Internet herrscht schon Zukunft -- es gibt keine Ausländer, jeder ist drinnen." (Süddeutsche Zeitung, 22./23./24. Mai, 99). In einer anderen symptomatischen Hinsicht verlagert der Satz dann das Problem: Ausgrenzung findet heute weniger über die Generationen verschiedener Territorien als über Zugang oder Nicht-Zugang zu interaktiven Medien statt. Wäre die Welt tatsächlich total medial vernetzt, gäbe es wohl keine Kriege mehr, weil der individuelle Austausch über die Fronten hinweg zu rasch erfolgte und jedwede Ideologisierung bzw. Gruppenbildung unterliefe. Aber man ist sich auch hier nicht sicher, ob das zu schön ist, um wahr zu sein., ist. Denn was liefe denn, ohne die kollektivierenden Vereinfachungen 'Generation', 'Nation', 'Ethnie' etc.? Es braucht eben beides, Differenz und Identität, nur sollte es nicht gleich zum Krieg kommen. Schön wärs!

 

autoreninfo 
Prof. Dr. Thomas Wägenbaur M.A. in Komparatistik, University of California/Berkeley; Ph.D. in Komparatistik, University of Washington/Seattle, 2000-2009 Prof. of Cultural and Cognitive Studies und Director of Liberal Arts an der International University in Germany/Bruchsal. Zur Zeit freier Dozent und Kommunikationsberater. Veröffentlichungen zu Literatur-, Kultur- und Medientheorie. Forschungsschwerpunkte: natürliche vs. künstliche Sprachverarbeitung (Philosophy of Mind); Postkolonialismus und Globalisierung; Kognition in der Entscheidungstheorie.

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