editorial

Die X. Generation, das sind die Grenzgänger, die Nichtklassifizierbaren und sich jeglicher Einteilung Entziehenden. Es sind die kulturellen Doppelagenten, die, mehr als nur eine Sprache, Kultur und Weltanschauung im eklektischen Gepäck, dem Entweder-Oder, dem Hüben und Drüben und dem Schwarz und Weiß des kategoriensüchtigen Alltagsdenkens Paroli bieten, das ohne die Unterscheidung von fremd und eigen meist nicht auskommen kann. Nicht türkisch nicht deutsch, nicht afrikanisch nicht amerikanisch, nicht asiatisch nicht europäisch, nicht Inländer nicht Ausländer und doch all' dies zugleich, stellen sie die Oppositionen und Denkmuster auf den Kopf, an denen sich die Idee der kulturellen Identität auch kurz vor Beginn des 21. Jahrhunderts zumeist noch messen muß. Jenseits ethnischer Zuschreibungen und festzulegender Nationalitäten öffnen sie die Grenze nicht als Trennlinie zwischen fein säuberlich von einander zu unterscheidenden kulturellen Lebensräumen, sondern als Ort, an dem das stets Neue zu Tage tritt, im Austausch wie im Zusammenprall des scheinbar nicht zu Verbindenden. Wider die Fundamentalismen ethnischer und nationaler Identität, die stets auf Ausgrenzung und damit letztlich auf Gewalt beruhen, wandert so die Grenze ins Zentrum der gesellschaftlichen Dynamik und erweist sich als konzeptueller Ort, an dem sich die Differenzen vermischen und Kultur sich als dynamischer Wandel zeigt, der sich jeglicher statischer Reduktion widersetzt: heteronom und hybrid, überraschend und veränderlich, explosiv und unerwartet.

Jenseits der beruhigenden Differenzen des Multi-Kulti Modells, in dem der Türke auf Gedeih und Verderb in der Dönerbude und die Chinesin im Restaurant verblieb, während der und die Deutsche (in Lederhosen und/oder Ostfriesennerz?) ungefährdet fremdeln konnte, werden hier die gesellschaftlichen Zuschreibungen aufs Spiel gesetzt und geraten die starren Unterscheidungen unaufhaltsam ins Rutschen. Die Angehörigen dieser Grenz-Generation führen so auch den herkömmlichen Generationenbegriff ad absurdum, denn es kann hier schließlich um keinen Grad der Assimilation oder der Fremdheit, um kein von Generation zu Generation fortschreitendes Verschmelzen mit den tradierten Diskursen welcher dominanten Kultur auch immer gehen.

In der X. Generation wird der Spieß umgedreht und 'zurückgeschrieben', gegen den 'verschubladisierenden Blick', der alles Fremde ins xenophobe Korsett der Klischees einschließt. Kanaken, Kümmel und Omabeklauer gehen zur Attacke über, schreiben sich die Stereotypen der aufgezwängten Fremdrepräsentationen auf die eigenen Fahnen und entlarven so die ideologische Konstruiertheit und Absurdität der Diskurse über die Identität des Eigenen und der Anderen. Andere haben längst als Unternehmer Erfolg und stehen postmodern und selbstbewusst jenseits der bitteren Erfahrungen noch der 2. Generation. -- Die X. Generation hat viele Gesichter.

Gelebt wird so notwendigerweise in den stets neu zu erfindenden "Heimatländer(n) der Phantasie" (Salman Rushdie), die sich an keine nationalen, ethnischen und politischen Grenzen mehr halten und den traditionellen Begriff von Heimat aufgeben. Wer auf der Grenze lebt und in keine gängigen Identitätsmuster mehr paßt, der kommt in der Fremde nicht an und kann in die Heimat nicht zurück, der muß sein Glück im Wandel suchen. Identität wird so durch kein Wir-Gefühl mehr aufgefangen, das das Fremdbleiben des vermeintlich Eigenen durch die Projektion aller Ängste, Wünsche und paranoiden Vorstellungen auf den unsichtbar gemachten Anderen übertünchen könnte.

Man mag sich vielleicht in einer immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Situation nach einer Vereinfachung der Positionen sehnen und nach einem Ersatz suchen für die Zeiten des Kalten Krieges, als man zwischen Freund und Feind, 'uns' und 'denen' scheinbar noch so einfach zu unterscheiden wußte. Doch während die 'Neue Welt' weit davon entfernt ist, in 'Ordnung' zu sein, kann nicht länger in Frage stehen, daß man wird lernen müssen, mit Komplexität umzugehen, ohne sie zu Stereotypen zu reduzieren. Das beängstigende Szenario ethnischer Konflikte in Verbindung mit der ökonomisch provozierten Migration der sogenannten 'Dritten' in eine sich taub-stumm stellende 'Erste' Welt, sowie einer Globalisierung, die sich weitgehend auf die homogenisierenden Prozesse einer internationalen Konzernkultur beschränkt, läßt da kaum eine andere Wahl. Im unentwegten Übersetzt-sein einer Grenz-Position, die aus verschiedenen und widersprüchlichen kulturellen Zusammenhängen schöpft und, fremd und eigen zugleich, aus den beiden Seiten der Identitätsgleichung ein Drittes und Neues macht, liegt somit vielleicht die Chance für die interkulturelle Gesellschaft, dem Teufelskreis aus Fremdenfeindlichkeit und ethnischen Konflikten zu entgehen, die von L.A. bis zum Kosovo und von Berlin bis Ruanda den Globus überziehen.

Die Idee der ethnisch reinen Kultur und Nation war schon immer ein gefährliches Hirngespinst, das ideologische Sicherheit um den Preis von Mord und Gewalt versprach. Während die Gesellschaft der Gegenwart sich weiterhin mit diesem konzeptuellen Erbe auseinandersetzen muß, ist die Notwendigkeit seiner Überwindung für niemanden ernsthaft mehr zu übersehen. Der Weg dazu beginnt bei der Fremdheit im eigenen Kopf.

Alexander Schlutz


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ISSN 1439-1163,URL:https://parapluie.de/archiv/generation/editorial/
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