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no. 6: x. generation -> abstrich
 

abstrich

Mein Gott, die Kerzen ...

von Franz Neige

Der Brehm's Tierleben der Musikszene bedarf einer Erweiterung. Nicht, daß es da nicht schon genügend grell gewandet schräge Vögel gäbe, ... doch ein Begriff dominiert verdächtig hartnäckig die Gedanken der Macher: die Ambi Ente. Wir finden dieses Tier vor allem an idyllisch-lauschigen Plätzen, die zum Träumen einladen. Sollte es ein solcher Platz geschafft haben, ein paar Jahrzehnte lang von den Metropolen übersehen worden zu sein -- keine Sorge: wir alle dürfen hoffen, daß ein vor Ideen strotzender Macher diesen Platz anläßlich einer Urinierpause oder anders gelagerter Aktivitäten finden und zu einem kulturellen Zentrum ausbauen wird. Lange genug ist darüber nachgedacht worden, was Programmgestaltung ausmacht. (Solistenkonzerte immer vor der Pause -- die Sümmfonih danach.).. Wir alle wissen: Das hat zu nichts geführt, außer eben zu Solistenkonzerten vor der Pause. Es ist an der Zeit, das Pferd andererseits zu besteigen. Nicht der Inhalt zählt -- die Verpackung macht's. Also raus mit der Klassik auf die Dörfer. Provinz ist das längst nicht mehr. Wie beim Film werden Motivspäher ausgesandt und suchen, was eh längst da, aber eben nicht marketing-mäßig abgefeiert worden ist. Eine Abtei muß her mit dem passenden Kreuzgang. Keine Musik ohne das passende Umfeld. Und nicht vergessen: Wo ist denn hier der Starkstromanschluß?! Die Ambi Ente ist ein anspruchsvolles Tier, das sich weiß Gott nicht in jeder Umgebung wohlfühlt. Die Ornithologen wollen das seltene Tier schützen, aber parken können muß man in höchstens 154,8 Metern Entfernung. Und daß mir bitte kein Schlamm da liegt -- der setzt sich fest in Schuhritzen und wird bei der Abfahrt ungern mit in den hauseigenen Daimler genommen. Da kann man sich dann in der Waschstraße nicht mehr blicken lassen, denn der Staubsauger kostet extra. Wie gesagt: Die Ambi Ente ist wählerisch. Ist die Brutstätte aber einmal gefunden, gibt es kein Problem mehr. Ein Festival muß her. Wir mieten ein Ostblockensemble. Die machen's billig. Der Hunger treibt sie rüber. Merke: Bei der Einquartierung kein Frühstücksbuffet -- die stopfen sich die Taschen voll und leben den ganzen Tag davon. Empfehlung des Hauses: 2 Brötchen (notfalls die von gestern), die Butter portionieren -- 2 Scheiben von irgendwas, das man für Aufschnitt halten könnte usw. Dafür mehr Sorgfalt bei der Verköstigung der abendlich auflaufenden Pelztierträger. Für die Ehrengäste das Ganze natürlich umsonst, dafür bei den anderen die Preise eine Kleinigkeit anheben.

Was wird denn eigentlich gegeben: Keine Ahnung -- das kommt später. Vielleicht zwei Jahreszeiten -- vier sind einfach zu viel. Musical -- jaaaaaa: Musical. Memories wird immer wieder gern genommen. Dann aber auch an die Wunderkerzen denken. Keine Memories ohne Wunderkerzen. In der Loge gratis -- dafür bei den anderen die Preise eine Spur anheben. Und natürlich die Presse nicht vergessen. Das eine oder andere Kartengewinnspiel. Zusammen mit der örtlichen Presse. Die wollen das Gefühl haben, daß sie dazugehören. Die Karten werden gestiftet -- dafür die Preise eine Kleinigkeit anheben. Der Sponsor wird das verstehen. Da hatten wir uns ja auch einen netten Spruch ausgedacht. Da war doch eine Bank -- also bitte: ein 1000er und drunter steht: Kröten direkt vom Züchter. Notieren: Die Größe des Ausschnitts im Kleid der Sopranistin vertraglich festlegen. Es gibt nichts Erotischeres als im Abendwind sich fröstelnd aufbäumende Brustwarzen im Feldstecher. Die Feldstecher in der Loge gratis. Dafür den Preis eine Kleinigkeit anheben. Dafür sorgen, daß die Agentur gut wegkommt. Ein zufriedener Agent ist wichtiger als ein guter Musiker. Und die Polen machen's billig. Manchmal ein bißchen zickig in Sachen Ausschnitt. Da hinten ist man ja noch fromm. Der Platz jedenfalls ist herrlich -- das wird auf Jahre hinaus funktionieren. Vielleicht kann man irgendwo ein paar sterbenskranke Kinder auftreiben, und dann soll mal einer den Porsche anrufen -- oder heißt der Carrera. Jedenfalls: Der steht jedenfalls auf sowas.

Getränke sind wichtig. Wenn man das Glas für 15 Mark anbietet, kann in der Loge frei geliefert werden. Vielleicht beim ersten Mal für einen guten Zweck spielen: also für die eigene Tasche. Das müßte man aber anders formulieren -- sonst zieht es nicht. Also: Was ist in? Kinderporno ist so in wie nie. (Darüber macht man keine Witze -- nicht mal im Traum). Also vielleicht spielen wir für Therapieplätze für Täter. (Das ist gut!) Dann aber bitte: die Macht des Schicksals. Genial! Die Macht des Schicksals. Nicht vergessen: die öffentliche Hand. Da ist natürlich Multi--Kulti angesagt. Also vielleicht mit einem Chor aus Tansania und dann in friesischer Mundart. Unheimlich völkerverbindend. Und die Bühne wird von Asylanten farblich gestaltet. Die könnten am Ende auch die Karten abreißen. Und wer was einsteckt, wird abgeschoben: aber sofort! Wie gesagt: Die Wunderkerzen -- das lehrt die Erfahrung -- dürfen nicht fehlen. Schicksal und Wunderkerzen, das ist ohnehin ein feststehendes Begriffspaar. Oder etwa nicht? Und dann -- Bitte -- diesmal die Ureinwohner nicht vergraulen. Das kommt schlecht. Die sollen schon das Gefühl haben, daß sie herzlich willkommen sind. Und schließlich: Ein bißchen Staffage muß schließlich sein. Wie wär's mit einem Feuerwerk am Schluß? Das ist natürlich ganz besonders gut. Das zieht. Man stelle sich vor: Früher gab es Veranstaltungen, da wurde tatsächlich nur Musik gemacht. Unvorstellbar, daß da jemand hingegangen ist. Geradezu grotesk. Oder etwa nicht?

Mindestens fünf Wochen vorher die erste Pressekonferenz. Da muß dann das Catering stimmen. Das Infomaterial erst ganz am Schluß abgeben. Denen aber vorher schon sagen, daß sie nachher alles schriftlich bekommen. Dann brauchen sie nicht hinhören und können sich ganz auf's Essen und Trinken konzentrieren. Über eine Schirmherrschaft sollte nachgedacht werden. Wie wär's mit Menuhin? Was? Tot istder? Na, das kann aber soo lange auch noch nicht her sein. Wer bleibt denn dann noch. Übrigens -- ganz wichtig: Plakate in die Golfclubhäuser. Nein -- besser nicht. Plakate sind zu profan. Einladungen auf handgeschöpftem Büttenpapier. Das ist schon besser. Was die Musik angeht: morgen mal einen Termin machen und dann Brain-Storming. Mozart auf dem Lande -- sowas in der Art muß her. Wie wär's denn mit "Bach am Rhein"? Sagenhaft ist das. Nur -- Bach? Das zieht ja wohl kaum jemanden hinter dem Ofen weg, oder? Bach -- viel zu esoterisch. Aber Esoterik ist doch in. Nicht esoterisch ist der -- elitär. Das geht nicht. Musical oder Mozart. Und dann mal bei den entsprechenden Agenturen anrufen. Ein Ostblockorchester muß her. Und was den Preis angeht: hart bleiben. Die Location ist auf jeden Fall ein Traum. Einfach super.

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