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no. 18: die jüngste epoche -> ndw-nachfolger
 

"Ich bin in guter Laune, in einer üblen Gegend"

Die Neue Deutsche Welle und ihre Nachfolger im Geiste

von Jörg von Bilavsky

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* druckbares

Bis heute wird die Neue Deutsche Welle von ihren intellektuellen Kritikern aus Feuilleton und Musikpresse als oberflächlich und inhaltsleer gescholten. Läßt man jedoch die veröffentlichte Meinung und die von der Plattenindustrie errichtete Fassade hinter sich, so entsteht ein weitaus komplexeres Bild dieses seit längerer Zeit so erfolgreichen Retrophänomens. Hinter vielen NDW-Songs verbirgt sich eine geistige Grundhaltung, die den Thirtysomethings auch heute noch über existentielle Krisen hinweghilft: der Zynismus als Selbstbehauptungsstrategie angesichts einer "gebrochenen, überkomplizierten und demoralisierenden Weltlage" (Sloterdijk).

 

Mit nur einer einzigen Liedzeile traf die Düsseldorfer NDW-Band Fehlfarben auf ihrer 1983 erschienenen LP Glut und Asche den Nerv jener Zeit, deren musikalische Hinterlassenschaft nicht zuletzt Interpreten wie Nena und Falco geprägt haben. Da sich derartige Momente der Selbstexplikation im 'Neuen Deutschen Schlager' aber eher selten finden, verließ die Kritik der Feuilletonredakteure und Musikexperten selten die Oberfläche, auf der sich auch viele der von ihnen kritisierten Songs bewegten. Zitat Frank Laufenberg:

"Die Neue Deutsche Welle -- NDW genannt -- gilt als deutschsprachige Erscheinungsform des New Wave. Vereinfacht könnte man sie allerdings auch lediglich als neue Hintergrundmusik für alte Texte bezeichnen, denn Gedankenanregungen gingen davon wenig aus."

Sieht man einmal davon ab, daß dieses Urteil genau betrachtet kaum aufrecht zu erhalten ist, bleibt vorab festzustellen: Diejenigen der zwischen 1960 und 1970 Geborenen, die seit Mitte der neunziger Jahre NDW-Partys besuchen und samstags nichts Besseres zu tun haben, als Die 80er Show mit Oliver Geißen zu sehen, erwarten statt Gedankenanregungen wiedererkennbare Stimmungen, Situationen oder Erfahrungen. Als besonders kaufkräftige und von der Schallplattenindustrie als überdurchschnittlich kaufwillig eingestufte Klientel genießen sie mehr denn je die bunte Fassade und feiern ihren 'Kanon der Unbeschwertheit'. Sie retten die Erinnerung an ihre Jugend, die trotz äußerer Krisenmomente (Umweltverschmutzung, Atomkraft, Aufrüstung) von Wohlstand und sozialer Sicherheit geprägt war, in die derzeit von Existenzsorgen und lähmender Zukunftsangst vergiftete Atmosphäre. Der Blick über die bisher zurückgelegten Lebensphasen und der erfolgreiche Abschluß der Adoleszenz verleiht privat jene Sicherheit, die Wirtschaft und Politik augenblicklich nicht zu bieten haben. Die von den Medien ins Gedächtnis zurückgerufenen Erlebnisse werden somit zu alltagsstabilisierenden und verhaltensrelevanten Haltepunkten. So erklärt sich auch der Erfolg von Florian Illies' Bestseller Generation Golf, in dem ein Loblied auf die Entideologisierung und Entpolitisierung angestimmt und das gesellschaftlich korrekte Konsumgebaren als einzig verbindliche Wertorientierung definiert wird.

Aber nicht nur ökonomische und mentale Aspekte spielen eine Rolle. Auch der sich im jugendlichen Alter formende Musikgeschmack kann die Sehnsucht nach alten Melodien und Texten erklären. Möglicherweise liegt die Attraktivität der deutschen Popmusik damals und heute in der Rückbesinnung auf deutschsprachige Texte, die ja auch jetzt wieder Konjunktur haben. Was der NDW an Ernsthaftigkeit und poetischen Ambitionen größtenteils fehlte, findet sich nun in den Zeilen von Blumfeld, Tomte und anderen Vertretern der 'Neuen Deutschen Wellenreiter'. Zu den Zielgruppen dieser Bands zählen neben den Twens heute bemerkenswerter Weise auch die 'Thirty-somethings'. Die Musik und die Texte dieser Gruppen bestärken die Fans nicht nur in ihrer illusionslosen Wahrnehmung der Gegenwart, sondern auch in ihrer selbstgerechten Nabelschau. Mal mit mehr, mal mit weniger zeitkritischem Tiefgang, fast immer um die eigenen emotionalen und sehr privaten Befindlichkeiten kreisend und häufig durchsetzt von kaum reflektierten Beobachtungen und Zitaten.

Stilistische Parallelen zur Neuen Deutschen Welle in der aktuellen deutschsprachigen Popmusik sind noch am ehesten bei dem Quartett Wir sind Helden zu beobachten. Mit ihrem Album Die Reklamation bricht weder die Politisierung des Pop im Geiste deutscher Liedermacher noch das Banal-Komische durch. Allgemeine Zeit-, Medien- und Alltagsphänomene werden in Zitate, Redewendungen oder Schlagwörter gegossen und syntaktisch wieder so montiert, daß neue, oft entlarvende Sinnzusammenhänge entstehen. Der so geschaffene Raum zwischen Subjekt und Objekt wird von jener Ironie ausgefüllt, mit der sich die 'Thirty-somethings' in ihrer jetzigen Lage identifizieren können. Ob die Platte allerdings "Mut zur Revolte" macht, wie die mit ihrem stimmlichen Charme an Nena erinnernde Sängerin Judith Holofernes in einem Interview meint, ist fraglich. Zutreffender beschreibt wohl ihr Bandkollege Pola Roy die gesellschaftspolitische Funktion der Popmusik: "Wenn man jetzt etwas verändern will, muß man sich an der Realität orientieren und feinjustieren."

Florian Illies allerdings bestreitet in seinem 'Zeitgeist-Panoptikum', daß Musik für die Generation Golf noch eine tiefere geistige oder verhaltensrelevante Bedeutung besitzt. Musikgeschmack ist für ihn willkürlich und damit sogleich Ausdruck freier Selbstbestimmung:

"Zwischen Techno, Tom Waits, Oasis und Xavier Naidoo, zwischen Michael Jackson und Dieter Thomas Kuhn ist unglaublich viel Platz im Gehörgang. Die große Toleranz unserer Generation hat zu einer völligen Auflösung von alten Sicherheiten und Codes geführt, wie sich in jeder Disco am Ende der Neunziger Jahre beobachten läßt."

Mit der von ihm konstatierten Beliebigkeit im Musikgeschmack der Generation Golf kann der Erfolg des deutschsprachigen Pop und des NDW-Revivals in unseren Tagen kaum plausibel erklärt werden. Eher noch scheint Tobias Asche vom Elektro-Punk-Duo Spillsbury die Publikumswünsche richtig zu deuten, und zwar als lustvolle Spiegelung sozialer Erfahrungen:

"Schätze mal, daß andere Leute ähnliche Dinge erlebt haben und deswegen von den Texten direkt angesprochen werden. Auch wenn meistens keine Lösung angeboten wird, fühlt man sich dann irgendwie zugehörig: Ich bin nicht allein damit."

Und hierbei spielt die deutschsprachige Musik heute wie damals ihren entscheidenden Trumpf gegenüber der sonst so dominanten angloamerikanischen Konkurrenz aus. Durch ihre unmittelbare Verständlichkeit befriedigt sie soziale wie emotionale Bedürfnisse und trägt dazu bei, den normativen Druck des Alltags zu kompensieren. Der Hörer kann sich der Wirklichkeit entziehen, ihr mit offen zur Schau getragenem Protest die Stirn bieten oder ihr mit zynischer Geisteshaltung begegnen. Viele der als 'Schlagerkapellen' etikettierten NDW-Bands teilten die letztgenannte Position ihrer Hörer und gaben ihr musikalisch Ausdruck. Hört man die meist wegen eines einzigen Hits erstandenen LPs bis zum letzten Ausläufer der Endlosrille, stößt man auf Lieder, die ein überraschendes Licht auf die NDW werfen und das Retrophänomen verständlicher machen.

Eingängige Melodien, stereotype Akkorde und tanzbare Rhythmen unterlegen die vorwiegend auf Hedonismus und Beziehungsprobleme reduzierten Texte. Eine ironische Brechung gewinnen die Songs jedoch, wenn die sprachliche Botschaft plötzlich die von der Melodie erzeugten positiven Emotionen konterkariert. Und hierin liegt die eigentlich subversive und aktuelle Kraft der fast durchweg als oberflächlich gescholtenen NDW. Gerade wegen ihrer einfachen formalen Mittel unterläuft sie die Anfang der 80er Jahre aufkommende Betroffenheits- und Protestrhetorik der Umweltschützer, Atomkraft- und Rüstungsgegner. Viele der 'Schlagerkappellen' sind sich der allgemeinen Krisenmomente mindestens ebenso bewußt wie die Anhänger der rastlos agierenden und debattierenden Bürgerbewegungen. Den als menschenfeindlich empfundenen Verhältnissen begegnen sie jedoch nicht mit politischem Engagement, sondern mit einer Vielzahl sprachlicher und musikalischer Formen, mit denen sie die Krise an sich selbst und dem Hörer quasi abperlen lassen.

Einige Beispiele, die eine noch ausstehende Typologie der NDW-Texte nicht ersetzen können, sollen zeigen, welchen Charakter der Zynismus einiger Bands in den 80er Jahren angenommen hat und mit welchen ironischen Stilmitteln operiert wurde. Das karnevaleske Stimmungslied tauchte ebenso auf wie die dadaistisch anmutende Unsinnsproduktion und räumte mit alten Hör- und Denkgewohnheiten auf.

Gruppen wie Geier Sturzflug, die heute nur noch in Bierzelten und Stadthallen für gute Stimmung sorgen, greifen die seit Ende der 70er Jahre schwelenden Themen der Zeit schlagwortartig auf und geben ihnen in ihrem Lied Pure Lust am Leben eine fatalistisch-fröhliche Note, die weder Betroffenheit hervorruft noch zu politischem Engagement anhält:

"Verseucht mir meinen Garten mit Schwefeldioxyd,
vernebelt mir die Sinne, bis man nichts mehr sieht,
baut mir durch die Küche noch 'ne Autobahn,
schneidet mir die Haare und zieht mir noch 'nen Zahn.
Und wenn es wirklich nötig ist, dann will ich nicht so sein,
dann lagert noch Plutonium in meinem Keller ein.
Aber eins kann mir keiner, eins kann mir keiner,
eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben ..."

Die beiden erfolgreichsten Titel von Geier Sturzflug Besuchen Sie Europa und Bruttosozialprodukt schlagen in dieselbe stilistische Kerbe. Musikalische Anlehnungen an den Gassenhauer sind gewollt, die Thematisierung politischer Sachverhalte aber vollzieht den Bruch mit den in dieser Gattung sonst zumeist banalen und kitschigen Inhalten. Der dahinter verborgene Spott über die Musikgewohnheiten der Elterngeneration ist nicht wirklich bösartig oder anklagend. Er ist Ausdruck der 'puren Lust' an der Provokation, an der Bloßstellung, wie sie für gewöhnlich der zynischen Rede eigen ist. Für einen kurzen Augenblick wird den Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft ein existentiell bedrohlicher Einzug in das Privatleben gewährt, dem sich der Einzelne am Ende aber mit einem Augenzwinkern entzieht. Neben der Ohnmacht des Mächtigen wird dabei aber auch die eigene Einflußlosigkeit deutlich. Und der dem 'Täter' unterstellte Zynismus wird zum Zynismus des Opfers, nur aus umgekehrter Perspektive.

Peter Schilling hingegen setzt an der Wurzel allen Übels an, wenn er die dunklen Seiten eines sich nach außen medial und technisch perfekt inszenierenden Gesellschaftssystems sichtbar machen will. Die besondere zynische Note ist daran erkennbar, daß der Künstler und Popmusiker mit den für die Stabilität des Systems überlebenswichtigen Techniken wie Computer und Medien arbeitet, sie wie Schilling aber mit ironischer Skepsis betrachtet und ihre Schwachstellen offen legt. Daß der Computer durch das Magazin Time im Dezember 1982 zum 'Mann des Jahres' gewählt wurde, zeigt nur, welchen existentiellen und anthropomorphen Rang die neuen Technologien bereits eingenommen hatten -- wodurch Schillings Kritik nur noch an Schärfe gewinnt. Sein fingierter Weltraumfahrer, die Technologie-Marionette Major Tom, löst sich von seinen Fäden und läßt die Welt und ihre Probleme bildlich hinter sich:

"Die Erdanziehungskraft ist überwunden,
alles läuft perfekt schon seit Stunden,
wissenschaftliche Experimente,
doch was nutzen die am Ende,
denkt sich Major Tom."

Peter Schillings alter ego Major Tom tritt hier als Zyniker auf, der seine persönliche Autonomie durch das Abschütteln jeglicher Fremdkontrolle zu wahren versucht. Nicht nur dieser Hit, sondern auch viele andere Lieder auf seiner LP Fehler im System können als Reaktion auf den Verlust humanistischer Ideale gedeutet werden. Dieser Verlust wird durch einen Zynismus kompensiert, der sich meist in plakativen Äußerungen und der Gewißheit, nichts an den Verhältnissen ändern zu können, zu erkennen gibt. So wird die "Erfahrung der eigenen Unzulänglichkeit [...] als Böswilligkeit der Welt externalisiert und die Teilhabe an dieser boshaften Welt wird im Bewußtsein der eigenen Überlegenheit vollzogen." So der Soziologe Ralf Weber in seiner psychologischen Deutung zynischen Handelns.

Major Tom, ein verletzter Idealist, der die Realität nur zu bewältigen weiß, wenn er seine Handlungen wertneutral darstellt und sich als wissender Beobachter über die gesellschaftlichen Normen hinwegsetzt. Gleichzeitig aber bleibt er sich der seiner Denkweise zugrunde liegenden Selbsttäuschung bewußt. Die Selbstmarginalisierung des Zynikers ist die Folge, so wie sie Spliff mit rhythmischer Vehemenz in dem Lied Augen zu zur Sprache bringt:

"Wir feiern ein Liebesfest,
und draußen ist Krieg.
Wir vergessen, was um uns ist.
Es gibt uns doch nur den Rest.
Wir machen lieber die Augen zu ..."

Eine noch radikalere Konsequenz des zynischen Handelns formuliert mit engagiertem Tonfall die Sängerin Annette Humpe von Ideal in dem Song Erschießen. So artikuliert sich der resignierende Zyniker, für den keine Enttäuschung mehr möglich ist, außer der sich zwangsläufig einstellenden Langeweile:

"Langeweile killt nur langsam.
Du wirst sehn, es tut uns gut.
Mir ist heute so gewaltsam,
mir ist nach Schüssen heut' zumut'.
Komm, wir lassen uns erschießen,
zwei Schüsse mitten ins Gehirn.
Komm wir lassen uns erschießen,
ich hab' nichts zu verlier'n.
Komm wir lassen uns erschießen,
Sonntag morgens fünf vor zehn."

Wer es weniger blutig und geradlinig mag, kompensiert die der moralischen und politischen Perspektivlosigkeit der 80er Jahre innewohnende Langeweile durch identitäts- und bewußtseinsbetäubenden Konsum. Dessen Gesetzmäßigkeiten und Wirkungen werden von einigen NDW-Interpreten zwar ausgesprochen, begegnet wird ihnen aber nicht durch materiellen Verzicht, sondern mit demonstrativ zur Schau getragener Ironie.

Entweder scheinbar naiv wie in Jeden Tag von Frl. Menke, die sich mit den Erlösen ihrer Hits Hohe Berge und Tretboot in Seenot an einer Werbeagentur beteiligte und neben Jingles auch Fernsehspots produzierte:

"Jeden Tag nehm' ich mir das Haushaltsgeld,
hol' ich mir die Welt.
Schau, das ist mein Discount-Laden,
hier findest du die Himmelsgaben."

Oder im Wechsel von Ernüchterung und Ironie wie Joachim Witt in seinem Song Ich hab' so Lust auf Industrie:

"Träume erfrieren.
Chancen stagnieren.
Streiks eskalieren.
Städte vibrieren.
Ich wünsch' mir schon lange einen Waschautomaten,
jetzt hab' ich ihn endlich und bezahl' meine Raten.
Ja, ich tanz' fünf Minuten um das Material.
Und ich liebe das Schleudern, bitte schleuder' noch mal,
ja, ja, schleuder' noch mal!"

Joachim Witt sang mit diesem Lied wie mit seiner dadaistisch gefärbten und penetrant monotonen Hit-Single Tri-Tra-Trulala nach eigenem Bekunden "ein Spottlied auf sogenannte Autoritäten", die er für ähnlich enervierend hielt.

Aus diesen wie aus den anderen Textzeilen spricht der Zyniker der Moderne, wie ihn Peter Sloterdijk in seiner Kritik der zynischen Vernunft beschreibt:

"Denn Zyniker sind nicht dumm und sie sehen hin und wieder das Nichts, zu dem alles führt. Ihr seelischer Apparat ist inzwischen elastisch genug, um den Dauerzweifel am eigenen Treiben als Überlebensfaktor in sich einzubauen. Sie wissen, was sie tun, aber sie tun es, weil Sachzwänge und Selbsterhaltungstriebe auf kurze Sicht dieselbe Sprache sprechen und ihnen sagen, es müsse sein. Andere würden es ohnehin tun, vielleicht schlechter. So hat der neue integrierte Zynismus von sich selbst oft sogar das verständliche Gefühl, Opfer zu sein und Opfer zu bringen."

Opfer einer sozialen und mentalen Krise, wie sie Sloterdijk während der Niederschrift seines Buches Anfang der 80er Jahre vorgefunden und analysiert hat. Der nach dem Regierungswechsel 1982/83 knapp acht Jahre andauernde wirtschaftliche Aufschwung, die neue Ästhetisierung der Warenwelt, die intensive Suche nach neuartigen Erlebnissen sowie nach Steigerung des Lebensgefühls und die Vereinigungseuphorie verdeckten die Probleme einer im Umbruch befindlichen Industriegesellschaft, anstatt diese zu lösen. Bereits Mitte der 90er Jahre meldete sich die Krise in Gestalt anhaltender Massenarbeitslosigkeit, weltweiten Terrorismus und steigender Politikverdrossenheit mit neuer Wucht zurück. Als Reaktion darauf sind in den letzten fünf bis zehn Jahren Unterhaltungs- und Zeitgeistphänomene zu beobachten, die ihrem Charakter nach mit den hier betrachteten NDW-Songs verwandt erscheinen. Ironie und Zynismus bei gleichzeitig sorgloser Fröhlichkeit sind mit Harald Schmidt, dem "letzten Gesellschaftsinterpreten ohne Absicht und jenseits politischer Ideologie, einem Musilschen Mann ohne Eigenschaften", wie ihn der Spiegel vor drei Jahren bezeichnete, heute mental tragende Säulen der 'Thirty-somethings'. Die NDW hat den ironischen Umgang mit nahezu jedem Thema nicht nur salonfähig gemacht, sondern bei den Konsumenten zudem dauerhaft verankert. Diesem Beispiel folgt Harald Schmidt seit acht Jahren mit weitaus größerer Bandbreite, Sensibilität und Schärfe. Er spricht das aus, was man mit Rücksicht auf die 'political correctness' selbst nicht aussprechen würde bzw. weder zu formulieren noch in gleicher Weise zu beobachten vermöchte. Damit erfüllt er in den Augen des Publizisten Richard David Precht sogar eine kathartische Funktion:

"Eine Gesellschaft die sich trotz Hunger, Elend und Ungerechtigkeit moralisch gut fühlen will, braucht zynische Clowns. Mehr noch als die Sinnproduktion hilft die Unsinnsproduktion, das abzuarbeiten, was Wissen und Alltag in der Demokratie anstauen."

Für die heute 30- bis 40-Jährigen spielt das NDW-Revival neben der nostalgischen Beschwörung der eigenen Jugend vielleicht ebenso eine moralisch entlastende Rolle. Ob die Generation Golf die dieser Retro-Rezeption innewohnenden psychologischen und ideologischen Mechanismen durchschaut, ist weniger wichtig, als daß sie die in ihrer Jugend erworbenen Codes zu dechiffrieren vermag, auf die auch Harald Schmidt in seiner Show setzt. Wen wundert es da, daß seine Gagschreiber um die 30 sind!

Infolgedessen sind weder Harald Schmidt noch die NDW oder die neue deutschsprachige Popmusik und ihre Hörer typische Repräsentanten der vom Feuilleton und einigen Soziologen in den letzten Jahren künstlich konstruierten Spaßgesellschaft. Denn sie blenden die Realität nicht zugunsten der Pointe aus, sondern gerade das Wissen um diese Realität wird zur Voraussetzung des befreienden Witzes nach Freudscher Definition. Kompensation oder Entlastung ist ohne ein Mindestmaß an Bildung und Wissen oder eine intuitive Mitwisserschaft in der Mediengesellschaft kaum vorstellbar. Für einen intelligenten Zyniker schon gar nicht. Und wo sich die politischen Akteure oft selbst der Mechanismen des Unterhaltungsmarktes bedienen bzw. ihnen ausgesetzt sind, greift auch der Vorwurf der entpolitisierten und unkritischen Spaßgesellschaft nicht mehr. Beide Seiten entwickeln Selbstbehauptungsstrategien, um sich in einer nach Sloterdijk "gebrochenen, überkomplizierten und demoralisierenden Weltlage" medial und gesellschaftlich zu positionieren. Befragt man die Akteure nach der Bedeutung ihres Schaffens, erhält man Antworten, die kaum weniger zynisch klingen als ihre künstlerischen Produkte selbst. Wenn die Texte von Annette Humpe als "kühlwitzige Parodien auf Auswüchse der Gesellschaft" interpretiert werden und sie dennoch behauptet, sie habe keine "Message", argumentiert sie auf der gleichen Ebene wie Harald Schmidt, der in einem Interview mit der Zeit erklärt, daß er Abend für Abend "tiefe Bedeutungslosigkeit als großes beleuchtetes Nichts" produziere.

Daß die Welt oder zumindest einige deutsche Fernsehzuschauer auf dieses 'Nichts' kaum verzichten können, beweisen nicht nur die zahlreichen Nachrufe auf die Harald Schmidt Show. Auch der Großinquisitor in Dostojewskis Ende des 19. Jahrhunderts erschienenem Roman Die Brüder Karamasow wußte schon: "Damit du's weißt Novize: das Unsinnige ist nur allzu notwendig auf Erden. Auf dem Unsinnigen beruht die Welt, und ohne das würde auf Erden vielleicht überhaupt nichts geschehen."

 

autoreninfo 
Jörg von Bilavsky Studium der Geschichte, Politologie und Germanistik in Frankfurt am Main. Danach mehrjährige redaktionelle Leitung populärwissenschaftlicher Geschichts- und Literaturmagazine sowie Mitarbeit bei der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (Frankfurt am Main). Als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Bundestages an der Konzeption und Realisierung der Dauerausstellung "Wege-Irrwege-Umwege. Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland." in Berlin beteiligt. Seitdem Entwicklung von Ausstellungs-, Sachbuch- und Softwarekonzepten zu kultur-, politik- und wissenschaftshistorischen Themen sowie professionelle Recherche und redaktionelle Betreuung diverser Sachbuchprojekte. Als freier Journalist und Autor für diverse Verlage (Rowohlt), Zeitungen (Rheinischer Merkur) und Online-Magazine (Literaturkritik.de) tätig.

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