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no. 18: die jüngste epoche -> globalisierung der 80er
 

Die 80er als Globalisierungsphänomen aus kommunikationsgeschichtlicher Perspektive

von Cornel Zwierlein

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* literatur
* druckbares

Ausgehend von der Feststellung, daß die Charakteristika 'der 80er' als Epoche die typischen Merkmale eines Globalisierungsphänomens aufweisen, unternimmt der Artikel am Leitfaden der Medienentwicklung (Papierverbreitung, Postwesen, Druck, Zeitungswesen) eine Darstellung des Globalisierungs- bzw. Europäisierungsprozesses und seiner semantisch-kognitiven Folgen vom späten Mittelalter bis heute. Hierbei wird ein allgemeiner wahrnehmungs- und kommunikationsgeschichtlicher Ansatz für die Erklärung von Epochenwechseln skizziert, mit Hilfe dessen sich zum Schluß auch die epochalisierende heutige Rückschau auf 'die 80er' erfassen läßt.

 

Rasch läßt sich die These aufstellen, daß die Phänomene, die 'den deutschen 80ern' ihre grobe semantische Eigenwertigkeit geben -- insbesondere Friedens- und Ökobewegung, Popmusik und Neue Deutsche Welle -- Phänomene der Globalisierung oder Reaktionen auf sie waren. Musikalisch unterschied sich die NDW kaum von ausländischen elektronischen Sounds, ihr distinguierendes Charakteristikum lag dann doch vor allem in den deutschen Texten und der Bezugnahme auf 'deutsche' Lebensalltäglichkeiten. Der neue deutsche Musikstil ist somit das Ergebnis eines Kulturtransferprozesses: Nachdem lange Zeit die neuen anglo-amerikanischen Musikstile rezipiert worden waren, ohne daß in nennenswertem Ausmaß deutsch(sprachig)e Adaptionen entstanden wären, und während sich 'deutsche' Befindlichkeit bis in die 70er Jahre eher in der 'Volksmusik'-, Chanson-, oder Liedermacher-Tradition ausdrückte, wurde nun in der Aneignung der 'westlichen' Musikstile für den eigenen Bedarf etwas Neues geschaffen, das als solches nun wiederum Chancen hatte, in der globalisierten Kultur wahrgenommen zu werden. So verkauften sich, nach einer wieder umgekehrten Transferierung ins Englische, zum Beispiel Falco, Nena und Peter Schilling sogar in den USA als 'deutsche Musik'. Die NDW erscheint somit als eines der vielgestaltigen Phänomene identitätsstiftender Abgrenzung bei einer gleichzeitigen Tendenz zur kulturellen Angleichung. Der Globalisierungstheoretiker Roland Robertson hat solche Trends der Partikularisierung des Universalen (hier der elektronischen Musikstile) und Universalisierung des Partikularen (hier der 'Deutschheit' der deutschen Version dieser Stile) als Charakteristika des Globalisierungsprozesses und die Ergebnisse als "glokale" Phänomene bezeichnet. Ähnlich könnte man die deutschen Öko- und Friedensbewegungen als Praktiken und Diskurse verstehen, die, anstatt im fernen Deutschland Jimi Hendrix und Che Guevara anzubeten wie die internationale Woodstock-Generation, einige Zeit später nun zwar von globalen Problemen ausgehen, sie aber spezifisch 'deutsch' verorten und lösen wollen. Wenn dann am Ende des 20. Jahrhunderts Ökologismus, Pazifismus, Waldsterben und Mülltrennung als spezifisch 'deutsche' Wirtschafts- und Politikstile galten (und gelten), bis hin zu ridikülisierenden Stereotypen, mit denen 'der Deutsche' nun global behaftet wird, so zeigt sich hierin wieder eine Universalisierung des Partikularen. Ordnet man die Phänomene 'der 80er' in diesem Sinne in die Globalisierungsgeschichte ein, stellt sich die Frage, was 'Globalisierung' eigentlich meint und wie man sie soziologisch und historisch erklären kann.

 

I. Warum reden wir von 'Globalisierung' und 'Europäisierung'?

Der Globalisierungsdiskurs hat sich seit den 1990ern auch im deutschen Sprachraum so weit etabliert, daß man ihn kaum mehr als Modeerscheinung oder Eintagsfliege wegwischen kann. Als Minimalnenner für eine Definition von Globalisierung hat sich, in dieser oder jener Formulierungsvariante, die "Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen" durchgesetzt, "durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, daß Ereignisse am einen Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt" (Anthony Giddens). Diese Definition läßt allerdings ein entscheidendes Kriterium außer acht, das in der Globalisierungsdiskussion an sich schon seit längerem eine Rolle spielt, nämlich die Frage nach der mitlaufenden Wahrnehmung von Phänomenen als global. Die zahlreichen Definitionen à la Giddens -- "Alles hängt mit allem zusammen und das immer doller!" (Armin Nassehi) -- werden der Komplexität des Gegenstandes nicht ganz gerecht. Denn es ist kein Geheimnis, was die Kritiker des 'Eurozentrismus' immer wieder hervorheben: daß nämlich als der 'Globus', auf dem die Globalisierung angeblich stattfindet, nur die 'westliche Welt', also das interkontinentale Ergebnis eines Europäisierungsprozesses begriffen wird. Aber man kann es versuchsweise auch einmal von der umgekehrten Richtung aus betrachten: Mit dem stärkeren Bewußtwerden von Globalität nehmen wir ja auch die europäische Geschichte anders wahr. Erst die Globalisierung also ermöglicht auch die aktuelle Eurozentrismus-Schelte. Eurozentrismus ist ohne Zweifel ein Übel, wenn er zur ideologischen Ummauerung einer 'Festung Europa' eingesetzt wird. Aber einmal wertneutral als faktisches Produkt eines Europäisierungsprozesses betrachtet, kann das Phänomen 'Eurozentrismus' zeigen, auf welchem Fundament, d.h. auf welchen Kommunikations- und Wahrnehmungsprozessen auch die Globalisierungsentwicklung aufruht.

Den Begriff der Europäisierung nur mit den 50 Jahren Institutionsgeschichte der EU oder mit der Angleichung von Lebensstilen und der Akkomodation europäischen Rechts zu verbinden, würde zu kurz greifen. Vielmehr ist 'Europäisierung' eigentlich nur eine andere Seite von 'Globalisierung': ein Prozeß, der von Anfang an zwei Wirkungsseiten hat, nämlich Grenzbildungen sowohl aufzulösen als auch zu produzieren. Ein solcher Grenzbildungsprozeß ist das sogenannte 'Zerfallen' der (angeblichen) mittelalterlichen 'Einheit' in die europäischen Territorial-, dann Nationalstaaten seit dem Spätmittelalter. Ein entsprechender Grenzauflösungsprozeß ist zum Beispiel die Ausbildung neuer, spezifisch europäischer Wissenschaften seit der Frühen Neuzeit. Die Vergleichbarkeit zum Beispiel der Diskurse über Pressefreiheit über die Grenzen Englands und Deutschlands hinweg, die Eckhart Hellmuth eingehender untersucht hat, und die Herausbildung einer "transnationalen" europäischen Öffentlichkeit seit dem 18. Jahrhundert (Jörg Requate, Martin Schulze Wessel) sind weitere Hinweise auf die Abflachung der Territorial- und Staatsgrenzen und eine nun sichtbar werdenden Bezugseinheit 'Europa'. Mit 'Europäisierung' könnte man also den großräumigen Entwicklungsprozeß bezeichnen, wie er sich spezifisch für die Bewohner einer Region darstellt, wenn sie diese Grenzauflösungen und Grenzbildungen durchmacht, sich auf ein als 'Europa' bezeichnetes Ganzes als Referenzinstanz hinorientiert und dabei zunehmend wieder dem Druck der Rückwirkung von der 'globalen Seite' dieses Prozesses ausgesetzt ist. Die Ausflaggung alter Einteilungen und Etiketten als eurozentrisch hat dann zuweilen seinen Sinn: wenn man einerseits das, was sie leisten, nämlich eine schnelle Verständigung, abrufen und andererseits an ihre im Kulturvergleich beschränkte Reichweite erinnern will.

Wie periodisieren nun die Globalisierungstheoretiker? Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson (Geschichte der Globalisierung) setzen im 15./16. Jahrhundert ein. Roland Robertson (Globalization) beobachtet hingegen erst in den Jahren 1870-1920 das Einsetzen dessen, was er Globalisierung nennt. Anthony Giddens (Konsequenzen der Moderne) nennt verläßlich das 18. Jahrhundert als Markstein. Nicht wenige aber wollen erst die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts als entscheidend ansehen, so etwa Ulrich Beck (Was ist Globalisierung). Eine solche Verwirrung in der Periodisierung zeigt zum einen, daß das Globalisierungswort gerade erst zum Begriff wird und derzeit einfach konjunkturell alle möglichen Semantiken wie ein Magnet anzieht; zum anderen ist sie aber auch die Folge einer wenig konturenscharfen Ausgangsdefinition. Denn die Minimaldefinition von Globalisierung als weltweiter 'Vernetzung' übergeht das,

"was den anschwellenden Globalisierungsgesang doch erst so attraktiv macht: daß es sich um etwas Neues handelt, daß Globalisierung den Schlüssel für Probleme darstellt, die sich mit dem Verschwinden [der] praktischen Grenzlinien seit 1989 gestellt haben. Aber daß alles irgendwie mit allem zusammenhängt, wußten wir das nicht schon früher? [...] Ich frage also noch einmal: Was ist das Neue an der Globalisierung, wenn darunter nicht das verstanden wird, was offenbar mit dem zusammenfällt, was wir sonst Modernisierung nennen, die Expansion eines ökonomischen, politischen und kulturellen Syndroms nämlich, das als okzidentaler Rationalisierungsprozeß in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten einen scheinbar durch nichts aufzuhaltenden Siegeszug über den Globus angetreten hat und dessen Folgen nun rekursiv auf ihn selbst zurückschlagen?"

So Armin Nassehi (Geschlossenheit und Offenheit), der Modernisierung im Sinne Luhmanns als Prozeß der funktionalen Differenzierung auffaßt. Nassehis eigene Antwort auf die Frage nach dem Neuen an der Globalisierung, daß sie wohl eher 'nur' ein kognitives Schema sei, mittels dessen wir nun Modernisierung seit 1989 als Globalisierung wahrnehmen, beantwortet allerdings nicht die Frage, warum das so ist. Dazu muß man wohl die wahrnehmungs- und kommunikationsgeschichtlichen Voraussetzungen untersuchen, unter denen solche neuen kognitiven Schemata entstehen.

 

II. Verschiedene Ansätze in der Kommunikationsgeschichte

Zeitgleich damit, daß die Globalisierungsformel in Mode kam, hat sich im Laufe der 1990er Jahre in den Kulturwissenschaften über Disziplingrenzen hinweg ein neues Paradigma etabliert, das sich Kommunikationsgeschichte nennt. Dem ersten Reflex folgend, sind zunächst einmal eine Vielzahl von Überblicksdarstellungen zu Einzelbereichen oder auch zur 'ganzen' (zumeist westlich-europäischen) Kommunikationsgeschichte erschienen, die fast ausschließlich deskriptiv vorgehen. Werner Faulstich (Geschichte der Medien) will hier Ordnung schaffen. Er meint, daß man für die jeweiligen Epochen eine feste Anzahl von verfügbaren Medien angeben könne, und fügt seinen chronologisch geordneten Bänden entsprechende Listen bei. Kommunikationsgeschichte ist zu einem Gutteil also auch und zuerst einmal Mediengeschichte.

Ein älterer Ansatz, der im weiteren Sinne als kommunikationshistorische Forschung gelten kann, ist die Rede vom "Strukturwandel der Öffentlichkeit" seit Jürgen Habermas. Das Öffentlichkeitsparadigma geht Hand in Hand mit dem Modernisierungsparadigma, ihm fehlt aber, obwohl es vom Ansatz her schon auf Kommunikation als einen entscheidenden Entwicklungsfaktor blickt, der systematische Einbau der Ebene der Wahrnehmung sowie eine tiefergehende Erklärung, wie Öffentlichkeit entsteht -- jenseits des aufzählenden Verweises auf Kaffeehäuser. Dadurch, daß Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit 1989 ins Amerikanische übersetzt und im Zuge der Amerika-orientierten Theoriebildung in den deutschen Kulturwissenschaften gewissermaßen re-importiert wurde, hat sein Modell jüngst gleichwohl eine starke Wiederbelebung erfahren.

Eine andere Genealogie in der Kommunikationsgeschichte, bevor sie sich so nannte, verläuft von Marshall McLuhan über seine Kritikerin Elizabeth Eisenstein bis hin zu Wolfgang Behringers These von der Kommunikationsrevolution der Frühen Neuzeit (Im Zeichen des Merkur, 2003). McLuhans Ideenfetzensammlung zur "Gutenberg-Galaxis" hat es geschafft, zum Referenztext für Arbeiten zu werden, die sich mit der Auswirkung der medialen Vermittlung auf Weltwahrnehmung befassen (was dann oft in der Formulierung "The medium is the message" dahergeronnen kommt). Seitdem sind eine ganze Reihe von Arbeiten über die Auswirkungen des Buchdrucks insbesondere auf die Wissensordnungen und die Ausdifferenzierung neuer Wissenschaften seit dem 16. Jahrhundert entstanden. Ob in soziologischen oder historischen Globalisierungstheorien: Als wichtigste vormoderne Medieninnovation wird immer wieder einzig der Buchdruck hervorgehoben. Behringer hingegen fordert zu Recht die Einbeziehung auch anderer Medienbereiche, insbesondere des von ihm intensiv berücksichtigten Transportmediums 'Post'. Er plädiert dafür, die Vorstellung von der "Gutenberg-Galaxis" durch die der "Taxis-Galaxis" (nach den jahrhundertelangen Verwaltern der Reichspost, den Thurn und Taxis) abzulösen: Die Kommunikationsrevolution der Frühen Neuzeit beruht seiner Ansicht nach vor allem auf der Durchsetzung dieser entscheidenden infrastrukturellen Innovation. Das Postwesen figuriert bei ihm als "Netzwerk der Netzwerke", das er zudem als eine "generative Matrix" für alle einschlägigen Folgeinnovationen wie Eisenbahn und Flugverkehr verstanden wissen will. Die Entwicklung des europäischen Postwesens habe die Wahrnehmung der Raum-Zeit-Relationen entscheidend verändert. Dieses spezifisch west-europäische Erbe sei dann im Zuge der Globalisierung in die Welt getragen worden.

Wenn im folgenden versucht wird, die Mediengeschichte dezidiert um eine Modellierung der Wahrnehmungskomponente zu ergänzen, seien zuvor kurz verschiedene Typen von Medien unterschieden, nämlich Verbreitungs- oder Vervielfältigungsmedien, Speichermedien, Wiedergabemedien und Transportmedien. (Empirisch als Medien verwendete Objekte können natürlich mehrere der genannten Funktionen erfüllen.) Eine solche Auffächerung erlaubt eine 'kleinerschrittige' und multikausale Geschichte der Medienevolution und erhöht deren Anschlußfähigkeit für Fragen der außer-medialen Wirkungen des medialen Wandels. Von kommunikationshistorischem Interesse ist insbesondere, wenn ein neues Medium auch eine bestimmte mediale Funktion erstmalig hervorbringt, wenn die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Medienfunktion entscheidend erhöht wird oder wenn ein neues Kombinationsmedium emergiert. Von Kombinations- oder 'komplexen Medien' läßt sich sprechen, wenn Medien unterschiedlicher Funktion in einer Weise miteinander kombiniert bzw. strukturell gekoppelt werden, daß das entstehende Ganze nicht auf eines der Medien reduziert werden kann, sondern es die Leistungen aller aggregiert.

 

III. Von der Mediengeschichte zur Wahrnehmungsgeschichte

Das Speicher- und Wiedergabemedium Papier, das dem Pergament, trotz geringerer Stabilität, aufgrund der sehr viel kostengünstigeren Herstellung erheblich überlegen war, begann sich auf europäischem Boden erst mit der Einnahme der Hauptstadt der arabischen Papierproduktion Xátiva durchzusetzen. Im 14. Jahrhundert war zunächst Italien das Zentrum der Papierherstellung, die erste deutsche Papiermühle wurde erst 1389 in Nürnberg eingerichtet. Nur 60 Jahre später wurde gar nicht weit entfernt das Vervielfältigungsmedium 'Buchdruck' erfunden. Deutschland sprang also sozusagen direkt vom Pergament-Zeitalter ins Druckzeitalter. Zur gleichen Zeit, etwa um 1450, bildete sich in Oberitalien das neue Transportmedium Post heraus. Der institutionalisierte Transport von Briefen war zunächst ein primär für die zwischenstaatliche Diplomatie konzipiertes Medium, stellte aber, durch die zunehmende Kommerzialisierung des Mediums, bald eine allgemein zugängliche Form der schriftlichen Fernkommunikation dar.

Ebenfalls im 16. Jahrhundert entwickelte sich das Kombinationsmedium Zeitung. Der Buchdruck allein ist noch nichts zwingend 'Neuzeitliches'. Schon in Korea war das Druckprinzip mit beweglichen Lettern bekannt, die Potenz des Mediums wurde aber nicht in einem gesamtgesellschaftlich relevanten Maße ausgenutzt. Der wirklich entscheidende Schritt in der Medienevolution ist vielmehr die Entstehung von Zeitungskommunikation. Denn sie kombiniert die vom Transportmedium Post bereitgestellten Leistungen von hoher Aktualität, verstetigter Periodizität und Universalität mit den Leistungen eines Speichermediums (Papier) und eines Vervielfältigungsmediums (zunächst handschriftliche Kopie, dann Druck).

Viele Human- und Sozialwissenschaftler nun ziehen, wenn sie 'Zeitung' in einen historischen Erklärungszusammenhang einordnen sollen, nahezu reflexartig eine Verbindungslinie zu Komplexen wie 'Leserevolution' und vor allem zu der schon angesprochenen Entstehung von 'Öffentlichkeit' im 18. Jahrhundert. Auf diese Weise versuchen sie, die Umstellung auf bürgerlich-demokratische politische und soziale Strukturen zu erklären, wie sie nach der Amerikanischen und der Französischen Revolution eminent werden. Die Öffentlichkeitsheuristik sieht die Rolle der Zeitungen und verwandter Medien daher primär in ihrer Möglichkeit, offene oder subversive Kritik an herrschenden Gesellschaftsstrukturen zu transportieren. Das ist sicher nicht ganz abwegig, mit Blick auf das 16. Jahrhundert aber muß gesagt werden, daß in diesem Embryonalstadium der Zeitungsentwicklung (und auch noch im folgenden Jahrhundert) die Kritikfunktion des Zeitungsmediums ganz und gar marginal war. Wichtiger war zunächst -- darauf hat insbesondere Behringer hingewiesen --, daß damit die Raum- und Zeit-Relationen in der Wahrnehmung verschoben wurden. Daß mit mächtigeren Transportmedien Kommunikationsabstände kleiner wurden, die Ferne also näher rückte, ist unmittelbar einleuchtend. Und daß diese Entfernungen nun im elektronischen Zeitalter nahezu auf Null reduziert sind, läßt McLuhans Metapher vom "global village" tatsächlich sehr treffend erscheinen. Doch was ist damit eigentlich gesagt?

Der Wahrnehmungseffekt, den die jeweils spezifischen medialen Umwelten bei den Rezipienten erzielen, läßt sich als Veränderung des 'Welthorizontes' beschreiben. Den Ausschnitt von 'Welt', der als gerade gegenwärtig wahrgenommen wird und somit die 'Realität' darstellt, auf die sich zum Beispiel politische Entscheidungen zu beziehen haben, könnte man auch als 'Gegenwartshorizont' bezeichnen. Neue mediale Umwelten bewirken Änderungen dieses Welt- oder Gegenwartshorizontes und bringen dadurch über kurz oder lang auch Änderungen der semantischen Kategorien in den Köpfen der Kommunizierenden hervor: Man kann das als Veränderungen von Denk- und Handlungsrahmen -- zum Beispiel solcher für politische Entscheidungsfindungsprozesse -- untersuchen.

Jenseits der reinen Informationsflut, die sich als Welt-Repräsentation in den jeweiligen Speichermedien niederschlägt, ist es sinnvoll, einen vorsemantischen Charakter des jeweils spezifischen Welt- oder Gegenwartshorizontes modellhaft herauszupräparieren. Man kann diesen Horizont als den aggregierten Wahrnehmungseffekt definieren, den die Bedienung der verschiedenen Grundfunktionen von Kommunikation auf der Kognitionsseite beim Rezipienten auslöst. Für diese Grundfunktionen kann man auf die Bühler'sche Funktionstrias der Sprache zurückgreifen: Kommunikation verfügt nicht nur über die Darstellungsfunktion, sondern auch über die Funktionen Ausdruck und Appell. Letztere kann man geradezu ramistisch mit Karl Eibl als "Partnerbezug" von Kommunikation zusammenfassen (als Gegenbegriff zu "Sachbezug" für die Darstellungsfunktion). Die Grundstruktur von Welt- und Gegenwartshorizonten wäre letztlich das, was als Kognitionshaltung durch das jeweilige Verhältnis von Partner- und Sachbezug, wie es durch die jeweils verfügbaren Medien in der kulturellen Umwelt der Kommunizierenden bedingt ist, ausgelöst wird. Dieses ist dann eine von der Medienentwicklung abhängige, historisierbare Einheit. Im folgenden versuche ich, die historische Entwicklung dieser Gegenwartshorizonte in Abhängigkeit von der Medienentwicklung grob zu skizzieren.

 

IV. Vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Welthorizont (ca. 1300-1650)

Im europäischen Raum dürfte sich bis etwa 1300 die Fernübermittlung eines Gegenwartshorizontes vor allem in Form von mündlicher Kommunikation (Boten) vollzogen haben. Mit dem Vordringen des Speichermediums Papier (Brief) änderte sich diese Situation. Bis etwa 1500 stammen die meisten überlieferten Nachrichtenbriefe noch aus Kommunikationssituationen, in denen Sender und Empfänger sich persönlich adressierten, ob innerhalb einer vertikalen Herrschaftsbeziehung, in der der Dienstmann dem Herrscher Informationen übermittelte, oder innerhalb horizontaler Beziehungen, wie den 'amicitia'-Netzwerken von Klerikern oder anderen Gruppen, die sich als 'societas' verstanden, und Nachrichten als 'Gabe' austauschten. Die direkte Anrede (salutatio) und eine Benennung des Briefschreibers schlossen die eigentliche Information (narratio) ein. So rahmte sprachfunktional stets der Partnerbezug den Sachbezug der Kommunikation.

Zeitungskommunikation unterscheidet sich davon fundamental, weil -- und das wird eben am Punkt ihres ersten Aufkommens im 16. Jahrhundert so gut sichtbar -- ihre ganz vordringliche Sonderleistung auf der Wahrnehmungsebene vor allem in der kompletten Kappung des Partnerbezugs bestand. Dadurch, daß die Nachrichtenschreiberei nach und nach aus dem politisch-diplomatischen Netzwerk ausgelagert und, in einer Art Outsourcing-Prozeß, verselbständigt wurde, legte sich ein fundamentaler Hiat zwischen Sender und Empfänger. Dem entsprach die komplette Anonymisierung der Texte. Zeitungen sind ihrer Grundform nach sender- und empfängerlose Narrationen, in denen ein erzählendes 'Ich' nahezu nicht mehr auftaucht. Die Fern-Nachrichten-Kommunikation über Zeitungen verlief damit rein unidirektional. Das heißt, man konnte den Nachrichtenhimmel nicht je nach Interesse um weitere Details zu dieser oder jener Sache bitten, so wie persönliche, bidirektionale Kommunikation mit Bitten oder Weisungen zumindest potentiell steuerbar war.

Die Struktur des durch diese Kommunikationsform entstandenen Gegenwartshorizonts kann man also metaphorisch so beschreiben, daß sich im Bewußtsein der Akteure eine Art objektivierter 'Nachrichtenhimmel' über ihnen aufspannte. An diesem Himmel konnten die Beobachter gegebenenfalls auch Bilder von sich selbst sehen, ohne daß sie darauf mehr Einfluß hatten -- in gewisser Weise beobachtete der 'Nachrichtenhimmel' also die Beobachter selbst. Jedenfalls wurde diese Einstellung erzeugt, und diese beförderte, so meine These, auf der Ebene der semantischen Muster die Methodisierung von Reflexivität und Empirie als Denk- und Handlungsrahmen für den Zugriff auf 'Welt'. Die periodische Aktualisierung der verschriftlichten Gegenwart stellte einen neuen Beobachterstandpunkt her, der ein anderes Geschichtsbild mit sich brachte: Das ständig beobachtbare, schriftlich dargestellte Hin und Her der Handlungen ließ 'die Geschichte' zunehmend als etwas erscheinen, bei dem man zwischen den akzidentellen Singularitäten und dem essentiell Gleichen zu unterscheiden hatte. Die Singularitäten beiseite lassend, konnte Geschichte so als ein Kausalitäten-Pool zur empirisch-induktiven Regelgenerierung dienen und dadurch halbwegs sichere Handlungsanleitungen für das nur auf den ersten Blick als Wirrwarr sich darbietende Jetzt zu gewinnen. Damit war die wichtigste Voraussetzung für moderne anthropologische und soziologische Denkrahmen gegeben. Je mehr Menschen in den neuzeitlichen Denkrahmen prozedierten, desto stärker veränderte sich 'Gesellschaft' als ganze. So können dann auch scheinbar 'harte' Einheiten wie die langsame Transformation der älteren feudalen in absolutistische Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen als Implementierung der Denkrahmen verstanden werden.

Im Bereich der Medienevolution im engeren Sinne passiert zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert nichts qualitativ Einschneidendes mehr, aber wenn man davon Abstand nimmt, gesamtgesellschaftliche Veränderungen nur immer im Sinne einer Einbahnstraße erklären zu wollen, wobei man dann statt älteren Vorschlägen wie 'Unterbau', 'Wirtschaft', 'Sozialstrukturen' heute lieber die technisch-mediale Umwelt in die Führungsrolle des explicans einsetzt, ist der Blick auch offen für einen Schauplatzwechsel. Bis 1650 haben wir den Hauptimpuls tatsächlich in der Medienentwicklung gesehen. Auf sie haben wir die Ausbildung des neuzeitlichen Gegenwartshorizonts mit Nachrichtenhimmel-Charakter zurückgeführt, in zweiter Instanz die Stimulation der Genese von Denkrahmen der Methodisierung von Reflexivität und Empirie, in dritter Instanz gar die Ablösung mittelalterlicher durch frühneuzeitliche Gesellschaftsstrukturen. Ab 1650 könnte hingegen eher auf der Ebene der Semantiken der Ausgangsimpuls für Folgeveränderungen zu suchen sein.

 

V. Die Emotionalisierung der Semantik (1650 bis 1850)

Man hat in vielen Studien den Individualisierungsprozeß seit dem 18. Jahrhundert untersucht und beginnt gerade, im Bereich der Literatur einen Fundamentalvorgang der Emotionalisierung zu erfassen. Die Semantiken der Freundschaft und der Liebe erfuhren eine fundamentale Verfeinerung und Intensivierung. Romanformen der Ich-Aussprache oder des Ich-Du-Dialogs zwischen Buch und Leser (Briefroman, introspektive Erzählformen, das Buch als 'Freund') entstanden. Von der Medien- und Wahrnehmungsseite her gesehen könnte man die Hypothese formulieren, daß hier auf semantischer Ebene und auf einer zweiten Stufe neu ausgebaut wurde, was durch die partnerbezugslose Kommunikation und deren Unidirektionalität gewissermaßen frei geworden war. Man sah in dem Nachrichtenhimmel zwar 'sich und die anderen' -- und je dichter das Zeitungsnetz sich vom 16. bis ins 18. Jahrhundert über Europa spannte, um so 'tiefer' ging auch thematisch der Blick weg von rein politischer Berichterstattung hin zu Berichten über alle möglichen Themen und sozialen Bereiche --, konnte aber über dieses mächtigste Medium nicht 'wirklich' im Modus von Appell und Ausdruck miteinander verkehren.

Die Evolution auf der Semantikebene, gesamt-westlich wohl von ca. 1650 bis ca. 1850, stellt sich hier als Vorreiter dar, getrieben von den Bedingungen, die die Medienevolution mit ihrer Wahrnehmungswirkung geschaffen hatte und die ihrerseits strukturell erst einmal weitgehend auf dem 1650 erreichten Stand stehenblieb. Erst ab etwa 1850 trieben dann die semantischen Veränderungen nicht mehr in demselben Maße die Gesamtentwicklung voran, sondern nun forderte umgekehrt die erreichte Emotionalisierung der Semantik wieder eine Selektion auf der Ebene der Medienevolution heraus: Es mag ein bißchen simpel erscheinen, aber die besondere neue Leistung von elektronischer Kommunikation ist nicht in der freilich offenkundigen weiteren Beschleunigung zu sehen, sondern in der Neuermöglichung des Partnerbezugs, ohne daß die zuvor erreichten Leistungen von Fernkommunikation aufgegeben würden.

 

VI. Die elektronische Medienevolution (1850 bis heute)

Ohne die Zwischenschritte chronologisch im einzelnen abzuhandeln, kann man von hier aus direkt ins Internetzeitalter springen: Das Internet funktioniert wie der alte Nachrichtenhimmel der Kommunikation der ersten handschriftlichen Zeitungen des 16. Jahrhunderts, aber mit dem großen Unterschied, daß man nahezu beliebig und ohne Zeitverlust im gleichen 'Himmel' mit den dort präsentierten Einheiten persönlichen Kontakt aufnehmen kann (vorausgesetzt, dieselben haben eine E-Mail-Adresse auf ihrer Homepage hinterlassen) -- oder auch nicht. Ob die Identitäten 'real' sind oder nicht (Pseudonyme beim 'chatten'), ja tendenziell sogar: ob sich hinter dem Gegenüber wirklich ein Mensch oder aber eine Maschine verbirgt, ist insofern gleichgültig, als in beiden Fällen der Modus der eigenen Kommunikation der des Partnerbezugs bleibt. In nuce wurde so etwas bereits mit der Ausbreitung der Telegraphie und Telephonie realisiert, welche die mediale Umwelt der Printzeitungen um die Potenz der Bidirektionalität bereicherten. Radio- und Fernsehsendungen, in denen Zuhörer- und Zuschauer sich per Live-Schaltung zumindest als Stimmen einschalten können, sind eine Verfeinerung dieser Kombination. Erst das Internet aber ist ein wirkliches Kombinationsmedium von uni- und bidirektionaler Nutzungsmöglichkeit. Es wird sich -- wie auf semantischer Ebene von Science-Fiction-Filmen schon vorgedacht -- sicherlich noch weiterentwickeln im Sinne einer Perfektionierung der Ansprechbarkeit und visuellen Repräsentation der Ichs und Dus jenseits von E-Mails.

Wenn man nach den Auswirkungen fragt, die der neue Gegenwartshorizont auf die Denkrahmen hat, wird man zunächst Nassehi zustimmen können: Die ganz überwiegende Anzahl der Charakteristika und Probleme der Internet-Gesellschaft sind solche, die man vor etwas mehr als zehn Jahren einfach als Charakteristika und Probleme einer modernen oder 'postmodernen', funktional differenzierten Gesellschaft benannt hätte. Als einfache Antwort auf Nassehis gestellte, aber nicht beantwortete Frage nach dem Grund für die kognitive Verschiebung in der Gesellschaft und in ihren wissenschaftlichen Selbstbeschreibungen läßt sich sagen, daß diese Verschiebung eine Folge der elektronischen Kommunikationsmedien und des zugehörigen neuen Welt- und Gegenwartshorizonts auf Wahrnehmungsseite ist. Letztlich müßte sich nämlich das, was mit "funktionaler Differenzierung" gemeint ist, und die Frage, wann und warum sie einsetzt, auf solche Weise kommunikations- und wahrnehmungsgeschichtlich erklären lassen.

Die deutschen '80er' mit ihren "glokalen" Phänomenen waren zwar noch nicht das Produkt der ersten Internetgeneration, aber die Akteure der 80er dürften zu der ersten Generation in Deutschland gehört haben, die mit alltäglichem Fernsehkontakt, zudem mit dem zweiten und den dritten Programmen in einer schon einsetzenden Pluralisierung der Senderlandschaft und also einer Entstaatlichungstendenz aufgewachsen waren, und die dann die Privatisierung des Fernsehens als junge Erwachsene miterlebten. Elektrische Bidirektionalität war alles in allem nur beim Telefon gegeben, aber zumindest unidirektional ist der expressiv-appellative Modus von Kommunikation ja auch im Fernsehen gegeben, etwa durch die stete Ansprache ans Publikum oder die Rahmung jeder Darstellung durch eine Adressierung direkt an den Zuschauer durch seh- und hörbare Personenbilder. Die Leit-Phänomene 'der 80er' erscheinen also als Ausdruck eines Differenzierungsprozesses, in dem 'nationale' Eigenheiten sich als "cultural commune" (Manuel Castells) im globalen Zusammenhang neu konfigurieren und sich dabei vom staatlich Nationalen lösen. 'Die 80er' als Retro-Referenz, d.h. ihre Wahrnehmbarkeit als eigenständige 'Epoche', müßte wohl mit der kognitiven Distanz erklärbar sein, die der zwischen einem elektronischen Gegenwartshorizont, der auf dem Internet als mächtigstem Kombinationsmedium basiert, gegenüber dem höchstens auf Fernsehen basierenden der damaligen Zeit entspricht. Die 80er werden so als etwas sichtbar, wie Modernisierung gerade als Globalisierung sichtbar wird.

Ich danke Katja Mellmann für ein exzeptionelles re-writing des Textes. Arndt Brendecke verdanke ich wichtige zusätzliche Anregungen.

 

autoreninfo 
Cornel Zwierlein seit 2004 wiss. Ass. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Historisches Seminar, Abt. Frühe Neuzeit. Zuvor Studium der Germanistik, Rechtswissenschaften und der Geschichte in München und Tours. Hauptarbeitsgebiete: Reformations-, Rechts- und Kommunikationsgeschichte, Machiavellismus und Staatsräson-Diskurs, hierzu Dissertation (erscheint vorauss. 2006): Discorso und Lex Dei. Die Entstehung neuer Denkrahmen im 16. Jahrhundert und die Wahrnehmung der französischen Religionskriege in Italien und Deutschland, 1559-1598. Arbeitet an einem Habilitationsprojekt zur Wissens- und Sozialgeschichte des Feuers ca. 1650-1850.
Homepage: http://www.geschichte.uni-muenchen.de/gfnz/schulze/personen_zwierlein.shtml
E-Mail: cornel.zwierlein@lrz.uni-muenchen.de

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