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no. 18: die jüngste epoche -> abstrich
 

abstrich

Neue Mitte

von Franz Neige

"Sie sehen mich glücklich", frohlockt der Bürgermeister. Das stimmt. Wir sehen ihn glücklich. Die silberne Amtskette ist frisch geputzt und das neue Einkaufszentrum auch. Stadtgeschichte wird geschrieben. Oh, wie ist das schön! Endlich ist Kultur in unsere kleine Stadt gekommen: Einkaufskultur. Statt örtlichem Einzelhandel und Kaufhof gibt's jetzt: Ha und Emm, Strauß Innoväischen und satt Turn. Man lockt mit Startangeboten, und das Volk ist familienweise angerückt. Heute ist der Tag.

Die Stadt ist restlos zugeparkt. Das wird sich ändern müssen. Die ersten Klagen werden laut: Eine fettliche Dame mit bohligem Lächeln kann nicht verstehen, daß man sie mehr als 300 Meter hat laufen lassen. "Das geht so nicht!" So vergrätzt man die Kundschaft. "Sie sehen mich glücklich!" Das stimmt. Der Bürgermeister flaniert mit dem Ehrenvolk, das -- bis an die Zähne gestailt -- zahlreich erschienen ist, über die neue Prachtmeile der Einkaufskultur: Alles fein überdacht. Mohl nennen sie dergleichen in Amerika. Endlich muß niemand mehr darüber nachdenken, was an endlosen Sonntagen gemacht wird. Endlich kann man sich schon am Sonntag ansehen, wo man am Montag schoppen geht. Es läuft sich schön auf Marmorböden -- ein bißchen glatt vielleicht und somit ungünstig für die Älteren, aber die können schließlich auch woanders, oder?

Bevor das gemeine und größtenteils sonnenbankgebräunte Turnschuhvolk in schmucken Djogginganzügen und Goldkettchen am Hals die noch freizugebenden Konsumhallen stürmen darf ("Gehen Sie mal schön zurück -- hier stand gerade meine Frau!"), ist Rhetorik angesagt. Dank den Investoren, Dank den Ideengebern, dank den Handwerkern, Dank überhaupt. Eine Stadt feiert sich selbst. Die Kaufliturgie folgt später. Und wer nich wipp ist, ist halt hipp. Die Wipps kriegen Sekt, die Hipps freien Auslauf. Während der Bauleiter noch das Lob des lokalen Handwerks singt, gibt sich der Pöbel ersten Handgreiflichkeiten hin. "Paß bloß auf, daß ich dich nich gleich lang mache!" Aha! "Sie sehen mich glücklich!" Das stimmt. "Und jetzt darf ich unser neues Einkaufszentrum der Öffentlichkeit übergeben und hoffen, daß somit die Einkaufskultur auch Einzug in unsere Stadt halten wird." Na denn.

Jetzt geht es aber erst richtig los. Bürgermeister und Wipps werden niedergewalzt von der Kundenlawine, die sich anschickt, die Geschäfte zu stürmen. (Arbeitet eigentlich noch jemand in der Stadt, oder sind sie alle hier -- auf Krankenschein vielleicht? Mag sein, daß mittlerweile Kunde ein Lehrberuf ist. Das wär's doch, wo wir nicht alle Stars werden könnendürfen.) Man gewinnt rasch den Eindruck, daß alle Anwesenden im Verlauf der letzten zweidrei Monate keinerlei Gelegenheit für einen Einkauf hatten oder aber davon ausgehen, daß aufgrund einer noch im Tagesverlauf hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise schon morgen (nicht nur in unserer Stadt) keine käuflichen Güter mehr zur Verfügung stehen werden. Es dauert kaum drei Minuten, da bricht endlich der Segen der neuen Einkaufskultur über uns herein, in uns hinein, über uns hinweg und aus uns heraus. "Sie sehen mich glücklich!" Auf einer Videoleinwand ist der Bürgermeister zu sehen, der nochmals von einem Meilenstein spricht. "Die neue Mitte wird uns den Aufschwung und wir können ja für Mama gleich einen Staubsauger und hoffentlich auch neues Leben in die Stadt bringen is das geiel..."

Endlich! Bisher -- so scheint es -- haben wir alle nur unsere Konsumentennotdurft verrichtet. Jetzt werden wir lernen, was es heißt, mit Kultur einzukaufen. (Und die Kultur unserer Tage ist, darf man den Lautsprecherdurchsagen glauben, der geile Geiz. Der macht übrigens müde, denn vor zehn Uhr läuft nix.) Erste Saalschlachten bei satt Turn: Menschen verlassen, beladen mit drei Staubsaugern, den Laden -- ein Lächeln ins Gesicht gefräst, als seien ihnen soeben die letzten wahren Segnungen der Zivilisation zuteil -- pardon: zu geil -- geworden. Gib uns deinen Frieden und einen Staubsauger gleich dazu. "Tim, ich hab drei!" brüllt einer der Staubsaugersammler einem Freund jenseits der Kassenschlange zu. Was sie denn -- fragt ein Journalist eine dem Orgasmus nahe Mitdreißigerin -- mit drei Staubsaugern anzufangen gedenke. "Is doch egal. Di warn billig. Und könnte ja mal einer kaputt gehen. Vielleicht verkauf ich auch einen bei ibäi oder ich nehm ihn als Weihnachtsgeschenk, weil dann brauch ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen und so." Andere schleppen prall gefüllte Plastiktüten -- drin sind lauter Sachen, die man immer schon nicht gebraucht hat, die aber billig sind. "Da muß man zugreifen weil sonst tun es doch die anderen." In der Eingangsschleuse werden die Neukunden mit der Einkaufsliturgie bekannt gemacht: "Geiz ist geil!" läßt sich der elecktro-akustische Vorbeter vernehmen. "Geiz ist geil!" Komme mit deinem Segen über uns, o satt Turn. Geiz ist geijel. Ein kulturell äußerst wertvoller Satz. "Sie sehen mich glücklich!" Das stimmt.

Für die Kindlein gibt's schwarze Luftballons von der Sekjuritie. (Vielleicht kann der Papa die später noch kondomal nutzen. Geiz ist doch so geiel!) An den Kassen bilden sich Riesenschlangen, und jeder, der rauskommt -- auch die mit Tüten bis zur Unkenntlichkeit Beladenen --, ist dem Paradies einen Schritt näher gekommen. "Mann, is das geijel. Echt Super. Nur ein bißchen zu voll." Einkaufen könnte so schön sein. Wenn nur die andern nicht wären. Am Ende allerdings ist wieder mal keiner dagewesen. "Bin ich denn blöd. Ich geh doch nicht am ersten Tag dahin. Krisse doch kain Paikplatz un nix." Man darf sich fragen, wer all die Menschen waren, die es in den Einkaufsgottesdienst getrieben hat. Die müssen jedenfalls alle von außerhalb angereist sein. Hier würde sich doch keiner so was antun. Freiwillig. Wahrscheinlich waren das alles gemietete Kunden. Weiß man's?! Den Bürgermeister jedenfalls sehen wir glücklich, allerdings noch ohne Tüte, dafür aber mit Fahne, die allerdings nicht zu sehen ist und auch nur piccolo. Geschichte ist geschrieben worden. Arbeitsplätze wurden geschaffen und wie gesagt: Jetzt gibt's Kultur zum geilen Preis. Und jede Menge geile Klamotten, weil die braucht man ja. Wir sehen uns. Glücklich.

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