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no. 16: driften -> rucksacktourismus
 

Projekt: Driften

Rucksacktourismus als Reaktion auf spätmoderne Anforderungen

von Jana Binder

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* literatur
* druckbares

Sich treiben lassen, mal hier, mal dort hin, ohne konkretes Ziel und mit viel Zeit zur Verfügung. Immer mehr Menschen erfüllen sich diesen Wunsch, verlassen den Alltagstrott und brechen zu großen und kleinen 'Weltreisen' auf. Vieles wird dabei dem Zufall überlassen, manches aber auch nicht. Der gezielte Umgang mit 'Risiken' spielt bei diesen 'Aussteigern auf Zeit' eine größere Rolle, als ihnen vermutlich bewußt ist.

 

Pedro, 28, kommt durch die Tür des Mehrbettzimmers, das auf dem Dachboden eines Hostels im Hochland von Malaysia untergebracht ist. Er ist bärtig, die ungewaschenen Haare sind unter einer Baseballmütze versteckt. Mit seinem Rucksack auf dem Rücken bleibt er im Türrahmen hängen. Vor ihm, auf dem Bauch, trägt er einen kleinen Tagesrucksack, in dem vermutlich seine Wertsachen untergebracht sind. Er wirkt erschöpft. Während er nach einem Bett Ausschau hält, grüßt er kurz nach links und rechts in die schon belegten Betten. Hier liegen unter anderem Angela aus Deutschland, die gerade auf dem Weg von Australien nach Thailand ist und nach ihrem Universitätsabschluß zum ersten Mal ein ganzes Jahr unterwegs ist; Mark aus Neuseeland, der immer wieder auf die Reise geht, wenn es ihn packt und er das Geld und die Zeit hat; Chenug aus Singapur, der vor der Übernahme eines neuen IT-Projekts in den nächsten drei Monaten Asien auf dem Landweg bereisen will und ich, die Kulturanthropologin aus Deutschland, die im Rahmen ihrer Feldforschung über Rucksacktouristen diesen folgt und ihre Reisepraxen dokumentiert. Man liest, hört CDs oder schreibt Tagebuch. Susie, eine Kanadierin, hat sich unter ihr Moskitonetz verkrochen, da gestern nacht eine Ratte durch das Gebälk turnte und für allgemeine Aufregung sorgte. Nun hat sie Angst, daß diese heute nacht auf ihr Bett fallen könnte. Pedro sucht sich einen Platz in der Ecke und belegt das leerstehende Bett neben ihm gleich mit. Hier breitet er sein Hab und Gut aus: Dreckwäsche, saubere T-Shirts, Duschzeug, ein dickes, zerlesenes Buch, einen Sarong, ein Laken, ein Handtuch, einen Reiseführer, den Discman usw. Viel ist es nicht. Nachdem er alles herausgenommen hat, was er für die Nacht braucht, räumt er den Rest wieder ein, verstaut den großen Rucksack unter seinem Bett, nimmt die kleine Tasche in den Arm, setzt seine Kopfhörer auf, nickt uns zu und murmelt "Sleep well". Vor zwei Jahren gab er seinen Job in einem argentinischen Touristikunternehmen auf, da dieser ihn nicht erfüllte. Er verkaufte seine Harley und plante einen Sechs-Monate-Trip nach Europa. Er jobbte in London, bereiste Europa mit dem Zug und endete schließlich in Israel. Dort wurde sein Geld langsam knapp, doch er wollte nicht zurück nach Argentinien -- noch nicht. Wieder in Europa fand er in Andorra einen Job in einem Skiverleih, und dort blieb er für die Wintersaison. Von seiner Freundin hatte er sich mittlerweile getrennt, denn bis heute kann er nicht sagen, wann er wieder Lust haben wird zurückzukommen. Mit dem neu verdienten Geld machte er sich wieder auf den Weg nach Nordafrika und nach einer weiteren Skisaison in Andorra schließlich nach Asien. Von hier aus will er weiter nach Australien und Neuseeland und dann vielleicht nach Alaska. Von Alaska würde er sich gerne ganz langsam bis nach Argentinien vorarbeiten, aber das liegt noch in weiter Ferne. Bis dahin will er sich treiben lassen, reisen, driften.

 

Drifter

Pedro, Angela, Mark, Cheung und Susie gehören zur Gruppe der Rucksacktouristen, die sich Tag für Tag auf den Weg um die Welt machen. Der Anthropologe und Tourismuswissenschaftler Erik Cohen identifizierte dieses Phänomen erstmals in den siebziger Jahren und nannte die vorwiegend jungen Menschen, die auf diese Art und Weise leben und reisen, "drifter" (Cohen 1973). Cohen definierte den Drifter als

"den Touristentyp, [der] sich von ausgetretenen Pfaden und den gewohnten Lebensweisen seines Heimatlandes weg wagt. Er [der Drifter, J.B.] meidet jegliche Verbindung zu einer touristischen Infrastruktur und empfindet gewöhnliche touristische Erlebnisse als unecht. Er neigt dazu, sich ganz auf eigene Faust durchzuschlagen, lebt der lokalen Bevölkerung und nimmt oft Gelegenheitsbeschäftigung an, um weiterzukommen. Er versucht, so zu leben, wie die Menschen die er besucht [...] hat keinen festen Reise- oder Zeitplan und keine klar definierten Reiseziele. Er taucht nahezu vollständig in die Gastkultur ein" (Cohen 1972, 168, Übersetzung: J.B.).

Bei Cohen handelte es sich damals um eine jugendkulturelle Subkultur, die sich aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Veränderungen vom Massentourismus abwendete. Entscheidende Bedingungen für die Herausbildung dieser Subkultur waren unter anderem ökonomische Sicherheit, die Entfremdung von der "eigenen" Nationalgesellschaft und das Aufweichen verbindlicher Normen und Verpflichtungen, wie sie für die Entwicklung moderner Gesellschaften immer wieder konstatiert werden (Cohen 1973).

Cohen zufolge spiegelt die sogenannte 'Backpacker-Szene' vor allem Entwicklungsprozesse und Lebenseinstellungen der westlichen Zeitgeschichte. Dies ändert sich, so meine Beobachtung, zur Zeit entscheidend durch das Aufkommen neuer Mittelklassen und Bildungseliten vor allem in Asien. Heute prägen zunehmend Backpacker aus Japan, Singapur, Malaysia und Südkorea die Szene. Außerdem sind sowohl Israelis als auch 'westliche' Nachkommen von Migranten aus aller Welt in dieser Gruppe anzutreffen. Die Geschichte des Rucksacktourismus wird jedoch bis heute vor allem in ihrer Beziehung zu westlicher Tourismuskultur betrachtet und ist auch wissenschaftlich vor allem im angloamerikanischen Raum verortet. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn in der Literatur davon ausgegangen wird, daß die Motivationen und das Selbstverständnis heutiger Backpacker in vielerlei Hinsicht auf kulturellen Werten und Vorstellungen basieren, die in Europa schon lange Zeit Reisen und Mobilität kontextualisieren (Welk 2003). So verbindet demnach die Idee des Rucksackreisen, des 'Driftens' durch die Welt, Vorstellungen der Grand Tour junger Adeliger des 17. und 18. Jahrhunderts mit einem Vagabundentum auf Wanderschaft. Im Rahmen der Hippie-Bewegung der 60er und 70er Jahre bekam dieses Konglomerat seine, für die heutige Rucksackkultur prägende, Ausformung. Auf welche Geschichte und Ideale sich hingegen asiatische Backpacker beziehen, ist bisher noch kaum erforscht.

 

Rucksacktourismus

Rucksacktourismus muß aber nicht nur aufgrund seiner sich zunehmend verändernden personellen Zusammensetzung neu konzeptualisiert werden. Er ist vor allem selbst zum Massenphänomen geworden. Die Zahl der verkauften Round-The-World-Tickets vervielfachte sich in den letzten zehn Jahren, die Infrastruktur für diese Art des Tourismus hat sich bereits in nahezu allen Ländern dieser Welt etabliert. Des weiteren haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen in den letzten 30 Jahren weiter rapide geändert und somit auch die Reaktionen auf sie. Massive Umwälzungen im wirtschaftlichen Bereich haben zu neuen Strukturen der Arbeits- und Lebenswelt geführt, die gerne mit ökonomischer Globalisierung umschrieben werden. Die kulturelle Globalisierung weckt neue Ideen und Bedürfnisse und diejenigen, welche die finanziellen Möglichkeiten dazu besitzen, versuchen, ihre Imaginationen zu verwirklichen. Die Semantik der Globalisierung wirkt sich auf alle Ebenen aus und entwickelt ein neues Identitätsprofil: 'Globalität'.

Diese neuen Strukturen haben sich auch auf den Rucksacktourismus ausgewirkt:

Pedros Beispiel und seine Reisepraxen zeigen, daß die von Cohen formulierte Motivation des Driftens nicht als völlig 'überholt' gewertet werden kann. Rucksacktouristen reisen weiterhin individuell, über längere Zeiträume, bei geringem Budget, ohne feste Route und mit dem Wunsch, sich so gut wie möglich in die Gesellschaft des Gastlandes einzufügen. Allerdings oszilliert der Großteil der Reisenden zwischen den Extremen eines offenen Reiseausgangs (Pedro) und einer einmaligen, geplanten Reise zwischen zwei voneinander weitgehend abgeschlossenen Lebensstationen. Susie, die kanadische Backpackerin, wählte die Zeit zwischen Collegeabschluß und dem Eintritt in die Arbeitswelt für ihre Weltreise. Das Rückflugticket von Sydney nach Toronto hat sie bereits in der Tasche, als ich sie in Malaysia treffe. Eine Woche nach ihrer Rückkehr wird sie in einer Werbeagentur zu arbeiten beginnen. Da sie sich nicht ihre Zukunft verbauen wollte, besprach sie ihr Vorhaben des year off sowohl mit ihrem Professor als auch mit ihren Eltern und ihrem zukünftigen Arbeitgeber. Alle ermutigten sie zu dieser Reise. Insbesondere ihr zukünftiger Arbeitgeber verspreche sich viel "Input" durch die Erfahrungen, die sie auf ihrer Reise sammelt, erzählt sie mir im Interview.

Wie für Susie, steht für die meisten Backpacker das Rückkehrdatum fest. Das Driften ist terminiert, begrenzt und hat seinen festen Platz in der individuellen spätmodernen (Erfolgs-) Biographie -- ein Merkmal, das nicht zu den von Erik Cohen ausgemachten Driftern passen will. Nichtsdestotrotz ist das Sich-Treiben-Lassen, das Driften, weiterhin das wichtigste Element dieses Lebens-, Reise- und Konsumstils -- "the whole point of backpacking" sogar, wie Susie erklärt. 'Driften' wird dabei von den Rucksacktouristen selbst nicht als Begriff oder Konzept verwendet, sondern umschrieben:

"Es gibt viele Arten auszuwählen, wie du herumreisen willst, und das ist der ganze Sinn des Rucksackreisens, daß du an nichts und niemanden gebunden bist; es ist deine Reise, deine Entscheidung, und der ganze Sinn des Rucksackreisens ist, zu tun, was immer du willst" (Susie, 21, Kanadierin).
"Ich bin einfach so viel offener geworden für alles, für neue Erlebnisse. Da sind so viele Sachen von denen ich vorher gesagt hätte, also wenn das jemand zu mir gesagt hätte vorher, also 'In einem Jahr da wirst du so was machen', dann hätte ich auf jeden Fall gesagt 'Nee, das is nichts für mich'. Jetzt mach ich es einfach, wenn es sich ergibt." (Angela, 28, Deutsche).
"Sie wollen alle die Welt sehen, alle versuchen, mit ihrem Budget auszukommen, alle sind offen für neue Freundschaften, also das ist schon ähnlich. Sie sind alle offen für fremdes Essen und egal wohin sie ihre Reise führt, sie werden einfach begeistert sein." (Richard, 22, Engländer).
"[...] es ist wie die große Familie der Reisenden und der Träumer gegen die Politiker und Bürokraten" (Pedro, 28, Argentinier).

Der Begriff des Driftens paßt sehr gut zur Beschreibung der Selbstrepräsentation von Rucksacktouristen, da er viele Aspekte umfaßt, die für Rucksacktouristen sehr wichtig sind. Die in den Zitaten angesprochenen Aspekte können in fünf Kategorien zusammengefaßt werden. Im Rahmen meiner teilnehmenden Beobachtungen und qualitativen Interviews auf und nach Reisen, sowie durch die Auswertung von Dokumenten wie Reisefotos, E-Mails und Tagebüchern habe ich erfahren, daß Rucksacktouristen an dieser Reiseform vor allem die Möglichkeiten schätzen, 1. dem 'Fremden' zu begegnen; 2. Teil einer (transnationalen) Gemeinschaft zu sein; 3. das Gefühl zu haben, ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln; 4. vielen Gewohnheiten und materiellen Gütern temporär zu entsagen; sowie 5. sich durch die gemachten Erfahrungen von anderen abzuheben bzw. sich einer bestimmten Gruppe von Menschen zuordnen zu können.

Viel interessanter als die Fragen, ob diese Möglichkeiten wirklich erfüllt werden, oder den Tatsachen entsprechen (wie sie die Tourismusforschung immer wieder neu stellt und neu zu entlarven versucht), erscheint mir die Überlegung, welche Funktion solche Reisen und ihre Repräsentationen als 'Drifter-Erlebnisse' haben und in welchem Verhältnis sie zu spätmodernen Entwicklungen stehen.

 

Projekt: Driften

Die Bedürfnisse des Sich-Treiben-Lassens stehen weiterhin in einem engen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen, heute allerdings mit den Lebens- und Arbeitswelten spätmoderner, reflexiver Gesellschaften. Driften, so meine These, stellt eine Möglichkeit dar, mit den Konflikten umzugehen, die Gegenwartsgesellschaften ausmachen, sowie sich auf dem Arbeitsmarkt neu zu positionieren. Je nach Person sind die Konflikte und der Wunsch, sich den Anforderungen der Arbeitswelten anzupassen, unterschiedlich stark ausgeprägt; sie alle (von Pedro bis Susie) qualifizieren sich aber durch ihre Reise für viele spätmoderne Anforderungen.

Susie und Angela planen eine Viertageswanderung durch den Urwald Malaysias, den ältesten Urwald der Welt. Sie überreden Pedro und Mark sich anzuschließen, ich darf sie ebenfalls begleiten. Es ist schwierig herauszufinden, wie wir am günstigsten in das entlegene Gebiet kommen, da keine direkten Straßen existieren. Gemeinsam fragen wir uns durch und schaffen es schließlich, einen Weg zu finden. Obwohl er sehr beschwerlich ist, steht es außer Frage, daß man diese Mühen auf sich nimmt. Wir fahren über 24 Stunden in verschiedenen Bussen, Booten und Taxis und übernachten in Busbahnhöfen und an der Anlegestelle. Im Dorf, das den Ausgangspunkt darstellt, angekommen, suchen wir einen Führer, der eine Tour genau nach unseren Vorstellung anbietet, bzw. überreden jemanden, sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Vor Ort sind Lebensmittel sehr teuer, da sie umständlich angeliefert werden müssen. Die Budgetierung der vier erlaubt es ihnen nicht, mehr als zehn US Dollar am Tag auszugeben, und da der Tourguide nicht billig ist, bleibt kaum mehr etwas übrig. Das Frühstück lassen wir deswegen ausfallen. Zu Mittag besorgen wir uns Früchte, und am Abend gönnen wir uns das billigste Gericht auf der Karte. Von anderen Reisenden haben wir kurz nach der Ankunft herausgefunden, in welchem Restaurant es die größten Portionen gibt. Am dritten Tag geht es endlich los. Wir müssen unser gesamtes Trinkwasser mitnehmen. Wir teilen es auf die verschiedenen Rucksäcke auf. Pedro übernimmt dabei den größten Anteil, da er am sportlichsten ist. Während der Wanderung erzählen wir uns unsere Lebensgeschichten in der einzigen gemeinsamen Sprache, die wir haben -- in Englisch. Mark und Susie müssen als Muttersprachler immer wieder Rücksicht nehmen, gestehen aber, daß sie uns beneiden, da wir überhaupt mehrere Sprachen sprechen. Gemeinsam wehren wir uns gegen die vermeintlichen Machenschaften des Führers und entfernen uns jeden Abend gegenseitig die Blutegel an den Beinen. Es entsteht ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl. Als Pedro am letzten Tag erkrankt, übernehmen wir sein Gepäck und versorgen ihn mit den vorhandenen Medikamenten so gut es geht. Die erfahrenen Reisenden erzählen sich von ihren Erlebnissen in anderen Ländern, alle geben an, bei weitem extremere Situationen durchgestanden zu haben als diese. Trotz völlig unterschiedlicher Lebensentwürfe fühlt man sich als Gleichgesinnte. Immer wieder kommt zur Sprache, wie überlegen sich alle vier gegenüber ihren Freunden zu Hause fühlen, da diese gelangweilt und / oder gestreßt zur Arbeit gehen, während wir in Hochständen übernachten und nach Panthern und Affen Ausschau halten. Mark und Angela gehen eine Liaison ein. Angela genießt es, sich mit Mark einzulassen zu können, ohne die Konsequenzen überdenken zu müssen - "hier kennt mich niemand, und übermorgen bin ich sowieso schon wieder ganz wo anders", sagt sie mir, als ich sie nach ihrer Affäre frage. Zwei Tage nach der Tour zerstreut sich die Gruppe in alle Himmelsrichtungen, nur ich folge Susie weiter nach Thailand.

Während sie sich treiben lassen, probieren Backpacker sich aus, versuchen sich zu verändern, nehmen Herausforderungen spielerisch an. Dies macht sie während der Reise zu einer temporären, imaginierten Gemeinschaft, zu einem Team, mit einem gemeinsamen Projekt: Driften. Der homogene Hintergrund, dem die meisten Rucksacktouristen entstammen (obere Mittelklasse, gut ausgebildet), ermöglicht ein relativ einfaches, schnelles Einfügen in die (jeweiligen) Gruppe(n), ohne daß gleichzeitig aus dem gemeinsam entwickelten, adaptierten Lebensstil langwierige Verpflichtungen entstehen würden, denn das Projekt Reise ist auf Flexibilität, Mobilität, Innovationskraft und Spontaneität ausgelegt. Alle sind daran interessiert, 'ihr Projekt' durchzuziehen und helfen sich dabei gegenseitig. Des weiteren bietet das Driften Möglichkeiten, sich auf Dinge einzulassen, die in anderen Momenten der Biographie unmöglich erschienen. Susie hatte geplant, mit einer Freundin nach Asien zu reisen. Nach einem Streit in Europa flog diese jedoch nach Hause, und Susie mußte alleine weiterreisen. Mit dem grundsätzlichen Wissen, daß ihr nicht viel passieren kann, viele andere eine ähnliche Situation ebenfalls schon gemeistert haben und mit der Versicherung, daß sie ihren Rückflug jederzeit, von fast jedem Ort aus, vorverlegen kann, reiste sie alleine weiter und ist heute besonders stolz darauf. Dieses Projekt kann sie in ihren Lebenslauf einsetzen, und ihr zukünftiger Arbeitgeber wartet bereits auf ihre Erfahrungen und die dadurch erworbenen Qualifikationen. Angela antwortete in Australien auf eine Zeitungsannonce, in der eine Frau als Reisebegleitung für eine Outback-Durchquerung gesucht wurde. Dieses Erlebnis gehört zu den herausragenden Erfahrungen ihrer Reise auch wenn (oder gerade weil) sich ihrem Vater heute noch die Haare sträuben, wenn sie davon erzählt. Sie schaffte es, das Unterfangen 'Wüstendurchquerung' zu planen, zu organisieren und erfolgreich durchzuführen. Mark entschied spontan, Thailand zu verlassen, weil er jemanden kennenlernte, der auf dem Weg nach Malaysia war. Er war flexibel genug, sich spontan auf eine neue Situation einzulassen. Softskills nennt man diese Fähigkeiten im gegenwärtigen Business-Jargon. Die Möglichkeit sich auszuprobieren, zu testen, wird als essentieller Bestandteil der persönlichen Weiterentwicklung durch das Reisen, des Sich-Treiben-Lassens interpretiert. Ohne das gewohnte, bekannte soziale Umfeld um sich herum, lassen Backpacker sich auf Situationen ein, die für sie neue Herausforderungen darstellen. Einen Tauchschein zu machen, 'Bungee-Jumping' oder Fallschirmspringen sind die bekanntesten und kommerziellsten Varianten, die in diese Richtung weisen. Situationen, in denen spontan entschiedenen wird, alle bisherigen Reisepläne über den Haufen zu werfen und jemandem in ein anderes Land zu folgen, mit einem Fremden die Wüste zu durchqueren oder sich sonstigen körperlichen und geistigen Herausforderungen zu stellen, denen man vorher ausgewichen wäre, sind aber die Erlebnisse, die im Nachhinein die größte Bedeutung besitzen. Gleichzeitig stellen diese persönlichen Erfahrungen Qualifikationen dar, die aus Berufsprofilen nicht mehr wegzudenken sind. Das Projekt Reise ist demnach in zwei Richtungen sinnvoll: es ermöglicht eine Qualifizierung, die einen Wiedereinstieg nach der Reise in bestimmten Berufszweigen eher erleichtert als erschwert, und es erfüllt für bestimmte Menschen das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Dieser Gruppe stehen zwei essentielle Anforderungen spätmoderner Gesellschaften nicht mehr konträr gegenüber.

Die subjektiven Erfahrungen und Erlebnisse sind es, die die Momente und Aspekte des empfundenen Driftens ausmachen. Sie sind Sinnbild für die Begegnung mit dem Fremden, die transnationale Gemeinschaft, die neuen Gewohnheiten, die gemeisterten Herausforderungen, sowie die bestätigte Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Menschen -- den Kosmopoliten, eine Gruppe, die in der globalisierten Welt höchste Anerkennung erfährt. Die von Cohen beschriebenen Drifter müssen heute als mobile professionals verstanden werden.

Die neuen Erfahrungen und Qualifikationen erscheinen im Zusammenhang mit dem Driften besonders angenehm, da die Reise, wie schon mehrfach angedeutet, unter ganz spezifischen Umständen stattfindet: während die Rucksackreisenden durch die Welt driften, können all ihre Handlungen und Praxen im Hinblick auf ihre zukünftigen Biographien mehr oder weniger konsequenzlos bleiben. Sie befinden sich in einem Zustand, in dem weder die Menschen noch die Institutionen, die sie umgeben, wichtig genug sind, um effektive soziale Kontrolle auszuüben. Das Driften stellt eine Auszeit von der Ernsthaftigkeit und dem Risiko des Alltagslebens dar, wie es der Soziologe Ulrich Beck beschreibt. Damit sind vor allem die gesellschaftlichen Bedingungen und Auswirkungen einer zunehmenden Individualisierung gemeint. Diese entläßt Menschen aus traditionellen sozialen und institutionellen Zusammenhängen wie Klasse, Nation, Familie oder Ethnie. Normen, Werte und Rollen haben in spätmodernen Gesellschaften weitgehend ihre Verbindlichkeit verloren, was den Einzelnen dazu nötigt, seine Identität sowie seinen Lebensinn und -zweck selbst, individuell, zu kreieren, ohne allerdings, und das macht die Situation besonders heikel, auf garantiert erfolgsversprechende Konzepte zurückgreifen zu können (Beck 1986). Durch eine zunehmende Verwissenschaftlichung und Reflexivität in der Gesellschaft ist die Vorstellung von gradlinigen, zielgerichteten Entwicklungen und Projekten abhanden gekommen. Das Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Modernisierung hat sich aufgelöst, alle Bereiche sind vielmehr zu Risikofaktoren des Alltag geworden.

Betrachtet man nun die Aspekte, die den Rucksacktourismus nach Aussagen der Reisenden besonders ausmachen und die ich als 'Driften' zusammengefaßt habe, so wird deutlich, daß eben jene Bereiche besonders betont werden, die sich, nach Beck, Giddens und anderen, in der Spätmoderne dynamisiert zu haben scheinen: Der Zwang, ein individuelles Ich-Projekt zu entwickeln, das Ausprobieren neuer Möglichkeiten, das Sammeln von Erfahrungen wird exzessiv betrieben und -- statt mit Risiko belegt -- zu Spiel, Spaß und Spannung umgedeutet. Risiko, in Form von Herausforderungen oder Grenzerfahrungen, wird nicht mit Versagen, sondern mit Bereicherung gleichgesetzt, da es zu keinem Versagen kommen kann: Jede Heimkehr stellt einen erfolgreichen Projektabschluß dar.

 

Fazit

In diesem Zusammenhang kann die Reise, die lange als Übergangsritual von der Jugend in das Erwachsenenalter betrachtet wurde, nicht mehr so eindeutig positioniert werden. Sie ist vielmehr in der Biographie immer wieder Beweis für Lernbereitschaft, flexibles Orientieren, Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen bei gleichzeitiger Kreativität. Eine immer größere Zahl älterer Menschen im Rucksacktourismus könnte darauf hinweisen, daß die mit der Reise assoziierten Qualifikationen immer wieder 'bewiesen' werden müssen, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten.

Rucksacktourismus stellt einen Umgang mit spätmodernen Lebensformen in komplexen, reflexiven Gesellschaften dar, mit gleichzeitiger Qualifikation für diese. Der oben angesprochene Konflikt der Spätmoderne, insbesondere für junge Menschen aus einem Umfeld, in dem materielle Sicherheit und ein hohes Maß an Bildung die Norm sind, besteht in der Widersprüchlichkeit zwischen dem Anspruch, sein Leben selbst gestalten zu wollen und der Verpflichtung, es selbst gestalten zu müssen und das ohne Sicherheiten und Ratgeber. Die Reise, das Driften um die Welt und insbesondere die Entscheidung zurückzukommen, stellt einen Ausweg aus diesem Konflikt dar: die Annahme der gesellschaftlichen Strukturen des Alltagslebens der Herkunftsgesellschaft ist nun eine bewußte Wahl und läßt sich damit mit dem Anspruch vereinen, seinen Lebensweg selbst zu gestalten.

Der Sinn einer solchen Unternehmung, das temporäre Driften durch die Welt, stellt demnach für eine bestimmte Gruppe von Menschen eine Möglichkeit dar, die Ungleichzeitigkeiten, Widersprüche und Komplexität spätmoderner Lebenswelten in einen sinnhaften Zusammenhang zu stellen. Dabei ist es insgesamt von peripherer Bedeutung, ob sie die 'Fremde' wirklich kennenlernen oder nicht, bzw. ihr subjektives Erleben ein standardisiertes Massenphänomen ist oder nicht -- sie haben immerhin einen Weg gefunden, sich mit den widersprüchlichen Konsequenzen der Moderne zu arrangieren.

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