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no. 16: driften -> perspektive
 

perspektive

Treibgut auf der Entlassungswelle

von Peter Mannhart

Ein Seitenraum in einem nicht so vornehmen Vorort, im Nachbargebäude ist ein Frauenknast. München ist eine teure Stadt, viele Menschen haben hier in den letzten Jahren sehr viel Geld verdient. In dem Raum dreißig Erwachsene zwischen 30 und 60. Sie haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind alle Akademiker, und sie haben ihren Job verloren. Nun hat das Arbeitsamt ihnen einen Kurs bei einer Outplacement-Agentur bezahlt, ein Bewerbertraining. 'Qualifizierungsmaßnahme' heißt das auf Neudeutsch. Drei Monate wird der dauern. Da hockt nun ein Stall voller hoch gebildeter Fachleute, die in ihren Lebensläufen teilweise illustre Arbeitgeber aufweisen können. Börsenmakler und Verlagsfachfrau, Computerspezialistin und Architekt, Sportwissenschaftler und Biologin -- ihre Ausbildung hat sie selbst, ihre Familien und den Staat viel Geld gekostet. Es ist allerdings keiner der üblichen Bewerbungstrainingskurse -- hier wurden alle Teilnehmer persönlich von ihrem zuständigen Beamten eingeladen. Das Arbeitsamt hat sanften Druck ausgeübt, sie zu einer Informationsveranstaltung vorgeladen und ihnen allen sehr nahe gelegt, sich zu dem Kurs anzumelden. "70 Prozent Erfolgsquote" habe er, hat der Dozent da schon behauptet. Neue Ideen, neue Impulse, ein neues Auftreten als Schlüssel zum neuen Job -- "ich verspreche Ihnen, Sie werden als neuer Mensch aus diesem Kurs kommen!" Trotzdem ist die Teilnahme mehr oder weniger freiwillig, der Kurs ist so teuer, daß das Arbeitsamt niemanden in diese 'Maßnahme' zwingen will.

Das Frustpotential in dem schmucklosen Raum ist mit Händen greifbar; die Hoffnungen, die die Einzelnen in diesen Kurs setzen, sind zum Teil enorm, wie sie gleich am ersten Seminartag in der Vorstellungsrunde berichten. Einige Wochen bis hin zu mehreren Jahren ist es her, daß aus den hochqualifizierten Akademikern Arbeitslose wurden. 30 Biographien, das sind 30 Vermittlungsprobleme für das Arbeitsamt, 30 von inzwischen 4,5 Millionen. Schon bei der kurzen Vorstellungsrunde wird deutlich: Das Phänomen Arbeitslosigkeit hat sich seit dem Ende der Neuen-Markt-Hysterie grundlegend gewandelt. Denn die meisten der hier Sitzenden hätte bis vor kurzem wohl unter zahlreichen Angeboten auswählen können. Zum Teil waren sie schon in ganz Deutschland beschäftigt, sind häufig abgeworben worden, haben ganz erstaunliche Sprünge in ihren Biographien. Der Wechsel war möglich. Bereits in der ersten Zigarettenpause kommen einige ins Schwärmen angesichts der Erinnerung an die Anrufe der Headhunter, der Kopfgeldjäger, die zurzeit ebenfalls um ihren Arbeitsplatz bangen dürften. Und der eine oder andere kann es immer noch nicht glauben, daß ausgerechnet er nun hier mit einer Gruppe unbekannter Frustrierter sitzt, er, der doch immer nur Erfolg hatte, Fachmann mit drei Berufsabschlüssen ist und sich nun "wie Müll" vorkommt, wie ein Mittdreißiger sagt. Er habe doch immer gute Arbeit geleistet.

"Wir leben nicht mehr in einer Leistungs-, sondern in einer Wirkungsgesellschaft", meint der etwas schmierige Seminarleiter, der -- früher selbst Maschinenbauer -- inzwischen prächtig verdient an seinen Motivationskursen für die wachsende Arbeitsamtsklientel sowie für 'Outplacementseminare' für ein Großunternehmen. Das kündigt gerade reihenweise seinen einst hoch bezahlten Mitarbeitern und will ihnen zum Abschied noch einmal etwas Gutes tun. Geld spielt dann natürlich immer noch keine Rolle. Denn wer möchte schon schlechte Presse ... Die Wirkung wäre ja verheerend. Wenn grade noch etwas boomt in Deutschland, dann sind es Kurse wie dieser. Die Vermittlungsquote des Kursleiters ist nach eigenen Angaben märchenhaft, über 70 Prozent der von ihm betreuten entlassenen Manager sollen innerhalb kürzester Zeit einen neuen Traumjob gefunden haben. Aber vielleicht gehört die Zahl auch ins Reich der Legende.

Denn der Arbeitsmarkt ächzt -- Arbeit ist zur Zeit ein sehr knappes Gut geworden. Dem zum Trotz expandiert der Seminaranbieter; demnächst will er eine Dependance in der sonnigen Karibik eröffnen. Die Arbeitsamtskurse läßt er hingegen einschlafen; es ist sein letzter Kurs, und man merkt ihm den eigenen Motivationsmangel deutlich an. Es geht dann schnell zur Sache und läßt ziemlich deutlich durchblicken, daß er die Leute, die hier sitzen, für selbst schuld an ihrem Schicksal hält. Bei manchem mag er auch Recht haben, potentielle Arbeitgeber wären hier vor eine harte Geduldsprobe gestellt. So stellt sich im Gespräch heraus, daß die 44-jährige Designerin nicht bereit ist, weiter als zehn Kilometer von ihrer Wohnung aus zu pendeln. Denn sonst müßte ja der 13-jährige Sohn allein zur Schule gehen. Ihr Handy nervt mit Dauerklingeln, denn natürlich ist es dem Kleinen nicht zumutbar, die Mutter in den Pausen anzurufen. Der Steuerberater, der sich brüstet, ausgiebig schwarz zu arbeiten, ist ein notorischer Dazwischen-Babbler und Zu-spät-Kommer -- der Verkehr, das Kind, die Termine ... Wenigstens um Ausreden ist er nie verlegen. Ein harter Fall ist auch der ältere Mann mit der Villa im Süden und dem Doktortitel, der Gott und die Welt für sein Schicksal, sein Alter, sein Krankheiten verantwortlich macht und jeden Einwand mit Hinweis auf Marx und Hegel vom Tisch fegt. Ob er wohl die nachdenklich machende Webseite www.altersdiskriminierung.de/arbeit.htm kennt? Dort klagen 'ältere Arbeitnehmer' über berufliche Benachteiligung, Mauern und Widerstände. 'Alter' beginnt nach Aussagen der Pinnwand-Nutzer mit 35 Jahren.

Der Seminarleiter würde dieses Trio und auch noch etliche andere am liebsten aus seinem Kurs kegeln, aber das kann er schlecht. Schließlich hat das Arbeitsamt ja teuer bezahlt, rund 2800 Euro pro Person -- oder pro 'Fall'. So beißt er die Zähne zusammen, macht aber aus seinem Herzen keine Mördergrube und betont immer wieder, wie sehr er hier leiden muß. Und wie erfolgreich er sich selbst "aus dem Dreck", sprich der eigenen Arbeitslosigkeit gezogen hat. Und zwar mit Reden. Labern. Schwafeln. Schwätzen. Denn das kann er. In allen Tonlagen. Säuselnd und quietschend, grell und geölt. Das Ganze würzt er mit einer gehörigen Prise Exhibitionismus vom Tod des Bruders über die Krebskrankheit der Sekretärin bis hin zum Fremdgehen. Hier merkt man, wer seine Vorbilder sind: amerikanische Fernsehprediger. Andererseits hat er Slogans wie "du mußt es nur wollen, dann wird es gelingen" direkt von den ebenfalls so beliebten Motivationsgurus übernommen.

Sein heiliges Buch jedoch hat einen kurzen Namen: DISC-Modell (oder auf Deutsch DISG) heißt es und ist nichts anderes als die zeitgeistgemäß aufgemotzte Variante der Vier-Temperamenten-Lehre. Die ist wahrlich ein alter Hut: Sie stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert; der antike Arzt Galen entwickelte damals, von den vier Flüssigkeiten Phlegma, Blut, schwarzer und gelber Galle ausgehend, die Aufteilung der Menschheit in vier Charaktere. Warm und freundlich sei der Sanguiniker, langsam und apathisch der Phlegmatiker, nachdenklich und traurig der Melancholiker, rasch und heißblütig der Choleriker. Mit Fragebögen, so glaubt der Dozent, könne man -- unverstellt -- die eigentliche Grunddisposition jedes Teilnehmers enthüllen.

Folgende Deutung gibt zum Beispiel ein DISC-Anbieter im Internet unter www.edelkraut.net:

"Der dominante Typ D ist extrovertiert und sachbezogen, neigt zu Willens- und Entscheidungsstärke und zeichnet sich durch Durchsetzungsfähigkeit und Direktheit aus. Der initiative Typ I ist extrovertiert und beziehungsorientiert und zeichnet sich durch Kreativität, Engagement und Fähigkeit zur Begeisterung aus. Der stetige Typ S ist introvertiert und beziehungsorientiert und zeichnet sich durch Hilfsbereitschaft, dem Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit aus. Der gewissenhafte Typ G ist introvertiert und sachorientiert und besticht durch das Streben nach Perfektion, Logik und kritisches Hinterfragen."

"So sind sie eben, die D-ler, I-ler, S-ler bzw. G-ler" ist dann auch der Standardspruch des Seminarleiters, mit dem er glaubt, die menschlichen Verhaltensformen in Schubladen packen zu können. Wertfrei sei dieses Modell, glaubt er, und das sei gerade seine Stärke.

Trotzdem sind die Darstellungen in dem Kurs voller Rollenklischees. Einer der Dozenten ist da ganz unverblümt: Er will an einigen Schaubildern frei nach Sigmund Freud und Nachfolgern erklären, wie der Mensch funktioniert. Kritisches und natürliches Kindheits- und Eltern-Ich heißen die Sparten. Naive Bildchen zieren die sehr schematisierten Arbeitsblätter. Zwar ist es sicher löblich, so eine komplexe Theorie einfach darzustellen, doch sprechen die Illustrationen, mit denen der Dozent seine Arbeitsblätter verziert hat, eine eigene Sprache. Haben wir es nicht immer gewußt? Der gute Mensch ist ein Mann. Am besten mit einem Kind auf dem Arm, das er liebevoll herzt. Der böse hingegen ist eine alte Vettel, eine warzennasige Gouvernante mit erhobenem Zeigefinger. Diese Frau hat in ihrem Leben vermutlich noch nie gelacht. Sie illustriert das so genannte kritische Eltern-Ich, während der kosende Vater, der direkt einer Zeugen-Jehovas-Broschüre entsprungen scheint, das natürliche Kindheits-Ich symbolisiert.

Demontieren und anschließend wieder neu zusammenbauen will der Kursleiter seine 30 Schäfchen. Kein leichtes Unterfangen bei einer Herde dickköpfiger Erwachsener, die auf einige Lebenserfahrung zurückblicken können. Tränen gibt es zum Beispiel bei einer Übung, als die Teilnehmer auf einer Theaterbühne über sich und ihr bisheriges Leben erzählen sollen. Da wird es sehr persönlich, auch beklemmend. Herzstück des Seminars bleibt jedoch das DISC-Modell. Warum überhaupt diese sehr aufwendige Erhebung des jeweiligen Charakters der Seminarteilnehmer, die immerhin mehrere der insgesamt zwölf Wochen des Kurses in Anspruch nimmt? Vielleicht schlummert, so der Hintergedanke, manch verborgenes Talent in einem der armen Arbeitslosen, das nur darauf wartet, endlich befreit zu werden. Befreit für einen Neuanfang in der Selbständigkeit. Denn auch der dynamische Kursleiter muß zugeben, daß dies wirtschaftlich schwierige Zeiten sind. Arbeitsplätze werden gestrichen, und der deutlich kleinere Kuchen wird unter deutlich mehr Mitessern -- Stichwort 'Ich-AG' -- aufgeteilt. Für diese kleinstmögliche Form der Selbstausbeutung durfte die Bundesregierung übrigens den Preis für das 'Unwort des Jahres' entgegennehmen. Besitzer einer 'Ich-AG' werden selbstverständlich aus den Arbeitslosenstatistiken gestrichen, selbst wenn sie am Rande des Sozialhilfeniveaus dahinvegetieren.

Die Auswertung der Fragebögen hat etliche Kursteilnehmer gehörig ins Straucheln gebracht, den Journalisten, dessen Schaubild ihm mitteilt, gar nicht kreativ zu sein, den Börsenmakler, dem es angeblich an Dominanz fehlt, die Meteorologin, die eigentlich ihrer Phantasie freien Lauf lassen sollte. Aufgefangen worden sind diese Schwankenden nicht. In den nächsten Wochen entbrennen immer wieder Diskussionen in den Zigarettenpausen über die Eigenwahrnehmung und das Fremdbild, über Ideen, die sich daraus ergeben könnten und natürlich immer wieder über Zukunft, Zukunft, Zukunft. Das Ergebnis bleibt erschreckend nüchtern. Eier des Kolumbus? Die hat hier wohl keiner gefunden. Irgendwann endet der Kurs, franst aus. Der Sportwissenschaftler will die Selbständigkeit mit einem kleinen Gymnastikstudio überdenken, hört schon das Geld in der Kasse klingeln. Kapital und Räume sind vorhanden, allein es fehlt wohl die Begeisterung. Der Bildhauer will eine eigene Werkstatt aufmachen, die Finanzierung hängt am seidenen Faden, es ist seine Leidenschaft, sein Lebensinhalt, er wird es trotzdem versuchen. Der Autor übrigens hat sich -- trotz verheerender Testergebnisse bei seinem DISC-Profil -- nicht aus der Fassung bringen lassen: Er hat vor kurzem eine Ich-AG gegründet.

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