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no. 16: driften -> galerie
 
[Vorschau, klicken zum Vergrößern] Der letzte Limes [Vorschau, klicken zum Vergrößern]
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Die Bilder entstanden 1999 in Marienborn auf Kleinbildfilmen, Digitalvideo und Polaroidmaterial. Sie entstammen folgendem Buch: Durs Grünbein, Gundula Friese, Christoph Holzapfel: Der letzte Limes. Köln: König 2000.
Die Idee zu diesem Buch entstand aus dem Erleben eines Ortes. Der Grenzkontrollpunkt Marienborn, ursprünglich an der Transitstrecke zwischen Westdeutschland und West-Berlin gelegen, war vor allem ein Ort staatlicher Macht. Nun, seiner Funktion enthoben, driftet er zwischen Erzählungen vergangener Zeit und dem Jetzt und mit ihm sein Betrachter -- ein Taumeln zwischen Assoziationen und Eindrücken. Was ist das? Was geschieht an solch einem Platz, und wie nehmen wir das heute wahr? Es ging uns bei unserer Arbeit nicht darum, eine informative Fotodokumentation zu erstellen, sondern das Erlebte umzusetzen und nachvollziehbar werden zu lassen.
Daß es dabei eine Verbindung zur Literatur geben könnte, war der nächste Gedanke. Die Assoziationen erweitern und auf mehreren Ebenen zu aktivieren, das ist der Grundgedanke dieser Arbeit. Zusammen mit Durs Grünbein konnte dieser Gedanke zu einer konzeptionellen literarisch-künstlerischen Arbeit realisiert werden.

Was für ein Wunderbauwerk dieser letzte Limes doch war, unter uns Architekten gesprochen. Ein Entwurf, größer als Kretas Geheimlabyrinth, mächtiger als der Turmbau zu Babel, weit wirkungsvoller als Hadrians eichenstämmige Palisaden­wand, das Monument römischer Paranoia. Und so einfach als Plan, so monolithisch, in einem politischen Akt ohnegleichen aufgerichtet wie über Nacht, frontal vor den Augen der staunenden Welt, die jedes Jahr kälter wurden aus Angst vorm entscheidenden Krieg. Kein unterirdisches Luftschloß war das, einsturzgefährdet wie die Gefängnishöhlen des Piranesi. Kein Trojanisches Pferd, leicht zu zertrümmern wie eine hastig zurechtgezimmerte Arche, aus der die zerbrechlichen Leiber stolperten in ein ungewisses Gemetzel. Dieser Limes stand felsenfest. Dreißig Jahre lang hielt er allen Anschlägen stand, denen von außen, und ärger noch, denen von innen, wo eine illoyale Bevölkerungskrake unablässig nach jedem Durchschlupf tastete, mit ihren eingeschnürten Tentakeln. Was war jener alte Limes dagegen, eine bloße Vokabel aus dem Lateinunterricht, mehr Gespött als Legende der Zeiten, die über ihn hinwegbranden sollten, durch Völkerwanderung, pestschwarzes Mittelalter, Religionskriege und nationalstaatliche Abenteuer hindurch. Ein halbes Menschenleben war der Betonwall unüberwindlich. Solang galt es als undurchdringlich, das ausgeklügelte Strickwerk aus Stacheldraht, tückischen Selbstschußfallen und Wehrtürmen, in denen der Gestalterwille der Bauhausmeister, die Erfindungskraft der Filmbeleuchter sich mit der Ingenieurskunst der Projektanten von Konzentrationslagern und Flughäfen traf. Ach, wie viele Scheinwerferstrahlen über das stille Niemandsland strichen. Man hätte tanzen mögen in ihrem blendenden Licht. Kein Vergleich mit den trüben Kastellen, den Legionsmauern und Hilfstruppenfestungen damals in Obergermanien und entlang des Rheins. Schon die Elbe war ihnen unerreichbar geblieben, den ehrgeizigen Römern, an Befestigung kein Gedanke. Was war jener hölzerne Wall in den Donauprovinzen und quer durchs Alpenvorland gegen den eisernen Riegel, der das gefürchtete Deutschland zerteilte in zwei gelähmte Hälften? Nicht eine Bauinschrift kündete von ihrem heroischen Zweck. Das Schweigen der ostdeutschen Presse war mächtiger als das Getöse trojanischer Annalen und die eitlen Reliefs an den Säulen der Siegerstadt Rom. Mochten sie sich in den Hauptstädten des Okzidents die Mäuler zerreißen, kein Laut drang hinter dem Schutzwall hervor. Ein für allemal war die Zukunft, wie sie ihr Totenreich nannten, abgeriegelt von der verfaulten Vergangenheit. Doch was kein Kind versteht, bevor sie wirklich beginnen konnte, hatte der treulose Volkswille sie zunichte gemacht. Parteilose Ungeduld und der Mangel an Widerstand, wie er jedem Feldstein eigen ist, dem Granit wie dem Kiesel, sie haben den letzten Limes zerstört. Heute, ihr meine verschwiegenen Brüder im Geiste, gibt es ein derart grandioses Bauwerk nur noch im fernen Korea. Die Panmunjom-Linie, die zackige Steilwand am achtunddreißigsten Breitengrad, ist sein letztes Denkmal. Möge es noch lange an ihn erinnern. Was den Limes gesprengt hat? Bedaure, aber ich weiß es noch immer nicht. Kann sein, daß das Leben nur da ist, um nachzugrübeln über den Verfall jeder Größe, den plötzlichen Einbruch in die perfekte Ordnung. Vielleicht wird Europa einst, als neues Großreich in seiner gefährdeten Blüte, jenes neunte Weltwunder, von dem keiner mehr wissen will, übertreffen. Hoffen wir, hoffen wir, daß die Imperien von morgen den Sog, der die Flüchtlingsströme aus den kaputten Kontinenten ins neue Zentrum zieht, endlich ernstnehmen. Aber ach, schon fürchte ich, auch die nächste Lektion wird umsonst gewesen sein. Keine zehn Jahre, und vom gelobten Eisernen Vorhang blieben nicht einmal die Ruinen.

Durs Grünbein

 

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