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no. 16: driften -> editorial
 

editorial

Drift -- ein ursprünglich von der Waterkant stammender Begriff, abgeleitet aus dem hochdeutschen 'Trift'. In der Sprache der Küstenbewohner bezeichnet sie eine durch den Wind erzeugte, oberflächennahe Meeresströmung, die Schiffen zum Verhängnis werden kann. Sie entreißt ihnen das Ruder und übernimmt -- offenbar zügellos -- die Regie. Die Fracht samt Passagieren wird zu Treibgut, ohnmächtig dem Spiel der Wellen ausgeliefert.

Driften -- ein Vorgang, eine Bewegung, deren Prinzip just darin besteht, daß es sich nicht 'aufstellen', nicht 'fassen' läßt. Wo beginnt die Drift, wo endet sie? Was sind ihre Stationen? Gerade weil das nicht zu sagen ist, wird das 'Sich-Treiben-Lassen' von vielen als erstrebenswert betrachtet. Als 'Zustand', der seinen Reiz darin hat, keiner zu sein, sondern fluktuierender Übergang. Abgedockt von den üblichen Vertäuungen des Alltags in Form von Zeit- und Raumvorgaben, gelten andere Gesetze. Nun haben spontane Impulse Vorrang, der Fluxus des momentanen Erlebens.

Aber begibt sich der willentlich gefaßte Entschluß, sich -- zumindest temporär, etwa im Urlaub oder in unreglementierten Phasen des Alltags -- treiben zu lassen, nicht in einen Selbstwiderspruch? Läßt sich die Freiheit von Kontrolle kontrolliert einsetzen? "J'errais pour errer sans autre but que de rêver." ("Ich irrte herum, um herumzuirren, mit keinem anderen Ziel, als zu träumen."), sagt Chateaubriand. Aber kann das ziellose Herumirren überhaupt ein Ziel verfolgen? Und unter welchen Voraussetzungen lasse ich das Träumen zu, unter welchen möchte ich es unter meine Regie bringen? Wann lasse ich den Flaneur in mir zum Zuge kommen, wann trete ich bewußt heraus aus dem Strom der Eindrücke?

Auch die Wissenschaft gerät ins Driften, sobald sie versucht, der Eigenbewegung der Phänomene gerecht zu werden, anstatt diese gewaltsam in Begriffen und systemischen Rastern zu fixieren. Die Kritik an starren Ordnungsmustern hat immer wieder alternative Paradigmen hervorgebracht; performative Darstellungsformen treten an die Stelle von repräsentativen, Verankerungen in den sicheren Häfen des departmentalisierten Wissenschaftsbetriebs werden gelöst, um dem freien Flottieren der Erscheinungen kulturellen Lebens über disziplinäre Ufergrenzen hinweg folgen zu können. Damit setzt sie sich freilich dem Vorwurf der Unschärfe aus. Denn wer vermag schon, im Driften feste Wissenskoordinaten zu bestimmen?

Wieviel Drift verträgt der Mensch, und wann wird ihm schwindelig? Nach Richard Sennett ist die Drift das Schicksal des flexiblen Menschen in der Kultur des neuen Kapitalismus. An die Stelle der traditionellen Laufbahn, der sorgfältig und mit stetigem Schritt verfolgten Karriere [von frz. carrière -- Kutschpfad], ist die Patchwork-Biographie getreten. 'Stellen' werden durch 'Projekte' und 'Arbeitsfelder' ersetzt und Angestellte zu Jobnomaden [von altengl. job -- Päckchen]. Absolute Flexibilität bedeutet abrupte Kurswechsel durch Dritte, von denen man abhängt, bedeutet Trennen von der Vergangenheit, Sinnentleerung und Fragmentierung des eigenen Lebens. Heutzutage scheint sich alles gegen ferne Ziele, lebenslange Entwürfe, dauerhafte Bindungen, ewige Bündnisse, unwandelbare Identitäten zu verschwören. Das Motto "nichts Langfristiges, bleib in Bewegung, bring keine Opfer" scheint ein ungeeignetes Rezept für die Entwicklung von Vertrauen, Loyalität und gegenseitiger Verpflichtung. Die Tyrannei der Flexibilität, so prognostiziert Sennett düster, steht der Entfaltung fester Charaktereigenschaften entgegen, sie korrodiert den Charakter geradezu.

Der Mensch als ziellos hin- und hergeworfenes Treibgut im Fluß des Lebens, in Informationsfluten und Datenströmen? Gibt es vielleicht doch Gesetzmäßigkeiten im Wechselspiel zwischen Strömung und Fracht? Jüngste naturwissenschaftliche Forschungen zeigen, daß es beim Driften alles andere als unkontrolliert zugeht. Wie wir den Wanderdünen ablesen können, gibt es eindeutige Regeln, wenn turbulente Strömungen bei unebenem Grund auf Sandkörner treffen -- gleich, ob zu Wasser oder zu Lande. Jedes einzelne Korn ist wie die Düne als ganze ständig in Bewegung, ohne dabei die Regelmäßigkeit ihrer Gestalt und Größe jemals zu gefährden.

Dem Driften als Lebens- und Denkform, als Bedrohung und Verlockung zugleich, ist diese sechzehnte Ausgabe von parapluie gewidmet.

Anke Bahl

 

autoreninfo 
Anke Bahl stammt aus dem Norden Deutschlands und studierte Empirische Kulturwissenschaft, Germanistik und Romanistik in Tübingen und Eugene, Oregon. Inzwischen ist sie im Rheinland zu Hause und lebt in Bonn. Nach Tätigkeiten im Bereich der Medienforschung und Europäischen Jugendbildung ist sie nun schon viele Jahre in der Beruflichen Bildung unterwegs. Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Betrieblichen Bildung und Ausbildungskultur. Verschiedene Veröffentlichungen.

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