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no. 13: cyberkultur -> digitale rechte
 

'Stimmen, ungehört' -- Das Kunstwerk im Zeitalter des Digital Rights Management

von Frank Madro

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* literatur
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In der Netzwelt stehen die Zeichen auf Restauration und ausgerechnet die Kunst gerät in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Nicht genug, daß die Unterhaltungsindustrie ihre aus der Feudalzeit stammenden Rechte mit Klauen und Zähnen verteidigt; zudem versucht sie, diese stärker als je zuvor auszuweiten. Jedem Kunstwerk droht kryptographischer Verschluß; jede Rezeption soll protokolliert und abgerechnet werden. So hatten sich das die Pioniere des Internet nicht gedacht, als sie eine neue Nähe von Künstlern und Publikum zu erreichen suchten, um so die Kunst in einer offenen Gesellschaft zu stärken. Unvermittelt befinden wir uns an einem Wendepunkt: Wird die Entmündigung voranschreiten oder werden die Netzbürger ihre kulturellen Rechte im Cyberspace sichern können?

 

Engel

Es waren vor allem die Chancen des neuen, sich gerade weitenden Cyberspace, die den Medientheoretiker Pierre Lévy zur Schwärmerei verführten:

"[Die] himmlische Welt der Engel [wird] zum Bereich der virtuellen Welten, dank derer sich die Menschen als intelligente Kollektive konstituieren. Der tätige Intellekt wird zum Ausdruck, zum Raum der Navigation, Kommunikation und Auseinandersetzung zwischen den Mitgliedern einer kollektiven Intelligenz."

Im Jahre 1995, als das Netz sich nach der Einführung des World Wide Web rasant ausbreitete, in einer Situation des Aufbruchs, entwarf Lévy seine Idee einer kollektiven Intelligenz, eines global brain. Der Gedanke war nicht neu, aber Lévy gab ihm eine besonders romantische Note, indem er es nicht bei den Schwärmereien eines Bibliothekars beließ, sondern vielmehr von einer Anknüpfung an die schon immer verlorene Zeit träumte. Nicht weniger als die Harmonie aller Menschen sollte durch die Anwesenheit im evernet erreicht werden, die Rückkehr zur Einheit in Gott.

"Es handelt sich darum, das Menschliche dem Göttlichen anzunähern [...], aber diesmal sind es reale greifbare menschliche Kollektive, die gemeinsam ihre Himmel konstruieren, die ihr Licht aus Gedanken und Schöpfung beziehen, welche hier unten entstehen. Was theologisch war, wird technologisch."

Die Drohung dieser Vision liegt im Übergang vom cogito zum cogitamus unter den Bedingungen der totalen Auslieferung an eine Hochtechnologie; die als defizitär empfundene sprachliche Kommunikation mit ihren Reibungsverlusten, will Lévy hinter sich lassen, sie wird ersetzt durch einen "nicht-mediatisierten Kommunikationsraum" der Echtzeitinteraktion, der Visualisierungen eines "semiotischen Kontinuums". Dissens jedoch hat keinen Ort, wenn im "kontinuierlichen Raum der Nähe" jeder Diskurs sich von vornherein erledigt, weil er abgelöst wird von einem vom Kollektiv geschaffenen, multidimensionalen elektronischen Bild, das implizit alles enthalten und nichts mehr offen lassen soll. Hier wird der Cyberspace als Raum des Hive gedacht, jenes Kollektivbewußtseins der technisch optimierten Rasse der Borg, von der die Mythologie des Star Trek erzählt.

Was Lévy offen läßt, ist die Frage, wer eigentlich seine "Kosmopädie" baut, programmiert, betreibt -- nicht zuletzt, wer eigentlich fähig ist, ihre Funktionen zu verstehen und sie mithin steuern kann. Laut Lévy soll das Wissen der kollektiven Intelligenz möglichst in nicht-diskursive Strukturen der Immanenz eingeschrieben sein, der Raum des Wissens soll gleichsam wie Wasser der Lebensraum seiner Mitglieder sein -- widerstandslos formbar. Das ist sehr schön ausgedacht, es wird sich aber etwas so banales wie ein materieller Träger, in Form technischer Infrastruktur, ebensowenig vermeiden lassen, wie eine algorithmische Struktur. Wer wird darüber verfügen? Diejenigen jedenfalls, die fröhlich im Wasser der Immanenz schwimmen, werden es wohl nicht sein. Mit solchen niederen Fragen gibt sich Lévy nicht ab, entwirft seinen digitalen Leviathan aber mit einem nachgerade selbstmöderischen Vertrauen in die engelsgleichen moralischen Qualitäten der Menschen. Dabei wäre es angebracht, im Zuge der beginnenden Verlagerung kultureller Aktivitäten und Güter in den digitalen Raum, darüber nachzudenken, wie sich dort ein System von Transparenz und checks and balances etablieren läßt, wie es zur Stabilisierung offener Gesellschaften und der Sicherung von Pluralität unerläßlich ist.

 

Märkte

New Economy -- vielen klang das wie der Schlachtruf zum Reichtum. Ein Reichtum ohne Mühen, ohne Sorgen und vor allem ohne Rücksicht -- sei es auf Geldgeber, auf Kunden oder die einfachsten Regeln der Ökonomie. Die Helden des Neuen Marktes waren schillernde Figuren, brillante Köpfe, denen der Ärmelschoner des Buchhalters zu eng war, weil sie lieber kämpfen, Martsegmente erobern und Konkurrenten vernichten wollten.

"Wir sterben" -- so beginnt die andere Geschichte vom Traum einer Neuen Ökonomie, eine Geschichte, die versucht, der Wirtschaft ihren angemessenen Platz im menschlichen Leben zuzuweisen. Das Cluetrain Manifest erschien zuerst im Internet und entfachte sofort eine rege Diskussion; Ende 1999 kommentierten die Cluetrain-Autoren dann in einem Buch die Facetten dieser Vision einer anderen Wirtschaft. Daß Märkte Gespräche seien und daß Gespräche menschlich klängen, das sind die Ausgangspunkte des Manifestes. In 95 Thesen wird eine humanistische Vision der Wirtschaft entwickelt, begeistert vom demokratischen Potential des Netzes, seiner Fähigkeit, massenmediale Gängelung genauso zu untergraben, wie Unternehmenshierarchien. Was mit Gutenberg begann, sollte im Netz fortgesetzt werden, aber diesmal nicht in Form einer kommunikativen Einbahnstraße vom publisher zum reader. Das Internet würde die Voraussetzungen dafür schaffen, Gespräche in Gang zu setzen zwischen den Menschen in den Firmen und denen außerhalb der Firmen, ermöglichte direkte Kontakte und es förderte die Entstehung virtueller Gemeinschaften, die sich auf Plattformen, wie etwa Online-Buchhändlern, austauschen könnten. Damit gab der Cluetrain-Ansatz einen Weg vor, auf dem die Spielregeln der heutigen Märkte -- der Märkte von Massen und Vereinzelung -- revidiert werden könnten. Die nur als 'Konsumenten' von Produkten, von Werbung, von den Angeboten der Unterhaltungsindustrie benötigten Marktsegmente, erhielten mit dem Internet die Möglichkeit, sich als Gemeinschaften von Menschen Gehör zu verschaffen. Konzerne, die sich diesen neuen Regeln verweigerten und weiterhin mit ernster Miene grollend auf ihrer Wichtigkeit beharrten, würden einfach ausgelacht. Wie es zur Zeit aussieht, wird sich diese Vision jedoch nicht erfüllen. Nicht nur die Erfahrungen mit Napster haben gezeigt, daß sich die corporations in Wahrheit nur kurz zu räuspern brauchten, damit jeder zusammenzuckte. Gleichzeitig blieb die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen aus -- und damit die erhoffte Diversifikation der Märkte. Der Irrtum der Cluetrain-Autoren bestand darin, zu glauben, die Mehrzahl der Internetnutzer würde ihrer Freiheit und Selbstbestimmung einen besonderen Wert beimessen.

 

Technik

Produktions- und Rezeptionsbedingungen jeder Art von Cyberkultur sind vor allem Bedingungen der Technik. Es sind dies Bedingungen, denen der Künstler wie sein Werk ausgeliefert sind -- arbeiten kann der Cyberkünstler nur in dem Spielraum, den ihm die verschiedenen Schichten der Technik einräumen. Hängt in den traditionellen analogen Künsten die Weite des Gestaltungsspielraums vor allem von den Fähigkeiten des Künstlers im Umgang mit dem Material ab, ist sie nun ganz entscheidend mitbestimmt von den Absichten derer, die über die Technik verfügen. Der Cyberkünstler ist selbst meist kaum in der Lage, seine Werkzeuge vollkommen zu beherrschen oder nur zu verstehen -- er vermag sie lediglich zu bedienen. Sich sein Zinnoberrot selbst zu mischen, das ging noch an; auch reichte zur Fertigung einer Geige eine Hinterhofwerkstatt. Die Produktion von Mikroprozessoren und Festplatten, von Betriebssystemen und komplexer Anwendungssoftware, von Glasfasernetzen und Kommunikationssatelliten erfordert jedoch einen gänzlich anderen Einsatz von Mitteln. In dem Maße, in dem auch die klassischen Künste digitalisiert und virtualisiert werden, wird dieses Problem zunehmend alle kulturellen Äußerungen betreffen -- auch auf Seiten der Rezipienten.

Völlig in der Hand der Hersteller sind die Spezifikationen der Hardware des Arbeitsplatzrechners. Um seine Produkte zu erzeugen und zu speichern bedarf der Cyberkünstler, ebenso wie jeder Nutzer, der Verfügungsgewalt über die Hauptplatine und Festplatte seines Computers, beides komplexe Hightechgeräte. Noch glaubt er sie zu besitzen, weil man ihn läßt. Der erste Versuch, eine Freiheitsbeschränkung auf dieser Ebene zu etablieren, war ein Standard namens Copyright Protection for Removable Media (CPRM). Er sah eine Verschlüsselung der Daten auf Wechselmedien (wie CD-ROMs, wiederbeschreibbaren CDs, Zip-Disketten etc.) und der Datenströme zur Hauptplatine vor, wobei der Zugriff nur nach einer Freigabe durch einen zentralen Server erfolgen sollte, der über eine Internetverbindung Dateioperationen wie kopieren oder verschieben seinen Segen erteilen müßte. Obwohl dem Namen nach für Wechselmedien gedacht, wurde versucht, CPRM in den ATA-Standard aufzunehmen, der auch die Datenprotokolle von PC-Festplatten regelt. In letzter Minute wurde das Vorhaben bekannt und die folgende Empörung verhinderte zunächst eine entsprechende ATA-Erweiterung.

Die nächste Schicht der Abhängigkeit betrifft Betriebssystem und Anwendungssoftware. Zur Zeit sind es vor allem Patente und Lizenzvereinbarungen, die Freiheiten beschneiden: wer liest schon die seitenlangen license agreements in Juristenkauderwelsch bei einer Programminstallation durch? Dabei kann die aufmerksame Lektüre Erstaunliches zutage fördern. Microsoft schreitet hier mutig voran und verbietet es beispielweise Webautoren, die für ihre Projekte das Programm FrontPage benutzen, sich auf damit erstellten Seiten herabsetzend über Microsoft zu äußern. Auch der Durchsetzung von Dateiformaten in den Bereichen Multimedia und streaming wird in Zukunft eine Bedeutung zukommen, denn schließlich lassen sie sich durch Patente gegen Konkurrenz sowie gegen offene Software absichern.

Auf der Schicht des eigentlichen Netzes überschneiden und ergänzen sich die Einflußnahmen von Konzernen und Staaten -- die Rede, das Internet gehöre niemandem, könnte falscher nicht sein. Jedes Teilnetz hat Eigentümer, die nach eigenem Gutdünken zu entscheiden vermögen, wie mit durchreisenden Datenpaketen verfahren wird. Auch läuft der überwiegende Teil aller Daten durch wenige zentrale Knotenpunkte und auf diese peering-points richten sich die Begehrlichkeiten der Regierungen wie der Rechteverwertungsindustrie. Aufgeschreckt durch die Napster-Erfahrung war es die Phono-Industrie, die als erste Filter forderte, die jedes Datenpaket auf mögliche Copyright-Verletzungen durchsuchen sollten. Als Zensurstellen wurden zunächst die Einwahlpunkte der Endkunden angepeilt, nicht zuletzt weil (juristischer) Druck auf die Provider leicht aufzubauen ist; auch in Deutschland wurden in diesem Zusammenhang schon erste Filter erprobt. Zum anderen gibt es Forderungen -- von der Film- und Phono-Industrie, wie von der Politik -- langfristig die Nationalgrenzen im Internet wieder zu errichten und digitale Grenzkontrollen aufzubauen. Letztlich hinge damit das Recht auf freie Meinungsäußerung mit von der Gnade privater Konzerne ab.[Anm. 1] Die Pläne verschwanden, ebenso wie die dazugehörige Secure Digital Music Initiative (SDMI) zunächst in der Schublade, jedoch nur, weil sich zeigte, daß die damit zu erreichende Kontrolle unvollkommen wäre.

 

Rechte

Vorreiter bei der Gestaltung zukünftiger Rechte im Cyberspace sind zur Zeit die USA, die aufgrund massiver Lobbyanstrengungen eine in dieser Hinsicht ausgesprochen restriktive Politik betreiben, eine Politik, die schon heute die freie Meinungsäußerung beschränkt. Jüngster Streich ist der von Senator Fritz Hollings im März 2002 eingebrachte Gesetzentwurf Consumer Broadband and Digital Television Promotion Act (CBDTPA, früher Security Systems & Standards Certification Act), der eine totale und technisch gesicherte Einschränkung digitaler Freiheitsrechte vorschlägt. Unbeachtet vom überwiegenden Teil der Medien fordert der CBDTPA, daß jede digitale Hardware und jede Software künftig Bausteine zum Digital Rights Management (DRM) enthalten müsse. Das bedeutet, daß urheberrechtlich geschützte Dateien, seien es Musikstücke oder elektronische Bücher, nur noch in verschlüsselter Form weitergegeben werden; DRM-Systeme sorgen dann dafür, daß eine Nutzung der Daten nur jeweils nach Überprüfung der Berechtigung möglich ist. Zugleich stellen sie sicher, daß die Daten nur auf die vom Lizenzgeber vorgesehene Weise genutzt werden können, insbesondere liegen die Daten nirgends unverschlüsselt in einer Form vor, die ein digitales Abgreifen und die Erstellung einer unverschlüsselten Kopie ermöglichen würde. Kurz gesagt kann der Besitzer eines solcherart geschützten Werkes nicht im mindesten über dessen Inhalt verfügen, was dem erklärten Ziel der Rechteverwerter entspricht, nur noch Nutzungsrechte zu vertreiben, ohne dabei den Erwerb von Werken zuzulassen. Nach Hollings Vorstellungen sollten Geräte oder Programme ohne DRM-System in den USA illegal sein, Einfuhr oder Besitz schwer bestraft werden. Legale DRM-Systeme sollten der Kontrolle der US-Regierung unterliegen. Der Entwurf enthält keinerlei fair use-Ausnahmen. Seine Verabschiedung würde eine völlige Entrechtung der Konsumenten bedeuten, denen die Kontrolle über ihre eigenen Geräte, Programme und erworbenen Inhalte entzogen würde. Nun ist Washington weit weg von Berlin, vermutlich aber nicht weit genug. Unter dem Stichwort 'Harmonisierung' macht die als 'Lex Bertelsmann' bespöttelte EU-Urheberechtsrichtlinie weite Teile des CBDTPA-Vorgängers Digital Millennium Copyright Act (DMCA) auch zu europäischem Recht, indem die Einschränkung legitimer Verbraucherrechte durch technische Vorkehrungen ermöglicht wird.[Anm. 2] Damit läßt sich verhindern, daß Nutzer urheberrechtlich geschützter Werke von einem Recht Gebrauch machen können, das der Content-Industrie seit langem ein Dorn im Auge ist: dem Recht auf Privatkopie und freie Verwendung legal erworbener Werke.[Anm. 3] Der heute etwa für die Sicherung von Musik-CDs eingesetzte Kopierschutz -- der im Einzelfall schon mal Hifi-Anlagen schrottet -- ist nur der Anfang. Nur DRM-Systeme, die jede Komponente eines digitalen Systems rundum schützen, verhindern zuverlässig die Wahrnehmung von fair use-Rechten und sind in der Lage, Daten dauerhaft einzukapseln.

Im übrigen hätte der CBDTPA noch eine andere Auswirkung: Jedes Computer-Betriebssystem außer Microsoft Windows wäre damit in den USA illegal. Zwar spricht CBDTPA von einem offenen DRM-Standard, aber Microsoft besitzt ein Patent auf jede Art von DRM-fähigen Betriebssystemen. Einfacher könnte die lästige offene Konkurenz Linux nicht erledigt werden.[Anm. 4]

In solchen Situationen hört man oft den Satz "Der tut nichts, der will nur spielen". Die Erfahrungen mit dem DMCA haben jedoch gezeigt, wie ernst es der Industrie ist; Der russische Programmierer Dmitry Sklyarov wurde umgehend verhaftet, als er auf einer Konferenz in den USA demonstrieren wollte, wie leicht ein minderwertiges DRM auszuhebeln ist -- in diesem Falle Adobes eBook-Technologie.[Anm. 5] Es wird oft behauptet, die Content-Industrie wolle mit solchen Mitteln ihre alten -- und überholten -- Geschäftsmodelle ins digitiale Zeitalter hinüberretten, das Klagen und Jammern sowie die gewohnheitsmäßige Unterstellung, jeder Kunde und Nutzer sei ein potentieller Verbrecher, seien nur die letzten Schläge einer Industrie, die einfach den Anschluß verpaßt habe. Für einige erste Panikeaktionen mag das zutreffen, inzwischen wurde aber längst das wahre Potential der Digitalisierung erkannt. Wenn einmal eine DRM-Infrastruktur etabliert ist, sind sowohl die Nutzer wie die Produzenten digitaler Werke diesem Sytem der exklusiven Verwaltung von Urheber- und Nutzungsrechten ausgeliefert.

 

Datenherren

Geführt werden all diese Schlachten im Namen der Rechte der Urheber. Tatsächlich ist die Lage vieler Künstler und Autoren nicht gut. Die Sorgen der Rechteverwertungsindustrie beziehen sich jedoch kaum auf die teils miserable finanzielle Situation von Autoren,[Anm. 6] sondern vielmehr auf die drohende Unabhängigkeit ihrer Content-Lieferanten. Das Netz barg die Gefahr eines direkten Kontaktes des Künstlers zu seinem Publikum; was aber würde dann aus den mühsam errichteten Verwertungsketten, für die die Musikindustrie das beste Beispiel liefert? Sie sah sich als erste bedroht und erhebt bis heute das lauteste Wehklagen, gefolgt von der Filmindustrie Hollywoods. Naturlich hat man längst begriffen, daß in Wahrheit die Hightech-Infrastruktur vernetzter Computer erst die Möglichkeit bietet, die Macht der vertikalen Oligopole voll auszuschöpfen. Die Künstler, falls sie eine breitere Öffentlichkeit erreichen wollen, sind mit Buy Out-Verträgen an eine Handvoll Konzerne gefesselt, die nicht nur Herstellung und Vermaktung kontrollieren, sondern zugleich digitale Netze besitzen, Endgeräte und Programme herstellen, Netzugänge anbieten und all dies im Gewand der Berichterstattung einer 'freien Presse' bewerben können. Die Distributionskanäle vom Künstler zum Publikum liegen geschlossen in wenigen Händen und mit der Einführung von DRM-System wird eine totale Einkapselung von Kulturgütern möglich. Nicht Napster, sondern das gedruckte Buch ist das Horrorszenario der "Datenherren", um einen Ausdruck des Kulturphilosophen Helmut Spinner zu verwenden. Einmal erworben, kann ein Buch ein Leben lang und länger benutzt werden, ohne daß weiterer Ablaß fällig wäre. Mit DRM-Systemen dagegen werden sich die Menschen jede einzelne Minute ihres geistigen Lebens kaufen müssen. Damit wird die Balance zwischen den Rechten der Autoren auf angemessene Vergütung und den Rechten der Gemeinschaft auf Zugang zum Werk (denn es ist ihre Geschichte, die es erzählt) bedrohlich verschoben -- in Richtung der Verwerter.[Anm. 7] Und die Künstler? Die gehen im Zweifel leer aus. Tun können sie in einem derart hochkonzentrierten Markt wie dem des Content ohne Zugriff auf alternative digitale Vertriebskanäle wenig.

 

Erzählen

Was hat das alles mit Kunst zu tun? So ist die Frage vielleicht falsch gestellt, auch wenn es nicht schwer fällt, sich mögliche Auswirkungen auf das kulturelle Leben im weiteren Sinne vorzustellen. Um welcher Art von Kunst willen sollten wir uns jedoch besondere Sorgen machen? Die Zukunft der Mariah Spears dieser Welt wird vermutlich nicht gefährdet sein. Kunst, die uns nur die Zeit zwischen Abendessen und Einschlummern vertreiben will, mit kalkulierten Produkten, deren größter Vorzug es ist, im besten Fall kaum zu stören -- sie wird auch weiterhin für sich selbst sorgen können. Oder es wird für sie gesorgt werden. Aber es gibt auch eine Kunst, die schon immer auch politisch ist, weil sie, wie es Wim Wender ausdrückte, davon erzählt, daß es auch ganz anders sein könnte, und um deren Chancen steht es schlecht. Erzählungen, über die wir die Erfahrungen unseres Lebens ordnen und deuten, sind für das Kulturwesen Mensch so essentiell, daß Artikel 27 der UN-Menschenrechtserklärung die Freiheit des Kulturlebens unter besonderen Schutz stellt. Wie wird es um diese Grundfunktion in Zukunft bestellt sein? Wenn Künstler, statt zu erzählen, was sie -- und daher auch andere -- bewegt, nur noch Content produzieren, der einem freien und offenen Austausch sogleich durch Errichtung kryptographischer Schutzwälle entzogen wird. Es ist nicht klar, wieviel Dissens der Strom der Datenpakete zulassen wird, und ob nicht leicht eine implizite Zensur entsteht, die, mit einer Formulierung Noam Chomskys, nur noch Konsens produziert, weil niemand im AOLisierten Netz anecken möchte.

"Was ist das bloß für ein merkwürdiges Land [...]? Wahre Kunst macht ihnen Angst. Das aber ist natürlich. Kunst widerstrebt ihnen zweifellos, denn sie ist menschlich. Sie aber unterdrücken alles Lebendige, alle Keime des Humanismus, sei es das Streben des Menschen nach Freiheit oder das Aufblitzen von Kunst an unserem trüben Horizont.
Sie werden so lange keine Ruhe geben, bis sie nicht jedes Anzeichen von Selbstständigkeit abgetötet und die Persönlichkeit zum Vieh degradiert haben, auf diese Weise richten sie alles zugrunde -- sich selbst und ganz Rußland."

Das schrieb Andreij Tarkovskij 1972 in der Sowjetunion. Unter den Einschränkungen des Regimes und der Zensur litt er als Filmemacher besonders, denn der Film bedarf eines großen technischen, organisatorischen und finanziellen Aufwands. Das bringt sowohl den Künstler wie sein Werk in eine Abhängigkeit, wie sie in den alten Künsten nicht bestanden hat. Schreiben, Malen oder Spielen läßt sich mit geringerem Aufwand und auch die Verbreitung der Werke ist vergleichsweise wenig aufwendig. Und doch ist selbst die Maschinerie des Films nichts verglichen mit den Bedingungen, unter denen Kunst im ungleich komplexeren Cyberspace nur möglich ist.

 

Freiheit

Angesichts der Vorgänge der Französischen Revolution spricht die Historikerin Mona Ozouf vom "Rätsel einer Freiheit, die einen noch nicht dagewesenen Despotismus freisetzt." Als das Web begann, sich auszubreiten, setzten die Vorreiter dieser Entwicklung große Hoffnungen in das emanzipatorische Potential des Netzes. Es eröffnete die Chance, der vorgefilterten, zurechtgebogenen Welt der corporate media eine Alternative entgegenzusetzen. Auch in der Kunst konnte eine neue Nähe von Künstler und Publikum entstehen. Die Entfremdung beider war nach Meinung vieler weit fortgeschritten. Die Entertainment-Industrie, die Verlagsgiganten, die staatlichen Subventionssysteme hatten längst ihre vermittelnde und unterstützende Funktion aufgegeben und waren zum eigentlichen Protagonisten des Kulturbetriebs geworden. Die zu mächtigen Parasiten angeschwollenen Zwischenhändler umgehen zu können, sich ihrem betriebswirtschaftlichen oder politischen Kalkül zu entziehen und sich wieder den Bedürfnissen der Künstler und ihres Publikums zuwenden zu können, war das Versprechen des Cyberspace. Freiheit aber wird niemandem geschenkt -- nicht für lange jedenfalls, und bislang waren es nur kleine Teile der netizens, die sich für ihre Cyberrechte stark gemacht haben; darunter allerdings viele Angehörige der Gründergeneration und der 'technischen Elite' des Internet, die, vielfach in der Wissenschaft beheimatet, bereit waren, sich für offene Standards und freien Zugang zu engagieren. Solange das Netz selbst eine relativ elitäre Veranstaltung war (und verglichen mit dem Fernsehen ist es das heute noch), konnte über lange Zeit Freiheit bewahrt und, zumindest in den westlichen Demokratien, gegen erste Angriffe verteidigt werden. Nun hat das Netz jedoch Dimensionen erreicht, in denen diese Mechanismen bald nicht mehr funktionieren werden und die 'großen Jungs' antreten, um das Ruder zu übernehmen. Der Zugriff auf die dem virtuellen Raum zugrundeliegende Infrastruktur wird staatlichen oder wirtschaftlichen Akteuren, sollte er unwidersprochen bleiben, eine Macht zur Durchsetzung ihrer Deutungshoheit gewähren, wie sie zuletzt die Kirche des Mittelalters besaß. In dem Maße, in dem die Kanäle der Verbreitung von Kunst und Kultur digitalisiert und virtualisiert werden, entsteht eine Situation, über deren Auswirkungen auf die Freiheit wir sehr genau nachdenken sollten. Daß es zur Zeit demokratische Gesellschaften gibt, stellt keine Beruhigung dar, wenn nicht sichergestellt ist, daß der wichtigste Kommunikationsraum der Zukunft freiheitlich organisiert ist.

 

Gedächtnis

Eins gilt für Kunst, sei sie affirmativ, subversiv oder trivial: Sie findet statt unter den Bedingungen einer Tradition, die sie aufnimmt oder ablehnt und deren Teil sie wird. Kunst ist je schon Kulturgeschichte -- dies ist keine Frage der Ästhetik sondern der Anthropologie. Kunst findet nur statt als Teil des historischen Prozesses der Kultur; jedes neue Werk wird errichtet auf den Pfeilern oder den Trümmern vorangegangener Werke. Kein Werk ist eine Insel -- es kann nur existieren in einem Raum der Beziehungen zu anderen Werken, Konventionen und artikulierten Erfahrungen dessen, was es heißt, Mensch zu sein. So aktualisiert jedes neue Werk das geschichtlich verankertes Bewußtsein unserer selbst und schreibt das kulturelle Gedächtnis fort. Daß dies in den westlichen Gesellschaften einer immer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, hat unser Bild von der Kunst in den vergangenen Jahrhunderten geprägt. Für die derzeit von der Rechteverwertungsindustrie erhobenen totalen Ansprüche auf Werke stellt sich aus dieser Perspektive die Frage, wie sich derartige Forderungen überhaupt legitimieren lassen. Eines steht fest: Werden Kunstwerke durch DRM-Systeme vor der Gemeinschaft abgeschottet, wird sich das Gesicht der Kunst und der gelebten Kultur ändern.

Ebenfalls ändern kann sich der Umfang des kulturellen Erbes, das wir künftigen Generationen hinterlassen werden. Durch die rasante technische Entwicklung, die schon den Zugriff auf wenige Jahre alte Daten mangels funktionstüchtiger Hard- und Software unmöglich macht, droht ohnehin ein ungeahnter kultureller und wissenschaftlicher Gedächtnisverlust. Daß hierbei auf durchaus rabiate Weise selbst bei analogen Künsten eine Digitalisierung erzwungen wird, beweist Bill Gates' Bildagentur Corbis, die über das weltweit größte Photoarchiv verfügt. Darunter befindet sich der Nachlaß von Anselm Adams, die Sammlung Bettmann, das Archiv der Nachrichtenagentur UPI sowie die Reprorechte vieler großer Kunstsamlungen. Dieses 65 Millionen Photos umfassende visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts wird kurzerhand in einem Bunker 70 Meter unter der Erde versenkt und damit dem Blick der Menschheit dauerhaft entzogen. Es bleiben nur die von Corbis vertriebenen digitalen Daten. Alles andere interessiert Gates, den Geschäftsmann und Hobby-Propheten in Sachen digitaler Zukunft wenig. Werden solche Daten nun noch durch DRM-Systeme verschlüsselt gespeichert, dann werden wir unseren Kindern wenig hinterlassen können und künftige Kulturhistoriker es nicht leicht haben, etwas über uns in Erfahrung zu bringen.

Was wird bleiben? Wie wird unser Umgang mit Kunst sich verändern, wenn er elektronisch überwacht und im Minutentakt abgerechnet wird, wenn das laute Vorlesen aus einem Buch schon ein Rechtsbruch ist? Vielleicht verlieren wir mit dem freien Zugriff auf das Werk im Laufe der Zeit auch die lebendige Erinnerung daran und driften ab in einen Strom des Jetzt, dem ausgeliefert, was die Erinnerungslosigkeit zur Grundlage hat, dem TV oder den dann fernsehartigen Kunsthäppchen. Oder aber die Gesellschaft beginnt, sich ernsthaft für ein User Rights Management einzusetzten und damit für die Chance, daß sich auch im zukünftigen Cyberspace eine Vielfalt von Stimmen Gehör verschaffen kann.

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