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no. 10: chinesische gegenwarten -> taiwan
 

Wessen Insel?

von Kristin Fitzpatrick

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Die Debatte über Taiwan scheint recht einfach: Es ist entweder ein Absprengsel Chinas, oder ein unabhängiges Land -- je nachdem, wen man fragt. Sieht man genauer hin, ist die Lage jedoch wesentlich komplexer, denn die Einflüsse die die taiwanesische Kultur und Identität entstehen lassen sind vielfältig. Wie diese Identität sich im Verhältnis zu China entwickeln wird, ist immer noch eine offene Frage, die unbeantwortet über der Meerenge zwischen Insel und Festland hängt.

 

Taiwan ist ein Ort, der für Verwirrung sorgt. "Wo arbeitest Du?" fragten mich Bekannte in den USA, wenn sie mich zu Hause auf Urlaub aus Taiwan trafen, wo ich unterrichtete. "Thailand?" Oder sie rätselten, "Taiwan ... ist das nicht China?" Ihre Fragen scheinen die beinahe legendäre geographische Unkenntnis der Amerikaner zu bestätigen, aber sie deuten auch auf die Mehrdeutigkeit der Identität Taiwans hin. Meine StudentInnen erklärten mir, daß sie, wenn sie im Ausland nach ihrer Nationalität gefragt würden, sich meist als 'chinesisch' bezeichneten. "Das ist einfacher", sagten sie. "Wenn wir sagen, wir seien Taiwanesen, wissen die meisten Leute nicht, was das heißt."

Je nachdem, wen man fragt, ist Taiwan entweder ein unabhängiges Land (so die Taiwanesen), oder eine rebellische Provinz Chinas (so die Chinesen). Von den Taiwanesen wird man hören, daß ihr Land 1911 von Dr. Sun Yat-Sen gegründet wurde, demselben Jahr, in dem die Ching Dynastie stürzte. Auf dem Festland kämpften die Kommunisten noch weiterhin mit der Kuomintang (KMT), der Nationalen Volkspartei, bis die Kommunisten 1949 schließlich die Kontrolle über das Festland übernahmen und die nationalistischen Streikräfte des Generalissimos Chiang Kai-Shek über die Meerenge nach Taiwan schickten. Das Festland wurde die Volksrepublik China (VRC), Taiwan die Republik China (RC), und jede der beiden Seiten beanspruchte die andere als eine abtrünnige Provinz, die mit der Zeit zurückgewonnen werden würde. Taiwans KMT (die ihre Rolle als Regierungspartei in den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 verlor, welche Chen Shui-Bian, Mitglied der Demokratischen Volkspartei (DVP), ins Amt brachten) hat ihr Ziel, ganz China unter der Fahne der RC wiederzuvereinigen, nie offiziell aufgegeben. Während dieses Ziel angesichts der schieren Größe Chinas und der Winzigkeit Taiwans mehr als nur illusionär erscheinen mag, hat auch die Festlandsarmee ihre Ansprüche auf die Insel noch nicht geltend machen können.

Bis 1978, als sie diese Beziehungen abbrachen, um sich mit China gutzustellen, waren die USA einer der wenigen Staaten, die Taiwan als Land anerkannten. Seit dieser Zeit wird Taiwan offiziell als eine Provinz Chinas angesehen. Es gibt nur wenige amerikanische Reiseführer für Taiwan, das normalerweise in einem kurzen Kapitel neben Hongkong und Macao abgefertigt wird. Selbst in akademischen Kreisen meint Sinologie das Studium der chinesischen Kultur in China, nicht in Taiwan. Als ich hörte, wie die Sinologen unter meinen Freunden, die Taiwan als unabhängiges Land ansehen, Taiwan vage als 'China' bezeichneten, sah ich mich vehement widersprechen. Sie lachten, schüttelten die Köpfe und meinten gutmütig: "Du hast es wirklich mit dieser Unabhängigkeitsgeschichte".

Ich hatte keine ausgeprägten oder besonders differenzierten Ansichten zu dieser Angelegenheit, als ich 1998 nach Taiwan kam, um an der Tunghai Universität in Taichung zu unterrichten. Ich sprach kein Hochchinesisch oder Taiwanesisch und wußte wenig über die historischen Verwicklungen zwischen China und Taiwan. Nachdem ich dort jedoch ein paar Jahre gelebt hatte und mir die Leute ihre Ansichten zur historischen und kulturellen Basis für Taiwans Status als unabhängige Nation erklärt hatten, war ich schnell überzeugt. Was mich (als jemanden mit liberalen Ansichten) in die unangenehme Position brachte, mit höchst konservativen amerikanischen Kongreßabgeordneten wie Jesse Helms und Trent Lott einer Meinung zu sein, zwei good ole boys aus dem Süden, die lautstark argumentieren, daß Taiwan ein Land und eine sich entwickelnde Demokratie sei, die die USA gegen die rote Gefahr auf der anderen Seite der Taiwan-Straße beschützen müßten.

Taiwan sieht sich heute ohne Zweifel als unabhängige Nation. Die Zeit wird in Taiwan mit Beginn von Dr. Sun Yat-Sen's Gründung der RC gemessen, wie ich bei meiner Ankunft entdeckte. Ich war verblüfft, als ich sah, wie die Beamten geduldig jedes '1998' in meinen Unterlagen durch '1987' ersetzten, doch ich beschloß, daß das Jet-lag und die gleißende Sommerhitze mein Zeitgefühl ernsthaft durcheinandergebracht haben mußten. Natürlich läßt dieses System der Zeitmessung die komplexe Geschichte und die verschiedenen Besiedlungswellen außer acht, die der Ankunft der KMT vorangingen. Ureinwohner bevölkerten die Insel bereits in prähistorischen Zeiten, während die chinesische Emigration (hauptsächlich aus der Provinz Fujien) um 600 n.Chr. begann. Taiwan war ein Protektorat des chinesischen Kaiserreiches während der Yuan Dynastie, die Dschinghis Khan 1206 gründete. Portugiesische Seeleute, die die Insel im 15. Jahrhundert häufig besuchten, nannten sie 'Ilha Formosa' (Schöne Insel). Die Schönheit der Insel, ihre Bodenschätze und ihre strategische Position zogen auch andere Nationen an und rückten sie während der nächsten 400 Jahre ins Zentrum der Machtkämpfe in der Region. Die Holländer und Portugiesen stritten sich um die Insel in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts, die Holländer behielten schließlich die Oberhand, und Prinz Kuo Xing Yeh (Koxinga) vertrieb sie 1661 wieder. Taiwan wurde für die nächsten zwei Jahrhunderte eine Provinz Chinas, bevor China 1895 im Vertrag von Shimonoseki Taiwan an Japan abtrat. Japan kolonisierte Taiwan, bis das Ende des zweiten Weltkriegs Japan zum Rückzug zwang. Dieser Rückzug ließ Taiwan nach Ansicht der Taiwanesen als eigenes Land zurück, oder brachte es nach Ansicht der Chinesen wieder an China. Die Ankunft der KMT im Jahre 1949 brachte dann auch eine nicht gerade homogene chinesische Kultur auf die Insel. Die nationalistischen Streitkräfte setzten sich aus Soldaten zusammen, die verschiedene Dialekte (oder Sprachen) sprachen und aus weit auseinanderliegenden Teilen Chinas kamen, wie der nordwestlichen Provinz Xinjiang, die an Rußland grenzt und von den muslimischen Uighuren bevölkert wird, und der Provinz Fujien, die gleich auf der anderen Seite der Taiwan-Straße liegt. Aus Fujien kamen die meisten Immigranten auf die Insel, und diese Provinz ist kulturell und sprachlich Taiwan wesentlich näher als Peking.

Das Ergebnis ist die ungeheuer vielfältige 'chinesische' Kultur Taiwans. Wenn man dort vor die Tür geht, um einen Happen zu essen, findet man in jeder beliebigen Straße die Küche Hunans, der Hakka, Szechuans, Guandongs (kantonesisch), Pekings, der Mongolei und Taiwans, zusammen mit japanischen, amerikanischen und europäischen Spezialitäten. Diese verschiedenen Einflüsse spiegeln sich auch in den Religionen und Sprachen der Insel wider. Taoismus, Buddhismus und spezifisch taiwanesische Glaubensrichtungen überlagern sich und koexistieren als die wichtigsten Religionen, während der Islam (den die KMT-Soldaten aus Xinjiang mitbrachten) und das Christentum (das die europäischen und amerikanischen Missionare einführten) ebenfalls kleinere Gruppen von Anhängern haben. Die Sprachen sind ebenso vielfältig wie die Restaurants und umfassen Japanisch (ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit), Taiwanesisch, Hochchinesisch, Dialekte aus anderen chinesischen Provinzen und die Sprachen der Ureinwohner -- von englischen Brocken einmal abgesehen.

Solche Differenzierungen verschwimmen jedoch angesichts des antagonistischen Verhältnisses von China und Taiwan. Die meisten Taiwanesen sind Angehörige von Familien, die entweder (wenn sie mit den Nationalisten kamen) als 'Festländer', oder (wenn die Familien früher ausgewandert sind) als Taiwanesen angesehen werden. Sicher, es gibt auch regionale Unterschiede. Wie in jedem Land identifizieren sich auch Taiwanesen oft mit einer bestimmten Region oder einer Stadt, und die Festlandsfamilien verfolgen ihre Wurzeln eher zu einer bestimmten Provinz zurück, als nach 'China'. Doch der vorherrschende Topos 'Chinesen kontra Taiwanesen' ist immer noch höchst emotional aufgeladen und durchzieht die Kultur auf eine Weise, die ich mir nicht hätte vorstellen können, bevor ich nach Taiwan kam. Einmal reiste ich mit Kollegen von der Universität nach Peking. Einige von ihnen hatten noch Familie in China, und gegen Ende der Reise fragte ich einen der Männer, ob er sich überlege, zurückzugehen, um seine Verwandten zu besuchen. "Ich gehe nicht 'zurück' nach China", antwortete er gereizt. "Selbst wenn meine Familie vom Festland ist und die Leute mich manchmal für einen Festländer halten, komme ich aus Taiwan: Ich lebe hier." Ich hatte 'zurückgehen' relativ gebraucht, aber das mißtrauische Verhältnis, das zwischen taiwanesischen und 'Festländer'-Familien herrscht, machte seine Reaktion vollkommen verständlich. Die KMT, die prominenteste Vetreterin der Festlandskultur auf der Insel, herrschte nach ihrer Ankunft in Taiwan mit eiserner Faust; die von der KMT kontrollierte Regierung suchte mit Nachdruck (und oftmals brutal) jegliche Opposition im Keim zu ersticken, verbannte die taiwanesische Sprache aus den Schulen sowie von jeglichem offiziellen Gebrauch und zensierte bis noch vor kurzer Zeit streng die Medien. Allzu viel Liebe kam daher zwischen den sich als taiwanesisch verstehenden Familien und den Festländern nicht auf. Ironischerweise fürchtete die KMT nicht nur den heimischen taiwanesischen Widerstand, sondern auch den Einfluß vom Festland. Informationen über und aus China waren strikt eingeschränkt. Karl Marx zum Beispiel, dessen Werk so großen Einfluß auf die Geisteswissenschaften im Westen hatte, war aufgrund der Wirkung seiner Texte des Kommunismus schuldig und darf erst seit kurzem offen in Taiwan gelesen werden. Meine Studenten gestanden schuldbewußt, nur wenig über die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu wissen, und die Ansichten, die ich von einigen Leuten über China hörte, hinkten Jahrzehnte der Wirklichkeit hinterher (was auf der anderen Seite der Taiwan-Straße ohne Zweifel nicht anders aussieht).

Ehen zwischen Festländern und Taiwanesen waren daher oftmals in diese Differenzen verwickelt, wenn die Spannungen auch im Abklingen begriffen sind. Eine gute Freundin, deren Familie vor zwei Generationen aus der Provinz Hunan kam, heiratete einen Mann aus einer alteingesessenen taiwanesischen Familie. Sie war fasziniert davon, wie seine Familie die Traditionen und die Feiertage einhielt, sowie von ihrer Begeisterung für Meeresfrüchte (nicht gerade eine hunanesische Spezialität) und der Mischung aus Taiwanesisch und Japanisch, die sie zu Hause sprachen. Ihr Mann war ebenso erstaunt über die relative Gleichgültigkeit ihrer Familie der Tradition und den Feiertagen gegenüber (zu denen der Bezug zum Teil durch die Kulturrevolution verloren gegangen war), über ihre Vorliebe für stark geräucherte und scharfe Speisen und ihren hochchinesischen Akzent. Solche Unterschiede führen manchmal dazu, daß die Chinesen und Taiwanesen sich beinahe als getrennte ethnische Gruppen ansehen. Auf der Reise nach Peking freute meine Freundin sich diebisch über ihre Fähigkeit, aufgrund ihres Akzents, ihrer Gesichtszüge und ihrer Kleidung als chinesisch durchzugehen -- eine Fähigkeit, die uns allen eine Menge Taxigeld sparte.

Ein drittes Element verkompliziert jedoch das oppositionelle Verhältnis zwischen Taiwan und China: Japan. Japan kolonisierte Taiwan vor 50 Jahren, was es zum jüngsten kulturellen Einfluß auf der Insel macht, und die Japaner hinterließen eine nachhaltige Wirkung auf Taiwans Infrastruktur, die Umwelt, das Bildungssystem, die Gebräuche und die Sprache. Die Japaner waren aktive Bauherren während ihrer Herrschaftszeit, und viele Straßen, Gebäude und öffentliche Einrichtungen aus dieser Zeit machen immer noch einen großen Teil der taiwanesischen Infrastruktur aus. Es geht ebenfalls das Gerücht, daß die Japaner am Ende des zweiten Weltkrieges einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Population von Giftschlangen auf Taiwan leisteten, als ein japanisches Labor im Süden der Insel seine Sammlung in den Dschungel entließ. Das taiwanesische Bildungssystem, mit seiner Vorliebe für Tests, Vorbereitungsschulen und haarsträubende Universitätsaufnahmeprüfungen, ist dem japanischen System nachempfunden, wenn es auch allmählich im Hinblick auf größere Flexibilität reformiert wird. Das Japanische hat das auf Taiwan gesprochene Chinesisch beeinflußt; einige Worte wie bento (lunchbox/Butterbrotsdose) wurden zu chinesischen Formen wie biendang (in Taiwan, aber nicht in China gebräuchlich) abgewandelt, während andere japanische Vokabeln direkt übernommen wurden. Die Taiwanesen haben japanische Sitten wie das Schlafen auf tatamis und das Ausziehen der Schuhe vor Betreten des Hauses angenommen, sowie, was die Männer anbelangt, die unglückliche Neigung zu Saufgelagen.

Die älteren Generationen der Taiwanesen, die die Kolonialzeit noch zum Teil erlebt haben, betrachten die Japaner mit einer Mischung aus Bewunderung und Abneigung. Jüngere Generationen machen jedoch aus ihrer uneingeschränkten Begeisterung für die japanische Kultur keinen Hehl. 'Ha-re-tzu' nennt man das: Leute die komplett nach japanischer Kultur verrückt sind. Stichwort: 'süß'. Man denke an zuckersüße Popmusik, Handies in Kaugummifarben, junge Frauen mit piepsigen Stimmen und Lolita-Look und junge Männer mit großen, melancholischen Augen. (Bei dem Tempo, mit dem sich die japanische Popkultur verändert, könnten diese Moden des Jahres 2000 aber schon längst passé sein.) Japanische Filme, Game-Shows, Seifenopern und Cartoons wetteifern mit den amerikanischen Medien um die Vorherrschaft. Viele Studenten lernen Japanisch zusätzlich zu oder anstelle von Englisch. Die japanische Mode ist allgegenwärtig, und die gängige amerikanische Kleidung, wie The Gap, wirkt im Vergleich zu ihren schnittigen, grellen und futuristischen japanischen Gegenstücken klobig, wenn nicht gar pennerhaft. Nach mehreren Versuchen, meinen robusten, kaukasischen Körper, all' meine 60 Kilo, in die japanischen/taiwanesischen Outfits zu zwängen, gab ich auf und begann, mich stolz für eine potentielle Bodybuilderin zu halten. (Bei meiner Rückkehr in die Staaten wurde ich da jedoch schnell desillusioniert.)

Vor allem aber liefert Japan das zentrale Argument für die taiwanesische Unabhängigkeit. Während Taiwan eine japanische Kolonie war, so wird geschlußfolgert, gehörte es nicht zu China, womit Taiwan, als die Japaner am Ende des zweiten Weltkrieges abzogen, als unabhängiger Staat zurückblieb. China sieht den Abzug der Japaner aus einer anderen Perspektive: Japan war dazu verpflichtet, alle eroberten Gebiete wieder an China zurückzugeben, und Taiwan war Teil dieser Gebiete. Der letzte Präsident Taiwans, Li Deng Hui, pflegte engere Beziehungen zu Japan als zu China, was China nervös machte, da dies an die Kolonialzeit erinnerte, als Taiwan tatsächlich nicht zu China gehörte. Li wuchs mit Japanisch und Taiwanesisch auf und begann erst, Hochchinesisch zu sprechen, als die KMT eintraf und alle Regierungsangestellten verpflichtete, ihre Amtsgeschäfte in Han-Chinesisch abzuhalten. Li lernte die Sprache, aber sein Japanisch ist immer noch besser als sein Hochchinesisch, das er mit starkem taiwanesischen Akzent spricht. Während jedoch Lis persönliche Nähe zur japanischen Kultur für China ein Problem darstellte, beruhigte paradoxerweise seine Mitgliedschaft in der KMT, eine Partei, die sich im Kriegszustand mit dem Festland sah. Solange die KMT an der Macht war und auf der zukünftigen Wiedervereinigung Chinas bestand, konnte man auf dem Festland zumindest sicher sein, daß sich Taiwan grundsätzlich als chinesisch verstand. So stimmten China und Taiwan, wenn auch unter vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen, zumindest in dem Ziel einer Wiedervereinigung überein.

Die Wahl Chen Shui-Bians 1999 beendete diese stillschweigend als Status Quo anerkannte Pattsituation. Chen ist Mitglied der Demokratischen Volkspartei (DVP), deren Hauptziel die taiwanesische Unabhängigkeit ist. Während seiner Wahlkampagne nahm Chen Abstand von dieser Position, um nicht potentielle Wähler mit dem Szenario zu vergraulen, er werde die taiwanesisch-chinesischen Beziehungen ins Chaos stürzen. Für China war Chen ein Alptraum. Während Li mit den Japanern am Besten auskam, sprach Chen, ohne sich dafür groß zu entschuldigen, Taiwanesisch als Muttersprache, verstand sich mehr als Taiwanese denn als Chinese und repräsentierte jüngere Generationen, die sich nicht mehr in bezug auf das chinesische Festland definieren, weder kulturell, noch politisch. Ironischerweise ist die KMT nicht unbeteiligt an diesem Bezugsverlust: ihre strikte Kontrolle des Bildungssystems und der Medien machten China zu einem Schreckbild für die Jugend. Dieses Gefühl verschiebt sich nun zu einer moderateren Distanzhaltung: Jugendliche sagen, daß sie keine Beziehung zu einem Land verspüren, das sie nie kennengelernt haben und das ihnen nie als das eigene erschienen ist. Parallel zu dieser Indifferenz gegenüber einem China, das Taiwan nicht ist, entwickelt die Bevölkerung auf der Insel ein stärkeres Gefühl dafür, was Taiwan ist. Die taiwanesische Sprache, die früher verbannt war und auf die mit Verachtung als die Sprache der Ungebildeten und der Landbevölkerung herabgesehen wurde, ist jetzt in. Redner mögen immer noch stolz auf ihr Hochchinesisch sein, aber sie versuchen ebenfalls, Taiwanesisch zu lernen -- zumindest ein paar Worte und Redewendungen -- wenn sie es nicht sowieso schon sprechen. Es gibt ein wachsendes Interesse an taiwanesischer Geschichte, Küche und Kultur: 'Taiwanesisch' ist nicht länger provinziell, sondern exotisch, und je authentischer desto besser. Die Tochter eines kosmopolitischen Freundes, die mit ihren Eltern in Großbritannien und England gelebt hatte, verliebte sich in einen jungen Mann, dessen Familie durch und durch taiwanesisch war, zum Teil, weil sie die örtliche Kultur mehr faszinierte als die der Europäer und Amerikaner, die sie bisher getroffen hatte. Im Unterricht verkündeten alle meine StudentInnen ihre Zustimmung zu Taiwans Unabhängigkeit und erklärten sich lautstark als Taiwanesen. Diejenigen, die das anders sahen, behielten ihre Vorbehalte für sich, eine Umkehrung der früheren Verhältnisse, als die taiwanesischen Studenten zum Schweigen gezwungen gewesen wären.

Dieses wachsende Interesse an der eigenen Identität hat die Aufmerksamkeit der Leute auch auf die verschiedenen ethnischen Gruppen in der Bevölkerung der Insel gelenkt, vor allem auf die Ureinwohner. Designer plündern die traditionelle Kleidung der Ureinwohner auf der Suche nach fashion statements, einige Schulen in den Bergen unterrichten jetzt die Sprachen der Ureinwohner, und einige der Sänger aus diesen ethnischen Gruppen sind zu Stars geworden. Man sollte hieraus jedoch keine vorschnellen Schlüsse ziehen: Im Vergleich mit den Ureinwohnern und allen anderen Südostasiaten verstehen die Taiwanesen sich immer noch als absolut chinesisch. Damit wurde ich zum ersten Mal im Unterricht konfrontiert, als die StudentInnen damit anfingen, über 'äquatoriale' Menschen zu sprechen. War ich zuerst von ihrer Wortwahl beeindruckt, wurde mir schnell mit wachsendem Schock und Amusement klar, daß sie sich von 'äquatorialen' Menschen ohne jegliche Skrupel durch höchst rassistische Vorurteile abgrenzten. Äquatoriale Menschen waren häßlich wegen ihrer dunkleren Haut. Sie waren emotionaler und weniger diszipliniert. Sie waren faul und weniger intelligent, da sie in den Tropen lebten und niemals arbeiten mußten. Ich hörte mir all' das an, während mir der Schweiß den Rücken herunterlief und draußen die tropische Sonne auf den Asphalt brannte. Schließlich sagte ich: "Ihr lebt in Südostasien, ziemlich nahe am Äquator, auf einer tropischen Insel. Warum seid ihr weder dumm noch faul?" Die gesamte Klasse setzte sich mit einem Ruck auf und rief wie aus einem Munde: "Aber wir sind doch Chinesen!" Dies war die einzige Situation, in der ich jemals eine Gruppe von Taiwanesen sich leidenschaftlich als chinesisch habe bezeichnen hören.

Als weiße Frau in den ländlichen Außenbezirken einer Stadt brauchte ich mich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu beklagen, und ich beneidete die US-Chinesen (oder 'ABC's', 'American Born Chinese'), die sich manchmal als Einheimische ausgeben konnten. Oft verrieten sie jedoch ihre Kleidung, ihre Größe, oder ihr genereller look als Amerikaner. US-Chinesen, die sich in den Staaten mit Fragen wie "Woher kommst Du?" herumschlagen müssen, werden in Taiwan eindeutig als Amerikaner gesehen. Zum Teil dank Immigration und Globalisierung wird die Identität zu einer Frage der Geographie. Der früher einseitige Austausch der Popkultur zwischen Asien und den USA ist nun ausgeglichener, wie die Beliebtheit von Filmemachern wie Ang Lee, der Einfluß Hongkongs auf Filme wie Matrix, die Attraktivität von chinesischen Zeichen als Tätowierungen und T-Shirts und die wachsende Erhältlichkeit von Sushi und Glasnudeln in Supermärkten zeigt. Vielleicht deuten diese Dinge, trivial wie sie auch sein mögen, einen Wandel in der Orientierung vom 'Westen' zurück zum 'Osten' an, der den Voraussagen einiger Experten entspricht, daß Asien das nächste Weltmachtzentrum sein wird. Wie werden die Globalisierung und Asiens wachsender ökonomischer Einfluß Taiwan und Chinas Bestimmung der Identität der Insel beeinflussen? Diese Frage wird mit immer mehr Nachdruck gestellt werden, je länger die Insel vom Festland getrennt bleibt, eine Tatsache, derer sich die chinesische Regierung nur allzu sehr bewußt ist. Man kann nur hoffen, daß diese Frage friedlich beantwortet werden wird.

(Aus dem Englischen von Alexander Schlutz.)

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