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no. 10: chinesische gegenwarten -> rockmusik
 

New Sound aus Peking

Modern Sky und die neue Rock-Ideologie in der Volksrepublik China

von Andreas Steen

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Die Vertreter von Pekings New Sound verteidigen den Rock nicht mehr als ein musikalisches Mittel zur Befreiung. Es wird einfach gerockt, in einem veränderten wirtschaftlichen, kulturellen und sozio-politischen Umfeld. Die Plattenfirma Modern Sky bringt diese neue Generation der Rockmusiker an die chinesische Öffentlichkeit und sorgt für eine kontroverse Diskussion um Rockmusik als Form des Protests, als Ausdruck des Lebensgefühls einer Generation, geprägt von Kommerz und Globalisierung.

 

Am Ende der 90er Jahre zeigt sich Popmusik in China als ein kulturell vielfältiger Bereich unterschiedlichster musikalischer Praktiken und Ideologien. Im Rockbereich agieren drei Musikergenerationen nebeneinander, die das gesamte Spektrum zwischen Idealismus und Heroismus, modernem Realismus und "aus Spaß an der Freude" abdecken. Ihre Auseinandersetzungen über Genre, Stil und Bedeutung lassen sich in einer Reihe von Musikmagazinen, Internetseiten, Interviews und Songtexten verfolgen. Da Chinas Musikindustrie innerhalb des letzten Jahrzehnts sprunghaft expandiert ist, findet man unter den Stilen der kommerziell produzierten Popmusik heute sozialistischen Pop, Gangtai-Unterhaltungsmusik,[Anm. 1] Heavy Metal und Mainstream-Rock ebenso wie New Wave, Punk und sogar Jazz. Peking, bekannt als das 'Hollywood des chinesischen Rock' ('yaogun yue de Haolaiwu'), ist nach wie vor das Zentrum dieser Szene und lockt Nachwuchsmusiker aus ganz China an.

Seit den frühen 90er Jahren wird chinesische Rockmusik nicht nur von ausländischen und staatlichen chinesischen Firmen produziert, sondern auch von privaten Unternehmen, die den ideologischen Problemen dieser Musikrichtung und dem eingeschränkten Zugang zu Fernseh- und Radioprogrammen zum Trotz den Mut haben, Nachwuchstalente aufzunehmen, die den neuen Mainstream der chinesischen Musikindustrie bilden. Eine dieser neuen Firmen ist Modern Sky (Modeng Tiankong), gegründet 1997 in Peking. Die Plattenfirma hat Gruppen wie New Pants, Sober, The Fly, Catcher in the Rye und NO, sowie einige weitere Solokünstler, zum Beispiel Hu Mage und Chen Dili, unter Vertrag, die alle bekannt geworden sind und zusammen den Anfang der sogenannten 'Peking-New-Sound-Bewegung' ('Beijing Xinsheng Yundong') oder ' '98 Rock's New Wave' (' '98 Yaogun Xin Lanchao') gebildet haben.

 

New Sound

New Sound wird in der chinesischen Presse als die Bewegung einer neuen Generation von Musikern diskutiert, die entweder aufgrund ihrer Berufstätigkeit oder ihrer Abstammung aus wohlhabenderen Familien über ein gewisses Maß an finanzieller Unabhängigkeit verfügen. Im Gegensatz zur vorigen Generation machen sie sich nicht die Verantwortung zu eigen, der chinesischen Gesellschaft eine neue Kunstform nahezubringen. Viel eher sehen sie Rockmusik als probates Mittel, um Spaß zu haben (yule fangshi).

Die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Wandlungen im China der 90er Jahre haben zu einer neuen Form musikalischer Praxis und Ideologie geführt, welche inzwischen landesweit Beachtung findet. In den Printmedien allerdings wird die Bewegung als eine nur vorübergehende Ausdrucksform einer Gruppe von jungen Leuten heruntergespielt, die -- schaut man sich die Texte an -- nichts oder nur wenig zu sagen haben. Andererseits werden die neuen Töne als ein positiver und notwendiger neuer Stil gedeutet, der zur wachsenden Vielfalt chinesischer Kultur beiträgt und vor allem ihre Liberalisierung von politischer Seite her beweist. Allerdings zeigen diese Bewertungen klar den offiziellen Sprachgebrauch der Partei und scheinen außer acht zu lassen, daß die Bewegung bereits ihr eigenes Verteilernetz aufgezogen und die kulturellen Institutionen erfolgreich umgangen hat. Insofern bezieht sich der Begriff New Sound nicht nur auf die Erzeugung neuer Klänge. Mit seinen vielfältigen Konnotationen muß er als Markenzeichen, als Synonym für ein neues Verständnis von Kultur und Musik verstanden werden. In der Tat zeigt ein Blick hinter die Kulissen, daß es hier nicht nur um einen neuen Zeitgeist und Lebensstil geht, sondern auch um eine Thematisierung der Bedeutung von Kultur, d.h. eine ideologische Infragestellung der dominanten Position von Pekings älterer Musikergarde.

Die Vertreter von Pekings New Sound verteidigen Rock nicht mehr als ein Mittel zum Zweck der Befreiung. Es wird einfach gerockt, in einem veränderten wirtschaftlichen, kulturellen und sozio-politischen Umfeld. Im Verlauf dieses Veränderungsprozesses hat sich die Bedeutung in gewisser Weise vom Wort auf den Klang verlagert. Während die zwei vorhergehenden Generationen versuchten, Rockmusik mit chinesischen Eigenarten zu schaffen und oft den Ausdruck von Gedanken und Gefühlen durch Songtexte in den Vordergrund stellten, integriert die neue Generation diese in ein weiter gefaßtes Verständnis von Klang. Hier wird mehr auf spielerische Technik und musikalische Experimente geachtet, und es werden westliche Musikstile und Klänge aus dem Rest der Welt aufgenommen, ohne deshalb die Bedeutung von Songtexten völlig zu vernachlässigen. Worte werden weiterhin zur Artikulation individueller Geschichten genutzt, allerdings auf neue Weise und für ein anderes Publikum. Das durch den Klang geprägte Selbstverständnis kann als eine Form des Verwahrens gegen die gewichtigen ideologischen Fragen verstanden werden, die die alte Garde beschäftigten. Andererseits bezeichnet es einen rationalen Kompromiß der am Prozeß kultureller Produktion beteiligten Gruppen: den Musikern, der Musikindustrie und der kommunistischen Partei. Ein Resultat dieses Kompromisses ist, daß Indierock (dixia/diceng yaogun ) heute eine akzeptierte Form lebendigen kulturellen und sogar sozio-politischen Protests darstellt und als Ware in chinesischen Plattenläden gekauft werden kann.

 

Zehn Jahre danach: Chinesischer Rock, immer noch revolutionär?

Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 schnellte die Anzahl von Rockbands in Peking nach oben. Im Laufe der Jahre hat sich das Rockgenre allerdings gewandelt, nicht allein aufgrund der ideologischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der KP. Man fügte sich, bewußt oder nicht, einer politisch verantwortungsvollen und wirtschaftlich motivierten Musikindustrie, um sein Ziel erreichen und Platten herausbringen zu können. Chinesischer Rock hat offensichtlich seinen einstmals kritisierten 'rebellischen Geist' ('fanpan jingshen') aufgegeben und präsentiert sich politisch nun als 'light' Variante seiner selbst. Diese Wandlung hat es dem Genre ermöglicht, den Mainstream chinesischer Popmusik zu erreichen.

Die staatliche Plattenfirma Chinas in Peking veröffentlichte 1995 eine Kompilation mit dem Titel Chinesische Rock-Klassiker (Zhongguo Yaogun Jingdian), deren Songauswahl den offiziell gebilligten Eintritt der Rockmusik in die Welt der kommerziellen Popkultur betonte. Laut Beiheft stellen die zwölf Songs auf dieser CD "die Arbeit von acht relativ bekannten und aktiven Bands vor, aus den Richtungen Heavy Metal, Rock, Blues, Bluesrock und Softrock; die Ursprünge der behandelten Themen und Orte umfassen das Land, die Städte und den westlichen Teil Chinas, die Stile sind gemischt". Die CD wurde zusammengestellt und veröffentlicht, um die Geschichte der chinesischen Rockmusik und die künstlerische Produktivität nach "10 Jahren harter Wegstrecke" zu feiern.[Anm. 2] Weiter heißt es im Text: "Nach zehn Jahren Kampf hat Rock nun seinen Platz in den Musikkreisen Chinas, die in China produzierten Rockplatten verkaufen sich national und international gut, und dies ist ein Grund zur Gratulation." Die Analogie, die sich hinter dieser Rhetorik verbirgt, scheint reichlich mehrdeutig. Wurde der Begriff 'zehn Jahre Kampf' nicht vormals in bezug auf die Kulturrevolution (1966-1976) verwendet? Wird die Rockmusikgeschichte in China weiterhin in voraussehbaren zehnjährigen Intervallen verlaufen, von einer Anfangsphase des Lernens und Imitierens (1976-1986) über eine Wandlung von politischen Protest zu kommerziellem Erfolg (1986-1996) bis hin zum New Sound 1997? Oder sollen diese Worte das Publikum nur daran erinnern, daß dies nicht nur eine von vielen, sondern die eigentliche Kulturrevolution war? Schaut man sich die Verkaufszahlen chinesischer Kassetten und CDs, die Verbreitung der Musik in ganz Asien durch MTV Asia und ausländische Plattenfirmen, Musikvideos und DVDs an, so muß man feststellen, daß sich chinesischer Rock zweifellos von einem Underground-Phänomen zu einem der vielen kommerziellen Produkte der Popkultur gewandelt hat.

 

Modern Sky Records & Badhead

Unter diesen kulturellen und politischen Vorzeichen erblickte die 'Dritte Generation' der Rockmusiker das Licht der Öffentlichkeit. Einer von ihnen, der 30-jährige Shen Lihui, übernahm die Initiative und gründete die Plattenfirma Modern Sky (Modeng Tiankong).

Shen Lihui, Künstler, Designer und Sänger der populären Funk-Pop-Band Sober (Qingxing), hat, laut Guo Jieming und Su Dei, seine Kenntnis dessen, "was jungen chinesischen Städtern gefällt" -- Erfahrungen, die er als Kunststudent und Musiker sammelte -- zum Aufbau einer innovativen Firma genutzt, die mehr aktuelle chinesische Rockmusik veröffentlicht als jede andere Firma auf dem chinesischen Festland. Lihuis Firma gibt eine landesweite Musikzeitschrift heraus und betreibt einen der bekanntesten Veranstaltungsorte für Livemusik in Peking, die 'No. 17 Bar' in Sanlitun. Modern Sky hat mehr als 17 Platten herausgebracht und das alternative Label Badhead Records gegründet, für Musik, die auf den von Lihui so genannten Underground abzielt -- um einer neuen Generation ein Forum zu bieten. "Rockmusik ist unser Spiegel", sagt Shen Lihui.

"Das ist die Wahrheit: 20-jährige schauen in ein junges Gesicht, während 50-jährige ihre eigenen Falten sehen. Genauso mit Musik. Ewige Rebellion und ewiges Glück sind Lügen, weil die Erde sich weiterdreht und die Zeit immer fließt. Wie können wir immer nur dieselben Dinge sagen?"

Um den New Sound erfolgreich unter die Leute bringen zu können, veröffentlicht Lihuis Firma eine Monatszeitschrift, Modern Sky Sound Magazine (Modeng Tiankong Yousheng Zazhi), auch unter dem Titel New Music New Life bekannt. Man sagt, daß die Zeitschift bereits Scharen von Anhängern gewonnen hat, von Schulabbrechern, die gerade ihre erste Gitarre gekauft haben, bis zu Vertretern der Musikindustrie und Auslandskorrespondenten, die mit Pekings schnell wechselnder Jugendkultur Schritt halten wollen. Das Besondere an der Zeitschrift ist ihr Format: 48 Seiten großformatiges Magazin, ein kleines Beiheft und vor allem ein beiliegender Sampler auf CD oder Kassette.

Einer der geschäftlichen Tricks besteht darin, daß die Labelzeitschrift auf der Basis einer Lizenz zur Veröffentlichung von Musik produziert wird, nicht einer Lizenz für Printmedien. Die beiliegende CD ist daher von entscheidender Bedeutung, denn sie erspart die Veröffentlichungserlaubnis seitens der staatlichen Presse- und Veröffentlichungsämter. Inzwischen ist Modern Sky nicht mehr die einzige Firma, die sich solch kreativer Veröffentlichungstaktiken in der VR bedient. In den letzten Jahren haben mehr und mehr neugegründete Zeitungen und kleine Zeitschriften das quasi legale Mittel der Werbelizenzen benutzt, um Chinas konservative Kulturwächter zu umgehen. Guo und Su kommen daher zu dem Schluß, daß Modern Sky als ein "typisches postmodernes VRC-Paradox" bezeichnet werden kann. Entscheidend ist dabei, daß Räumlichkeiten und thematischer Bereich der Firma dem Underground zugehören, die so veröffentlichte Musik und das Magazin aber kommerziell erfolgreich sind. Die Zukunft von Modern Sky als Medienkonzern ist schwer vorauszusagen, aber in Sachen New Sound hat die Firma bereits viel Lob für ihr Engagement eingeheimst.

 

New Sound in Peking

Die Bands, die zumeist mit dem New Sound in Verbindung gebracht werden, wurden sämtlich zwischen 1994 und 1998 gegründet. Seit 1997 sind alle von ihnen unter Vertrag bei Modern Sky, obwohl sich ihre Musikstile sehr voneinander unterscheiden.

Als offizielles Geburtsdatum der Bewegung gilt der 10. Dezember 1997, Erscheinungsdatum der ersten Platte von Sober mit dem Titel It's Great!? (Hao ji le!?). Die fünfköpfige Band Sober hatte zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre hinter sich und war in der Szene bereits Legende. Der Song Heart of the Tongue (Shetou Xin), 1994 aufgenommen und veröffentlicht, hatte sich 450 000 mal in China verkauft. Er wurde als Shut Up! ins Englische übersetzt, in England als "einer der kreativsten chinesischen Rocksongs" gepriesen und ein Hit in Japan. Die Band konnte daher mit ihrem Debutalbum, auf dem Songs aus dem letzten Jahrzehnt versammelt waren, auf einen guten Start hoffen. Einer der Songs, I Remember to be Scattered -- No Sound (Jiyi Sanluo le -- Meiyou Shengyin) wurde später auch für den Sampler Chinese Rock: The Third Generation (Zhongguo Yaogun: Disan Dai; 1999) ausgewählt.[Anm. 3] Der Song wird mit monotoner und unterkühlter Stimme gesungen, unterlegt vom treibendem, klaren Beat des britischen Poprocks der 90er Jahre. Die Beschreibung der Traumwelt eines einsamen Einzelnen in der Großstadt malt ein düsteres Bild vom Überleben in dieser Umgebung.

Dies ist auch eines der Themen der Band The Fly (Cangying Yuedui). Als "Könige des chinesischen Grunge" und "Vertreter des Pekinger Underground Punk" ("Beijing dixia pengke de daibiao") geht diese Gruppe wesentlich aggressiver zu Werke. Sie wurde 1994 gegründet, veröffentlichte im folgenden Jahr drei Songs und wurde als Chinas erste 'dreckige' ('zang') Rockband berühmt. Zwei Alben folgten 1996 und 1998, produziert und veröffentlicht im Ausland, bevor Modern Sky sie 1999 in der VR herausbrachte. Sogar die britische Musikpresse beschrieb The Fly als Chinas "dreckigste und kaputteste" Band ("zui zang zui laji"), während die Pekinger Presse die Band als die populärste und bedeutendste Indieband bezeichnete. Die augenfälligen Albencover wurden von Song Yonghong und dem Sänger der Band, Feng Jiangzhou, gestaltet, der Grafikdesigner von Beruf ist und auch die meisten der Songtexte schreibt. Der Protagonist des Songs City Life (Chengshi Shenghuo)[Anm. 4] vom ersten Album beobachtet passiv einen anderen, der ihm wie ein Tintenfisch erscheint. Wir stehen hier einem entfremdeten Stadtbewohner gegenüber, einem einsamen Außenseiter, der sich Gedanken über das urbane Umfeld macht.

Noch düsterer ist die Situation, die von der Band NO in ihrem Song Dream of a Badge (Xunzhang zhi Meng) gezeichnet wird.[Anm. 5] Die Texte, geschrieben von Sänger und Songwriter Zu Zhu, werden als "dunkel, biegsam und hart im nehmen" beschrieben ("hei'an rouren") und, wie es in einem Artikel heißt, "treiben uns die Röte ins Gesicht". Andererseits werden die Songtexte auch als gut geschrieben, tief und ehrlich gelobt, gut passend zu einer Musik, die von Punk, Trash Metal, Rock und Blues beeinflußt ist und akustische Gitarren mit traditionellen oder asiatisch klingenden Melodien verknüpft. Das brilliante und symbolträchtige Cover von The Missing Master ist ungewöhnlich: es zeigt ein leicht modifiziertes Gemälde des Malers Zhou Fang aus der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.), der für seine Portraits schöner, wohlhabender Damen berühmt wurde. Hier sieht man eine Konkubine, die einen Stock in der linken Hand hält, durch eine rote Leine mit einem roten Halsband verbunden, das einem kleinen Hund umgelegt ist. Der Hundekopf ist durch den Kopf Zu Zhus ersetzt worden, der lächelt und seine Zunge herausstreckt. Jede Menge Ironie und Sarkasmus lassen sich hier herauslesen: die Konkubine, die die alten Traditionen und die goldene Zeit der Tang-Dynastie repräsentiert, dient der Macht des roten Halsbandes als Hintergrund, welches als die KP interpretiert werden kann. Der Hund, der das Halsband trägt, könnte als die Masse der jungen Generation gelesen werden, die trotz allem stark genug scheint, zu lachen und sich über die ganze Situation lustig zu machen.

Supermarket (Chaoji Shichang) gilt als Chinas erste wirklich elektronische Band (dianzi yuedui). Die drei Mitglieder fanden sich 1997 zusammen und brachten ihr Debutalbum The Lock (Muyang) 1998 heraus. Ihre Musik mischt Trance, Hip-Hop, Trip-Hop, New Wave und Space Music und ist von Depeche Mode und The Cure beeinflußt, mit chinesischen und englischen Texten. Der sphärische Sound dieser Band wird als jener des elektronischen Zeitalters (dianzi shidai) verkauft, mit seiner schwebenden Leichtigkeit, die er den meist um Liebe kreisenden Texten verleiht.

Chen Dili ist ein weiteres Mitglied der elektronischen Musikszene. Er wurde 1968 in Changsha geboren, studierte an der Pekinger Zentralakademie der Künste und war Mitgründer der Band Acupuncture Point (Xuewei, 1992-1994) nach seinem Studienabschluß. Er arbeitete zunächst mit anderen Musikern zusammen, bevor er 1999 sein erstes Soloalbum mit dem Titel Dili-Delrium -- I Died Happily (Dili-delirium -- Wo Kuaile Si le) veröffentlichte. Chen, der sich selbst als Perfektionisten (wanmeizhuyizhe) bezeichnet, betont in einem Interview, daß er alle Instrumente selbst spielt. Zur Bedeutung von I Died Happily (oder: I'm so happy I could die) bemerkt er nur, daß der Titel als Antonym verstanden werden sollte. Seine Kompositionen basieren auf Gefühlen (ganjue), die ihm eine Welt von (Midi-)Klängen, Geräuschen, Wörtern, Rhythmen und Melodien öffnet, die seine Liebe zu dem offenbaren, was er selbst "reine Musik" ("chun yinyue") nennt. Da jeder Klang Musik ist, sind Worte letztlich unwichtig, und so sind die Songtexte auf dem CD-Cover als "ein großer Haufen chaotischer Zahlen" ("yi da dui luanma") abgedruckt, in den nur einige chinesische Schriftzeichen eingefügt sind. Chen erklärt dies damit, daß die Bedeutung seiner Kompositionen nicht festgelegt werden kann und soll.

Drei Bands mit je drei Musikern spielen einen Stil namens Little Punk (xiao peng) oder New Punk (xin peng). The Flowers (Hua`er) sind bei der Pekinger New Bees Company (Xinfeng Gongsi) unter Vertrag, wo sie auch ihr erstes Album veröffentlicht haben. Das Beiheft der CD verkündet, daß die Band "einfach glücklich sein will" ("kuaile") und sich voll auf den Spaß konzentriert, der sich nach der Schule oder in den Ferien bietet (fangxue). Die Band gilt als "nicht ganz so Liebe verbreitend wie die New Pants" (Xin Kuzi). New Pants, gegründet 1996, ist Chinas beste Pop-Punkband. Ihr CD-Cover zeigt einen Comic mit drei Punks, die sich scheinbar über alles mokieren. Sie sind Anhänger der Ramones und spielen einfachen Punk, geradeaus und lustig. Die Gruppe Underground Baby (Dixia Ying'er) war die erste chinesische Band, die in der VR Punkmusik veröffentlichte. Nach ihrer Gründung 1994 konnten die drei Musiker ihr erstes Album an die taiwanesische Rock Records & Tapes Co. (Gunshi Changpian) verkaufen. Nomen est omen: ihre Musik stammt eher aus dem Underground, mit Metal-, Trash- und Rockeinflüssen sowie einem typisch westlichen Punk-Gesang.

Zuletzt verdient auch die anders gelagerte Musik des Singer-Songwriters Hu Mage Erwähnung. Er wurde 1973 geboren, kam aus der Provinz Hubei nach Peking und tritt als Folksänger (minjian shuochang yiren) auf. Allein mit einer akustischen Gitarre erzählt er Geschichten aus dem täglichen Leben, wie Bob Dylan im Westen drei Jahrzehnte vor ihm. Ji Wan weist in seinem Artikel darauf hin, daß Hu Mage einen bislang unbekannten Stil in die chinesische Popmusik einbringt, indem er traditionelle Elemente wie ping tan, da gu und shuo shu[Anm. 6] verwendet. Im März 1999 wurde sein erstes Album von Modern Sky herausgebracht, mit dem Titel Everybody has a small wooden stool, mine will not be taken into the 21st Century.

Einige der weiteren Modern-Sky-Bands sind Catcher in the Rye, Joke (Wanxiao), Dark Room (An Shi), Wooden Horse(Mu Ma), Tongue (Shetou), Spiky R. K. aus Japan und Charisma aus Hongkong. Einige von ihnen haben eigene Alben veröffentlicht, andere sind auf Kompilationen vertreten. Sie sind insofern typisch für den New Sound , als sie thematisch ein breites Spektrum abdecken, von Spaß, Träumen, Gefühlen, Liebe und Geschichten bis zu Frust und Langeweile. Dies sind seit langem wohlbekannte Themen westlicher Rockmusik, und von außen gesehen könnte man meinen, daß diese Musik nichts wirklich Spektakuläres bietet. Nach Maßgabe der KP aber ist es erst seit wenigen Jahren möglich, ein solch direktes Vokabular unter ironischem Vorbehalt der Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. zum Kauf anzubieten. Der Pekinger New Sound zeichnet sich durch scheinbar uneingeschränkten und 'verqueren' Gebrauch von Wörtern aus, die Desillusion, Faulheit und Langeweile als Realität der Jugend im großstädtischen China von heute herausstellen und diese Gefühle zurück in den gesellschaftlichen Umlauf bringen -- durch Platten, Kassetten, Internetseiten und Konzerte. Da die meisten CD-Cover hip gestaltet werden und in Zusammenarbeit mit Künstlern entstehen, kann man durchaus von einer neuen Ästhetik im Bereich kommerzieller chinesischer Popkultur überhaupt sprechen: einer Synthese von Musik, Kunst und Experiment, die einen neuen Individualismus bekräftigt.

 

Was bedeutet der New Sound?

In Chinas Musikwelt werden die Bedeutung und der Einfluß des New Sound weithin diskutiert. Seine Apologeten meinen, daß er die Einstellungen der jungen Generation adäquat darstellt, inklusive aller möglichen verschiedenen Gefühle und Meinungen, die heutzutage existieren. Kritiker dagegen halten die Texte für bedeutungslos und den New Sound überhaupt für ein nur vorübergehendes Spielchen (youxi), weil diese Musiker bei weitem zu jung sind, um eine kulturelle Basis zu haben und daher die Probleme nicht so gekonnt angehen können wie ältere. Die meisten allerdings enthalten sich jeder Meinung und warten ab. Was also bedeutet der New Sound wirklich?

Der ideologische Umschwung, den die Meinungsverschiedenheiten anzeigen, ist eine Nebenwirkung sowohl der Reformpolitik als auch des Massakers von 1989. Während die zwei Generationen der 'ersten zehn Jahre' (1986-1996) sich als inspiriert von Idealismus und Heroismus gezeigt haben und Heavy Metal, Hardrock und den Individualismus (lange Haare!) propagierten, gilt das Augenmerk der neuen Generation dem Realismus (xianshizhuyi), der gemeinsamen Gefühlslandschaft der Großstadt (chengshi pingminzhuyi) (und kurzem Haar), verpackt in Musikstile wie New Punk, elektronische Musik und Indierock.

Der neue Hedonismus beißt sich mit der idealistischen Position der älteren Generation, insbesondere derjenigen Cui Jians. Im Geiste der klassischen chinesischen Philosophen wie auch Schopenhauers, Nietzsches und Sartres kritisiert er diese Musiker für ihre Oberflächlichkeit und als "eine Generation von Scharlatanen ohne Kultur" ("meiyou wenhua de yidai hunzi"). Für Cui hat Rockmusik eine Bedeutung und eine bestimmte Botschaft; in ihrer Funktion als kulturelle Kraft sollte sie auf soziale Veränderungen hinzielen, oder zumindest die Menschen zum Denken anregen. Dennoch spricht Cui in einem Interview hinsichtlich der Entwicklungen der letzten Jahre nicht von einer Degeneration der chinesischen Rockmusik:

"Zunächst war die Entwicklung [der chinesischen Rockmusik] sehr schnell und explosiv, dann hat sich ihr Fortschritt immer mehr verlangsamt. Es gibt nichts mehr zu sagen, weil der Einfluß der Rockmusik auf die Gesellschaft immer noch beschränkt ist, hauptsächlich aus politischen Gründen. Radio- und Fernsehsender dürfen immer noch keine Rockmusik senden. [...] Für mich selbst gibt es noch weniger Chancen, Veranstaltungen zu organisieren als früher. Leute, die berühmt sind und deren Macht schwer zu kontrollieren scheint, stehen vor verschlossenen Türen. Die politische Kontrolle ist so stark wie eh und je..."

Abgesehen von politischer Kontrolle hat Cui mit abnehmenden Plattenverkaufszahlen zu kämpfen, sowie der Situation, "daß die Leute nur meine alten Lieder hören wollen, weshalb ich auf der Bühne wie in einem Boxring gefangen bin." Dies ist auch bei Konzerten im Ausland der Fall, wo Cui Jian noch immer als der Revolutionär von 1989 gesehen wird -- von einer nostalgischen chinesischen Zuhörerschaft, die von seiner neueren Musik nichts wissen will. Aus seiner kritischen Einstellung macht er auch dieser Tage keinen Hehl, sondern verbindet sie in einem offensichtlichen Kompromißversuch mit neueren Rhythmen und Musik: "Die Musik meiner neueren Songs ist für die junge Generation geschrieben, die Texte aber für die unsrige", sagt Cui. Auf seinem letzten Album The Power of the Powerless (Wu Neng de Liliang) spricht er die neue Generation auch direkt an.[Anm. 7]

Die Musikszene in Peking ist sehr vielfältig geworden und viele Bands versuchen, über Cui Jians Musik hinauszukommen. In seinem Artikel "Wer wird nach Cui Jian der Beste sein?" beklagt sich der Autor Yan Jun sogar über das Publikum:

"Cui Jian und sein Idealismus haben China in einer bestimmten Zeit bewegt. Zehn Jahre danach schwirren überall neue Leidenschaften und Sprachen herum, die von der neuen Zeit reden. Diese ganzen faulen Ohren, warum sind sie immer noch nicht geöffnet?"

Cui Jian ist allerdings sicher nicht der einzige Musiker, der immer noch Rockmusik mit sozialer Verantwortlichkeit verbindet. Die Texte der populären Rockband Thin Man (Shou Ren), 1993 gegründet, thematisieren Probleme wie Drogenabhängigkeit, Verzweiflung, Fremdgehen, Scheidung und sogar den Krieg im Kosovo (Enough Already -- Zhe yi Zugou). Thin Man spielen in ausverkauften Stadien, werden begeistert in der Lokalpresse diskutiert und gaben laut Berichten eine "durch ein Meer von Feuerzeugen inspirierte Vorstellung beim jährlichen Musikfestival in Xinxiang (Provinz Henan)".

Die wachsende Popularität chinesischer Rockmusik ist gewissen Liberalisierungen der KP und der Öffnung des Marktes zu verdanken, welcher das wirtschaftliche Potential der Rockmusik nur zu gerne ausschöpft. Produktion und Vertrieb einer großen Zahl neuer Musikstile erlauben den Firmen, das Rockgenre in verschiedene Zielgruppen mit verschiedenen Ideologien aufzuteilen. Musiker und Publikum können so wählen zwischen dem romantischen Ideal revolutionärer Authentizität, dem Anspruch sozialer Verantwortlichkeit, lyrischen Botschaften oder/und spaßigem Entertainment. New Sound kann also nur als eine Option im geschäftigen Feld der chinesischen Rockmusik gelten.

 

Punk und Zensur

Der chinesische Musikmarkt versucht heute, dem Massengeschmack zu genügen und gleichzeitig mit dem Geist der sogenannten Punkzeit (pengke shidai) zurechtzukommen -- ein Spagat, der manchmal nicht leicht fällt. Die Pekinger Plattenfirma Jinggwen Records brachte 1999 anläßlich des zehnjährigen Jubiläums eine Neuauflage von Cui Jians erstem und erfolgreichstem Album Rock 'n' Roll on the New Long March (Xin Changzheng Lushang de Yaogun) heraus. Im selben Jahr veröffentlichte dasselbe Label einen Punksampler auf 2 CDs und Cassetten mit dem Titel Bored Contingent (Wuliao Jundui), auf dem vier Punkbands vertreten sind: 69, Brain Failure, Anarchy Jerks und Reflector. Anna-Sophie Loewenberg schreibt:

"Jetzt kann jeder Jugendliche in Shanghai, Wuhan oder Hebei ein Album im heimischen Plattenladen kaufen, auf dem Pekinger Punks singen: Wir sind nur Loser in der KP / Wir sind nicht schlimm / Wir sind nicht stark / Immerhin haben wir was im Kopf."

Shen Yue, Sänger der Anarchy Jets beklagt sich allerdings in einem Interview: "Wir haben keine Redefreiheit, also können wir nur dadurch rebellieren, daß uns alles egal ist, und wir einfach tun, was wir tun wollen." Loewenberg bemerkt auch, daß die Pekinger Punks durch ihr Eingehen in den Mainstream nun mit Einschränkungen zu kämpfen haben, die es nicht gab, als sie noch Konzerte in unbekannten Schuppen gaben. Nur ein Teil des Beitrags der Anarchy Jets war auf dem Sampler vertreten, unter Ausschluß von Songs, die die Zensur auf den Plan hätten rufen können, wie Our Freedom of Speech Has Been Eaten by the Dogs. Andere Songs von 69 und Brain Failure wurden nachträglich entschärft.

"So ist es halt in China", erklärt Liang Wei, der Sänger von 69. "Wir meinen keine Revolution wie die von Mao -- wir brauchen niemanden zu töten." Wei bringt den Geist des Samplers auf den Punkt mit einem Punkrock-Cover des Kulturrevolutions-Hits Lift Up Your Pens and Make Them Weapons (Naqi zhi Bi Zuo Baoqiang), in dem er die Revolutionshymne mit Worten parodiert, die man Lei Feng nicht hätte singen hören: "Unsere Körper sind stark, unsere Köpfe sind leer. Wir wollen einfach nur Spaß." Ob dies nun Spaß durch Anarchie, oder Anarchie durch Spaß ist, ist letztlich unerheblich. Die Texte bleiben also wichtig: schließlich ist es gegen das Gesetz, die sozialistische Geschichte Chinas zu kritisieren, mit ihr zu spielen oder sie zu verdrehen. Um der Musikindustrie einverleibt zu werden, müssen also politische Inhalte -- nicht der Sound -- geändert werden, und werden auch geändert.

 

Underground, ganz oben?

Modern Sky wurde nach dem Tode Deng Xiaopings und der Übernahme Hongkongs gegründet. In einer unsicheren Zeit, geprägt von politischen und wirtschaftlichen Spannungen, erschien die Firma als Innovation einer neuen Generation einerseits und als erfolgreiches Unternehmen, das eine Marktlücke entdeckte und ausschöpfte. Die Authentizität, die die Produkte der Firma vermitteln, haben ihren ökonomischen Wert bewiesen und gleichzeitig einen diskursiven Status als Alternativen zur Musik der 'Altrocker' eingenommen, gestützt durch die Mechanismen des hauseigenen Mediennetzes. Obwohl immer noch mit subversiven Konnotationen behaftet, ist 'Underground Rock' inzwischen offiziell akzeptiert, zum Teil deshalb, weil man sich hier auf individuelle Fragen und Introspektion konzentriert. Dieser Individualismus wurde mit einer am Klang orientierten Propaganda verbunden, die den Begriff 'Underground' positiv erscheinen ließ, jedenfalls bei der Jugend. Trotz kommerzieller Ausrichtung wird er als nicht am Mainstream orientiert, nicht-konformistisch, individualistisch und authentisch gesehen und symbolisiert so den modernen Lebensstil der Großstadt abseits der Norm. Dies wird auch an den Bildern der Musiker deutlich. [Anm. 8] Pekings (und daher bald Chinas?) New Sound läßt sich am ehesten als eine 'Rebellion der Verweigerung' beschreiben, die gegen jede Art gewichtigen ideologischen Engagements gerichtet ist. Nur eine weitere Facette demnach des modernen städtischen China: eine Verlagerung auf unpolitischen 'Konsumgüterprotest' mit klaren Zeichen westlichen Einflusses und der Globalisierung.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Artikels "Sound, Protest and Business. Modern Sky Co. and the New Ideology of Chinese Rock.", erschienen in Berliner China-Hefte, Nr. 19 (Oktober 2000), S. 40-63.

(Aus dem Englischen von Martin Klebes.)

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