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no. 10: chinesische gegenwarten -> perspektive
 

perspektive

Jade, die nicht glänzen will -- Bruchstücke einer Chinareise

von Andreas Haller

Abfahrt

Auf meinem Schreibtisch steht ein Buddha aus Jade. Ich habe ihn von einer Chinareise mit nach Hause gebracht. Seitdem hat er mehr und mehr von seinem ursprünglichen Glanz eingebüßt. Mittlerweile klebt der Staub auf dem Jadebuddha wie eine zweite Haut.

Einmal schnappte ich den Buddha und ging ins Badezimmer. Nach dem Waschen salbte ich ihn mit Vaseline. Dies schien ihn zu freuen (er scheint sich immerzu zu freuen). Mit der Zeit wurde die Oberfläche des Buddhas jedoch wieder staubig; es dauerte nicht lange, und die vertraute Patina war wieder da. Aber meinem Jadebuddha scheint dies nichts auszumachen. Er freut sich noch immer.

Den Buddha schenkte mir eine Chinesin zum Abschied. Jedesmal, wenn ich den Buddha anblickte, sollte ich an Sie denken. Doch leider habe ich den Namen der Chinesin vergessen. Ich schließe ganz kurz die Augen und denke zurück an meine Zeit in China.

 

Übernachtung

Ich traf Xuping in einem Bus in Shanghai. Mit der Schaffnerin stritt ich mich gerade um die Höhe des Fahrpreises. Ich stritt mich solange, bis Xuping sich einmischte und mir höflich und in fehlerlosem Englisch klarmachte, daß die Kassiererin recht und ich unrecht hätte. Zerknirscht bezahlte ich den an sich unbedeutenden Pfennigbetrag (Reisende verhalten sich zuweilen wirklich seltsam). Zur Belohnung lud mich Xuping zum Tennisspielen ein.

Xuping ist Chinesin. Eine tennisspielende Chinesin. Als ich am übernächsten Tag in das Hotel zurückkam, sagte mir die stets übelgelaunte Dame an der Rezeption, Xuping sei dagewesen und habe geschlagene drei Stunden auf mich gewartet.

Da ich protestantisch erzogen worden bin, empfand ich Xuping gegenüber tiefe Schuldgefühle. Ich entschloß mich daher sogleich zu einem Gegenbesuch. Mangels Telefon machte ich es wie sie und versuchte es aufs Geratewohl. Bis ich ihre Straße auf dem chinesischen Stadtplan gefunden hatte, war die Hälfte meiner Schuld bereits abgeleistet. Zwei Stunden später lief ich an den Häusern vorbei, konnte aber ihren Wohnsitz nicht verifizieren. Schließlich verwies mich ein Passant an eine Art zivile Blockwart-Polizei (letztlich ein einfach gekleidetes Großmütterchen mit einem Dutt). Diese gestand, daß sie Xuping kenne. Sie wolle mir aber den Weg zu ihr nicht erklären, weil sie Xuping nicht möge. Sie beschrieb mir jedoch den Weg zur richtigen Polizei, jene könne mir weiterhelfen.

Auf dem Weg zur Polizeistation begegneten mir viele Xupings. Bekanntlich haben alle Chinesen schwarze Haare, Schlitzaugen und eingedrückte Nasen. So verhielt es sich auch auf der Polizeiwache. Wir verbrachten viel Zeit damit, gemeinsam dicke Ordner zu durchblättern, Seite für Seite, Chinesin für Chinesin, Paßbild für Paßbild. Schließlich deutete ich vage auf ein Bild. Das könnte sie sein. Die freundlich lächelnden Polizisten kopierten die Adresse sauber auf ein Blatt Papier, und auf diese Weise fand ich sie.

Wir waren kein einziges Mal Tennisspielen. Aber die erste Nacht habe ich gleich bei ihr verbracht. Das Zimmer war klein, und wir waren natürlich nicht allein. Im Zimmer schliefen auch noch ihre Eltern.

Es war anscheinend allen klar, daß Xuping und ich heiraten würden. Nur mir war das ganz und gar nicht klar. Nach zwei Wochen bekam ich kalte Füße und bestieg das nächste Schiff nach Wuhan. Wir verstanden uns gut, das ist richtig. Aber müssen wir deshalb gleich heiraten?

 

Zwischenstop I

Manchmal scheint es mir, daß das Reisen die Menschen oberflächlich werden läßt. Auf der Durchreise verwandelt sich das Land in ein Panorama; je länger ich unterwegs war, desto mehr reduzierte sich der Horizont auf die Abfolge bloßer Bilder. Die Wahrnehmung von Kultur und Menschen fügte sich in meinem Bewußtsein zu cineastischen Synkopen, um letztlich völlig willkürlich zu einem, zu meinem Chinabild zusammengefügt zu werden. Für große Gefühle bleibt da wenig Raum. Das sei wohl immer so, hat mir einmal ein Buch erklärt. Lesen bildet.

Mir gefiel China. Warum weiß ich nicht. Ganz besonders gefielen mir die chinesischen Frauen. Viele Monate verbrachte ich in China. Oft gemeinsam mit Frauen. An sich mache ich mir nichts aus Frauen, aber die Chinesinnen machten mir was aus. Warum weiß ich nicht.

 

Nachtfahrt

Von Wuhan aus setzte ich meine Reise auf dem Jangtsekiang mit dem Schiff fort. Als ich die Kabine betrat, räkelten sich gerade fünfzehn Chinesinnen auf ihren Betten. Ein Bett war noch frei, es war für mich. Die Mädchen gehörten zu einem Pensionat und befanden sich gemeinsam auf einem mehrtägigen Ausflug. Unschlüssig stand ich im Kabinengang, während fünfzehn Augenpaare mich anstarrten. Im nachhinein glaube ich, daß mich die Situation überforderte. Schüchtern legte ich mein Gepäck auf das Bett, kramte in den Taschen herum, nur um etwas zu tun. Ich wußte, was jetzt kam.

Es blieb nicht lange still. Ein eifriges Schnattern ging los und tausend Fragen stürmten auf mich ein. Woher ich sei, aus welchem Land ich käme, wie ich hieße und was für eine Schuhgröße ich hätte. Schuhgröße? Boote hätte ich an den Füßen, keine Schuhe, Boote. Logisch, schließlich habe ich als Knabe meine Füße nicht eingebunden und demzufolge heute Größe vierundvierzig. Ob ich eine Freundin hätte. Wie bitte? Wenn ich keine hätte, ob ich dann nicht eine chinesische Freundin haben möchte. Ich war sprachlos. Wie sollte ich das verstehen? Ich nuschelte etwas von man-könnte-ja-mal-sehen und kramte wieder in meinen Taschen.

Ein Reisender aus dem Westen steht in China oft im Mittelpunkt. Das tut an sich gut, befriedigt es doch den natürlichen Drang nach Anerkennung. Wenn aber das Bedürfnis gestillt ist, kann das öffentliche Interesse zur Bürde werden. Einmal beobachtete ich zwei Chinesen aus unterschiedlichen Provinzen, die offenbar Schwierigkeiten mit der mündlichen Verständigung hatten. Um die Kommunikation zu erleichtern, zückten beide ihre Kugelschreiber, die Chinesen stets griffbereit bei sich tragen. Sie malten sich gegenseitig Schriftzeichen auf ihre Handflächen. Als ich ein anderes Mal auf der Straße einen Stift in die Hand nahm, um einem chinesischen Bekannten meine Adresse auf seine Handfläche zu schreiben, wurde es plötzlich dunkel um uns herum. Ich schaute auf und bemerkte, daß sich mehrere Dutzend Chinesen um uns drängten. Sie blickten nicht auf die lateinischen Schriftzeichen, sondern interessierten sich einzig und allein für den Stift, mit dem ich schrieb.

Eine aus dem Mädchen-Pensionat hatte es mir sogleich angetan. Das lag daran, daß sie plötzlich anfing zu singen. Sie trällerte Arien aus der Pekingoper, kaum einen Meter Luftlinie von mir entfernt. Sie war im Besitz der Mutter aller Singstimmen. Ich wollte meine Hand ausstrecken, um nach der Stimme zu tasten, blieb aber regungslos auf meinem Bett liegen.

Später beschloß das Pensionat spontan, auf dem Schiff eine nächtliche Party zu feiern. Mit Karaoke im Speiseraum. Zunächst mußte der Schiffsjunge den Raum von den Essensresten am Boden säubern (Chinesen lassen beim Essen grundsätzlich die Hälfte zu Boden fallen). Dann wurde der Raum geschmückt, Lautsprecher und Mikrophone installiert. Im Verlauf des Abends wurde ich aufgefordert, ein englisches Lied zu singen. Nach langem Überlegen entschied ich mich für "Should auld acquaintance be forgot". Meine Chinesin stellte sich ab der zweiten Strophe neben mich und sang parallel den Text auf chinesisch. Wir lächelten uns an und sangen, was das Zeug hielt. Die Nummer war das Ideal aller interkulturellen Kommunikation. Nur verstand keiner von uns, was der andere jeweils sang.

Später an Deck lächelten wir Händchen haltend den Vollmond an. Wir verstanden uns prächtig. Zwar konnte ich nie herausfinden, ob sie einen chinesischen Freund hatte. Und falls nicht, ob sie nicht gerne einen oberflächlichen und selbstbezogenen Reisenden aus dem Westen zum Freund haben wollte. Einen wie mich, zum Beispiel. Ich hätte mich dafür jederzeit zur Verfügung gestellt. Ich war jedoch viel zu schüchtern, um sie danach zu fragen.

 

Zwischenstop II

Im nachhinein bin ich natürlich froh, sie nicht danach gefragt zu haben. Wer weiß, wie sich die Geschichte noch entwickelt hätte. Ich muß übrigens hinzufügen, daß dieses Erlebnis bereits ein paar Jahre zurückliegt. Damals war Karaoke noch etwas Besonderes. Heutzutage muß man einen Abend in China sehr gut planen, will man verhindern, irgendwann auf eine Karaoke-Gesellschaft zu stoßen. Auch steht der Reisende aus dem Westen längst nicht mehr auf solche Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wie ich es noch auf meinen ersten Chinareisen erlebte. Und das ist auch gut so, reflektiert dieser Wandel doch ein Stück Normalität.

 

Kaffeefahrt

Chinesinnen haben eine äußerst ausgeprägte interkulturelle Kompetenz. Wenn ich auf der Suche nach etwas war und auf der Straße einen Chinesen ansprach, ob er mir weiterhelfen könne, dann wurde er regelmäßig von behende herbeieilenden Frauen zur Seite gedrängt, die die Sache resolut in die Hände nahmen. Das war in Taiwan nicht anders.

Ich traf sie in Taipei auf der Straße. Sie hatte in jeder Hand einen Maiskolben und steckte mir einen davon in die Tasche. So lernten wir uns kennen. Anfangs fiel uns die Verständigung nicht leicht. Als ich vorschlug, gemeinsam einen Kaffee zu trinken, lächelte sie. Kaffee ist international. Kaffee dient der Völkerverständigung. Sie lerne Englisch. Dafür habe sie sich einen Sprachführer gekauft. Sprachführer dienen der Völkerverständigung. Wir konnten gemeinsam nachlesen, daß heute die Sonne scheint und daß die Maschine ausnahmsweise unpünktlich ist. Sie blätterte im Sprachführer und lächelte plötzlich. Sie zeigte auf das Wort 'heiraten'. Ich verstand nicht recht. Sie zeigte nun auf 'Hochzeit', zeigte zur Bekräftigung zuerst auf sich, dann auf mich. Nun mußte ich ganz einfach verstehen. Ich schwieg, worauf sie den Sprachführer wieder zuklappte.

Am nächsten Tag schlug sie vor, zu den heißen Quellen zu fahren, um gemeinsam zu baden. Tennisspielen in Shanghai, Karaoke auf dem Jangtsekiang, nun ein heißes Bad in Taipei, ich gewöhnte mich an alles.

Es roch nach Schwefel. Das Bad war ein etwas schmierig aussehendes Haus, bewacht von zwei beleibten Chinesinnen. Ein zweifelhaftes Bad. Wir traten durch eine Türe in ein Doppelzimmer mit einem Doppelbett. Vom Zimmer aus führte eine weitere Türe in ein enges Badezimmer mit Badewanne. Ein äußerst zweifelhaftes Bad. Im Sprachführer fand sich leider unter 'Doppelbett' kein weiterer Eintrag. Sie erschrak heftig, als ich den obersten Knopf meiner Hose öffnete. Sollte ich etwa mit Klamotten in die Wanne steigen? Sie schmiß sich auf das Bett, vergrub ihren Kopf unter der Decke, lächelte plötzlich darunter hervor. Ich hatte genug und ging ins Badezimmer. Nach dem Bad ging ich halbbekleidet wieder ins Zimmer mit dem Doppelbett. Sie erschrak wie zuvor, lächelte plötzlich wieder. Ich sagte ihr, daß ich keine Lust auf Heirat hätte. Leider kannte der Sprachführer nur das Wort für 'heiraten', nicht das Wort für 'nicht-heiraten'. Als sie das nächste Mal unter der Decke hervorlächelte, wußte ich nicht, ob ich verstand, oder ob ich nicht verstand.

Nach einer Stunde verließen wir das Bad. Die beiden fetten Chinesinnen am Eingang blickten uns seltsam nach. Ob sie einen Kaffee trinken wolle. Sie lächelte. Kaffee ist international. Kaffee dient der Völkerverständigung.

 

Flugente

Zur Zeit meiner ersten Chinareisen waren Diaabende noch in Mode. Zu Hause erzählte ich von der Großen Mauer und vom Kaiserkanal, von Teehäusern und von der Verbotenen Stadt. Ich hatte viel zu erzählen. Allmählich gewöhnte ich mich daran, daß die Bilder aus China nicht mehr (und auch nicht weniger) waren als Kirchenfenster in einem Museum. Der Kontext, dem die Bilder entstammten, blieb an solchen Abenden zu großen Teilen unausgesprochen. Das regte niemanden groß auf und gehört zur Natur von Diaabenden.

Es blieb mein diffuses Faible für chinesische Frauen. Im Geiste dichtete ich ganze Oden auf den Liebreiz fernöstlicher Geschöpfe, die ich auf meinen Reisen nie verstanden habe: ihr leichter, fast wollte ich sagen schwebender Gang, grazil und von vollendeter Harmonie.

Irgendwann wagte ich mich dann in ein Chinarestaurant. Leider watschelte die bedienende Chinesin wie eine Ente. Offenbar hat bereits die Berührung mit den verderblichen Abgründen der westlichen Zivilisation degenerierenden Einfluß. Tapfer schluckte ich mein Essen runter. Ich ließ mir von einer einzigen Begegnung nicht mein gesamtes Weltbild falsifizieren und nahm mir fest vor: auch von Pekingenten kann man fliegen lernen.

 

Heimkehr

Milde blicke ich auf die stumpfe Oberfläche des Jadebuddhas. Für einen kurzen Augenblick haben sich meine Gedanken von der Wirklichkeit losgerissen. Ich stehe vom Schreibtisch auf. Mit einem Tuch reibe ich den Buddha gründlich ab. Die Patina bleibt. Wir grinsen uns an. Im Grunde verstehen wir beide uns prächtig.

Mir ist natürlich auch wieder eingefallen, wer mir den Jadebuddha geschenkt hat. Es war Wangan, die ich vor Jahren auf dem Weg von Hongkong nach Guilin in einem Zugabteil kennengelernt habe. Wangan ist Hongkong-Chinesin. Unsere Geschichte begann, als sie ...

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