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no. 10: chinesische gegenwarten -> ausgegraben
 

ausgegraben

Johann Gottlieb Schummel

von Andreas Daams

Die zweite Reihe... Der vom Zeitenlauf oder von hartnäckigen Marketingexperten heiliggesprochene Odem aus der ersten Reihe trübt unsere Blicke so sehr, daß wir die zweite Reihe übersehen, die dritte und erst recht die vierte. Irgendwo dahinten steht Johann Gottlieb Schummel (1748-1813). Er hat ein einziges Buch hinterlassen, das von Zeit zu Zeit neu aufgelegt und neu gelesen wird, ausgerechnet ein komisches Buch mit dem eher unscheinbaren Titel Spitzbart.

Komische Bücher gelten kaum jemals als Meisterwerke. Der Komik haftet die Aura des Flüchtigen, Nebensächlichen, Banalen an, und darüber hinaus scheint sie in den Augen jeder jungen Generation neu definiert zu werden, neue Formen finden zu müssen (die natürlich immer die alten sind -- was gibt es schon groß Neues), weshalb ein komisches Buch des ausgehenden 18. Jahrhunderts zunächst einmal anmutet wie ein verschämt ausgesprochener Herrenwitz.

Noch dazu ein komisches Buch über das Erziehungswesen. O je! Zu allen Zeiten war das Erziehungswesen die heilige Kuh der Gesellschaft, zu fett, um nicht allerlei hungriges Pack zu ernähren, zu träge, um kraftvoll voranzuschreiten, und zu wehrlos, um nicht immer wieder von tollkühnen Toreros der staunenden Öffentlichkeit vorgeführt zu werden. Vor allem steht sie immer im Weg, so daß fortwährend über sie geredet wird; die richtige Mischung aus Strenge und vertrauensvollem Laissez-faire wird ja nun auch schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte gesucht wie der Stein der Weisen, von Zeit zu Zeit wird im Erziehungswesen gar das Unterste zuoberst gekehrt, stets aber hinterläßt es Blessuren, ein angewidertes Schnauben oder im besten Fall ein achtloses Schulterzucken.

Das war niemals anders, und es soll an dieser Stelle die Prognose gewagt werden, daß dies auch niemals anders sein wird. Ein offener Blick in die heutige Schullandschaft beispielsweise mag dies untermauern, und diente er auch nur dazu, sich voll des Grauens sogleich wieder abzuwenden und seinen eigenen Kindern ausländische Privatlehrer zu finanzieren.

Johann Gottlieb Schummels Hauptperson, der Schulinspektor Spitzbart aus Rübenhausen, schreibt ein Lehrbuch, das Ideal einer vollkommenen Schule, und wird aufgrund dessen zum Schuldirektor in Arleshausen berufen. So weit, so gut. Aber sowohl dort als auch in der Erziehung seiner eigenen Kinder scheitert er völlig. Sein Sohn ist derart respektlos, daß er es fertigbringt, bei einem festlichen Abendessen dem Kaplan auf die Schuhe zu pinkeln, und die Tochter zeigt deutlich nymphomanische Züge; seine Frau hingegen hat die Hosen an, während er sich selbst in völliger Verkennung der Realitäten für einen intelligenten Menschen hält.

Schummel parodiert jedoch nicht etwa nur den pädagogischen Reformismus (nicht nur) seiner Zeit, sondern auch das Handwerk der Schriftstellerei. Kapitel Zwölf beginnt so:

"Ich hoffe, der geneigte Leser wird mir nun die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich alle Anlage habe, ein Lieblingsschriftsteller des laufenden Jahrhunderts zu werden. Noch habe ich immer gesehen, daß bloß diejenigen Gewebe des Geistes allgemeinen Beifall erhalten haben, deren Aufzug Wollust, der Einschlag aber Moral ist. Die letzte Szene zwischen Stucker und Fieckchen [eine Liebesszene] war ein Pröbchen von der Art, und ich denke mir dadurch Nachsicht und Verzeihung für die folgenden Kapitel zu bewirken, in denen wieder eine ganze Weile von süßkandierten Zoten nichts vorkommen wird."

Da hat sich ja auch nichts geändert -- man schlage nur die üblichen Druckerzeugnisse auf oder erinnere sich wehmütig an den Penis des Bill Clinton, der auch dann noch in aller Munde war, als schon zur Ablenkung Raketen (Phallussymbole?) in eine pharmazeutische Fabrik im Sudan einschlugen.

Zurück zu Schummels Spitzbart. Nachgerade genial ist der Abschnitt, in dem der Herr Direktor dem staunenden Lehrerkollegium seine 'sokratische Methode' präsentiert. Er fragt die Schüler, was man denn unter einem großen Manne verstehe. Der 'sokratische Dialog' läuft schon eine ganze Weile mit durchaus bescheidenen Ergebnissen. Was ist ein großer Mann?

"Sokrates: 'Bravo, er muß etwas tun! Aber was muß er nun tun, das ist die Hauptfrage. Wer kann mir das sagen?'
Alle schweigen still.
'Ich sehe schon, ich muß euch nur wieder ein wenig aufs Gleis helfen. Sagt mir einmal. Wie heißt denn wohl das Substantivum von tun?'
Einer: 'Das Tun!'
Sokrates schüttelt mit dem Kopfe.
Noch einer: 'Die Tuung!'
Sokrates wie vor.
Noch einer: 'Die Tat!'
Sokrates: 'Bene, bene, die Tat. Wenn also ein großer Mann etwas tun muß; was wird das wohl sein?'
Alle: 'Er muß die Tat tun.'
Sokrates: 'Den Pluralis, Kinder, den Pluralis! Der große Mann muß Taten tun. Und was für welche?'
Einer: 'Große Taten!'
Sokrates: 'Bravissimo, das war vortrefflich geantwortet! Nun ist alles klar. Also wer ist ein großer Mann?'
Alle: 'Der große Taten tut!' [...]
Mit triumphierendem Lächeln wandte sich itzt der große Sokrates zu Rosentretern: 'Sehn Sie', sagt er, 'so fragt man Kindern die Gedanken aus der Seele heraus. So entwickelt man ihre konfusen Begriffe. Das ist Sokratische Lehrart, die ich Ihnen hiermit auf das eifrigste anempfehle. Folgen Sie meinem Beispiele, und Sie werden sich um unsere Schule und um die ganze Stadt verdient machen.' "

Eine ganze Zeit gelingt es Spitzbart, seine Selbstzweifel zu unterdrücken und die anderen Pädagogen, Eltern und Bürgermeister zu blenden -- bis auf wenige Menschen, die klarsichtig genug sind, Unsinn als solchen wahrzunehmen, und von denen es zu allen Zeiten leider nie genügend gibt.

Am Ende hat Schummel für seinen Helden aber ein schlimmes Los bereit: ein Gallenfieber, zu dem sich eine ungewollte Schwangerschaft seiner Tochter gesellt, die Entlassung aus dem Schuldienst, da er alles in Unordnung gebracht hat, was einst halbwegs in Ordnung war, sowie die Zwangseinweisung seines Sohnes in einen Soldatenhaushalt.

"Hier leg ich meine Feder nieder und lasse den für seine Torheiten hartgezüchtigten Unglücklichen im Frieden ruhen!"

Und die zänkische Witwe des Verstorbenen? -- Nun, die ist...

"..auf dem Wege, durch Mangel und Not weise zu werden."

Spätestens an dieser Stelle begreift der moderne Leser, daß es sich beim Spitzbart nicht um eine wahre Geschichte handeln kann. Denn man darf sicher sein, daß die realen Spitzbarts zu allen Zeiten ein besseres Schicksal hatten, ganz so wie heutzutage. Sie steigen in die absurdesten Positionen auf, verbreiten ihre abstrusen Vorstellungen wie Allheilmittel, alle Welt rennt ihnen hinterher, und der gesunde Menschenverstand bleibt einmal mehr auf der Strecke.

Drum, Leser, sieh zu, daß Du den Spitzbart in die Finger bekommst, dann setze Dich in Ruhe auf Deinen Lieblingsplatz und beginne zu lesen...

"Es war an einem schönen, heitern Maitage, morgens früh um halb zehn Uhr, als der Hochehrwürdige und Hochgelahrte Herr Matthias Theophilus Spitzbart, Inspektor und Pastor des Städtleins Rübenhausen, mit großen Schweißtropfen vor der Stirn und mit dürrem Gaum von der Kanzel kam..."

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