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* Michael Ebmeyer: Henry Silber geht zu Ende. Erzählungen (Interview)
* Gabriele Mörsch: Protokoll eines Verhängnisses. Autobiographie
 

Michael Ebmeyer: Henry Silber geht zu Ende. Erzählungen (Interview)

Kiepenheuer & Witsch. 2001. 199 Seiten.

Ein Gespräch von Christoph Bock (parapluie) mit dem Autor Michael Ebmeyer über sein Buchdebüt und die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

parapluie: Lieber Michael, in Deiner Kurzgeschichte Schnauzer kommen die weibliche Hauptfigur und der Ich-Erzähler zu einem vielversprechenden Gespräch, indem die junge Frau beginnt, eine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen. Ich möchte mir für unser Gespräch über Deinen Erzählband und die zeitgenössische deutschsprachige Literatur die Strategie Deiner Protagonistin zu eigen machen und Dir zunächst eine Anekdote erzählen. Folgendes kam mir jüngst zu Ohren:

In Johannesburg wurde in einem Krankenhaus eingebrochen. Während seines Beutezugs sah der Dieb eine Sonnenbank und konnte nicht widerstehen, sich zu bräunen. Tatsächlich handelte es sich jedoch um ein Gerät zur Behandlung von Hautkrankheiten, und der Mann zog sich schwere Verbrennungen zu. Später gab er zu Protokoll, er habe sich wegen seines hellen Teints immer fremd gefühlt.

Michael Ebmeyer: "Schöne Geschichte", könnte ich mit meinem unbeholfenen Erzähler aus Schnauzer antworten. Oder auch: Anekdoten wie diese brauchen wir. Einbruch, Krankenhaus, Haut, Verbrennung, Identitätsproblem: Nur ein paar Zeilen Begebenheit, entspannt aufgetischt und ohne Anstrengung geschluckt, und doch entfaltet sich daraus -- im Magen, wenn man so will -- ein Diskursgeflecht von monströsen Ausmaßen. So gefällt mir Prosa.

Seit ein paar Jahren freuen wir uns darüber, daß heutige und hiesige Literatur, zumindest wenn sie von Leuten geschrieben ist, die als jung gelten, wieder gelesen und sogar verkauft wird. Aber in letzter Zeit ist eine Enttäuschung darüber gewachsen, wie wenig seltsam und wie wenig krisenhaft viele dieser neuen Geschichten sind. Die Jungautoren, heißt es, schreiben gewandt, können gelegentlich sogar witzig sein, haben aber nichts zu erzählen. Der Text im Handy-Format. Zum Glück ist dieser Befund bei weitem nicht die ganze Wahrheit, und ich bin zuversichtlich, daß sowohl Publikum und Kritik als auch die AutorInnen selbst sich nun, wo zeitgenössische deutschsprachige Literatur vom Elfenbeinturm-Image befreit ist, verstärkt dafür interessieren, welche 'Tiefe' die neuen Texte erreichen können.

Wenn Du von jener nachhaltigen Entfaltung eines Diskursgeflechts sprichst, höre ich ein Bestreben -- eine literarische Strategie? -- heraus, Deine Erzählungen so anzulegen, daß eine ähnliche Wirkung möglich wird? Ich fände dies einen erfrischenden kleinen Anstoß in der Auseinandersetzung um neue Texte, die immer wieder unter dem Gesichtspunkt Authentizität geführt wird -- womit gemeinhin die Unterstellung bezeichnet ist, zeitgenössische deutschsprachige Literatur lebe vornehmlich durch ihre leichte Anschlußfähigkeit an den Erfahrungshorizont der Leserin/des Lesers; dies erreiche sie, indem über Vorgänge aus der persönlichen Lebenswelt geschrieben werde. Kurz: Nicht mehr nur Lust am Text durch Identifikation, sondern durch diskursive Vielfalt, die erstere mit einschließen kann?

Ja. Ich bemühe mich zum einen um genießbare Oberflächen, habe wenig Interesse an ostentativ hermetischen Schreibweisen. Zum anderen möchte ich in der Tat gerne Texte hervorbringen, die bei ihrem Publikum ausgiebig und vielfältig nachwirken. Falls das Schlagwort Authentizität, bezogen auf heutige Erzählprosa, beschreibt, daß diese ein 30jähriges Publikum in seinem bedrückend konformen Lebenswandel bestätigt und vielleicht noch ein paar von dessen harmloseren kollektiven Kindheitserinnerungen auffrischt; dann wäre ich froh, wenn die Auseinandersetzung über mein Buch (und nicht nur über meins) pauschal unter anderen Gesichtspunkten geführt werden könnte.

Nonkonformes von und mit Dir konnte man während der letzen Jahre im musikalisch-literarisch-dramatischen Projekt Die Dusche erleben. Skurrile Lieder von kleine Puppen wurden vorgetragen, Geigen fielen -- nicht nur verbal -- der Motorsäge zum Opfer, Bachs Cellosuiten erklangen auf einem Frauenrücken, während ein personifiziertes Interesseloses Wohlgefallen sich entblätterte. Ein Gedicht, mit dem Du Dich 1999 beim Open Mike Literaturwettbewerb in Berlin vorgestellt hast, war hier noch im Arrangement mit Gitarre zu hören. Sind die vierzehn Kurzgeschichten aus Henry Silber von vornherein für eine Existenz auf Papier entstanden? Oder handelt es sich um Ideen, die Du zunächst für einen musikalischen bzw. szenischen Kontext entwickelt hast? Dem Umfang nach wären sie dafür ja durchaus geeignet.

Die Erzählungen aus Henry Silber gingen eher aus dem Bedürfnis hervor, nach mehreren Jahren Duschetexten wieder andere Formen auszuprobieren. Ich habe dazu eine sehr schöne Initialsituation zu bieten, nämlich einen Vielschreibemonat auf einer Dachterrasse im Eixample in Barcelona, wo zu etwa der Hälfte der Geschichten zumindest Entwürfe, zum Teil aber auch schon erste Fassungen entstanden sind. An eine szenische Umsetzung oder an Musikbegleitung habe ich bei diesen Texten nicht gedacht, zumal ich gleichzeitig auch weiter Sachen für Die Dusche geschrieben habe. Aber in der Erzählung Grüner wirds nicht habe ich zwei Drittel eines Duschetexts versteckt.

Die Figur Henry Silber, seines Zeichens abgetakelter Schlagersänger, erinnert mich an Gottfried Benns Bild des alten Boxers: Eigentlich chancenlos, steigt er nach jeder Niederlage wieder in den Ring, weil er nichts anderes gelernt hat, nicht anders kann. Tapfer gibt er dem Leben den ein oder anderen Haken, und man freut sich über ein ganzes Arsenal an ungewöhnlichen Kniffen, aus dem er schöpft, immer in Gefahr, im Gegenzug eine harte, vielleicht endgültige Linke abzubekommen. Doch wenn er auch scheitert, so doch nie ohne Stil und Erfolg, und sei er noch so gering. Ich darf einen Abschnitt zitieren:

"Nach seinen Auftritten saß Henry Silber bis spätnachts am Tresen, gab mit zittriger Hand Autogramme und betrank sich. Viele Fans freuten sich anfangs über diese Möglichkeit, ihm nah zu sein, doch schlimm war für sie zu hören, was er mit den Texten seiner Lieder anstellte. Wo es immer Sehnsucht geheißen, sang er jetzt Fußgeruch (Nach deinem tiefen Abschiedsblick / Bleibt mir nur der Fußgeruch zurück ), anstatt verzaubert verwendete er verprügelt (Ich lieg wach bis um vier / Verprügelt von dir), und Wörter wie sprechen, schweigen oder schauen, ersetzte er durch pimpern. Es wurde berichtet, sein langjähriger Texter Bernie Scholz habe, in eine dunkle Ecke gedrückt, einen dieser Auftritte verfolgt, mit versteinerter Miene, aber beide Augen voller Tränen."

Ich habe den Eindruck, daß das Bild des Boxers in einem allgemeineren Sinn zu vielen Deiner Figuren paßt. Insofern, als sie Widerstand leisten müssen, zuweilen wollen, um sich ihrer jeweiligen Umwelt gegenüber zu behaupten. Hier scheint mir auch der Ort zu liegen, an dem sich in Deinen Erzählungen Krisenhaftes und Seltsames vornehmlich entfaltet.

Merkwürdig, was für eine Faszination Boxer immer wieder auf Literaten ausgeübt haben. Benn-Verächter Brecht posierte für die Kamera mit Max Schmeling, und war es nicht Hemingway, der selbst in den Ring stieg? Jedenfalls ließe sich ein Trio Benn-Brecht-Hemingway gut unter dem Schlagwort Chauvi-Literatur konstruieren, und da passen Box-Obsessionen ja prächtig ins Bild. Aber lassen wir das. Widerstand und Scheitern gehören für mich nach wie vor zu den wichtigsten Themen, denen literarische Texte sich widmen können, und ich freue mich, wenn Du bestätigst, daß sie in meinem Buch viel Raum einnehmen.

Im nachhinein ärgere ich mich fast darüber, daß meine Erzählungen nicht deutlicher politisch geraten sind. In der öffentlichen Diskussion der letzten Monate in Deutschland hat die Rechte hemmungslos mit dem Holzhammer agitiert (daß wieder einmal versucht wurde, die 68er, also eine Emanzipationsbewegung gegen ein in faschistoiden Gewohnheiten steckengebliebenes Staatswesen, als gefährliche Krawallgruppe zu verunglimpfen, ist ja nur das plakativste Beispiel), während das, was aus der parlamentarischen Linken geworden war, überall bis zur Selbstaufgabe Konsens suchte. Die USA bombardieren ohne Absprache mit ihren 'Bündnispartnern' mal wieder den Irak, und Joschka Fischer sagt, sie werden schon ihre Gründe gehabt haben. Unter solchen Voraussetzungen ist die Repräsentation von Widerstand in der Literatur (und überhaupt in der Kunst) geradezu eine ethische Notwendigkeit.

Natürlich kann es auch wichtig sein, über angepaßte Menschen zu schreiben, aber dann nicht als Identifikationsangebot, wie es in letzter Zeit manchmal geschehen ist, sondern sezierend. Ein Segen wäre, fast hundert Jahre nach Heinrich Manns Untertan, wieder ein analytischer Roman über einen 'zeitgemäßen Typus', zum Beispiel einen jungen IT-Spezialisten, der der Ideologie vom 'freien Markt' religiöse Verehrung entgegen bringt und abergläubische Furcht vor Globalisierungsgegnern und vor Feministinnen hat.

"Ich seh' die Welt wie'n Stummfilm und schreib' Untertitel" (Freundeskreis), "Was ich nicht ändern kann, kann ich zumindest beschreiben" (Fassbinder), "So ist der Prosa-Schriftsteller ein Mensch, der eine gewisse Art zweitrangigen Handelns gewählt hat [...]." (Sartre), lauten drei einander ähnliche und doch unterschiedliche (Selbst-)beschreibungen Kulturschaffender aus dem musikalischen, filmischen und philosophisch-literarischen Bereich. Kann die eine oder andere Aussage als Beschreibung jener ethischen Notwendigkeit gelten? Schließt eine solche für Dich aus, daß sich die Poesie auch selbst genug sein dürfe?

Kunst manifestiert und bewahrt kulturelles Gedächtnis und damit auch -- um ein etwas bombastisches altes 68er- und Enzensberger-Wort zu gebrauchen -- Gegengeschichte. Diese Funktion von Kunst wird umso wichtiger, je weniger in anderen öffentlichen Diskursen Opposition eine Stimme findet. Das habe ich mit ethischer Notwendigkeit gemeint.

Von den drei Zitaten gefällt mir das von Fassbinder am besten. Ich halte nichts davon, eine schreibtischzentrierte Existenz zu einer Form des revolutionären Kampfes zu stilisieren, erst recht nicht in einer halbwegs demokratischen Gesellschaft. Insofern scheint mir selbst "zweitrangiges Handeln" noch ein zu großes Wort. Und der Vergleich mit dem Stummfilm verwirrt mich etwas. Ein Stummfilm braucht ja in der Regel keine Untertitel, und seine Bilder machen, anders als die Welt, meist recht eindeutige Interpretationsangebote.

Zu Deiner zweiten Frage: Poesie, die sich selbst genug ist, gibt es nicht, sondern allenfalls Poesie, die glaubt, sie sei sich selbst genug. Und meinetwegen darf sie das auch gerne glauben.

Du kennst die Ratschläge für einen jungen Schriftsteller von Danilo Kis. Viele dieser Ratschläge beziehen sich entsprechend Kis' Erfahrungen auf die Problematik des Lebens und Schreibens in einem mehr oder weniger autoritären politischen System. Obwohl die Situation heute zumindest hier eine andere ist, schließt das nicht aus, dass Kis' Text auf der einen und künstlerisch ausgerichtete Existenz auf der anderen Seite in Bezug gesetzt werden können. Fruchtbar? Vorausgesetzt man übergeht zunächst, daß der Schriftsteller Kis auch als Essayist eine vielfältigere literarische Strategie verfolgte, als jemandem einfach so -- im Imperativ und deutlichen Unterscheidungen von gut und schlecht -- etwas raten zu wollen.

Es tut mir leid, aber ich kann mit den Ratschlägen von Kis nicht viel anfangen. Zunächst macht es mich schon mißtrauisch, wenn jemand für seine -- trotz aller Relativierungen, die er sich einzustreuen bemüht, doch klassisch imperativisch vorgebrachten -- Ratschläge sechs Buchseiten braucht. Wer so geschwätzig ist, gehört ins Ratgeber-Regal. Entsprechend bleibt, obwohl Kis seinen jungen Schriftsteller schon ganz am Anfang vor "ideologischen Formulierungen" warnt, erstaunlich viel ideologisches Vokabular bei ihm unhinterfragt stehen, von "Verrat" über "Werte" und "Wahrheit" bis hin zu Dichterstuben-Phantasien wie "du schaffst aus dem Magma und dem Chaos der Welt". Bei den "künstlerisch ausgerichteten Existenzen", für die solche Weisheiten hier und jetzt "fruchtbar" sind, handelt es sich, fürchte ich, vor allem um Kunstmystiker und Selbstüberschätzer.

Deine Erzählung Nackedei handelt von einem Mann, der den Leuten in Motivatormanier seine Heilsbotschaft verkündet und vorlebt: Zu sich selbst finden, elementar erleben, eins werden mit dem Kosmos, abschütteln von Zivilisationsballast, etc. -- nicht etwa durch Aura Soma, Urschrei, Bungee Jumping oder andere gängige Eso- oder Extrememethoden des Selbsterfahrungsmarktes -- sondern durch Nacktjoggen.

" 'Das nächste Dia bitte. Ach nein, das ist der Spiralnebel, der sollte erst zum Schluss, mach doch noch mal weiter, José, am Ende ist da falsch sortiert -- nein das auch nicht. Doch stopp, ja, da ist es, das wollte ich haben. Eine Orchidee, Aceras anthropophorum, genauer gesagt. Übrigens nicht im Gewächshaus aufgenommen, sondern in freier Natur, auf einer meiner Südamerikareisen, wie Sie auch am Hintergrund erkennen. Diese Blume sucht keinen Schutz, diese Blume präsentiert sich, präsentiert sich in ihrer unendlichen Verletzlichkeit, in ihrem Stolz, in ihrer erhabenen Anmut. Zwischen ihr und der Gewalt, die sie umgibt, steht nichts. Gerade darin liegt ihre Schönheit, im Mut zu diesem Nichts. Und, Sie erlauben mir die Übertragung, gerade darin kann auch unsere Schönheit liegen! Im Bekenntnis zur Grundbefindlichkeit unseres Ausgeliefertseins an einen übermächtigen und unbarmherzigen Kosmos: gegen eine Gesellschaft, die uns ein ganz und gar künstliches Bild der Trennung unserer Körper von der Welt aufzwängt. Gegen diese künstliche Würde der Kleiderordnung, für die natürliche Würde unseres Leibes! Im Bekenntnis zum ausgelieferten Ich und zum Kosmos! Ja, nun den Spiralnebel.'
Mit diesen Worten schloss ich meinen Vortrag vor der Anwohnerversammlung Rosenberg."

Damit stößt er brave Bürger vor den Kopf, nicht ohne bei einem solchen zugleich einigen Eindruck zu hinterlassen. Kannst Du skizzieren was Dich daran interessiert, eine solche Geschichte zu erzählen, vielleicht im Hinblick auf das Verhältnis zwischen dem Nacktjogger und jenem Lothar Niewöhner, verheiratet, zwei Kinder?

Auf die Idee hat mich der Fall des Freiburger Nacktläufers gebracht, der seit ein paar Jahren immer mal wieder einen Weg in die Medien findet. Er ist allerdings Sexualtherapeut, was als Exposition für einen literarischen Text viel zu dick aufgetragen wäre. Mein Nacktjogger ist Steuerberater. Interessiert hat mich zum einen das Experiment, einen so sendungsbewußten Typen wie diesen als Erzähler zu konstruieren und ihn sich dann noch mit einem zweiten Erzähler abwechseln zu lassen, dem Lehrer Niewöhner, den Du erwähnt hast und aus dem eine Parallelfigur zum Nacktläufer wird. Zum anderen entwirft auch diese Geschichte ja eine Form von Widerstand, ein Ausbrechen, ein Verhalten gegen den Konsens -- und vielleicht eine Reflexion über Würde und Lächerlichkeit.

Im Gegensatz zu anderen Geschichten verliert Widerstand -- wenn ich diesen Aspekt noch einmal aufgreifen darf, ohne Deine Erzählungen darauf einengen zu wollen -- in diesem Fall durch die Verbindung mit Sendungsbewußtsein stark an positiver Konnotation. Plötzlich und paradoxerweise klingt Subversives nach einer Lektion in Durchstarten zum Erfolg, und man kann als Leser -- altmodisch gesprochen -- nicht mehr ohne weiteres Sympathien verteilen...

Ich glaube, es liegt eher an der Art des Sendungsbewußtseins als am Sendungsbewußtsein als solchem, wenn Widerstand in Nackedei nicht sympathisch wirkt. Selbst wenn man so weit geht, zu sagen, Widerstand als Haltung sei grundsätzlich positiv zu bewerten, heißt es ja nicht, daß das auch für jeden Einzelfall gilt. Die wenigsten Figuren in meinen Geschichten taugen als Leitbilder, soweit ich das einschätzen kann. Sollen sie auch nicht. Sympathien von Lesern wünsche ich mir nicht für die Figuren, sondern für eine bestimmte Weltwahrnehmung, von der ich hoffe, mir aber keineswegs sicher bin, daß sie aus meinen Texten spricht.

Um bei Paradoxa zu bleiben: "Heutzutage wandeln sich doch nicht mehr die Arschlöcher zu Hippies, sondern umgekehrt", wundert sich der Ich-Erzähler der bereits erwähnten Erzählung Schnauzer, als er hört, daß sein früherer, gehaßter Sportlehrer, sich die Haare bis zum Rücken habe wachsen lassen und nun als Heilpraktiker arbeite. Du sprachst zuvor von einem "zeitgemäßen Typus", der den "freien Markt" vergöttert und genau weiß, wo dessen Feinde zu lokalisieren sind. Liegt nicht die größere Herausforderung für ein sezierendes Schreiben darin, nicht nur das Extrem bzw. seine Konvertierung ins Gegenteil analytisch zu erfassen, sondern, um noch einmal mit Benn zu sprechen, den "Phänotyp der Stunde" als einen zu beschreiben, der vereint, was vorher als unvereinbar galt: Reichtum und Rebellion, Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, Denken der 68er und Geist der Yuppies, korrekt und kreativ zugleich, freigeistig und loyal?

Wenn es Stilmittel gibt, durch die sich nach außen hin Denken der 68er und Geist der Yuppies kombinieren lassen, ergeben sie doch trotzdem ein Trugbild -- oder einen schizophrenen Fall. Daß dergleichen heute Phänotyp ist, ist mir noch gar nicht aufgefallen, vielleicht habe ich das verpaßt. Aufgefallen ist mir bloß die Aneignung progressiver Ikonographie durch konservative Kreise, aber das ist ja nichts Neues. Da würde ein heutiger Untertan sicher auch mittun. Vereint werden dabei nur Zeichensysteme; die mit ihnen verbundenen Bedeutungen passen sich den Interessen der Kombinierer an. Die drei anderen Oppositionspaare, die Du nennst, scheinen mir eher schwammig. Zum Beispiel korrekt und kreativ zugleich, dazu fallen mir Mitarbeiter von Werbeagenturen ein, aber daß über die nicht schon genug geschrieben und gefilmt ist, kann man wirklich nicht behaupten.

Im Moment sehe ich übrigens Anlaß zu hoffen, daß die Linke -- also nicht Leute, die Che Guevara überm Sofa hängen haben, weil er so fotogen war, und vielleicht mal SPD wählen, sondern solche, in denen der Wunsch nach einem anderen Staat und einem anderen Wirtschaftssystem wirklich lebendig ist -- sich in Deutschland wieder hörbar zu Wort melden wird. Möglicherweise haben sogar die Stoiber-Merz-Westerwelles mit ihrem immer stupideren reaktionären Gewäsch geholfen, etwas in Gang zu bringen, womit sie überhaupt nicht mehr gerechnet haben, nämlich eine große und reflektierte Protestbewegung deutlich links von der Schröder-Regierung. Aus einer solchen Bewegung könnten allerdings faszinierende "Phänotypen der Stunde" hervorgehen.

Mitte März erschien meine Erzählung Trotzki 2000 als Vorabdruck im jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, und bei der redaktionellen Blattkritk kam es, wie ich hörte, zu einer Kontroverse, weil einige beklagten, ich machte mich in dem Text über antikapitalistisches Engagement lustig. Durch diesen Vorwurf fühle ich mich natürlich mißverstanden, aber es ist ein Mißverständnis, über das ich mich auch ein bißchen freue. Als ich nämlich die Geschichte vor zwei Jahren schrieb, war die Stimmung in der öffentlichen Diskussion noch eine andere, wie überhaupt die zweite Hälfte der 90er für jeden, der dem sogenannten Neoliberalismus emanzipatorisch-skeptisch gegenüberstand, von einer unerträglichen Beklemmung geprägt war. Trotzki 2000 spielt in einer Phase nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, in der alle sozialistischen und auch alle anarchistischen Ideen von der Geschichte besiegt und vom Erdboden getilgt schienen. Die jetzt-Diskussion bestärkt mich in dem Eindruck, daß diese Phase der Beklemmung nun endlich überwunden ist.

Speist sich die Zuversicht, von der Du am Anfang unseres Gespräches in bezug auf neue Texte sprachst, aus einer Überlegung, wie: nach anfänglichem Hype, anschließend erhöhter Nachfrage und entsprechendem Nachfeuerbedarf (ähnlich der Situation, als nach Buena Vista Social Club plötzlich jeder Greis, der noch irgends fähig war eine Gitarre zu halten, aus Kuba exportiert wurde, um alle Konzertbedürfnisse zu befriedigen), kehrt schließlich wieder mehr Ruhe ein, der Boden aber bleibt bereitet. Oder spielen auch Erfahrungen eine Rolle, die Du im Kontakt zu anderen AutorInnen, bzw. zum Publikum, etwa auf Poetry Slams und Lesungen, oder auch im Rahmen Deiner akademischen Arbeit sammeln konntest?

Daß auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt allzu viel Ruhe einkehrt, will ich nicht hoffen... Was Du Hype nennst, wurde ja vor allem mit dem Etikett Popliteratur verbunden. Das Etikett hat sich erwartungsgemäß schnell abgenutzt, was aber nicht heißt, daß dasselbe auch für die Texte gilt, denen es angeheftet wurde. Zumindest nicht für alle. Die Neugier auf junge Texte (obendrein nicht nur Romane, sondern auch Kurzprosa und Dramatik -- bloß die Lyrik bleibt noch ein bißchen außen vor, aber so ist sie halt, die Lyrik), die dieser Hype begründete, scheint noch anzudauern. Ob damit der Stellenwert von Literatur im Bewußtsein der Verbraucher auch dauerhaft höher oder sicherer geworden ist, läßt sich aber noch nicht sagen.

Meine eigenen Erfahrungen sind in letzter Zeit sehr positiv, ich hoffe natürlich, das geht so weiter. Und im Rahmen meiner akademischen Arbeit konnte ich beobachten, daß Themen wie Prosa der 1990er Jahre sich in den Veranstaltungsplänen durchaus häufen.

Welche Vorstellungen wurden bzw. werden mit der Bezeichnung 'Popliteratur' Deiner Meinung nach verbunden? Was will ein solches Etikett unterscheiden? -- das ja sogar Anschlußkommunikation in den literarischen Texten selbst hervorrief. Benjamin von Stuckrad-Barre etwa inszeniert in seinem jüngsten Buch Blackbox eine aus Gerichtssaal, TV-Studio und Zeitschriftenredaktion bestehende Medienlandschaft, in der Barbara Salesch den Hammer darüber schwingt, ob ein Popautor namens Benjamin und Comedyqueen Anke gemeinsam in die Kiste steigen. Ally McBeal säftelt als Verteidigerin und Barbara 'Sichtie' Sichtermann nölt als Sachverständige, "die Medienwirklichkeit erzieht die Menschen zu Selbstdarstellern".

Ich glaube, mit Pop ist vor allem gemeint, daß Literatur sich konstitutive Diskurse dessen, was Feuilletonisten gerne Medienwirklichkeit nennen, in einer neuartigen Weise einverleibt hat, nämlich nicht mehr bloß als Zitat oder gar Problem, sondern als selbstverständliche Denk- und Sprechweisen, auf die der Text keine Außenperspektive braucht. American Psycho als exzessives, High Fidelity als besonders produktives und vergnügliches Beispiel. Viele als Pop vermarktete Texte gehen mir gewaltig auf die Nerven, aber wenn ich sage, die deutschsprachige Gegenwartsliteratur sei vom Elfenbeinturm-Image befreit, dann meine ich damit das, was Pop für sie getan hat.

Zum Schluß würde mich noch Konkreteres zum anderen Teil der Wahrheit interessieren. Was liest Du gerne von der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur?

Natürlich Max Goldt, für die 'Jungliteraten' eine fast allgegenwärtige Referenz, obwohl er ein Vertreter der sonst so gut wie ungelesenen Generation von Autoren ist, die in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten geboren wurden. Aus dieser Generation beeindruckt mich außerdem Herta Müller. Von den jüngeren lese ich Karen Duve gerne, und daß Judith Hermann noch kein zweites Buch geschrieben hat, finde ich schade. Malin Schwerdtfegers Leichte Mädchen gefallen mir auch sehr gut. Darauf, daß die deutschsprachige Literatur einen Houellebecq, einen Paul Bowles und einen Rafael Chirbes hervorbringt, warte ich noch.

(Das Gespräch führte Christoph Bock)

 

Gabriele Mörsch: Protokoll eines Verhängnisses. Autobiographie

Äquinoktium (Granada) 1998. 244 Seiten.

Während des letzten Urlaubs in Südfrankreich wurde im Freundeskreis die Frage diskutiert, ob die deutsch-französische Freundschaft noch immer nicht der Dialog zweier Kulturen, sondern nur zweier Bildungseliten sei. Heftiger Widerspruch regte sich; zumindest in den jüngeren Generationen seien die Ressentiments der Vergangenheit nicht mehr präsent. Dank der Anstrengungen der verschiedenen Regierungen, vor allem aber der unzähligen privaten Initiativen saßen wir also, Deutsche und Franzosen, an einem Tisch in Südfrankreich und fühlten uns in Europa zu Hause.

Diese Beschaulichkeit findet sich in Begegnungen vieler anderer Kulturen nicht, auch wenn immer wieder erste Schritte gemacht werden. Diese finden meist in der Welt der Literatur, der Musik oder anderer Künste statt und sorgen dort für anregende Vielfalt und Bereicherung -- in der Realität jedoch sind diese Begegnungen schmerzhaft, ja vielfach blutig.

Eine solche schmerzliche Erfahrung hat die Autorin des hier besprochenen Buches dazu bewogen, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Ein lebensnotwendiger Versuch, durch das Schreiben Distanz zu dem Grauen zu gewinnen, das sie nie mehr loslassen wird.

1981 bucht die Erzählerin eine Reise nach Ägypten. Sie lernt dort einen nubischen Touristenführer kennen und beginnt -- zumindest sieht es zunächst so aus -- eine Urlaubsaffäre mit ihm. Merkwürdig willenlos läßt sie sich darauf ein, daß aus dieser Affäre mehr wird. Sie besucht ihn abermals und stellt bald nach ihrer Rückkehr nach Deutschland fest, daß sie schwanger ist. Da es sich als unmöglich herausstellt, für den Vater des Kindes ein Visum zu bekommen, geht sie hochschwanger nach Ägypten. Dort wird sie zwar herzlich und äußerst hilfsbereit von seiner Familie aufgenommen, doch kann sie sich nicht an das dortige Leben und vor allem das Rollenverständnis von Männern und Frauen gewöhnen. Die Familie geht nach Deutschland, als die Erzählerin erneut schwanger (mit Zwillingen) ist. Inzwischen kriselt es schon in der Ehe, was sich auch in Deutschland nicht ändert, sondern vielmehr zuspitzt. Ihr Mann kann sich nicht in die deutsche Mentalität, die hiesigen familiären Rollenverteilungen und das Arbeitsverständnis einfinden. Die Ehe wird immer mehr zum Alptraum.

Nach mehreren Versuchen gelingt es der Autorin schließlich, sich von ihrem Mann zu trennen und die Scheidung einzureichen. Ihr Mann droht mehrfach damit, die Kinder nach Ägypten zu entführen und/oder umzubringen, weshalb ihm zeitweise das Besuchsrecht entzogen wird. Schließlich scheint er sich aber mit der Situation abzufinden. Eines Tages besucht er seine Frau und die Kinder bei deren Großeltern in Köln; als er einen Moment mit den Kindern allein ist, erschießt er sie und anschließend sich selbst. Das Blutbad stürzt nicht nur die Mutter der Kinder, sondern auch deren Großeltern in Monate und Jahre der Verzweiflung und Apathie, aus der sich die Erzählerin unter anderem durch die Niederschrift ihrer Erlebnisse befreit. Sie findet zusammen mit ihren Eltern in Spanien eine neue Heimat.

Auf beeindruckende Weise gelingt es der Erzählerin, trotz des Erlebten geradezu sachlich über ihre Erfahrungen in der anderen Kultur zu schreiben. Die gesamte Erzählung ist getragen von dem Versuch, die Menschen, denen sie begegnet, zu verstehen und sie in ihrem kulturellen Kontext zu sehen. Von einer Verurteilung, von Vorwürfen, von Haß ist in diesem Buch nichts zu spüren. Die Erzählerin bezieht stets auch Überlegungen darüber mit ein, wie ihr Mann sich in der fremden Kultur gefühlt hat, was ihm fremd war, welche von uns als 'normal' erachteten Verhaltensweisen unvereinbar mit seinem Selbstverständnis waren. Eine solche Haltung auch demjenigen gegenüber, der ihr alles genommen und ihr Leben zerstört hat -- dem Vater ihrer Kinder -- beweist wirkliche Größe. Deshalb ist diese autobiographische Erzählung zwar kein literarisches Zeugnis ersten Ranges, doch ein bewegendes menschliches Zeugnis -- vielmehr: Beweis einer Menschlichkeit, die selbst angesichts des Verlustes der eigenen Kinder Bestand hat. Und eine Lektion für uns, die wir in unserer Auseinandersetzung mit den Künsten und Kulturen stets 'das Andere', die 'Differenz' bemühen und doch vergessen, wie schmerzhaft diese Differenz jenseits der Kunstsphäre sein kann.

(Bettina Krüger)

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