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no. 10: chinesische gegenwarten -> abstrich
 

abstrich

André

von Franz Neige

André hat eine ziemlich hohe WAF. Was das ist? Wortausstoßfrequenz. Wenn es ans Sprechen geht, ist André schneller als Django persönlich, denn bevor der auch nur einen Schuß abgefeuert hätte, hat André schon zweimal nachgeladen. Jedem noch so wortfrequenten Italiener müssen angesichts eines Andréloges (also eines Monologes von André) heiße Neidschauer überkommen. Der Mann ist eine wahre Konsonantenverpuffungsmaschine. Es versteht sich von selbst, daß bei einer derart hohen Wortfetzengeschwindigkeit bisweilen die DdD (also die Deutlichkeit der Diktion) geringfügigen Schaden nimmt. Wenn die Deutlichkeit mit Tempo ringt, obsiegt in der Regel Letzteres.

Unterhaltungen mit André -- obwohl sie nur selten zustande kommen -- stellen höchste Anforderungen an das Konzentrationsvermögen. Nicht nur, daß man in einem Umkreis von fünfzig Quadratmetern, geistige Silbenfangnetze spannen muß -- erschwerend kommt meist hinzu, daß André in der Lage ist, jedwede Geschichte von mindestens fünf verschiedenen zeitlichen Punkten aus zu erzählen. Ohne es zu wissen -- es sei denn, man darf sich zu den André-Spezialisten zählen -- sieht man also bereits nach wenigen Sekunden das zu schildernde Ereignis aus allen nur erdenklichen Perspektiven: Exposition, Durchführung, Reprise, Coda und Stretta, sowie die Engführung (um es einmal mit musikalischen Termini zu umschreiben) treten quasi simultan auf. In etwa vierminütigen Silbenimpulswellen stößt André das zu Sagende aus. Danach ringt er kurz nach Atem. Meist allerdings vollzieht sich der Luftaustausch mit einer derart unbeschreiblichen Geschwindigkeit, daß Zwischenfragen allerhöchstens auf die Mitte der nächsten Wortsalve treffen. Dabei kann es passieren, daß das vorsichtige Nachfragen des verzweifelnden Zuhörers den Erzähler auf eine ganz andere Geschichte bringt, die dann -- parallel zur bereits laufenden -- gleichzeitig mit einer erzählerischen Virtuosität ohnegleichen mit abgewickelt wird.

Daß ein Erzählen auf dieser Ebene nicht nur die DdD hinter sich lassen muß, sondern auch die Wortmelodie bisweilen völlig zerstört, ist leicht einzusehen. Immerhin hat André im Lauf der Jahre Methoden entwickelt, seine Botschaften an- und abzukündigen. Zum Abrufen einer sagen wir vier Monate umspannenden Sequenz aus dem Andréleben genügt gemeinhin ein einfaches: "Hallo!" Wer sich mehrere Stunden dem hemmungslosen Zuhören hinzugeben gedenkt, fügt ein "wie geht's?" hinzu. Sollte, was selten genug vorkommt, jemand sich mit der Absicht tragen, ein Wochenende leichtsinnig auf's Spiel zu setzen, genügt ein einfaches: "Lange nicht gesehen."

Nahezu jede Erzählsequenz wird mich "Ich sage" [= Ich sach = Isa] eingeleitet. Die Einleitungsfloskel wird allerdings in einem derart hohen Tempo gesprochen, daß nur sehr erfahrene André-Hörer sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen in der Lage sein dürften. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde muß sich André im Lauf der Jahre angewöhnt haben, seinen Erzählungsfetzen cirka alle 36 Sekunden die Abkündigungsformel "Sage ich" [= Sach ich = Sai] hinzuzufügen. Je spannender das zu transportierende Wortgeschehen, desto kürzer wird allerdings die An-Ab-Sequenz. Schlimmstenfalls kann es vorkommen, daß der gesamte Inhalt der durch die An-Ab-Sequenz zu umschließenden Zwischentextsalve komplett entfällt -- wahrscheinlich, um André währenddessen die Zeit zu geben, über den Fortgang des Geschehens nachzudenken. Eine Wortfolge wie "Ich sage -- sage ich" [= Ich sach - sach ich = Isasai] ist demzufolge je nach Grad der André-Erregung mehr als eine Seltenheit.

André verdient sein Geld mithin als Tontechniker beim Radio, da er natürlich aufgrund vorstehender Tatsachen als Sprecher ungeeignet erscheint. Er ist mittels seiner Fähigkeiten aber in der Lage, auch bei kürzesten Atempausen des diensthabenden Sprechers genügende Mengen an Information in dessen Kopfhörer zu entleeren.

Vorgestern traf ich André auf der Straße. Wohl wissend, daß ich mich in Zeitnot befand, unterließ ich sowohl ein "Hallo" wie natürlich jede weitere direkte Ansprache. Zudem wähnte ich mich in Sicherheit, da sich André auf der anderen Straßenseite einer vielbefahrenen Hauptverkehrsader unserer Stadt befand. Um (nicht zuletzt auch vor mir selber) den Eindruck von Unhöflichkeit zu erwecken, hob ich also meine Hand und grüßte zurückhaltend. Nicht zuletzt aufgrund der Beobachtung, daß André mit einer mit unbekannten (aber hübschen) Dame zu parlieren schien, war ich vollends der irrigen Annahme, meinen Weg ungehindert fortsetzen zu können. André erspähte mich aus dem Augenwinkel, und ich bemerkte sofort, daß er die wahrscheinlich gerade laufende Exposition seiner Geschichte übergangslos in die Coda übergehen ließ, der ein hand- und fußgestütztes Finale furioso folgte. Schon stand die Dame, die unter dem Eindruck des soeben zu Ende gegangenen erzählerischen Fiaskos Anzeichen sichtlicher Benommenheit zeigte, allein und nach Luft ringend auf dem Gehsteig, während André sich in Bewegung setzte und die Straße -- mit den Händen den Verkehr teilend wie seinerseits Moses das Wasser -- überquerte. Eine Flucht war längst unmöglich geworden und wäre auch aufgrund einer Knieverletzung meinerseits schlichtweg lächerlich gewesen.

Im selben Moment, als André meine Seite der Straße erreicht hatte, fiel mir ein, daß ich ihn bei einem cirka drei Wochen zurückliegenden Treffen um einige Informationen zu neu auf dem Markt erschienenen Grenzflächenmikrophonen gebeten hatte. Dieselben wurden mir binnen Sekundenfrist zuteil, obwohl ich sicher bin, daß es sich um den kleingedruckten Inhalt von mindestens 25 Prospektseiten gehandelt haben muß.

Die Produktinformationen allerdings -- so stellte sich gleich im Anschluß heraus -- waren nur die Einleitung zu einer ganz anderen Geschichte, von der André geglaubt haben muß, daß sie mich brennend interessieren würde.

Acht Tage zuvor hatte er den Auftrag erhalten, für ein privates Studio, indem er nebenbei ehrenamtlich zu arbeiten pflegte, ein neues Mischpult auszusuchen, anzuschaffen und zu installieren. Er war bei seiner Recherche, so mutmaßte ich, als ich mich zweieinhalb Stunden später um Fassung ringend (meinen Termin hatte ich ohnehin verpaßt) in ein Eiscafé setzte und die Wortfetzenorgie Revue passieren ließ, auf ein 48 Kanäle umfassendes Traumpult gestoßen, das er sogleich geordert hatte. Das Mischpult muß höchsten Qualitätsansprüchen genügt haben: Isadamischwawahnsai [= Ich sach, dat Mischpult wa Wahnsinn, sach ich!]. Als das Mischpult dann 3 Tage später ausgeliefert und von André persönlich in Empfang genommen worden war, hatte sich dann herausgestellt, daß der Studioleiter mit einem Einbau (und der damit notwendigerweise verbundenen räumlichen Komplettumgestaltung des Regieraumes) noch warten wollte. "Isadetyidokowasai" [= Ich sach, der Typ ist doch komplett wahnsinnig, sach ich!] Natürlich hatte mir André nicht einmal die Zeit für eine vehemente Zustimmung eingeräumt. Jedoch werde ich mein Lebtag die Andrésche Schlußfolgerung nicht vergessen, daß es doch komplett und totalaberauchtotal für den Arsch sei, daß da jetzt ein Studio existiere, in dem 48 Kanäle (jeder davon noch dazu mit 6 Effektwegen ausgestattet) ungenutzt hinter dem Vorhang stünden. [= Isadaidokomutotauntotafüarschdaidiejeeinwahnmischmiseeffprokanhinvostehasai!!] Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen. Isaibinseimeisai!

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