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no. 23: bewußtseinserweiterungen -> perspektive
 

perspektive

Weltraumhafen Basel -- Symposium zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD

von Sebastian Schulz

Der Geist von Basel ist ein erweiterter. Er streckt sich raumzeitlich von der Erscheinung zweier esoterischer Tänzerinnen in engen blauen Ganzkörperanzügen, welche mittags im Baseler Konferenzforum die Treppen herunterschweben, bis zu einem ernüchternden staatlich subventionierten Flyer, den ich spät nachts im Parkhaus an meiner Windschutzscheibe entdecke: "LSD Informationen":

"Gesundheitliche Risiken; Einige tödliche Unfälle haben während dem Zustand des LSD-Rausches stattgefunden [...] LSD-Benutzer können verhältnismäßig dauerhafte Psychosen, wie zum Beispiel Schizophrenie oder schwere Depression manifestieren."

Wie bei der Herstellung ihrer Uhren sind die Schweizer eben auch im Umgang mit Psychonauten gründlich und bedacht. Was mich betrifft, haben sie allerdings die wahre Bedrohung nicht vorhergesehen. Nach einer horrenden Konferenztagesgebühr für The Spirit of Basel, einer Schweizer Autobahnplakette und einem überteuerten und sehr uninspiriert komponierten Tagungs-Sandwich habe ich mich sparsam durch den Tag gehungert und bin jetzt fast schon psychedelisch unterzuckert.

Mein erster Eindruck beim Symposium selbst ist die ganz besondere soziologische Topologie des Menschengewirrs im großen Forum. Sie ähnelt den grellen farblichen Mustern der meist mittelmäßigen Bilder, die unter dem Einfluß von LSD entstanden sind und hier die Kulisse bilden. Hier tummeln sich junge Studenten mit Dreadlocks und bunten Rucksäcken Seite an Seite mit einem breiten Spektrum von wissenschaftlichen Besuchern und Referenten, die aus unterschiedlichen Sternensystemen angereist zu sein scheinen. Ethnobotanologen, Chemiker, Pharmazeuten, Neuropsychopharmakologen, Psychologen, Psychoanalytiker und Psychiater, Soziologen, Mythenforscher und Philosophen mischen sich hier mit Buchhändlern, Verlegern, New-Age-Musikern, Astrologen, Therapeuten und den vielen Althippies, die wie die australischen Aborigines einer beinahe untergegangenen Kultur zu entstammen scheinen.

Es wirkt ein wenig wie in der legendären, von außerirdischen Lebensformen bevölkerten Bar in Mos Eisley, dem großen Weltraumhafen auf dem Planeten Tatooine in Star Wars I. Im Gegensatz zu dessen agitierter krimineller Atmosphäre herrscht hier jedoch ein überwiegend friedliches und entspanntes Beieinander von interstellaren Bewußtseinsreisenden, die sich ganz offenbar alle auf die eine oder andere Weise respektieren. Wenn auch vielleicht gelegentlich mit einem Augenzwinkern.

Man sich fragt sich dennoch, wie gut hier Kommunikation stattfinden kann. Anders als in Hollywoods Science-Fiction-Filmen, in denen verschiedene Außerirdische bestenfalls verschiedene Akzente des Englischen sprechen, hört es sich hier so an, als würden doch sehr unterschiedliche Sprachen gesprochen, vom wissenschaftlichen Jargon der Neuropharmakologen bis hin zur New-Age-Sprache psychedelischer Musiker.

Hier im Forum des Konferenzzentrums stellen viele Künstlerseinwollende ihre Werke aus. Letztere wirken allerdings, von einigen Ausnahmen abgesehen, in ihrer Gesamtheit eher wie ein Mahnmal gegen die Einnahme von LSD. In schrillen Farben wiederholen sich mittelmäßige und handwerklich oft sehr dürftig gefertigte Bilder, welche leider überwiegend recht oberflächig auf visuelle Eigenschaften psychedelischer Erfahrungen Bezug nehmen oder platte Stereotypen von Angsttrips (sprich: Totenköpfe) beinhalten. Schade eigentlich. Nehmen gute Künstler kein LSD, oder können sie unter LSD nicht gut arbeiten? Alex Grey, der Star der psychedelischen Künstler-Szene, gibt Autogramme an seine Fans, die ihn zeitweise umringen wie eine Schar von Jüngern. Auch seine Bilder sind grell und basieren auf der veränderten Farbwahrnehmung unter LSD, sind aber definitiv von höherer handwerklicher Qualität. Was die Bilder von leuchtend bunten, transparenten Menschen mit anatomisch korrekt dargestellten inneren Organen und esoterisch korrekt dargestellter Aura letztlich bedeuten, hat sich mir auch nach mehrmaliger Betrachtung nicht wirklich erschlossen. Aber das ist ja nicht unbedingt Alex Greys Problem.

Die Vorträge und Veranstaltungen, die ich an diesem Samstag besuche, sind dagegen auf oft überraschend hohem Niveau und geben einen guten Querschnitt durch die gesamte Themenbreite des Symposiums, welches in der Einleitung des begleitenden Katalogs so angekündigt war:

"Rund 60 Jahre nach dieser erfolgreichen Entdeckung (LSD) beleuchten über 80 Experten aus aller Welt dieses Phänomen aus allen Blickwinkeln, informieren, berichten und diskutieren über Geschichte, Verbreitung, Auswirkungen, Gefahren, und Möglichkeiten dieser potentesten aller psychoaktiven Substanzen."

So gibt der deutsche Psychiater Thorsten Passie einen Überblick über LSD in der Kognitionsforschung von 1950 bis heute. Bemerkenswert die Passage, in der referiert wird, wie in den 1960er Jahren Forscher bei einer klinischen Studie mit LSD herausgefunden haben wollen, daß ein bestimmter Prozentsatz sich euphorisch auf dem Trip gefühlt habe und auf der anderen Seite genau sieben Prozent (soweit ich mich erinnere) der Probanden sich dabei unwohl gefühlt hätten.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wissenschaftlich Ergebnisse klingen, wenn man sie in einer genauen Statistik mit genauen Prozentangaben darstellt. Später zeigt Passie ein Foto aus dieser Studie, auf dem einer der Probanden sich ekstatisch auf dem Boden wälzt. Die eigentlich Komik entgeht Passie scheinbar hier, ich muß allerdings beinahe laut lachen. Offensichtlich haben die Probanden sich als Teil eines wissenschaftlichen Experiments beobachtet gefühlt. Wenn sie sich nun euphorisch auf einem LSD Trip unkontrolliert auf dem Boden räkeln, sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß einige davon es als unangenehm finden, dabei von Wissenschaftlern nüchtern beobachtet bzw. dann auch noch fotografiert zu werden. Man fragt sich also, ob die selben Wissenschaftler mit einem ähnlich streng kontrollierten Experiment nicht auch herausfinden würden, daß sich (mindestens) sieben Prozent der Menschen beim Urinieren unwohl fühlen -- und dazu Beweisfotos von Probanden auf der Toilette liefern, die mit gequält überspieltem Unbehagen in die Kamera eines anwesenden Wissenschaftler sehen.

Ich wundere mich also mit vielen anderen im Publikum, wie naiv viele Wissenschaftler an dieses Thema herangegangen sind -- vor allem auch deswegen, weil sie sich in geradezu kindlich naiver-behavioristischer Manier und oft ohne eigene subjektive Erfahrungen oder zumindest Kenntnisse von Insider-Berichten über die Phänomenologie von Triperlebnissen an die Untersuchung machten -- wie Astronauten, die ohne jegliche Kenntnisse einer außerirdischen Kultur die fremde Spezies wie Versuchstiere in einem Käfig durch Beobachtung ihres Verhaltens erklären wollen. Zum Glück sind andere von Passie zitierte Studien dann doch weit substanzieller und auch jüngeren Datums, und der Vortrag ist insgesamt hervorragend recherchiert und zusammengefaßt.

Der Psychotherapeut und Bewußtseinsforscher Franz Vollenweider zeigt in seinem Vortrag über die Voraussetzungen für das wissenschaftliche Arbeiten mit Halluzinogenen ebenfalls, auf welch hohem Niveau Forschungsprojekte heute zu diesem Thema betrieben werden. Anhand einiger praktischer Beispiele diskutiert er die klinischen, wissenschaftlichen, therapeutischen und ethischen Rahmenbedingungen, die das Arbeiten mit diesen Substanzen in der Schweiz ermöglichen.

Über die soziokulturellen Auswirkungen von LSD in den 1960er Jahren referieren in einer großen Runde unter anderem Ralph Metzner (der ehemalige Assistent von Timothy Leary aus Harvard-Zeiten) und der Sozialwissenschaftler Günter Amendt. Viele erinnern mit nostalgischem Stolz an eine Zeit des kollektiven-gesellschaftlichen Umbruchs und eines damit einhergehenden radikalen Bewußtseinswandels. Sie verweisen auf die Rolle von LSD für die sexuelle Revolution und die Bürgerrechtsbewegung, für die pazifistische Bewegung gegen den Vietnamkrieg, berichten über Woodstock und die mit LSD experimentierenden Beatles und über andere Musiker und Künstler, die unter dem Einfluß von LSD zu neuen Ufern aufbrachen und die Gesellschaft prägten.

Günter Amendt dagegen wehrt sich explizit gegen den polemischen Titel seines Vortrags, den ihm die Veranstalter vorgegeben hatten (The empire strikes back: War on drugs), und merkt an, daß er nicht wie seine Vorredner genügend Beweise sehe, um der Wirkung der Droge LSD allein eine solche zentrale katalysatorische Rolle für die beschriebenen soziokulturellen Entwicklungen zusprechen zu können. In Europa habe zum Beispiel Marihuana eine sehr viel größere Rolle gespielt, und es sei nicht klar, in welchem kausalen Verhältnis die Liberalisierung der Gesellschaft und die Verbreitung der Drogen nun genau stehe. Der Großteil des Publikums im Forum nimmt Amendts durchdachten und zurückhaltenden Vortrag wie die Reden seiner Vorgänger mit Beifall zur Kenntnis. Diese bunte Menge hier mag verschieden sein wie sie will, aber Toleranz scheinen alle für eine gute Idee zu halten.

Tolerant verhalten sich irgendwie auch die diskret durch die Menge gehenden Zivilfahnder und deren Schäferhunde angesichts des starken Cannabisgeruchs, der sich gegen Abend immer stärker im großen Forum des Konferenzzentrums verbreitet. Die 'Repressionen' beschränken sich auf eine Durchsage über Lautsprecher: man möge doch bitte darauf achten, daß das "Rauchen" im Konferenzzentrum verboten sei.

Endlich finde ich im Anschluß an diese Vortragsrunde doch noch etwas im Bereich der Kunst, was mich fasziniert. Der amerikanische Sammler psychedelischer Kunst Marc McCloud zeigt eine Präsentation seiner Blotter Art. Sein klarer, kalifornischer hypnotisch-monotoner Sing-Sang fasziniert mich sofort, verbunden mit seiner sprachlichen Gewandtheit, seinem Witz und seiner profunden Kenntnis der damaligen Acid Subkultur, die in seine scharfe und professionelle kunsthistorische Betrachtung der Entstehung und Entwicklung dieser Kunstform einfließt.

Ein blotter (Laborlöschpapier) ist im Kontext der LSD-Szene ein absorbierendes Blatt Löschpapier, welches perforiert wird, um hunderte von kleinen Quadraten zu erhalten, die wiederum mit flüssigem LSD beträufelt als hit von Dealern an die Konsumenten weitergegeben werden. Die Endabnehmer sehen meistens nur diese winzigen Teile der Blotter. Als Ganzes zeigen die großen Blätter jedoch ein Bild, denn sie werden von den Dealern für ihre Unterhändler künstlerisch gestaltet -- hauptsächlich um ein eigenes Markenzeichen für ihr hochwertiges LSD zu schaffen. Diese Gestaltungen nehmen in unterschiedlichster Weise auf die psychedelische Kultur Bezug, ob mit Motiven zu Alice in Wonderland, Easy Rider, abstrakten psychedelischen Farbmustern und optischen Täuschungen oder auch mit Abbildungen von Albert Hofmann oder Timothy Leary.

Abends beim Konzert begeistert der meditative "Klangwirkstoff" des Akasha Projekts von Barnim Schulze ein Publikum im abgedunkelten großen Saal. In den hinteren Reihen legen sich die ersten Besucher quer über die Konferenzstühle. Als Zeuge einiger steifer wissenschaftlichen Konferenzen nehme ich mit Erstaunen wahr, daß sich die Atmosphäre langsam immer weiter entspannt und in etwas Ungewöhnliches abdriftet.

Das Star Sounds Orchestra nimmt die Stimmung auf und schickt die Besucher weiter auf einen sphärischen Trip, der immer tanzbarer wird. Zwei junge Frauen stehen auf und tanzen tatsächlich hinten im Mittelgang zwischen den Stühlen. Das Ganze wirkt noch etwas deplaziert. 20 Minuten später allerdings tanzt der ganze Saal -- vielleicht 500 Menschen. Für einen Moment wird die Energie spürbar, welche freigesetzt wird, wenn sich hunderte von Menschen verbunden fühlen und sich frei machen von Konventionen und Fesseln. Spürbar, wie mächtig eine temporäre Veränderung eines kollektiven Bewußtseinszustands sein kann, wie sie zu einer Aufbruchstimmung führen kann. Ich überlege, wie es wohl in den 1960er Jahren gewesen sein muß, mit tausenden in Woodstock zu feiern und sich als Teil einer weltweiten revolutionären liberalen Bewegung zu fühlen. Der Schmerz und die Nostalgie vieler Vortragender wird verständlich, denn diese Erfahrung hier ist eine eingekapselte. Die Teilnehmer des Symposiums werden wieder in eine Gesellschaft zurückgehen, in der wenig von dieser Aufbruchstimmung zu spüren ist und in denen Individuen massenhaft und dennoch überwiegend vereinzelt in ihre jeweiligen raumzeitlich begrenzten Exile fliehen, in denen sie sich nicht in die Konventionen des Alltags zwängen müssen. Diese Exile sind die zwei großen virtuell-medialen Inseln Fernsehen und Internet, aber auch die Clubszene, Reisen nach Mallorca, Schrebergärten und Schachspielen, Nudistenvereine, Extremsportarten oder eben auch bewußtseinsverändernde Drogen, die dann zum Großteil nur noch als Party- oder mentale 'Drop out'-Drogen mißbraucht werden. Wir fliehen, um wenigstens zeitweise dem funktionalen Anspruch einer immer weiter technisch-mechanisierten Gesellschaft an seine Individuen zu entgehen.

Albert Hofmann, der gefeierte 100jährige, den ich an diesem Tag leider nicht sehe, hat immer wieder vor einem solchen, degenerierten Mißbrauch von LSD gewarnt:

"Die Geschichte von LSD bis heute zeigt die katastrophalen Konsequenzen, wenn die tiefgreifende Wirkung der Droge unterschätzt wird und die Substanz als Partydroge mißbraucht wird."

Anders als Timothy Leary, der Hohepriester des LSD, der 1961 bei Hofmann eine Million LSD Trips bestellte, um der amerikanischen Gesellschaft einen bewußtseinserweiternden Trip zu verschaffen, warnte Hofmann schon früh vor einem unbedarften und naiven Gebrauch der Droge. Er sieht LSD als ein Geschenk der Natur an die Menschheit, warnt aber auch vor einem fehlenden Zeremonial zur Einnahme in der westlichen Welt, welches für einen sinnvollen Gebrauch unabdingbar sei.

Hofmanns Forderung nach einer Wiederaufnahme der Forschung mit LSD wird beim Symposium unterstrichen von anderen Wissenschaftlern wie dem tschechischen Psychiater Juraj Styk, der in den 1960er Jahren LSD in klinischen Versuchen einsetzte. Auch Rick Doblin (MAPS -- Multidisziplinary Organization Association for Psychedelic Studies) fordert eine solche Liberalisierung.

Wie also geht es weiter? Günter Amendt, Luc Saner und Mathias Bröckers verweisen in ihrem Podium "Wege zu einer zeitgenössischen Drogenpolitik" auf eine an die USA als Vorreiter angelehnte irrational-repressive Drogenpolitik, die wenig hoffen läßt, daß die Weltgemeinschaft in absehbarer Zeit zu einem sinnvollen Umgang mit dieser und anderer psychedelischer Drogen gelangt.

Bleibt also zu hoffen, daß Symposien wie dieses wenigstens ein Stück weit dazu beitragen, daß die Gesellschaften der Welt zu einem aufgeschlossenerem Umgang mit der Thematik bewußtseinserweiternder Substanzen finden -- und daß gleichzeitig auch die Individuen, die von Substanzen wie LSD Gebrauch machen, zu einem respektvollen und sinnvollen Umgang damit bewegt werden können.

 

autoreninfo 
Dr. Sebastian Schulz, Jahrgang 1969, studierte Philosophie und Linguistik an der Universität Tübingen und an der University of North Carolina at Chapel Hill. Er promovierte im Jahr 2000 mit einer Arbeit Alien Minds, in der er eine radikale Position innerhalb der gegenwärtigen analytischen Bewußtseinsphilosophie analysiert und in weiten Teilen widerlegt (erschienen 2002 beim Mentis Verlag). Seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet er als freier Fotograf; mehrere Serien seiner meist großformatig aufgezogene Fotografien wurden seit dem Jahr 2001 immer wieder an verschiedenen Orten ausgestellt, zuletzt in der Art Gallery Festl & Maas Reutlingen. Zur Zeit arbeitet er in der Stuttgarter Agentur BPPA als Konzeptioner, als strategischer Berater für die Landesstiftung Baden-Württemberg sowie als freier Autor und Fotograf.
Homepage: http://www.philographie.de
E-Mail: bastian_de@yahoo.de

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