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no. 23: bewußtseinserweiterungen -> lemberg / l'viv
 

Von Lemberg nach L'viv

Auf Stadtsuche in der Westukraine

von Patrick Wilden

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* druckbares

Lemberg / L'viv -- eine ukrainische Stadt mit vielen Namen, die dieses Jahr ihren 750. Geburtstag feiert und in der Polen, Ukrainer und Juden, Deutsche und Österreicher und viele andere Nationalitäten einmal beheimatet waren. Welche Bilder hat man im Gepäck, wenn man zum ersten Mal dorthin aufbricht? Alte und neue Illusionen und Impressionen sammeln sich in der ehemaligen Hauptstadt Ostgaliziens.

 
Der Eingang gleicht einem Tor.

Es gibt Städte, die kann man
durch kein Tor betreten.
Es gibt Städte, in die kann man nicht
hinein.

Ein großer Schlüssel wird geholt, um ihn
irgendwo hineinzustecken,
doch es gibt keine Tore, die Wache
wurde zu Staub zerrieben. Sieben Winde fegen
über Plätze, durch Säle.

Die Vorstädte sind nach allen Seiten offen,
eine anschmiegsame, grüne Wache wächst dort heran.

"Samarstyniw, Kulparkiw, Klepariw", --
halblaut zählst du sie für dich auf,
doch dir fällt der Name des Baumes nicht ein,
den sie auf ihrer Runde nicht mehr streift.
Juri Andruchowytsch, "Das Vergessen" (1991)

 

Ich sollte wohl zuerst sagen: ja, ich war dort, vier volle Tage lang. In einer Stadt, die in diesem Jahr ihren 750. Geburtstag feiert; in der Polen, Ukrainer und Juden, Deutsche und Österreicher, aber auch Armenier, Griechen, Ungarn, Bulgaren, Rumänen und viele mehr einmal beheimatet waren. In einer Stadt, die viele Namen trägt. Gegründet wurde sie vom halbmythischen Fürsten Danylo von Galizien und Wolhynien und benannt nach seinem Sohn Lew, weshalb sie als "Löwenburg", Leopolis, auch mit Singapur in Verwandtschaft tritt, was auf Sanskrit dasselbe bedeutet. Das deutsche "Lemberg" ist wohl als eine abgeschliffene Form anzusehen. Doch ihr offizieller, seit Neugründung der Ukraine im Jahr 1991 amtlicher Name lautet L'viv -- dessen ebenso offizielle Umschrift aus dem Kyrillischen der Tatsache Rechnung trägt, daß das "L" palatalisiert gesprochen werden sollte. (Gebräuchlich ist auch die Schreibung "Lwiw".) In den Fahrplänen der Deutschen Bahn führt die Stadt, in die Karl Schlögel 1988 reiste und die ersten zarten Pflänzchen der Perestroika im öffentlichen Leben beschrieb, noch ihre alte sowjetische Existenz als russisches "Lvov" (oder "Lwow") weiter. Und wer gar in Baedeker's Österreich-Ungarn von 1898 nachschlägt, wird unter ihrem polnischen Namen "Lwów" fündig werden, was der Bevölkerungsgruppe geschuldet ist, die das kulturelle und politische Leben der Hauptstadt Ostgaliziens seit dem Mittelalter bis zu den Jahren 1939/1945 wesentlich, aber beileibe nicht ausschließlich prägte.

Es ist also gar nicht mal so einfach zu bestimmen, in welche Stadt die Reise geht. "Es gibt Städte, in die kann man nicht / hinein", schreibt der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch in seinem Gedicht "Das Vergessen" von 1991 -- und vielleicht beginnen die Schwierigkeiten bereits mit dem Namen. Lemberg war der Name, unter dem ich schon so manches über die Stadt gehört hatte, und so sagte ich den Leuten, die mich nach dem Ziel meiner Reise fragten, daß ich "nach Lemberg" fahren wolle. Erstaunlicherweise stellte sich heraus, daß die meisten mit diesem Namen etwas verbanden. Es fragte sich nur, was das war.

 

Sich aufzumachen, um nach Lemberg zu fahren, bedeutet von vornherein, daß man sich Illusionen macht. Das ist nichts Ungewöhnliches für unbekannte Orte, und doch gibt es gerade über Lemberg eine Reihe von Texten, vor allem neuere, aber auch ein paar ältere, die sich mit dem Vorher-Nachher-Effekt beschäftigen. Dabei sollte man die "Kulturbilder aus Galizien, Südrußland, der Bukowina und Rumänien", die der Schriftsteller Karl Emil Franzos 1876 unter dem Titel Aus Halb-Asien publizierte, wohl nicht wörtlich nehmen. Franzos verbuchte in seiner Zug-Reisebeschreibung "Von Wien nach Czernowitz" Lemberg mit seiner "verwahrlosten" Bahnhofsrestauration, den schlurfenden Kellnern und den ewigen schmutzigen Tischtüchern tatsächlich unter "Halb-Asien":

"Es ist immer ein lebhafter Verkehr in dieser Station, und wenn hier zu Mittag gespeist wird, so ist das Gewühl vollends groß. Da drängen Menschen durcheinander wie bei einer Rekrutierung oder einem Jahrmarkt oder vielleicht am richtigsten: wie bei einem Fastnachtsballe."

Da der Autor aus der Gegend des alten österreichischen Czernowitz (heute Tscherniwzi) stammte, das bis zum Zweiten Weltkrieg sprichwörtlich für seinen Bildungshunger war, verwundern seine lästerlichen, aber höchst amüsanten Reiseskizzen und -fratzen wenig.

Etwas abgeschwächt hat es Karl Schlögel 1988 in Promenade in Jalta beschrieben.

"Wir sind angekommen in der Stadt, wenn wir den Lwower Bahnhof betreten haben. Das ist die Verabschiedung vom flachen Land und der Eingang in eine andere Welt. Hier strömt die Umgebung zusammen, das Menschengedränge ist doppelt groß, weil fast ein jeder Rucksäcke, Taschen und Tüten mit sich schleppt."

Als ich Ende Mai diesen Jahres mit meinen beiden Reisebegleitern zu später Stunde im gediegenen, fast prunkvollen Bahnhof von Lemberg ankam, schien sich nicht sehr viel verändert zu haben. Menschen in Lederjacken oder Mänteln mit dicken Koffern, die Männer mit Hut oder Mütze, viele Frauen mit Kopftuch saßen in der Halle herum, als wir zu den Taxiständen vorstießen. Für das Äußere des von Wladimir Sadlowski zu Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Bahnhofsgebäudes, eines der modernsten in Österreich-Ungarn, mit seinen Fassadenskulpturen des stadtbekannten Bildhauers und Architekten Anton Popiel, hatte ich aufgrund des Regens, der beschlagenen Scheiben und der holprigen Piste, auf der wir uns in dem alten Taxi alsbald rasch entfernten, leider keinen Blick mehr.

War dieser Bahnhof das "Tor", von dem Andruchowytsch schreibt? Der Eingang, der nicht mehr existiert, weil die Stadt eine ganz andere geworden ist? Für den kein Schlüssel mehr paßt, weswegen man ihn einfach "irgendwo" hineinsteckt?

Wer sich in unbekannten Städten auf die Suche nach dem Gewesenen begibt, muß sich zunächst mit dem Gegenwärtigen arrangieren. Mag die von 1772 bis 1918 dauernde österreichische Periode, besonders unter dem weisen Völkervater Franz Joseph, wie sie der Ostgalizier Joseph Roth in seinen Romanen verewigt hat, mit dem Namen Lemberg belegt sein -- angekommen bin ich in L'viv: einer Stadt mit heute 830.000 Einwohnern, Industrieansiedlungen, Flughafen und Universität, im regionalen Zentrum der nordöstlichen Karpatenregion, 80 Kilometer entfernt von der polnischen Grenze, das auf der europäischen Wasserscheide zwischen Schwarzem Meer und Ostsee liegt. "Es handelt sich um eine Stadt der Gegenwart", schreibt Karl Schlögel in Promenade in Jalta,

"die von Fremden aber meist nur aufgesucht wird, weil sie eine große Vergangenheit hat. Lwow [also L'viv] ist Lemberg. Aber sofort muß man hinzufügen, daß das eine Illusion ist. Wer nach Lwow fährt, fährt in eine [post-] sowjetische Großstadt und nicht in eine habsburgische Fata Morgana."
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Abb. 1

Nach der langen Zugreise, den Schmugglern von Przemysl, die aus jeder Ritze des Zuges eine Stange Zigaretten zogen, nach den bissigen Grenzerinnen von Medyka, die zwar eine Krankenversicherung, aber immerhin kein Visum mehr verlangten, und einer ersten Nacht im Privatquartier an der Lytschakiwske-Straße war ich mit Ankommen beschäftigt. Plötzlich war Teetrinken mit der Vermieterin angesagt, Geldtauschen -- Euros in heimische Hrywnja --, Einkaufen in Tante-Emma-Läden am Rande der Altstadt, das Radebrechen mit dicken blonden Verkäuferinnen in schweren Kitteln, die große slawische Sprachverwirrung, in der ich mich plötzlich befand, und der erste Stadtrundgang. Am Mickiewicz-Platz, der auch heute, 60 Jahre nach der Aussiedlung der letzten Polen aus der Stadt, noch nach dem Nationalschriftsteller benannt ist, kaufte ich im Budynok Knyhy, dem "Haus des Buches", einem Relikt aus vergangenen Zeiten, einen Stadtplan. Wir schoben uns durch den Regen, vorbei am früheren Intourist-Hotel, das heute wieder seinen berühmten Namen George tragen darf, über den Stadtboulevard, den Prospekt Swobody. Seine zahlreichen Namen spiegeln das für die Stadt äußerst bewegende 20. Jahrhundert wider: Lenin-Prospekt zu Sowjetzeiten, Adolf-Hitler-Platz während der Besatzung in den Jahren 1941 bis 1944, und ganz früher einmal hieß der linke Rand Karl-Ludwig-Straße und der rechte Hetman-Wälle, was wohl dem Umstand geschuldet ist, daß hier einmal der Fluß Poltwa zu sehen war, der Ende des 19. Jahrhunderts unter den Asphalt des Boulevards in ein Betonbett versenkt wurde.

Plötzlich tritt die Jahrhundertwende und mit ihr die Architektur des Wiener Büros Helmer & Fellner, das die ganze Donaumonarchie mit seinen Bauten überzog, aus dem Grau des Regentages heraus: das Geburtshaus von Leopold von Sacher-Masoch neben dem Grand Hôtel etwa, ein paar Häuser weiter die einstige Galizische Volksbank, heute ethnologisches Museum, von dessen Dach eine Webcam die Augen der Welt auf das Schewtschenko-Monument auf dem Boulevard zieht, hinter dem wiederum vor ein paar Jahren ein Wiener Kaffeehaus eröffnete. In der Flucht steht das von Zygmunt Gorgolewski 1897--1900 erbaute Opernhaus, das wie ein mit Säulen, Skulpturen und Pilastern beladenes Schiff mitten in der Szenerie steht und in dem einmal die Großen der Theater- und Opernwelt gastierten. Den Höhepunkt des Repertoires der gegenwärtigen Kruschelnyzka-Oper, neben gestandenen, etwas angestaubten "Aidas" und "Schwanenseen", stellt wohl noch immer die Moses-Oper dar, die zu Ehren des Besuchs von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 uraufgeführt wurde.

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Abb. 2

Von der repräsentativen Kraft der einstigen Prachtstraße aus scheinen die Gassen der Altstadt, die gleich nebenan beginnen, weit entfernt zu sein. Erst am Ende des ersten Tages standen wir daher auf dem Rynok, dem Ring- oder Marktplatz, zwischen Bergen von Pflastersteinen und herumliegenden Straßenbahnschienen. Inmitten des Baustellenchaos, in dem der seit 1998 zum Weltkulturerbe zählende Platz derzeit versinkt, steht das klassizistische Rathaus wie ein Fels in der Brandung, mit gelber, bröckelnder Fassade und alten, verwitterten Fenstern. Viele der traditionsreichen Häuser sind eingerüstet, manche strahlen frisch verputzt -- die neue Zeit gebiert offenbar nicht nur neue Bankgebäude in merkwürdigem, historistischem Protzstil. Die Diana-Statue wirkte etwas verloren inmitten des Baugeräts, als ich an jenem Abend an ihr vorbeikam, ihre drei Geschwister an den anderen Ecken des Marktes haben diese Phase bereits hinter sich. In der Nähe erhoben sich die Türme und Kuppeln der drei verbliebenen Bekenntnisse, die griechisch-katholische Verklärungs- und die Dominikanerkirche, die lateinische Kathedrale, in der ausschließlich polnisch gepredigt wird, und die kleine, versteckt liegende armenische Kathedrale mit ihrer winzigen Gemeinde. Die berühmten Synagogen, von denen es viele hier gab, fehlen -- ihr Platz ist seit 65 Jahren leer.

 

Beeindruckt hat mich in Lemberg auf Anhieb der Verkehr. Die beiden Taxifahrten vom und zum Bahnhof waren schon ein Erlebnis, aber meine erste Fahrt mit der Straßenbahn, die am zweiten Tag unseres Aufenthalts stattfand, beschleunigte meine Ankunft in L'viv ungemein. Die merkwürdigen, immer kurz vor dem Exitus zu stehen scheinenden Gefährte, die regelmäßig unser Haus zum Erzittern brachten, hatte ich von Anfang an bestaunt. Es sind ganz einfach uralte, nie erneuerte Bahnen, die über ein fast völlig zerschundenes Gleisbett in fast völlig heruntergekommenen Kopfsteinpflasterpisten rattern, schaukeln, hinken, hüpfen. Die Fahrt geht langsam, man muß sich gut festhalten, und sobald man eingestiegen ist, kommt eine alte Frau mit Kopftuch, es ist die Schaffnerin, und sie verlangt 50 Kopeken -- keine 10 Cent. So kam ich an diesem zweiten Morgen, als wir am späten Vormittag zum Lytschakiwske-Friedhof fuhren, auf die Straßenbahn -- und ich kam auf dem Rückweg schier nicht mehr heraus. Dank eines Mißverständnisses fanden wir uns plötzlich auf dem Weg zur Schewtschenko-Straße, nicht zum gleichnamigen Prospekt, wo wir uns in einem empfohlenen Restaurant ein Mittagessen gönnen wollten. Wir verließen die Bahn, als wir schon um die ganze Innenstadt herum gefahren und auf dem Weg zum Hauptbahnhof waren. Eine dieser brüllenden Straßen: dreckige Autos aller Marken, die über das wellige Pflaster knattern, die Straße rauf und runter Obst-, Zeitungs-, Trödel- und andere Verkaufsstände, Läden, die sich auf der Straße ausgebreitet haben, in allen Farben dieser Welt. Dazu der inzwischen drängende Hunger und die Ahnung, letztlich, vor allem wenn man sich verfahren hat, auf sich allein, das heißt, auf seine Füße gestellt zu sein. Nur verschwommen nahm ich wahr, als wir die Horodozka-Straße entlang zurück zur Innenstadt liefen, daß wir im früheren Judenviertel unterwegs waren -- allein ein paar bei der Restaurierung diverser Häuser ausgesparte hebräische Zeichen und die neobyzantinische Kuppel des alten jüdischen Spitals deuteten darauf hin. Dafür brüllte es mir an jeder Ecke, auf Schritt und Tritt entgegen: Stadt Stadt Stadt! Unterschätz' mich nicht, wollte sie mir mit all den Eckenstehern, wühlenden Einkäufern, diskutierenden und schachspielenden Opas auf dem Prospekt Swobody, mit den allgegenwärtigen Marschrutka-Kleinbussen und dem Abgasgestank sagen. Denk bloß nicht, daß du hier sicher bist! Das war vielleicht der wirkliche Schock, den Lemberg für mich parat hielt: dieses althergebrachte, auch irgendwie altmodische, aber aggressiv lebendige real life, in dem du jeden Moment merkst, daß du auch ganz plötzlich weg sein kannst, aufgesogen oder aufgespießt vom geordneten Chaos, das dich umgibt.

Es ist amüsant und aufschlußreich, Juri Andruchowytsch in seinem Buch Das letzte Territorium auf den Spuren seiner "Lwiwer Jugend" zu folgen. Der Romanautor und einstige Kopf der Poetentruppe Bu-Ba-Bu, der aus dem südlich von Lemberg gelegenen Iwano-Frankiwsk stammt, verbrachte seine Studienzeit in der Stadt, die ihm verglichen mit dem, was er erwartete, zunächst einmal eine herbe Enttäuschung bereitete. "Die imaginäre Stadt Lwiw lag auf malerischen grünen Hügeln", schreibt Andruchowytsch über seine Annäherungen an Lemberg. "Aus den offenen Fenstern schallte non stop Cembalomusik oder zumindest Emerson, Lake & Palmer, und Mädchen mit langen Haaren und Kränzen auf den Köpfen erwarteten mich im Gras bei den Brunnen." Für ihn war Lemberg "die Stadt eines unendlichen Geheimnisses, und nach diesem Geheimnis rochen Frauen, Pflanzen, Regenschauer".

Wie anders dagegen war die Stadt, in die er kam.

"Das reale Lwiw bestand zu fast neunzig Prozent aus grauenhaften Vorstädten und Neubauten. Eine Zusammenballung von Industriegebieten, ein Chaos von Fabrikanlagen und Bahngeleisen, eintönige Wohnblocks aus den siebziger und achtziger Jahren, Eisenbeton, Plattenbauten, Gestank und Zähneknirschen."
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Abb. 3

Man kann diese Agglomeration von oben betrachten, vom Hausberg und zugleich Stadtpark, dem Wysoky Samok, der gleich neben dem Zentrum aufragt. Der Ballungsraum von L'viv zieht sich bis zum Horizont, und auch wenn wir nicht mit einem der unzähligen Routentaxis, die anstelle beziehungsweise zur Ergänzung der regulären O-Busse zirkulieren, bis da hinaus gekommen sind, konnten wir doch ahnen, daß die Verhältnisse seit Andruchowytschs "Lwiwer Jugend" eher komplizierter geworden sind. Die Wasserversorgung funktioniert nach wie vor nur ein paar Stunden am Tag, und glücklich ist, wer in der Nähe einer Behörde oder eines Krankenhauses lebt -- dort fließt das Wasser immer, nicht nur jeden Morgen in die Badewanne.

Doch sind vom Wysoky Samok, dem "Hohen Schloß", das der gebürtige Lemberger Stanislaw Lem zum Motto für seine Jugendautobiographie nahm, auch die "grünen Hügel" rings um die Stadt zu sehen, von denen nicht alle mit Häusern und Fabriken bebaut sind. Vielleicht wächst sie ja hier, Andruchowytschs "anschmiegsame, grüne Wache", rund um die Vororte, die "nach allen Seiten offen" sind? Und man erinnert sich womöglich, im Reiseführer gelesen zu haben, daß einige der so traurig industrialisierten Vororte von deutschen Schützenbrüdern des 15. Jahrhunderts als die Vorwerke Sommersteinhof, Goldberghof und Klöpperhof gegründet wurden -- Reminiszenz an eine Stadt, die immer ein Kreuzungspunkt von Handelsrouten war. Den ukrainischen Namen Samarstyniw, Kulparkiw und Klepariw begegnet man nach wie vor, nicht nur in Andruchowytschs Gedicht.

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Abb. 4

In Lytschakiw, dem einstigen Lützenhof, der vierten dieser alten Vorstädte, liegt heute auf einem Hügel ein großer, parkartiger Friedhof, den man ebenfalls vom Schloßberg aus erspähen kann. Hier ruhen der 1809 im sächsischen Pirna geborene Superintendent für Galizien und die Bukowina, Adolf Theodor Haase, der armenische Bischof Isakowicz, die polnischen Familien Hofman und Ruebenbauer und die ukrainischen Familien Korol und Kosakewytsch einträchtig nebeneinander. Am Rande des Hügels ringen heute zwei besondere Gräberfelder um Aufmerksamkeit: der polnische Kriegsfriedhof Orlat, zu deutsch "Kleine Adler", und das ukrainische Ehrenmal gleich nebenan. Beide beziehen sich auf dasselbe Ereignis, den Kampf der polnischen Pfadfinder und Gymnasiasten und der ukrainischen Sitsch-Schützen um Lemberg im November 1918. Den über 2000 jungen Polen, die damals starben, wurde in der Folge, da Lemberg zum wiederentstandenen Polen kam, ein aufwendiges Grabmal mit Gräberfeld, Grüften, einer Kapelle und sogar einem Triumphbogen errichtet. Nach der Eingliederung Ostgaliziens in die Sowjetunion 1939/1945 verfiel das Areal, sowjetische Panzer zerstörten in den 70er Jahren die Reste, eine Asphaltstraße, Werkstätten und eine Müllhalde wurde über den Gräbern errichtet. Erst in der Gorbatschow-Ära begannen zaghafte Restaurierungsmaßnahmen, die inzwischen abgeschlossen sind. Der Orlat-Friedhof ist heute Publikumsmagnet für die zahlreichen polnischen Touristengruppen in der Stadt und zugleich Stein des Anstoßes für eine noch wenig aufgearbeitete Geschichte der polnisch-ukrainischen Beziehungen in der Stadt. Das Gräberfeld für die 1100 ukrainischen Kämpfer befindet sich übrigens auf dem Janiwske-Friedhof im Westen der Stadt.

 

Und am Ende, wenn viele Erfahrungen gemacht sind, wenn man ein wenig am Lack der großen schweren Limousinen der "neuen Ukrainer" gekratzt hat, wenn man sich zum Beispiel auf der Suche nach einem jüdischen Kulturzentrum, vor dessen Haustür eben ein Hund seinen Haufen gesetzt hat, in Nebenstraßen verloren hat, man auch in Hinterhöfe und Häuser eingekehrt ist und sogar eine Sprache gefunden hat, in der man mit einem echten Lemberger reden kann, dann stellt sich vielleicht heraus, daß es mit dem "Vergessen" gar nicht soweit her ist. Da erweist sich das alte Lemberg der vielen Illusionen, die Menschen sich auch heute noch von ihm machen, als würdig. Da entdeckt man, daß L'viv ein respektables, der polnischen Moderne gewidmetes Museum hat, daß es unweit der traurigen Büchervitrinen des Sprecher-Hauses auch eine schöne, moderne Buchhandlung gibt und daß im "Veronika" oder in der "Kupol", in der "Widenska Kawjarnja" oder der "Swit Kawy" schon näselnde Österreicher, kecke Däninnen und feiste Amerikaner mit Kamera um den Leib sitzen und in allen Esperantos dieser Welt radebrechen.

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Abb. 5

Doch dann sind da auch die feuchten, bröckelnden Fassaden in den Gassen der Altstadt, an die in längst vergangenen Zeiten vielleicht einer "Kutschma -- Bandyt!" gesprüht hat. Wir stoßen auf leere Grundstücke, an denen einst die berühmten Synagogen standen, allen voran "Di Goldene Royz" des Rabbi Isaak Nachman, die 1582 von Paul dem Römer erbaut wurde. Die Außenmauer ist alles, was von der Zerstörungswut deutscher Sonderkommandos im Jahr 1941 geblieben ist. Eine Tafel informiert auf Ukrainisch und Englisch über den Ort, darunter hat jemand in roter Farbe einen Galgen und das Wort smert, "Tod", geschmiert. Einen Steinwurf entfernt, vor dem Uniformenladen im alten Arsenal, lassen sich derweil zwei Angehörige einer österreichischen Burschenschaft in SS-Uniform mit MP im Anschlag fotografieren. Vor der Dominikanerkirche kann man beobachten, wie die Paare inmitten ihrer gemieteten Luxuskarossen für die Trauzeremonie Schlange stehen, über den Platz fegen kleine Jungs und werfen Knallkörper, und an den Kirchentüren stehen runzelige alte Frauen und betteln. Vom Rathausturm, dessen Eingang im Keller liegt, ist das regelmäßige Geflecht der Gassen gut zu erkennen, die von Alters her, nach den in der Stadt siedelnden Nationen, Russische oder Serbische und nach den Religionsgruppen Armenische oder Altjüdische Straße heißen. Die Hochzeitspaare, die eben aus dem Standesamt treten, werden klein und bilden einen schönen Farbkontrast zu den in blauroter Uniform den Adonis-Brunnen umpflasternden Bauarbeitern.

Wir stehen auf dem Turm, es ist der letzte Tag, und noch einmal fällt der Blick auf Kuppeln und Türme, auf das alte Jesuitenkloster etwa, das, seit Jahrzehnten geschlossen, gerade ein neues Dach bekommt, das Bernhardinerkloster mit dem Stadtarchiv oder auch den pittoresken Kornjakt-Turm, hinter dem der Hausberg anfängt. Im Südwesten erstrecken sich die Universität und der Iwan-Franko-Park, über dem die neobyzantinische Georgskathedrale der Griechisch-Katholischen thront. Unweit von dort, beim alten jüdischen Krankenhaus, erahnt man vielleicht den Markt, der auf dem Gelände eines ehemaligen jüdischen Friedhofs seinen Platz gefunden hat. Die Brauerei des Lwiwske Pyvo dampft dicht daneben, und man kann sich vorstellen, wie der häßliche, sowjetisch strenge Riegel des Hotel Lwiw im Vordergrund, dicht bei der Oper, des Nachts seine schnörkelige Leuchtreklame schimmern läßt.

Zwar haben wir, wie uns nun auffällt, diesem Bezirk der Stadt kaum Beachtung geschenkt -- aber wir werden ja ohnehin wiederkommen müssen, schon um das "parallele, geheime Lwiw", von dem Andruchowytsch spricht, zu entdecken und den Namen des Baumes herauszufinden, unter dem er einst seine Liebste küßte.

 

Zu Lemberg / L'viv hat der Berliner Trescher-Verlag im Jahr 2005 endlich einen aktuellen Führer herausgebracht: Lemberg entdecken, von Ania Klijanienko. Zum Einlesen in die heutige Ukraine ist nach wie vor Juri Andruchowytschs Essayband Das letzte Territorium (Frankfurt 2003, es 2446) zu empfehlen; das Gedicht "Das Vergessen" wurde dem Bändchen Spurensuche im Juli (Reichelsheim 1995) entnommen, übersetzt hat es Anna-Halja Horbatsch. Karl Schlögels Reisen in das Vor- und Nach-Wende-Osteuropa sind 2001 beim Hanser Verlag, München, unter dem Titel Promenade in Jalta und andere Städtebilder erschienen und immer wieder lesenswert. Für Hartgesottene zu empfehlen sind auch die "Kulturbilder" Aus Halb-Asien von Karl Emil Franzos, die seit 1876 in vielen Auflagen erschienen, seit 1945 jedoch aufgrund der Geschehnisse, der Weltlage und -- womöglich -- der satirischen Schärfe der Texte nur noch in Fragmenten veröffentlicht wurden.

 

autoreninfo 
Patrick Wilden, geboren 1973, aufgewachsen in der Gegend zwischen Kassel und Göttingen. Geschichtsstudium in Tübingen und Rouen, Verlagsvolontariat in Stuttgart. Lebt und arbeitet als Antiquar in Dresden. Schreibt neben gelegentlichen journalistischen Arbeiten Lyrik und Kurzprosa. Mitarbeit bei den Internet-Zeitschriften parapluie und kultura-extra.de. Im Jahr 2000 Würth-Literatur-Preis mit der Kurzgeschichte "Klassenfeind". Gründungsmitglied des Literaturforums Dresden.

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