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no. 23: bewußtseinserweiterungen -> abstrich
 

abstrich

Neubahnstein oder: Zukunft fährt Draisine

von Franz Neige

Tach zusammen

Die Krankheitsbilder sind diffus und reichen vom plötzlich auftretenden Tennisarm (das wird nicht viel helfen!) bis zum präventiven Spreizfuß. Alle wollen gucken. Wenige wollen treten. Dabei geht es geradewegs hinein in die touristische Zukunft. 26 Millionen (potentielle) Kunden in einem Umkreis von 60 Autominuten. (Wieviel Lichtjahre waren das doch gleich?)

 

Der Reihe nach ...

Das Wetter wie aus dem Prospekt: Sonne findet statt. Die Testfahrer sind Televisionäre, Funker, Schreiberlinge, Verfasser von Machbarkeitsstudien, Streckenbetreiber, Bahnentwicklungsgesellschafter, Draisinenbauer, Touri-Spezialisten aus dem Umland, Euregionalisten und Chefsesselbesitzer aus den Rathäusern an der Strecke.

Die Kleidung ist so gemischt wie die Ämter. Die einen lässig in Dreiviertel-Jeans, Polo und Sandalen. Andere in Schlips und Kragen. Die Stimmung: Supergut. So könnte ein Urlaub beginnen.

Die Begrüßung: "Tach zusammen", hüscht es vorbei.

 

Zukunft auf Schienen

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja: Die Zukunft auf Schienen -- die Draisinenstrecke erwartet eine erste Inaugenscheinnahme (Draisinenstreckenverkostung). Ab jetzt heißt die Devise: Es gibt kein Zurück. Das Hin findet jedenfalls im Reisebus statt. Ein vorfinaler Entspannungsakt. Beim Aussteigen am Ziel, das ja eigentlich der Start ist ("Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne") hat sich die Wettersituation nochmals drastisch verbessert. Es geht auf die 20 Grad. Merke: Kontinuierlicher Sonneneinsatz erzeugt Temperaturanstiege.

"Das wird warm heute", sagt einer. Anzugträger werden zum Hamlet: "Soll ich oder soll ich nicht?" Sie sollen! Jacketts finden zurück in den Bus, während Besitzer auf der Strecke bleiben. Liebes Testpersonal: Jetzt gilt's.

 

Motivsuche

Erstes Einschießen bei den Fotografen. Motive werden gesucht, und jetzt endlich outen sich erste Mitfahrer, denen ein Wehwehchen das Treten der Pedale zumindest erschweren würde. "Tennisarm gilt nicht -- das sind ja keine Kopfstanddraisinen." "Fahr du, ich hab so ein Ziehen im Kreuz." "Wenn's denn sein soll." Die Fahrzeuge nehmen zunächst Tester und gleich danach Fahrt auf. "Bitte im Konvoy!"

Schön, die Draisinen. 26 Millionen potentielle Kunden warten im Hinterland auf die offizielle Freigabe der Strecke. Zwei Chauffeure auf Geleesätteln transportieren bei der Kleindraisine zwei Mitfahrer. Vier Freunde sollt ihr sein. Die Mitnahme von Trittbrettfahrern ist möglich.

 

Die wollen nur spielen

Natur ist schön: Erst recht dann, wenn sie dir als Ast durchs Gesicht streift oder als Brennnessel die halbnackten Waden umspielt. Natürlich: Später wird das alles nicht mehr sein. Dann wird es herrlich, und jeder übt schon mal das touristische Credo. ("Gibt's hier eigentlich Zecken?" "Keine Angst, die wollen nur spielen!" "Gut, daß wir nicht in Bayern sind.")

 

Das Argument

Dann die erste Straßenquerung. Jetzt heißt es: Umtragen. (Fast wie beim Paddeln.)

"Bitte absitzen." Draisinentragen ist ein gutes Motiv für Fotografen. ("Bitte langsam tragen!") Und erst recht fürs Fernsehen. Das Fernsehen ist da, weil hier doch schon jetzt die Zukunft stattfindet. Diese Strecke ist quasi kartellamtsverdächtig. Keine Konkurrenz weit und breit, hoch und tief. 26 Millionen potentieller Kunden in einem Umkreis von 120 Kilometern sind aber so was von einem Argument ...

 

Entgleisung erfahren

Natur kann -- jetzt wissen wir es -- nicht nur erlebt werden: Wir können sie auch erfahren. Quasi beim Entgleisen. "Schön hier." "Wie bitte?" "Schöhön hier!!" "He????" (Ein bißchen viel laut ist's auf der Draisine.) Der Konstrukteur wird befragt. "Das liegt an der Strecke. Die Gleise nicht sauber und überwachsen von Brombeeren." (Das ist die Klanghölle und macht Krach.) Neulich ist ein Testkollege auf einer Strecke gefahren: Die Gleise glatt wie ein Kinderpopo. Kaum ein Geräusch. Das ging vielleicht ab. Und hier: Viel Geräusch, weil viel Gestrüpp. (Aber: Geräusch braucht's schon beim Personal "Train-ing". Das ist ja sonst wie ein Motorrad ohne Knattern.) Aber bitte sehr: Das hier ist doch ein Test. Eine Besichtigung der Zukunft vom Geleesattel aus. Wer die Fantasie dabei hat weiß: Das wird schön werden. 26 Millionen potentielle Kunden auf einer Strecke von 15,7 Kilometern. Gut, daß wir da waren, bevor es sich anstaut. Später dann wird alles eine Frage der Organisation: Eine Million im ersten Monat und so weiter.

Richtungsfragen: Da muß noch geklärt werden, wie der Hase, pardon: die Draisine läuft -- ein Gleis und zwei Möglichkeiten: Hin und zurück. Vielleicht montags von NL nach BRD und dienstags umgekehrt. Mal drüber nachdenken ...

 

Pferd und Butterblume

"Haltstopp!" Ein Problem: Pferde auf der Koppel. Der Landwirt bittet um Verständnis. Damit die Tiere nicht traumatisiert werden, braucht er Zeit zum Abtransport. Es sei ihm gewähret die Bitte. Jetzt ist er im Bunde der Dritte: Testfahrerkomitee, 26 Millionen potentielle Kunden und der Pferdezüchter. Komm, o Zukunft!

Die Kühe an der Strecke sehen ihre neuen Nachbarn jenseits des Zaunes mit viehischer Grandezza, und stellen die Ohren auf. Dann ergreifen sie die Flucht. (Morgen mal recherchieren, ob irgendwo die Milch sauer geworden ist.)

Die Pferde sind künftigem Hospitalismus gerade noch mal entkommen und finden ihr Glück auf einer Nachbarweide: Zwischen Löwenzahn und Butterblumen setzen sie das ungezügelte Landleben fort. "Die haben doch noch nie eine Draisine gesehen", erklärt der Landwirt. Horrido!

"Jetzt aber weiter." Gelobt seien Europa und der kleine Grenzverkehr auf der Draisine. Kein Schlagbaum weit und breit: Nur Brombeerranken auf den Gleisen und der eine oder andere Ast im Gesicht. Und dennoch: Der Blick wird frei für Naturerfahrungen. Es ist ja wirklich grenzenlos schön hier.

Und wenn erst die Zukunft eintrifft: 26 Millionen potentielle Draisinenjunkies in 60 Autominuten. Autominuten? Vielleicht werden sie uns ja eine Trasse legen und das Dorf niederwalzen: Irgendwo müssen die Limousinen, Sportwagen, Reisebusse, Cabrios und Utility Vans ja festen Boden unter die Räder bekommen. Die Zukunft: "In Richtung Kleve stauen sich die Autos auf einer Länge von 70 Kilometern. Karten fürs Draisin(n)ieren sind in zwo Jahren wieder zu haben." (WM-Final-Tickets waren doch eine German Kleinigkeit!)

 

Finale

Jetzt läuft der Konvoy in den Bahnhafen ein. "Haltstopp!" Die Weichen sind falsch gestellt? Umtragen. (Das kennen wir ja schon.) Wir arbeiten für die niederrheinischen Zukunft. Macht mal tüchtig Stimmung!

Jetzt und hier werden endlich Dimensionen sichtbar. Jetzt werden Anträge gestellt und Bescheide abgewartet. Jetzt braucht Zukunft Zeit. Jetzt malt ein Bahnbetreiber das Draisinen-Happy-End in Euro an den Pfannkuchenhimmel. "Es sind ja nicht nur die Draisinen. Es ist ja auch das Drum und Dran." (Stimmt: Wir hatten doch mal die Römer hier. Umsteigen also in den Streitwagen. Oder aufs Rad. Oder den Dampfer. Hier fließt doch auch irgendwo der Rhein.) Der Unternehmer bietet daheim 'Draisine-Plus'. Da können die Kunden auch das Essen bestellten. Einem Party-Service-Betreiber hat er im letzten Jahr 25 000 Euro überwiesen. (Was, wenn der Mann Familie hat?) Aber die Fünfundzwanzigtausend sind ja quasi nur das "Grundgehalt". So einfach geht das Glück.

Und jetzt: Anträge werden gestellt, und dann kommt die Wartezeit, und dann kommen die Kunden.

Die Anzugträger finden zurück in ihre Jacken. Kurzes Power-Pointing. Bißchen Reden. "Ich will mich kurz fassen." (Das klingt, als könnte es länger dauern.) Es wird eine blühende Zukunft mit ganz vielen Kunden. Wie viele waren das noch? Richtig: 26 Millionen. Potentiell. Das Neubahnstein vom Niederrhein, und jeder Tagestourist läßt im Durchschnitt 28 Euro in der Regio. (Ja hat denn niemand einen Taschenrechner dabei?)

Das Beste: Wir sind ohne Konkurrenz. Und die Studie sagt: Wenn es uns nicht gäbe, müßten wir erfunden werden. Horrido!!

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