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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> souvenirs
 

Souvenirs -- kleine Dinge von Welt

Kulturwissenschaftliche Überlegungen zu einer autobiographischen Erinnerungsform

von Christiane Holm

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* literatur
* druckbares

Das Souvenir behauptet seit dem 18. Jahrhundert als beliebte wie auch vermeintlich banale Erinnerungsform seinen festen Sitz im Alltagsleben. Dieser Befund erklärt sich nicht allein aus der Vielzahl seiner Erscheinungsweisen. Der Blick auf die Narrative, die mit solchen Miniaturisierungen von Lebenserinnerungen verknüpft sind, zeigt, daß das Souvenir aus einer ausdifferenzierten autobiographischen Kulturpraxis hervorgeht und durch sie am Leben gehalten wird.

 
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Abb. 1

Einige autobiographische Kulturpraktiken sind so selbstverständlich, daß sie selten Gegenstand des Nachdenkens werden. So verhält es sich mit den weitverbreiteten Reisesouvenirs, die meist vorschnell als kommerzielle Belanglosigkeiten, schablonierte Projektionen auf die bereiste Kultur sowie Erinnerungskitsch abgetan werden. Daß dieses Alltagsphänomen durchaus eine komplexe semantische und funktionale Struktur aufweist, machte eine Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen zu Halle mit dem Titel Wunder der Welt augenscheinlich, die nicht zufällig in direkter Nachbarschaft der historischen Kunst- und Naturalienkammer, kurz: Wunderkammer, gezeigt wurde, in der sich zahlreiche Mitbringsel aus aller Welt befinden. Die Exponate wurden über verschiedene öffentliche Aufrufe eingeworben, die weniger auf ausgefallene, denn auf persönliche Souvenirs zielten. Und, das macht dieses Projekt so interessant, diese Exponate wurden im Kontext der mit ihnen verbundenen autobiographischen Einsichten und Narrative der Leihgeber präsentiert. Das Panorama dieser aktuellen dinglichen und textuellen Ego-Dokumente bildet im folgenden den Ausgangs- und Bezugspunkt einiger grundsätzlicher Überlegungen zu Geschichte, Struktur und Funktionsweise der dingbezogenen autobiographischen Erinnerungspraxis.

 

I. Zur historischen Begründung des Souvenirs

Kleine Dinge mit Erinnerungsfunktion finden sich möglicherweise schon in der Antike, das zumindest meinen einige Forscher, spätestens aber, und hieran gibt es keinen Zweifel, seit dem Mittelalter mit seinen unzähligen Pilger-Reisesouvenirs, in die nicht selten Partikel von Reliquien eingelassen waren. Seine größte Konjunktur erlebt das Souvenir jedoch im ausgehenden 18. Jahrhundert. Seitdem ist es als alltäglich-individuelle Erinnerungsform ein fester Bestandteil unserer Kultur geblieben. Bezeichnenderweise aber wurde diese Karriere des Souvenirs im 18. Jahrhundert nicht von den zeitgleichen Erinnerungstheorien in Philosophie oder Psychologie bedacht, während die Literatur das ganze Spektrum der Andenkenformen notiert und seine Leistungsfähigkeit reflektiert hat. Bei genauerer Durchsicht offenbart sich die Romanliteratur des 19. Jahrhunderts selbst als ein vollgestopftes Magazin von Souvenirs. Daß die Literatur dieses Phänomen durchaus auf dem Hintergrund der zeitgleich diskutierten Erinnerungstheorien auslotet, mag im folgenden ein Beispiel aus dem Bildungs- und Reiseroman schlechthin, aus Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre, illustrieren.

Der Weltreisende Lenardo, wie Wilhelm auf den Wanderjahren, schickt seinen weiblichen Anverwandten regionale Souvenirs als "Lebenszeichen", ohne sie weiter zu kommentieren. Rückblickend erläutert er, wie diese "überschickten Waren" erst in der Sphäre der Frauenzimmer zu Erinnerungsstücken verwandelt werden sollten:

"[...] die Spitzen, die Quodlibets, die Stahlwaren haben meinen Weg, durch Brabant über Paris und London, für die Frauenzimmer bezeichnet; und so werde ich auf ihren Schreib-, Näh- und Teetischen, an ihren Negligés und Festkleidern gar manches Merkzeichen finden, woran ich meine Reiseerzählung knüpfen kann." (Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 333)

Diese Überlegungen zeigen, wie präzise die alltägliche Souvenirkultur erinnerungstheoretisch reflektiert wird. Hier wird die Mnemotechnik, die Erinnerungsübung der antiken Rhetorik, aufgerufen, nach welcher der Redner eine lange Rede memorieren soll, indem er sich redend vorstellt, er würde einen Raum durchschreiten. Zur Vorbereitung seiner Rede muß er seine Redeinhalte in Bildzeichen übersetzen und in dem imaginären Raum anordnen, um das gedankliche Abschreiten, also den Fluß der Rede zu gewährleisten. So fungieren auch die Reisesouvenirs Lenardos in den Räumlichkeiten der Frauenzimmer als, wie er sagt, "Merkzeichen", um die "Reiseerzählung" vorzubereiten und zu sichern.

Entscheidend ist nun aber, daß das antike Modell der Mnemotechnik an einer Stelle durchkreuzt wird: Bezeichnenderweise sollen die Frauenzimmer die Gegenstände nicht in einem Raum, naheliegenderweise in dem Wohnbereich des abwesenden Reisenden anordnen und verwahren, sondern sie sollen seine Souvenirs in ihren eng gesteckten weiblichen Tätigkeitsradius einbetten, in ihr Mobiliar und in ihre Kleidung, wo sie täglich mit Ihnen in Verbindung, besser: in Berührung bleiben. Diese Lösung der Dinge von einer festen Raumordnung hängt zusammen mit einem Wandel in der Vorstellung von der Funktionsweise des Gedächtnisses: In der Antike wurde das Gedächtnis wie gesagt als Raum vorgestellt, in dem alles Erlebte und Gedachte in Form von Gegenständen abgelegt, also gemerkt, wird, und folglich alles dort Abgelegte jederzeit wieder hervorgeholt, also erinnert, werden kann. Diese Vorstellung eines stabilen Speichers, in dem alles zu Erinnernde sichergestellt werden kann, wird Ende des 18. Jahrhunderts von neuen Einsichten in die Dynamik von Erinnerungsprozessen in Frage gestellt. Psychologen hatten nämlich festgestellt, daß man Dinge auch völlig falsch erinnern oder sich gar falsche Erinnerungen einbilden konnte, folglich also nicht einen fest installierten Gegenstand zur Erinnerung abrufen kann. So kam man zu der Auffassung, daß der Erinnerungsgegenstand nicht einfach objektiv gegeben ist, sondern umgekehrt erst subjektiv durch die Erinnerung hervorgebracht wird. Heute wissen wir, Erinnerung ist unzuverlässig, denn die Ereignisse werden beständig 'umerinnert', und sie ist nicht immer zielgerichtet, sondern sie kann auch zufällig ausgelöst assoziierend herumvagabundieren.

Lenkt man den Blick von den literarischen Gründungsurkunden des modernen Souvenirs hin zu dessen Kulturgeschichte, dann fällt auf, daß die Souvenirkultur in genau der Zeit aufkommt, als das Museum entsteht. Die Entstehung des Museums hängt maßgeblich mit einem erneuerten, demokratisierten Bildungsbegriff zusammen, der auf eine breite Wissensvermittlung zielt. Zu diesem Zweck soll das Wissen nun in neuen Ordnungssystemen präsentiert werden, die sich in der Abgrenzung von der älteren Wunderkammer definieren. Die Wunderkammern mit ihren Raritäten und Kuriositäten, die nicht nach Datierung, Provenienz, Gattung oder disziplinärem Erkenntnisgewinn sortiert waren, sondern eher auf eine narrative Präsentation und den Affekt des Staunens zielten, mußten aus der Perspektive der Museums-Neugründungen als unwissenschaftlich und versponnen erscheinen. Es ist jedoch voreilig, die Gleichzeitigkeit der Konjunkturen von Museen und Souvenirs dahingehend zu deuten, daß Souvenirsammlungen die private miniaturisierte Form des neuen Museums darstellen würden. Betrachtet man nämlich einerseits die Präsentationsweisen, die den Souvenirs in der Inneneinrichtung zukommen, zumeist in Schränkchen, Kästchen und Schatullen verstaut, und die damit verbundene Rezeptionshaltung, die auf das im Museum untersagte Berühren, das Staunen und das Erzählen zielt, dann stellt sich dieses Verhältnis genau anders herum dar: Die Souvenirs nehmen, unter modernen Vorzeichen, gerade wieder die vermeintlich verabschiedete Form der vormodernen Wunderkammer auf. Sie setzen dem sich etablierenden Museum also eine alternative Erinnerungsform entgegen. Insofern ist das Konzept der Souvenirausstellung Wunder der Welt in den Franckeschen Stiftungen, gegenwärtige Reisesouvenirs im Dialog mit der benachbarten, in ihrem originalen Zustand einmaligen Wunderkammer zu zeigen, eine geradezu ideale Versuchsanordnung zur historischen Kontextualisierung dieser alltäglichen Erinnerungsform.

Diesen literatur- und kulturgeschichtlichen Blick in die Gründungsphase unseres modernen Souvenirs möchte ich mit einer begriffsgeschichtlichen Betrachtung abrunden, die den besonderen Bedeutungswandel in dieser uns heute so selbstverständlichen Erinnerungsform noch einmal zu präzisieren vermag. Erst im 18. Jahrhundert nämlich wird diese Form dinglicher Erinnerung sprachlich erfaßt und damit zum Gegenstand des Nachdenkens und der Diskussion. Das Wort 'Souvenir' wurde Ende des 18. Jahrhunderts in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt und meint ein ganz konkretes Objekt, nämlich das 'Merkbüchlein': Das ist ein kleines Schreibblöckchen oder auch Elfenbeintäfelchen in einer Schatulle im Taschenformat, auf dem man sich Dinge notieren konnte, um sie nicht zu vergessen. Es meinte also sehr wohl eine konkrete Erinnerungsform, nicht aber das Souvenir im heutigen Sinne. Aber es hat insofern Modellcharakter -- und dieses Prinzip hat die Ausstellung Wunder der Welt sichtbar gemacht --, weil es das Erinnerungsstück immer mit einem Text, einer Notiz begleitet, die nicht einfach nur eine Beigabe, sondern ein konstitutiver Bestandteil des Souvenirs ist.

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Abb. 2

Unabhängig vom zunächst noch sehr konkret verwendeten Begriff des Souvenirs wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert der Begriff des Andenkens für Erinnerungsstücke eingeführt, der noch bis heute gebräuchlich ist. Das läßt sich gut an der Wortgeschichte nachvollziehen: 'Andenken' leitet sich von 'Andacht' ab, was die konzentrierte mentale Hinwendung zu Gott bezeichnet. Als religiöse Praxis hatte die Andacht ihren Ort weniger in der Kirche als im häuslich-familiären Raum. Andenken meinte also ursprünglich das Andenken an den allgegenwärtigen Gott, fand jedoch zunehmend Verwendung für die gedankliche Hinwendung zu abwesenden Personen. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts verwendet man das 'Andenken' nicht nur für die Vergegenwärtigung eines räumlich Entfernten, sondern auch für die Vergegenwärtigung eines zeitlich Entfernten, also zur Erinnerung an vergangene Ereignisse und Erlebnisse. Ende des 18. Jahrhunderts ist eine weitere tiefgreifende Bedeutungsverschiebung auszumachen: Andenken wird nun nicht allein auf die mentale Leistung der Vergegenwärtigung bezogen, also auf das Erinnern, sondern auf das Erinnerungsstück, das als Hilfsmittel des Erinnerns dient. Diese Doppelbedeutung zwischen Erinnern und Erinnerungsstück, zwischen Praxis und Ding, zwischen Akt und Medium, hat sich bis heute gehalten. Wir sagen: Diese Einladungskarte hebe ich zum Andenken an die Feier auf, eben damit ich an den Abend denke. Wir sagen aber auch: Diese Einladungskarte ist ein Andenken, also ein Erinnerungsstück. Der Begriff des Andenkens ist deshalb so facettenreich, weil er dieses Changieren zwischen räumlicher und zeitlicher Vergegenwärtigung und das zwischen lebendiger Praxis und Ding enthält. In diesem Sinne werde ich ihn im folgenden gleichbedeutend mit dem Souvenirbegriff verwenden, um der Struktur und Funktionsweise der kleinen Dinge von Welt, der Reisesouvenirs, nachzugehen.

 

II. Phänomenologie des Reisesouvenirs

Mit Blick auf die eingangs genannten autobiographischen Kommentierungen der für die Ausstellung Wunder der Welt eingeworbenen Souvenirexponate lassen sich im folgenden die zentralen strukturellen Charakteristika des Reiseandenkens entwickeln.

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Abb. 3

1. Mobilität: Während man daheim mit seinen Andenken zwar nicht unbegrenzt, aber doch in den gesamten Wohnraum expandieren kann, muß man sich auf der Reise beschränken auf das, was man noch bei sich tragen kann. So entscheidet sich ein Leihgeber auf seiner Polynesien-Reise mit guten Gründen für zwei Tapa, Rindenbilder: "Diese Stücke habe ich ausgesucht, da ich sie zusammengerollt [...] im Rucksack transportieren konnte." Das Kriterium der Mobilität, je nach den Bedingungen von Weiter- und Rückreise, geht jeglicher Auswahl eines Souvenirs voraus.

2. Geldwert: Für keines der in der Ausstellung gezeigten Souvenirs war sein Preis ausschlaggebend. Im Gegenteil, betont wird gerade, wenn man etwas erhalten hat, was man käuflich gar nicht hätte erwerben können. So weiß ein Leihgeber-Paar das Geschenk einer gefriergetrockneten Kartoffel vom Bürgermeister eines Indio-Dorfes in den Anden gerade deshalb zu schätzen, weil es sich um ein Tauschmittel anderer Art, konkret um eine unbegrenzt haltbare Nahrungsreserve, handelt. Ähnlich resümieren zwei Österreich-Reisende, die auf ihren Bergwanderungen Steine sammeln:

"Es müssen nicht spektakuläre Dinge wie Gold oder Smaragde sein, um einen besonders schönen Tag in den Bergen zu haben, wenn gleich man auch solche Souvenirs aus den Hohen Tauern mit nach Hause bringen kann."

Ein Souvenir, so bringt es diese Aussage auf dem Punkt, kann durchaus einen hohen Geldwert haben, dieser ist aber in keiner Weise eine Bedingung für seinen Status als Erinnerungsstück.

3. Kunstwert: Betonen viele Leihgeber den enormen Kunstwert der auf ihren Reisen besichtigten Kulturgüter, so beansprucht dieses Kriterium keine Gültigkeit für die Kulturform des Reiseandenkens. Im Gegenteil, hervorgehoben wird eher, daß die Gegenstände eben nicht unseren ästhetischen Maximen entsprechen, mehr noch, unseren Vorstellungen von den künstlerischen Ausdrucksformen der anderen Kultur mitunter sogar widersprechen. So erklärt eine Leihgeberin, daß der Schmuck der Himba, einer Volksgruppe aus Namibia, eben nicht aus Elfenbein oder Horn gefertigt ist, wie die Europäer vorschnell zu erkennen meinen, sondern aus Plastikresten, die nicht zuletzt durch die Europäer ihren Weg in diese Kultur gefunden haben. Ein Leihgeber, der seine Thanka, ein buddhistisches Rollbild aus Nepal, zur Verfügung stellt, erläutert, daß bei der Herstellung keinerlei künstlerische Freiheit gilt, sondern die Fertigung solcher Meditationsbilder als spiritueller Akt begriffen wird. Festzuhalten ist: Reisesouvenirs hebeln jeglichen vertrauten normativen Kunst-, Schönheits- oder Geschmacksbegriff aus, indem sie vielmehr nach dem Besonderen und Eigentümlichen suchen.

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Abb. 4

4. Gebrauchswert: Auch bezüglich des Gebrauchswertes gilt, daß er kein eindeutiges Kriterium für die Qualität eines Souvenirs zu liefern vermag, weil sich beide Extreme finden: Ein kostbares Exponat, ein böhmischer Aschenbecher aus Bleikristall, ist seinem Leihgeber deshalb viel wert, weil er ihn vor mehr als drei Jahrzehnten als "Abschiedsgeschenk" von seiner tschechoslowakischen Gastfamilie erhielt. "Ich hüte ihn", schreibt er, "obwohl ich ein Leben lang Nichtraucher bin". Daß das Souvenir also völlig unnütz ist, tut seinem besonderen Status keinerlei Abbruch. Umgekehrt erklärt eine Leihgeberin programmatisch, daß gerade der Gebrauchswert Kriterium ihrer Erinnerungsstücke ist: "Meine Souvenirs sind echte Gebrauchsgegenstände mit langer Tradition." Ihr geht es darum, mit den Gebrauchsgegenständen der bereisten Kulturen nicht nur ein Ding, sondern auch eine konkrete Praxis dieser Kultur mitzunehmen. Dies kann soweit gehen, daß die Kulturpraxis selbst das eigentliche Souvenir ist, während das Ding lediglich deren Vehikel darstellt. So hat der Leihgeber eines japanischen Kreisels bei seiner Gastfamilie Lehrstunden in der Benutzung dieses Spielzeugs erhalten und zum Abschied ein speziell gefertigtes, robustes Übungsstück als Andenken erhalten. Es gibt etliche solcher Stücke, deren gemeinsames Auswahlkriterium darin besteht, daß jeglicher Musealisierung der Souvenirs zu Staubfängern dadurch entgegengewirkt werden soll, indem gezielt solche ausgewählt werden, die in der täglichen Handhabung den unmittelbaren Kontakt zum Leben behalten, auch wenn sie damit dem Verschleiß ausgesetzt werden.

5. Erinnerungswert: Läßt sich also weder aus dem Geldwert, dem Kunstwert und dem Gebrauchswert, den ein jeweiliges Reiseandenken hat, sein besonderer Status als Andenken ableiten, so wird einhellig der Erinnerungswert dieser Objekte betont. Selbst eine Leihgeberin, die ein enges Formkriterium für ihre Souvenirs hat, die nämlich ausschließlich Fingerhüte sammelt, bemerkt: "[I]hr Wert besteht im wesentlichen in den schönen Erinnerungen". Wie aber bemißt sich der Erinnerungswert oder besser: Wie stellt er sich dar?

6. Rätselhaftigkeit: Ein Ding spricht sich eben nicht selbst aus. Jeder, der schon mal die Wohnung eines Verstorbenen aufgelöst hat, kennt das: Es finden sich Dinge, die weder über einen materiellen, einen ästhetischen oder einen nützlichen Aspekt Sinn machen, in denen man automatisch Erinnerungsstücke vermutet, aber eben nicht weiß, woran sie erinnern. Es können sogar solche Dinge sein, die eindeutig als Souvenirs ausgewiesen sind, wie ein Tasse, auf der ein Reiseziel abgedruckt ist, und die dennoch unzugänglich bleiben. Solche Souvenirs sind mit der Person, der sie zur Erinnerung dienten, erloschen. Eine Leihgeber-Familie hatte eine Begegnung mit solch einem merkwürdig stummen Ding. Sie fand an einer dänischen Küste einen gestrandeten Rettungsring, der die Aufschrift eines Schiffes trug, dessen Heimathafen 50 km entfernt liegt. Sie fragten sich, ob dieser Ring etwa Zeuge eines Unglücks war, in dem Menschen zu Schaden gekommen waren. Trotz der präzisen Ortsangaben blieb das Eigentliche ungesagt bzw. unlesbar und rätselhaft.

7. Erzählung: Die Texte der Leihgeberinnen und Leihgeber zeigen: Ein Andenken kann man nicht beschreiben, man muß es erzählen. Oder anders: In jedem Andenken steckt eine Geschichte. Und diese Geschichten sind nicht nur Teil des Souvenirs, sondern sie entfalten auch eine eigene Dynamik. So stieß die Frage nach den Anekdoten, mit denen sich die Andenken selbst schon einführen, auf reiche Resonanz. Und ein Leihgeber schließt seine Erläuterungen zur Gebrauchsanweisung des japanischen Zahnstochers, der den besonderen Hygienekult seines Gastlandes dokumentiert, mit dem lakonischen Kommentar: "Ob die Geschichte stimmt? Ich kann es mir vorstellen, und es ist jedenfalls eine schöne Geschichte". Die Geschichte muß also nicht dem Wissenszuwachs dienen, sondern wird vielmehr in der ihr eigenen Qualität ins Recht gesetzt.

Das Souvenir ist ein hochgradig fabulierlustiges Phänomen. Die Erzählung, um es noch einmal zu betonen, ist das zentrale Kriterium des Reiseandenkens.

8. Gründungsszene: Diese Erzählung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Das den Dingen schon anhängende Anekdotische wurde bereits genannt. Der wichtigste Erzählkern des Souvenirs ist der seiner Gründung, die Erzählung der Szene also, in der das Ding überhaupt erst zum Andenken wurde. Solche Gründungszenen sind häufig von zufälligen Begebenheiten und von plötzlichen Begegnungen bestimmt. So mußte ein Leihgeber einen Stein einfach mitnehmen, als er ihn unverhofft, so schreibt er, "aus dem strandnahen Wasser anblickte". Ebenso ist der Erwerb eines Souvenirs schon Teil seiner Gründungsgeschichte. So erzählt eine Afrika-Reisende, wie geschickt ein Händler ihr einen kunstvoll geschnitzten Fruchtkern anbot, so daß sie ihn unbedingt besitzen wollte, sie erzählt also weniger vom Besuch der eigentlichen Sehenswürdigkeit der Baumriesen als von dieser Begegnung im Eingangsbereich des Naturdenkmals.

9. Räumlichkeit: Schon das letztgenannte Beispiel macht deutlich, ein Souvenir repräsentiert weniger den Ort als das Erlebnis dieses Ortes, weniger das Reiseziel als das Reisen als solches. In diesem Sinne kommentiert ein USA-Reisender sein Mitbringsel, ein verbranntes Holzstück vom Mount St. Helens: "Ich 'garniere' meine Fotoalben gern mit kleinen Gegenständen wie Steinchen, Pflanzenteilen oder Eintrittskarten. Das Stück Holz verstärkt die Erinnerung an die Eindrücke, die ich vor Ort hatte." Obwohl diese 'Garnierungen' sogar in letzter Konsequenz, nämlich materialiter, ein Teil des Ortes sind, so benennt der Eigner ihre Funktion darin, daß sie weniger den Ort präsentieren als vielmehr das vergangene Erleben dieses Ortes repräsentieren.

10. Zeitlichkeit: Wie schon in der eingangs aus den Wanderjahren zitierten Szene von Lenardos Souvenirstrategie festgehalten, mag ein dingliches Erinnerungsstück zwar von unendlicher Dauer sein, die mit ihm verbundene Erinnerung jedoch unterliegt steter Veränderung. So hat ein Leihgeber gezielt einen peruanischen Inkakopf als Andenken für alle seine Seereisen erworben, während ihn das Stück heute weniger an die besuchten Orte erinnert, als an "einen staunenden jungen Menschen, der ich damals war". Eine andere Leihgeberin berichtet nicht ohne Selbstironie, daß sie ihr afrikanisches Souvenir in einem Gebüsch fand, "welches in der Erinnerung natürlich ein Dschungel" wurde.

Auch können klassische Reisesouvenirs mit zusätzlichen schmerzlichen Erinnerungen aufgeladen werden, wie ein Fotoalbum von einer Israelreise in die Grenzregion zum Libanon. Die Leihgeberin erklärt: "Immer wenn ich mir die Bilder und Mitbringsel ansehe, denke ich an Presse- und Fernsehmeldungen, die Zerstörung zeigen."

Ein Ding kann auch erst im Nachhinein zu einem Souvenir werden. Die schon zitierte Geschichte von dem dänischen Rettungsring begann damit, daß man das Fundstück bei Ebay versteigern wollte. Erst als der Ring beim Auspacken unbemerkt auf die Straße rollte und dort nach langer Suche geborgen werden konnte, wollte man sich nicht mehr davon trennen und machte es zum Souvenir.

Aber auch der konkrete Umgang mit den Souvenirs kann sich ändern. Hatte eine Leihgeberin ihre kolumbianischen Flechtteller zunächst jahrelang an der Wand hängen, so verwendet sie sie inzwischen als Brotteller zu besonderen Festtagen. Andenken können auch über Generationen hinweg weitergereicht und neu mit Affektivem aufgeladen werden, wie zum Beispiel der Reisekoffer des Großvaters. Für den Großvater war er eine Erinnerung an die Reisen, für den Enkel ist er eine Erinnerung an den Großvater und zwar an sein Eigenstes, das er mit dem Enkel nicht geteilt hat.

Und schließlich können Souvenirs, so auch ein taiwanesischer Namenstempel, mit der Erinnerung an die Vergangenheit auch die guten Wünsche für die Zukunft transportieren.

Reiseandenken, so ist resümierend festzuhalten, sind kleine Dinge von Welt, die sich über ihre Mobilität und ihren Erinnerungswert auszeichnen, während ihr Tausch-, Kunst- und Gebrauchswert flexibel ist. Sie können nur über die ihnen anhängende unsichtbare Geschichte verstanden werden, wobei ihre besondere Faszination darin besteht, daß sie immer wieder in neue Geschichten verwickelt werden können.

 

(Der Beitrag basiert auf einem Eröffnungsvortrag zur Ausstellung Wunder der Welt am 16. November 2006 in den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Für die Einbindung in dieses Projekt und für die Vermittlung der Selbstzeugnisse von Leihgeberinnen und Leihgebern sowie der Bilder danke ich Dr. Thomas Müller-Bahlke, Dr. Claus Veltmann und Andrea Klapperstück.
Alle Photos © Gottlob Philipps, Halle (Saale), Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.)

 

autoreninfo 
Dr. Christiane Holm, Jahrgang 1969, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik und ist gegenwärtig wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 'Erinnerungskulturen' der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in intermedialen Konstellationen, insbesondere zwischen Texten, Bildern und Dingen, in diesem Zusammenhang kuratiert sie Ausstellungen zur Gegenwartskunst und zur Alltagsgeschichte, zuletzt zum 'Souvenir' (Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, 2006) und aktuell zum 'Tagebuch' (Museum für Kommunikation in Frankfurt, 2008). Einen weiteren Schwerpunkt bilden 'Mythobiographien', was in ihrer 2006 erschienen Dissertation Amor und Psyche entfaltet wird.
Homepage: http://www.uni-giessen.de/erinnerungskulturen/home/profil-cholm.html
E-Mail: christiane.holm@germanistik.uni-giessen.de

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