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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> danica phelps
 

The Autobiography of my Money

Die amerikanische Künstlerin Danica Phelps führt kein Tagebuch über Emotionen

von Julia Weber

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* druckbares

Im Zentrum des autobiographischen Interesses von Danica Phelps stehen nicht Emotionen und Gefühlszustände, sondern Geld. Wer bin ich im Verhältnis zu dem Geld, das ich ausgebe und verdiene? Was bin ich wert und wie sehr ist mein Selbstwert abhängig von meinen Einkünften? Gibt es überhaupt ein Selbstverhältnis, das sich diesen Bemessungen entziehen kann?

 

Danica Phelps Karriere beginnt, als sie 1995 mit einem Diplom von der Rhode Island School of Design und ziemlich wenig Geld in der Tasche nach New York zieht, um dort ihr Glück als freie Künstlerin zu versuchen. Danica Phelps hat Angst, daß ihr Aufenthalt in dieser Stadt, die Menschen ohne Cashflow innerhalb kürzester Zeit erbarmungslos wieder ausspuckt, schnell vorbei sein könnte. Notgedrungen beginnt sie über jeden ausgegebenen Penny Buch zu führen und alles, wofür sie Geld ausgibt, zu zeichnen. Jedes Dinner, jeder Kinobesuch werden auf diese Weise von ihr nochmals ins Gedächtnis gerufen und künstlerisch dokumentiert.

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Abb. 1

Was begann, um schmerzhafte Geldausgaben persönlich mehr wertzuschätzen, entwickelt sich im Lauf der Jahre zu einer Art Buchführung des Lebens, in der jeder Dollar, jede halbe Stunde bezüglich ihres künstlerischen und finanziellen In- und Outputs systematisiert und reflektiert werden. Sie beginnt ein Tagebuch, in welchem die Uhrzeit, die jeweilige Aktivität und die damit verbundenen Einnahmen und Ausgaben in Form von Strichcodes (grün für Einkünfte, rot für Ausgaben, grau für Abzüge auf der Kreditkarte) erfaßt werden. In einem anderen Projekt überträgt sie drei Monate lang alle Ein- und Ausgaben -- wieder in Form der bewährten Strichcodes -- auf eine zehn mal zehn Meter große Leinwand und zeichnet dadurch ein Bild ihres Lebens in Form eines riesigen Barcodes.

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Abb. 2

Im Jahr 2003, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat, beginnt Danica Phelps ihren künstlerischen Erforschungen über die Bedeutung von Geld in allen Bereichen des Lebens, eine Reihe von Zeichnungen über ihre Beziehung zu ihrer Freundin Debi gegenüberzustellen. In ihrer neuen Serie Integrating Sex into Daily Life lotet sie aus, inwiefern Liebe, Freundschaft und Sex als Tauschsysteme jenseits von finanziellen Kreisläufen möglich sind. Während die bisherigen Aufzeichnungen knapp, schnörkellos und linear, eine eher kühle Statistik der eigenen Lebenszeit und der damit verbundenen Ausgaben zeigten, entsteht in den neuen Zeichnungen eine neue Strichführung, bei der alles gleichzeitig sichtbar ist und Zeit außer Kraft gesetzt zu sein scheint. In den Zeichnungen über ihr Sexleben geht keine Linie verloren, weil alle Ebenen des Gezeichneten gleichzeitig sichtbar sind und mehrere Standpunkte und Sichtweisen simultan zu Wort kommen. Es ist, als wäre die Künstlerin zugleich 'hier' und 'dort'. Und so scheint es, als ob es doch noch ein ge- und erlebtes Leben jenseits monetärer Bemessungen gibt.

Julia Weber hat die Künstlerin in ihrer Wohnung in Brooklyn getroffen und nach dem Verhältnis von Kunst, Geld und Leben befragt:

 

parapluie:Ich habe den Eindruck, daß Geld in Amerika einen (noch) wichtigeren Stellenwert als in Europa einnimmt. Das liegt vielleicht daran, daß es keine staatliche Absicherung gibt, es aber gleichzeitig leichter möglich ist, sehr viel Geld zu verdienen, weil der Markt so viel größer ist. Während man sich in Europa in bezug aufs Geld eher zurückhält, gehören Fragen wie "How much money do you make?" hier zum guten Ton. Als ich Ihre Bilder zum ersten Mal gesehen habe, hat das für mich sehr viel Sinn ergeben: Endlich zeigt mal jemand die Bedeutung von Geld in seiner Wirkung auf das Selbstverhältnis des einzelnen.

Danica Phelps: Ja, mich interessiert, wie Geld, oder besser die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, die Menschen in ihrem Selbstverhältnis prägt. Wir werden heutzutage von klein an geschult, ein professionelles Selbstverhältnis auszubilden. Die Maxime ist: Man muß sich gut verkaufen können. Besonders in New York hat man es als Künstler extrem schwer, weil die Ausgaben so horrend sind, da gibt es wenig Freiräume. Um hier anzufangen, muß man entweder sehr viel Geld haben, oder extrem naiv sein, oder sehr fest an den 'American Dream' glauben.

Wie haben Sie angefangen?

(lacht) Ich war sehr naiv. Als ich hierher kam, hatte ich genau 800 Dollar in der Tasche, das war's. Und damit hat mein Projekt auch angefangen: Ich wollte und mußte einfach ganz genau verfolgen, was ich wofür ausgebe. Und weil die Ausgaben so schmerzhaft waren -- ich meine, ich hatte oft nur sechs Dollar am Tag zur Verfügung -- habe ich die Dinge, für die ich mein Geld gelassen habe, am Ende des Tages immer noch gezeichnet. Ich wollte ja eh zeichnen und das war eine Möglichkeit, meine Geldausgaben mehr wertzuschätzen und sich besser an sie zu erinnern, und so hat sich das Projekt ganz natürlich ergeben. Ich habe mir zum Ziel erklärt, alles, wirklich alles, wofür ich Geld ausgebe, zu zeichnen. Und als ich dann meinen Mann geheiratet habe und wir auf Hochzeitsreise durch Indien gefahren sind, habe ich dort ebenfalls alles, wofür wir Geld ausgegeben haben, gezeichnet. Als ich zurück kam, hat sich plötzlich eine Galerie interessiert gezeigt.

Haben Sie während der ganzen Reise keine Fotos gemacht?

Nein, Fotographien sind nicht dasselbe. Wenn ich zeichne, dann ist das ein Prozeß, der die Erlebnisse noch einmal lebendig macht und gleichzeitig ist es eine ganz besondere Art des sich Erinnerns. Ich erinnere mich eigentlich nur an die Dinge, die ich auch gezeichnet habe.

Sie zeigen bei Ihren Ausstellungen ausnahmslos alle Zeichnungen und treffen keine Auswahl. Warum?

Ich zeige alle meine Zeichnungen, unabhängig davon, ob sie gut sind oder nicht, weil sie alle Teil meiner finanziellen Buchführung sind. Statt die schlechten auszusortieren, gebe ich ihnen einfach einen niedrigeren Preis, der zeigt, wie ich darüber denke. Die billigsten Zeichnungen kosten 25$ und die teuersten 1600$, je nach dem, wie gut sie mir gefallen.

Mal ehrlich: Gibt es nicht doch Dinge, die man wegläßt, die zu langweilig oder peinlich sind, um sie aufzuzeichnen?

Nein, mir geht es ja gerade darum, das alltägliche Leben einer Künstlerin festzuhalten. Ich habe beschlossen, meinen sehr langweiligen und überhaupt nicht mondänen Alltag festzuhalten. Ich führe meinen Hund spazieren, gehe einkaufen, zum Wäschewaschen und dabei gebe ich Geld aus. Man kann ja fast nichts machen, ohne dabei auch Geld auszugeben. Geld gehört zu allen Aktivitäten als ganz wesentlicher, wenn nicht überhaupt als der wichtigste Aspekt dazu. Die Leute tun oft so, als ob es bei der Kunst nur um Inhalte und nicht primär ums Geld geht, aber das ist doch Quatsch. Es ist ein riesengroßes Geschäft -- und genau diese sonst oftmals verdeckte Seite der Kunstproduktion möchte ich sichtbar machen.

Ich habe gesehen, daß Sie Ihre Kunstwerke abpausen und wiederverkaufen. Wie kam es dazu?

Mir hat die Vorstellung nicht gefallen, daß eine einzelne Person dann plötzlich meine Erinnerungen besitzt. Also habe ich angefangen, die Bilder, die ich verkauft habe, abzupausen. Dabei habe ich auf dem Bild vermerkt, daß es jetzt die zweite Generation ist und oft auch unten in Form von Barcodes mitangegeben, wieviel Geld ich mit dem Bild schon verdient habe. Ich wollte das Kunstgeschäft unterlaufen, bei dem nur reiche Sammler in den Besitz meiner Bilder kommen, ich wollte daß viele Leute, das gleiche Kunstwerk teilen können und daß die Preise und das Geld, das ich mit den Zeichnungen verdiene, für alle transparent sind. Manche Bilder -- gerade die preiswerteren -- mußte ich allerdings die ganze Zeit abpausen, so daß ich irgendwann notgedrungen damit aufgehört habe, weil es mir zuviel geworden ist.

Die Art, wie Sie über Ihr Leben berichten, ist ziemlich sachlich. Sie zeigen keine Gefühle oder Stimmungen -- eben die Dinge, die sonst in einem Tagebuch auftauchen. Haben Sie noch ein privates Tagebuch?

Nein.

Und hat ihre Arbeit für Sie selbst etwas Autobiographisches?

Ja, sehr. Ich erinnere mich sehr lebhaft an alles, was ich zeichne. Und ich habe immer den Eindruck, daß alles, was ich nicht zeichne, mir irgendwie entgleitet. Was ich zeichne, wird zu etwas anderem.

Wie kam es dazu, daß Sie plötzlich angefangen haben, Ihr Sexleben zu zeichnen?

Als ich meine Freundin Debi kennengelernt habe, haben wir sehr viel Sex gehabt. Plötzlich gab es etwas sehr Mondänes in meinem Leben, das ich auch festhalten wollte. Ich wollte mich daran erinnern, also mußte ich es zeichnen. Ich habe sechs Monate lang jedes Mal, wenn wir uns geliebt haben, danach eine Zeichnung gemacht. Und plötzlich wurde mir klar, daß ich plötzlich einen Austausch in meinem Leben habe, der wirklich außerhalb finanzieller Kreisläufe ist. Man kommuniziert und teilt etwas, ohne daß dabei ein finanzieller Aspekt eine Rolle spielt.

Naja, in dem Moment, in dem Sie diese Bilder ausstellen und verkaufen und damit Ihr Geld verdienen, sind auch Ihre Liebeserlebnisse mit Debi wieder in die finanziellen Kreisläufe eingebunden.

Ja, das stimmt natürlich. Sehen Sie, man entkommt diesem Kreislauf letzten Endes doch nicht. Als ich angefangen habe, mit meiner Kunst Geld zu verdienen, dachte ich, jetzt würde ich gerne anfangen, Kunst zu sammeln. Ich habe dann mit anderen Künstlern ein Tauschsystem etabliert, bei dem wir unsere Bilder gegenseitig austauschen. Und ich war ein Jahr lang Kunstsammler -- aber nur in meiner Vorstellung: Ich habe mir eine imaginäre Sammlung meiner Lieblingsbilder zugelegt.

Welche Rolle spielt das Geldverdienen für Sie als Künstlerin? Inwiefern beeinflußt es Ihr Selbstbewußtsein?

Darüber denke ich eigentlich gar nicht soviel nach. Ich stelle nur sicher, daß ich jeden Monat genug verdiene. Und ich achte darauf, daß auch mein Stundenlohn akzeptabel ist. Also wenn Sie so wollen, ich versuche sicherzustellen, daß ich kreativ genug bin.

Sie haben es eben selbst schon angesprochen: Sie verdienen inzwischen mit Ihrer Kunst eine Menge Geld. Wie beeinflußt das Geld Ihr Schaffen?

Ich habe mir zum Beispiel ein Haus gekauft, da bin ich ziemlich schnell an die Grenzen gestoßen -- ich komme einfach nicht mehr hinterher, alles zu zeichnen, wofür ich Geld ausgeben muß. Außerdem arbeite ich inzwischen auch mit Assistenten, dafür versuche ich gerade eine neue Form zu finden. Im Moment habe ich den Eindruck, daß meine Kunst sich in eine neue Richtung entwickelt. Ich möchte in Zukunft auch stärker die Relativität von Geld zeigen: Daß seine Abwesenheit einem schlaflose Nächste bereiten kann, daß eine Pizza für fünf Dollar ein Festessen sein kann und daß einem eine große Summe vollkommen egal sein kann. Dabei interessiert mich vor allem: Wie repräsentiert man diese unterschiedliche Wertigkeit? Eine Hundert-Dollar-Note sieht nun mal in der Regel immer gleich aus.

 

(Die Abbildungen entstammen dem Katalog zur Ausstellung Danica Phelps: Writer's Trade (2004): Phelps, Danica: Every Day Life. Grinnell, Iowa: The Faulconer Gallery, Grinnell College 2005. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.)

 

autoreninfo 
Julia Weber studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Berlin, Wien und Lissabon. 2001/2002 Diplôme d'Études Approfondies an der Universität Paris VII bei Prof. Julia Kristeva. 2002/2003 arbeitete sie als Dramaturgieassistentin am Deutschen Theater Berlin. Derzeit beendet sie ihre Dissertation über Das multiple Subjekt. Randgänge ästhetischer Subjektivität bei Fernando Pessoa, Samuel Beckett und Friederike Mayröcker am Promotionsstudiengang ,Literaturwissenschaft' der Ludwig-Maximilians-Universität, München.

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