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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> psychische sicherheit
 

Psychische Sicherheit bedeutet Kohärenz der eigenen Biographie

von Julia Berkic

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* literatur
* druckbares

Seit Freuds Annahmen über den Einfluß früher Kindheitserfahrungen diskutiert die Psychologie darüber, wie sehr diese Erlebnisse einen Menschen prägen. Stellen sie die Weichen für den Fortgang der persönlichen Entwicklung und determinieren sie somit den Verlauf von Biographien? Neuere Ergebnisse der Bindungsforschung deuten darauf hin, daß es tatsächlich Zusammenhänge gibt zwischen der mentalen Abspeicherung früher Bindungserfahrungen und der späteren sozio-emotionalen Persönlichkeitsstruktur -- allerdings zeigen sich diese Zusammenhänge als nicht so deterministisch wie von Freud postuliert. Vielmehr sind sie als 'Weichenstellungen' zu verstehen, die eine psychisch gesunde oder ungesunde Entwicklung einleiten, dabei jedoch ein Leben lang offen für Veränderungen bleiben.

 

Warum sind manche Menschen sich und dem Leben gegenüber optimistischer und positiver eingestellt als andere? Warum kennen manche Menschen weder ernsthafte psychische noch physische Probleme, leben in stabilen Partnerschaften und haben einen verläßlichen Freundeskreis, an den sie sich bei Überforderung wenden können? Während andere häufig an seelischen und körperlichen Beschwerden leiden, sich vor der Welt bei Problemen zurückziehen, oft in unglückliche Partnerschaften oder Affären geraten, in denen sie mehr geben als nehmen? Warum gelingt es den einen scheinbar spielerisch, was den anderen schmerzlich verwehrt bleibt: enge tragfähige Beziehungen aufzubauen zu anderen Menschen und eine ausgeglichene Seelenlage?

Was die einen besitzen und den anderen fehlt, haben Psychologen in den letzten Jahrzehnten ausgiebig erforscht und dabei herausgefunden: es ist die sogenannte 'psychische Sicherheit', deren Substanz zu großen Teilen in den ersten Lebensjahren gelegt wird. Schon seit Freuds Annahmen über den weitreichenden Einfluß früher Kindheitserfahrungen besteht in der Psychologie die Diskussion darüber, wie sehr diese Erfahrungen einen Menschen prägen. Beeinflussen sie tatsächlich den gesamten weiteren Fortgang der persönlichen Entwicklung und determinieren somit den Verlauf von Biographien schon früh? Die 'Prototyp-Hypothese' von Sigmund Freud besagt beispielsweise, daß die frühe Mutter-Kind-Beziehung einen Prototyp darstellt für alle späteren emotionalen Beziehungen.

Neuere Ergebnisse aus dem Gebiet der Bindungsforschung (ausgehend von John Bowlby, 1907-1990) deuten nun darauf hin, daß es tatsächlich einen Zusammenhang gibt zwischen der mentalen Abspeicherung früher Bindungserfahrungen und der späteren sozio-emotionalen Entwicklung bzw. vor allem der Fähigkeit, tragfähige und enge emotionale Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Allerdings sind diese Zusammenhänge nicht so deterministisch wie von Freud postuliert. Sie sind nicht im Sinne einer unumkehrbaren Prägung zu verstehen, sondern vielmehr als 'Weichenstellungen', die eine psychisch gesunde oder ungesunde Entwicklung einleiten, die jedoch ein Leben lang offen sind für Veränderungen.

Internationale Längsschnitt-Studien haben Kinder von ihrer Geburt an über mehrere Lebensjahrzehnte begleitet und in ihrer Entwicklung beobachtet. Diese Studien untersuchen die Entstehungsbedingungen und Auswirkungen von 'Bindungssicherheit'. Wie die Ergebnisse zeigen, ist eine sichere Bindung die beste Voraussetzung dafür, in verschiedenen Alterstufen das Leben aktiv in Angriff zu nehmen, sich schwierigen Situationen zu stellen und dabei emotional ausgeglichen zu bleiben bzw. sich in Überforderungssituationen die nötige Hilfe zu holen.

Was wird nun aber als Bindungssicherheit definiert, und wie kann man dieses Konstrukt erfassen? Die Bindungstheorie Bowlbys besagt, daß es ein Bindungsverhaltenssystem geben muß, welches evolutionär entstanden ist. Und zwar ist dieses System deshalb nötig, weil es in den ersten Lebensjahren eines Mechanismus bedarf, der die Nähe zwischen Mutter und Kind sichert und reguliert, da ein menschliches Neugeborenes alleine nicht überlebensfähig wäre. Dieses Bindungsverhaltenssystem wird aber nur dann aktiviert, wenn innerer oder äußerer Streß auftritt. In Zeiten des Wohlbefindens schaltet sich ein anderes Verhaltenssystem ein, das Explorations-Verhaltenssystem, welches für die Erkundung der Welt und die Autonomieentwicklung zuständig ist.

Aufgrund dieser Annahmen haben Bindungsforscher experimentell Situationen geschaffen, die ausreichend streßauslösend sind, um das Bindungsverhaltenssystem in Gang zu setzen, um dann Bindungssicherheit messen zu können -- und die natürlich zugleich ethisch vertretbar sind. Im Kleinkindalter wird mit Hilfe einer standardisierten Laborsituation, der sogenannten 'Fremden-Situation', getestet, wie sich ein eineinhalb- bis zweijähriges Kind in einer fremden Umgebung verhält, wenn es für einige Minuten mit einer fremden Person alleine gelassen wird. In diesem Alter kann die Bindungssicherheit noch direkt im Verhalten beobachtet werden. Eine Trennungssituation in einem fremden Raum mit einer völlig fremden Person ist nämlich für jedes ein-zweijährige Kind per se eine Streßsituation, es bestehen nur Unterschiede darin, wie mit den erzeugten negativen Emotionen umgegangen wird:

Ein Großteil der Kinder (ca. 60-65%) reagiert so, wie man es erwarten würde: Diese Kinder sind aufgebracht und ängstlich angesichts der bedrohlichen Situation und lassen sich aber schnell wieder beruhigen, wenn die Mutter in den Raum zurückkehrt. Das sind sogenannte sicher-gebundene Kinder, die ihre Emotionen in angebrachtem Ausmaß zeigen und diese gut regulieren können, wenn die Gefahr vorbei ist. Eine weitere Gruppe von Kindern, etwa 20-25% läßt sich in der Phase der Abwesenheit der Mutter in der Fremden-Situation keine Verunsicherung anmerken. Sie spielen weiter, solange die Mutter weg ist und bemerken auch scheinbar kaum ihre Rückkehr. Diese Kinder werden von den Bindungsforschern als unsicher-vermeidend gebunden bezeichnet, und man würde sie umgangssprachlich als sehr 'pflegeleicht' beschreiben. Obwohl diese Kinder keine offensichtlichen Anzeichen der Belastung in dieser Situation zeigen, haben hormonelle Messungen gezeigt, daß sie mindestens genauso gestreßt sind, wie die sicher-gebundenen Kinder der erstgenannten Kategorie -- ihre Cortisol-Werte (Cortisol = Stresshormon) sind sogar höher als die der sicher-gebundenen Kinder. Der verbleibende Anteil der Kinder (etwa 15-20%) zeigen ein Verhaltensmuster, welches geprägt ist von der Äußerung sehr starker Emotionen. Sie weinen und schreien, wenn die Mutter abwesend ist und lassen sich zunächst kaum beruhigen, wenn diese wiederkehrt. Sie können ihre negativen Emotionen nur langsam wieder auf ein Maß herunterregulieren, das eine erneute Beschäftigung mit der Umwelt möglich macht, und sie zeigen ambivalentes, teilweise wütendes Verhalten der Mutter gegenüber, weshalb ihre Organisation von Bindung als unsicher-ambivalent bezeichnet wird.

Woher stammen nun diese qualitativen Verhaltensunterschiede bei emotionaler Belastung zwischen den Kindern? Zum einen sind angeborene Temperamentsunterschiede für die unterschiedliche Regulationsfähigkeit verantwortlich. Allerdings steht auch das Verhalten der Bindungsperson, in der Regel die Mutter, im ersten Lebensjahr gegenüber dem Kind hiermit in Zusammenhang. Die Mütter bindungssicherer Einjähriger (so haben wiederholte mehrstündige Beobachtungen ergeben) sind im Durchschnitt feinfühliger, d.h. sie nehmen die Äußerungen des Säuglings ernst, sind aufmerksam ihm gegenüber, trösten geduldig und fördern Erkundungswünsche. Das bedeutet, diese Kinder machen die Erfahrung, daß die Aktivierung ihres Bindungssystems eine sofortige Antwort auslöst und daher schnell wieder deaktiviert werden kann, um anderen kognitiven und emotionalen Vorgängen Raum zu schaffen. Die Mütter von den vermeintlich pflegeleichten Einjährigen mit unsicher-vermeidendem Bindungsmuster sind generell unfeinfühliger. Das Besondere an ihren Interaktionen ist ihre deutliche Aversion gegen die Bindungssignale des Kindes. Andererseits wird das Alleinspiel der Kinder von den Müttern in einer vermeidenden Bindungsbeziehung mit Wohlwollen bedacht. Im ersten Lebensjahr lernen diese Säuglinge also ihren Wunsch nach Nähe und Kontakt stark einzuschränken. Und in der 'gefährlichen' Fremden-Situation zeigen diese Kinder keinen Ärger, um nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, zurückgewiesen und zurückgelassen zu werden. Sie bemühen sich, alleine zu spielen, um das Wohlwollen der Mutter nicht zu gefährden, allerdings zum Preis einer sehr belastenden Selbstbeherrschung wie die obengenannten physiologischen Daten zeigen. Das Bindungssystem wird demnach dauerhaft deaktiviert. Die Mütter von den sehr emotionalen Einjährigen mit unsicher-ambivalenter Bindungsorganisation zeigten bei Beobachtungen ebenfalls Unfeinfühligkeit, aber auf eine andere Weise: Ihre Interaktionen sind selten Reaktionen auf Signale des Kindes, sondern sie sind für den Säugling oft nicht vorhersagbar. Sie lassen sich von ihren eigenen Stimmungen leiten und sind zwar ab und zu liebevoll, aber selten, wenn das Kind danach verlangt. Diese Unvorhersehbarkeit im täglichen Umgang lehrt den Säugling, sein Bindungsverhalten äußerst stark und dramatisch zu äußern, um überhaupt Beachtung zu finden, das Bindungssystem ist dauerhaft hyperaktiviert.

Erinnern wir uns nun an die eingangs erwähnten Postulate der Bindungstheorie. Sollten diese zutreffen, dann müßten die beschriebenen emotionalen Regulationsstrategien vielfältige Auswirkungen auf soziale, kognitive und emotionale Aspekte der weiteren Biographie zeigen.

Und tatsächlich sprechen die Ergebnisse der Längsschnittstudien dafür: Im Kindergarten wurde bei sicher-gebundenen Kindern weniger aggressives bzw. feindseliges Verhalten gegenüber anderen Kindern und weniger emotionale Isolation und Abhängigkeit von den Erzieherinnen beobachtet. Auch im Schulalter zeichnen sich sicher-gebundene Kinder durch positive soziale Wahrnehmung, hohe soziale Kompetenz, beziehungsorientiertes Verhalten und bessere Freundschaftsbeziehungen aus. Im Jugendalter zeigen sie häufiger ein hohes Selbstwertgefühl und größeres Selbstvertrauen als Jugendliche mit unsicherer Bindungsorganisation.

Bindungsunsicherheit dagegen hat zwar nicht zwangsläufig eine pathologische Entwicklung zur Folge (das wäre auch ein erschreckendes Ergebnis angesichts eines Prozentsatzes von ca. 40% unsicheren Bindungen in Normalstichproben), aber es konnte gezeigt werden, daß diese Personen anfälliger sind für ungünstige Entwicklungsverläufe, vor allem, wenn sogenannte kritische Lebensereignisse (z.B. Tod, Krankheit, Verlust nahestehender Personen) die Entwicklung zusätzlich beeinträchtigen.

In welche Form münden nun diese Entwicklungspfade ins Erwachsenenalter? Wie äußert sich Bindungssicherheit bei Erwachsenen, und spielt sie dort überhaupt noch eine Rolle? Man kann Bindungsverhalten bei Erwachsenen nicht mehr so gut beobachten wie bei Kleinkindern -- schließlich sollte es für einen normal entwickelten Erwachsenen keine Bedrohung darstellen, wenn seine Mutter kurzzeitig den Raum verläßt. Deshalb greift man auf die Methode des biographischen Interviews zurück, um somit einen Zugang zur mentalen Organisation von Bindungserfahrungen zu erlangen. In einem halbstandardisierten Interview wird die Person speziell zu bindungsrelevanten Erlebnissen befragt (z.B. Trennungserlebnisse in der Kindheit, Umgang mit Kummer, Krankheit oder Verletzungen). Wie bereits erläutert sind das laut Bindungstheorie die entscheidenden Situationen, in denen das Bindungssystem aktiviert wird und das individuelle Bindungsmuster sichtbar wird. Ebenso werden in dem Bindungsinterview Fragen über die Beziehungen zu Bindungspersonen und deren Bewertung aus heutiger Sicht gestellt. Bei der Auswertung der Interviews kommt es nicht nur auf den Inhalt des tatsächlich Berichteten an, sondern zudem auf die Stimmigkeit und Kohärenz der Schilderungen und deren Verarbeitung.

Warum gehen Psychologen nun aber davon aus, daß eine kohärente Abspeicherung (bzw. Wiedergabe) der eigenen Bindungsgeschichte mit psychischer Sicherheit gleichzusetzen ist? Viele Studien haben gezeigt, daß eine kohärente kognitive Repräsentanz des Selbst in sozialen Beziehungen dem Individuum hilft, seine Welt zu strukturieren, Reaktionen anderer Personen in sein Handeln mit einzubeziehen und so sein eigenes Verhalten optimal an die betreffende Umwelt anzupassen. Wenn jedoch eine Diskrepanz besteht zwischen faktischen Erfahrungen und deren Bedeutungszuweisung (durch die Eltern, durch Schweigen, Lügen, Verleugnung, Mißinterpretation usw.) kann der Aufbau einer kohärenten Repräsentation dieser realen Erfahrungen nicht stattfinden. Die Gefühle des Kindes bleiben ohne entsprechende Realität, bzw. die Erfahrungen bleiben ohne kohärente, sprachliche, bedeutsame, internale Repräsentation. Die Psycholinguistin Katherine Nelson meint in diesem Zusammenhang, daß verleugnete Erlebnisse bzw. Gefühle keine "externale Korrespondenz" besitzen, wie das bei der sprachlichen Repräsentation von Gegenständen oder anderen Erlebnissen der Fall ist. Bowlby selbst ging davon aus, daß ursprünglich besonders zwei Arten von Situationen mit großer Wahrscheinlichkeit zu solchen Abwehrprozessen führen:

"a) wenn das Bindungsverhalten eines Kindes intensiv erregt, aber nicht beschwichtigt, sondern vielleicht sogar bestraft oder von den Eltern lächerlich gemacht wird, weil sie es für unberechtigt halten
b) wenn ein Kind etwas über die Eltern erfahren hat, was es nicht wissen soll, und die Eltern dem Kind aber verbieten, darüber zu sprechen." (Bowlby, 1980, S. 73)

Die Ängste und Verwirrungen, die diese Widersprüche hervorrufen, kann das Kind vermeiden, indem es die eigene Erinnerung an diese Erlebnisse aus dem Bewußtsein ausschließt (Abwehrprozeß). Dies führt laut Bowlby zu zwei miteinander nicht übereinstimmenden Repräsentationen (jeweils sowohl vom Selbst als auch von der Bindungsfigur). Das eine Modell ist das Gewünschte, das Erlaubte, das von den Eltern sprachlich Übermittelte; es bleibt dem Bewußtsein leicht zugänglich. Das andere, welches auf den tatsächlichen Erlebnissen basiert, wird verdrängt, obwohl es weiterhin das Verhalten beeinflußt -- es kommt zu einer Spaltung bzw. Abwehr. Dieses Phänomen kann man unter anderem in Anlehnung an Tulvings Arbeiten über das semantische und autobiographische Gedächtnis erklären: Kinder speichern in so einem Fall die elterlichen Interpretationen der Ereignisse im semantischen Gedächtnis, das eigene Erleben dagegen getrennt davon im autobiographischen Gedächtnis. Solche Abgrenzungen innerhalb des Gedächtnisses verhindern eine Anpassung der Repräsentationen im weiteren Entwicklungsverlauf, und als Folge davon werden neue Informationen nicht mehr optimal verarbeitet und die Umwelt demnach in verzerrter Form wahrgenommen. Abwehr hat also das Ziel, Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken auszuschalten, die sonst unerträgliche Ängste und psychisches Leiden hervorrufen würden. Somit hat sie auf kurze Sicht adaptive und schützende Funktion. Werden aber die Aufnahme und Einarbeitung neuer Information in die Repräsentationen von sich und nahestehenden anderen behindert, kann das Bindungssystem nicht mehr angemessen aktiviert werden, was wiederum zu einer Fehlregulationen der Gedanken und Gefühle führen kann. Wenn die eigene Geschichte jedoch ohne Verzerrungen und mit einem gewissen Abstand erzählt werden kann, wird das als Hinweis darauf gewertet, daß eine gelungene Verarbeitung des Erlebten stattgefunden hat und das Geschehene, egal ob positiv oder negativ, auf einem hohen Niveau in das eigene Selbstkonzept integriert wurde. Nur dann beeinflussen die 'Geister der Vergangenheit' nicht mehr auf unfunktionale Weise das aktuelle Erleben und vor allem nicht das Verhalten in engen Beziehungen.

Man hat nun interessanterweise bei Erwachsenen in der Art, wie sie in den Interviews über die eigene Kindheitsgeschichte sprechen, Muster gefunden, die den kindlichen Verhaltensmustern in der Fremden-Situation sehr ähneln: So können sicher-gebundene Erwachsene den gedanklichen und sprachlichen Raum nutzen und frei über ihre Erfahrungen sprechen und diese mitsamt Gefühlen explorieren, ähnlich wie bindungssichere Kinder in der Fremden-Situation, die den ganzen Raum zum Explorieren und Nähesuchen nutzen. Erwachsene mit unsicher-distanzierter Bindungsorganisation gleichen im Diskurs den unsicher-vermeidenden Kindern, da sie sprachlich das Thema Bindung meiden, und sei es um den Preis der Idealisierung oder der Erinnerungslücken. Ihre Strategie ist die Deaktivierung bindungsrelevanter Gedanken und Gefühle, wahrscheinlich um schmerzhaften Erinnerungen aus dem Weg zu gehen. Und dann gibt es noch Erwachsene mit sogenannter unsicher-verwickelter Antwortstruktur im Interview, die nicht mehr aus dem Thema Bindung herausfinden und sich verlieren in ihren hochemotionalen und unintegrierten Erinnerungen -- ähnlich wie die Kinder mit unsicher-ambivalentem Bindungsmuster in der Fremden-Situation, die die Bindungsperson bei Leid gar nicht mehr verlassen können. Die Strategie ist hier bei Kindern wie bei Erwachsenen eine Hyperaktivierung des Bindungssystems bei bindungsrelevanten Themen.

Das bedeutet zusammengenommen, daß man nicht das Glück gehabt haben muß, in eine liebevolle, fürsorgliche Atmosphäre hineingeboren worden zu sein, um später psychische Sicherheit erlangen zu können. Zwar erleichtert eine positive Geschichte ohne Zurückweisungen oder Vernachlässigung das Erlangen psychischer Sicherheit. Viel entscheidender als positive Erfahrungen ist es jedoch, sich mit -- auch negativen Erfahrungen -- der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Dies bildet den Schlüssel zu einer kohärenten Sicht auf die eigene Biographie und die eigenen Bedürfnisse. Reflexion ist also die beste Voraussetzung dafür, eine sichere psychische Konstitution zu entwickeln. Die dadurch erlangte Kohärenz des Geistes beinhaltet vor allem die Fähigkeit, eine Meta-Ebene einnehmen zu können im Bezug auf die eigene Geschichte, das heißt einen Schritt heraustreten zu können und die Dinge sozusagen 'von außen' zu bewerten (im Englischen heißt diese Geisteshaltung to be free to evaluate). Erst dieser Schritt ermöglicht es, die gebotene Flexibilität zu entwickeln im Umgang mit alten, aber eben auch mit aktuellen Ereignissen. Dagegen läßt eine inkohärente, entweder einseitig negative oder eine unrealistisch positive, idealisierende und unschlüssige Schilderung der eigenen Bindungsgeschichte auf Abwehrprozesse schließen, die psychische Bindungsunsicherheit kennzeichnen. In diesem Fall ist davon auszugehen, daß aufgrund früher Zurückweisungen und Verletzungen des Bindungsbedürfnisses die 'alten' Emotionen und Gedanken nicht verarbeitet und integriert sind. Somit stören und beeinflussen sie noch immer das gegenwärtige Handeln und Empfinden.

Besonders wichtig ist das im Rahmen enger Beziehungen auch im Erwachsenenalter. Damit wäre die Brücke zur eingangs erwähnten Prototyp-Hypothese von Sigmund Freud geschlagen: Ist deshalb die frühe Mutter-Kind-Beziehung ein Prototyp für spätere emotionale Beziehungen? Wie eine eigene Untersuchung an Ehepaaren zeigte, konnten Ehepartner, die kohärent über ihre eigene (Herkunftsfamilien-)Geschichte im Interview sprachen, auch ihrem Partner mehr Sicherheit geben. Sie führten stabilere Beziehungen und äußerten mehr Wertschätzung bezüglich ihrer Ehe und ihres Ehepartners. Außerdem konnten sie in Überforderungssituationen besser für den anderen da sein und pflegten zudem eine konstruktivere Streitkultur. Wer jedoch von Zurückweisung in der Kindheit im Interview berichtete, der empfand häufig die eigene Ehe als belastender und konfliktreicher. Und wer wütend, ärgerlich und inkohärent über die früheren Bindungspersonen sprach, der war weniger gut in der Lage, den Partner in Überforderungssituationen zu unterstützen. Besonders bei den Ehefrauen zeigten sich negative Effekte auf das Erleben in der Ehe, wenn sie in wütender und ärgerlicher Weise über frühere Bindungserfahrungen und Bindungspersonen berichteten. Diese Frauen waren nicht besonders wertschätzend ihren Ehepartnern gegenüber und agierten in kontrollierender, verstrickter Weise, was wiederum Unzufriedenheit in der Partnerschaft mit sich brachte. Zusammenfassend läßt sich demnach feststellen: Wer in der Vergangenheit erlebt hatte, daß die eigenen kindlichen Bindungsbedürfnisse in angemessener Weise beantwortet worden waren, der tat sich leichter, diese Bedürfnisse in erwachsenen Bindungsbeziehungen zu äußern, beim Partner zu erkennen und auch zu beantworten. Die Befunde der Studie unterstreichen ebenso die Wichtigkeit der Integration von Bindungserlebnissen in die eigene Biographie. Wer Klarheit hat bezüglich seiner eigenen Geschichte -- ob sie nun positiv oder negativ bewertet wird -- ist eher in der Lage, eine langfristige Bindung einzugehen und dabei ein guter Partner zu sein.

Ebenso ist inzwischen gut belegt, daß die unintegrierten Anteile der eigenen Bindungsgeschichte zu einem großen Teil an die eigenen Kinder weitergegeben werden und eine generationsübergreifende Transmission von Bindungsmustern stattfindet. Vor allem dieses letztgenannte Ergebnis aus der Bindungsforschung kann als Plädoyer für die Auseinandersetzung mit der (eigenen) Vergangenheit verstanden werden: Wer sich weigert diese genau anzuschauen, den wird sie nicht nur einholen -- der wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in die nächsten Generationen weitertragen.

 

autoreninfo 
Dr. Julia Berkic ist Dozentin am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie, Psychologische Diagnostik und Familienpsychologie an der LMU München. Sie hat 2006 ihre Promotion zu Bindung und Partnerschaft bei Langzeit-Ehepaaren abgeschlossen und veröffentlicht. Sie ist in Ausbildung zur systemischen Paar- und Familientherapeutin und hält Fortbildungen und Workshops zu den Schwerpunktthemen 'Frühkindliche Bindung', 'Persönlichkeitsentwicklung und Bindung über den Lebenslauf' und 'Bindung und Partnerschaft'.
E-Mail: berkic@psy.uni-muenchen.de

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