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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> autobiographisches gedächtnis
 

Geschichten vom Ich

von Steffanie Metzger

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* literatur
* druckbares

Autobiographien verstanden als 'Geschichten vom eigenen Ich' sind keine exklusive Angelegenheit der modernen westlichen Industriegesellschaften, sondern stellen ein komplexes Phänomen dar, dessen Spielarten zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten auftreten. Ausgehend vom autobiographischen Gedächtnis bilden sie den Gegenstand eines interdisziplinären Forschungsfeldes aus Entwicklungs- und Sozialpsychologie, Neurologie, Soziologie, Ethnologie und Biologie sowie Literaturwissenschaft und anderen historischen Disziplinen.

 

Autobiographien sind -- das gilt eigentlich spätestens seit Wilhelm Dilthey als abgemacht -- in erster Linie Ausdruck der Ideenwelt der westlichen Moderne; ihr gehäuftes Auftreten nimmt im ausgehenden 18. Jahrhundert zusammen mit der Vorstellung von der Individualität eines jeden einzelnen seinen Anfang: Die "Selbstbiographie", verstanden als die zu "schriftstellerischem Ausdruck gebrachte Selbstbesinnung des Menschen über seinen Lebensverlauf", sei die "höchste und am meisten instruktive Form, in welcher uns das Verstehen des Lebens entgegentritt"; jedoch befinde sich dieses "Bewußtsein der Persönlichkeit" nicht zu allen Zeiten im "gemeinsamen Besitz aller Völker", sondern müsse "im hellen Licht steigernder Kulturarbeit [...] allmählich erworben" werden, wie es Dilthey und sein Schüler Georg Misch etwas pathetisch formulieren. Abzüglich der starken teleologischen Komponente im Denken der Hermeneutiker ist dergleichen längst kulturwissenschaftliches Gemeingut geworden.

Auch Psychologen wie Dan P. McAdams mit seinem "life-story model of identity" begrenzen die Reichweiten ihrer Ansätze explizit auf die Bewohner westlicher Industriegesellschaften: Nur dort herrsche ein "cultural imperative", in der Adoleszenz und später noch einmal in der Midlife-Crisis das eigene Leben mittels einer möglichst kohärenten Geschichte -- bestehend aus Plot, Charakteren, wechselnden Schauplätzen und übergreifenden Motiven -- zur Ganzheit ("unity") zu formen, um ihm auf diese Weise Sinn ("purpose") zu verleihen und eine selbständige, einzigartige Identität auszubilden. Die Geschichte geht dabei normalerweise so (oder ähnlich): Der Kern des Ichs ruht tief im 'Innern' einer Person und bleibt durch die Zeit hindurch mit sich selbst identisch. Die nur temporär eingenommenen sozialen, von 'außen' herangetragenen Rollen dagegen können ohne weiteres immer wieder gewechselt, wie eine Maske recht beliebig auf- und abgesetzt werden und liegen nicht selten im Konflikt mit dem 'wahren', 'authentischen', einzigartigen und essentialistisch gedachten 'Wesen' des Individuums. Die Lebensbeschreibung organisiert sie häufig entlang einer Folge von inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Wünschen bzw. Überzeugungen, an deren Ende idealerweise die harmonische, gereifte Persönlichkeit steht, bei der 'innen' und 'außen' endlich zur Übereinstimmung gelangt sind.

 

Das Ich zu anderen Zeiten

Faßt man den Autobiographie-Begriff dagegen etwas weiter und trennt ihn zu diesem Zweck von der neuzeitlichen Individualitätssemantik, so lassen sich natürlich zu anderen Zeiten, an anderen Orten ebenfalls Texte auffinden, in denen ein Ich über sich selbst spricht. Eva Kormann zum Beispiel hat in ihrer Studie zur Autobiographik -- darunter versteht sie unterschiedliche Arten von Selbstzeugnissen wie Briefe, Chroniken, Hausbücher etc. -- von Frauen aus dem 17. Jahrhundert gezeigt, daß die eigene Person dort jeweils "bezogen wird auf eine Gruppe, zu der zugehörig man sich beschreibt, oder auf Dinge oder Ereignisse in der Welt, mit denen man sich verbunden sieht". Hier geht es also noch keineswegs darum, sich selbst als von anderen prinzipiell unterschieden oder unabhängig darzustellen; vielmehr äußert man sich über sich selbst, indem man die eigenen Relationen zu Bezugsgrößen wie der Familie, der Klostergemeinschaft oder auch zu Gott nachzeichnet. Anders als in modernen Autobiographien -- als Paradebeispiel dient zumeist Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit -- spricht hier kein autonomes, einzigartiges Subjekt. Ebenso wenig handelt es sich allerdings um ein fremdbestimmtes, von außen gesteuertes Selbst. Eher könnte man sagen, daß das Ich-Konzept schlicht ein anderes ist; ein Ich bestimmt sich im 17. Jahrhundert offenbar durch Beziehungen (zu Gott, zur Familie, zur Klostergemeinschaft...), weniger durch einen von allen anderen radikal getrennten, unverwechselbaren Persönlichkeitskern. Die dazugehörige Geschichte vom eigenen Selbst konstituiert Identität, das heißt Übereinstimmung mit sich selbst durch die Zeit.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen Arbeiten, die sich nicht mit dem Sprechen und Schreiben über das Ich in vergangenen Zeiten, sondern vor allem mit an anderen Orten entstandenen Äußerungen über das eigene Leben befassen: In der Sozialpsychologie und Ethnologie spielen Unterscheidungen wie "egocentric" versus "sociocentric" (Shweder/Bourne), "metonymic"/"synecdochic" (Krupat) oder auch "independent" gegen "interdependent self" (Markus/Kitayama) eine wichtige Rolle, wenn die Selbstkonzepte anderer, teilweise indigener Völker im Gegensatz zu denen Westeuropas erfaßt werden sollen. Die Betonung liegt dabei in der Regel auf dem plakativen, scharfen Kontrast zwischen dem westlichen, an der eigenen Einzigartigkeit orientierten Selbstbild und dem vor allem durch Markus und Kitayama vornehmlich der asiatischen Bevölkerung zugeschriebenen Ich, das wesentlich deutlicher an der Gruppe und dem Aufrechterhalten intakter, harmonischer sozialer Beziehungen, das heißt "kollektivistisch" orientiert sei: Frank Sinatras "I did it my way!" zieht dort eher Sanktionen nach sich, während es anderswo geradezu gefördert und prämiert wird. Dazu passen die Beobachtungen, die Arnold Krupat an den autobiographischen Äußerungen nordamerikanischer Indianer gemacht haben will: Sie verstünden die eigene Person als Instanz, die stellvertretend für ein größeres Ganzes, das heißt soviel wie für den eigenen Stamm, steht einer Synekdoche nicht unähnlich. Gefragt nach ihrem persönlichen Leben schildern sie die Geschichte der gesamten Gemeinschaft, inklusive längst verstorbener Vorfahren.

Wer aus diesen und vergleichbaren Befunden nun schlußfolgern möchte, das autonome Ich sei eine Erfindung der westlichen Industriegesellschaften -- und es damit häufig, man denke noch einmal an Dilthey und Co., zum Höhepunkt einer Jahrtausende währenden Fortschrittsgeschichte stilisiert, oder aber es, dem poststrukturalistischen Populismus folgend, als lediglich eine unter zahlreichen anderen möglichen großen Erzählungen abtut --, der macht es sich entschieden zu einfach: Die Sache ist bei weitem komplexer.

 

Das Ich anderswo

Zwar finden sich in der ethnologischen Literatur in der Tat nicht wenige Hinweise auf indigene Völker, deren autobiographische Erzählungen den westeuropäischen Hörer einen unabhängigen, seinem inneren Wesen gemäß agierenden und sein wahrhaftiges Selbst vor dem Publikum ausbreitenden Protagonisten vermissen lassen: zum Beispiel berichtet Volker Heeschen von den "big men" der Eipo und Yalenang im Bergland von Westpapua, die durchaus mit einem "Ich" nicht nur auf die eigene Person, sondern ebenso auf ihre Väter und Großväter, auf die Ahnen referieren. Sie verkörpern als Anführer der Gruppe dieselbe, sie sind sozusagen in gewissem Sinne die Gemeinschaft. Ist das Selbst demnach wirklich eine Sache der kulturellen Prägung, unser modernes Ich-Bewußtsein lediglich Ergebnis unserer Sozialisation und anderswo bzw. in vergangenen Zeiten wirklich so gut wie unbekannt?

Bevor man sich an diese großen Probleme wagt, lohnt es stets, daran zu erinnern, daß kulturelle Imperative oder auch nur soziale Erwartungshaltungen nicht von vornherein mit individuellen Geistesinhalten identisch sein müssen; was immer die Semantik propagiert -- ob das der einzelne dann auch unreflektiert und ohne Modifikationen übernimmt, ist eine ganz andere Frage. Insofern empfiehlt es sich, neben der Konzentration auf die (historische) Semantik einer Gesellschaft den Bottom-up-Ansatz der Naturwissenschaftler -- in unserem Fall wären das in erster Linie neurologische, entwicklungspsychologische, sowie biologische Untersuchungen zur Funktionsweise, ontogenetischen Entstehung und evolutionären Funktion des autobiographischen Gedächtnisses -- nicht außen vor zu lassen, da hier zum wissenschaftlichen Gegenstand wird, was allen Menschen gemeinsam ist und im Buchstabensinn als universal gelten darf. Ehe wir dazu kommen, kehren wir jedoch noch einmal zurück zu den Kommunikationen der Eipo:

Neben den "big men", die unbefangen von sich, das heißt auch von den bereits verstorbenen Vorfahren berichten, gibt es nur wenige unter den Eipo, die tatsächlich das Wort "Ich" in den Mund nehmen; es wäre schlicht zu peinlich. Ausnahmen bilden laut Heeschen lediglich Kinder, welche die Konvention des schamhaften Verschleierns ihrer Person noch nicht beherrschen, ebenso wie intime Gespräche in kleiner Runde oder aber Berichte einzelner davon, wie sie sich ausgezeichnet, das heißt wie sie sich "einen Namen gemacht" haben. Insofern ist es ein Fehlschluß, aus der Abwesenheit von expliziter Selbstreferenz innerhalb der Kommunikation zu folgern, daß dieses Selbst gar nicht existiert; wer etwas auf sich hält, spricht bloß tunlichst nicht davon.

Erst seit neuestem (die Eipo wurden erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts kontaktiert), seit moderne 'Entfremdungserfahrungen' auch Westpapua erreicht haben, häufen sich explizite Aussagen zur eigenen Person: Bekehrungserlebnisse im Rahmen der Christianisierung, abenteuerliche Reisen aus dem heimischen Bergland zur Küste etc. geben Anlaß hierzu. Umbrüche und relativ radikale Veränderungen innerhalb einer zuvor lange Zeit mehr oder weniger stabilen Stammesgemeinschaft lassen ein Bewußtsein dafür entstehen, wie anders die Dinge doch sein könnten, als sie sich im Moment gerade darstellen; Niklas Luhmann belegt dergleichen Situationen mit der Rede vom Einbruch der 'Kontingenz' in die Lebenswelt. Historisch verortet er sie für den deutschsprachigen Raum im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts -- nicht umsonst formiert sich in diesem zeitlichen und räumlichen Umfeld auch die Gattung der Autobiographie im engeren, zu Beginn angesprochenen Sinn. Die nach und nach zusehends Fahrt aufnehmende funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft scheint Konsequenzen nach sich zu ziehen, die den Geschehnissen im Hochland von Papua nicht unähnlich sind: Wer sich selbst in neuen, bisher so nicht dagewesenen oder wenigstens durch die aktuelle Semantik vorbereiteten Situationen wiederfindet, für den verlieren wohl alte Selbstverständlichkeiten ihre bisherige Plausibilität, erscheinen die Dinge weit weniger fix und unverrückbar als bisher. In Westeuropa reagierte die Semantik auf diese neue Problematik, indem sie das individuelle Ich zu dem Ort erklärte, an dem jedermann seine zahlreichen unterschiedlichen, teilweise auch untereinander widersprüchlichen gesellschaftlichen Rollen zu koordinieren hatte; das moderne, autonome Selbst erweist sich als die Lösung eines Attribuierungsproblems (Wolfgang Prinz). Eine Instanz jedoch, die zugleich durch die Zeit stabil und doch Veränderungen zu integrieren in der Lage sein soll, konstituiert sich am einfachsten durch eine Geschichte, die der einzelne sich selbst und in Form seiner Autobiographie dann auch allen anderen erzählt; die Doppel-Konstruktion aus sich wandelndem Protagonisten und statischem Erzähler lädt geradewegs dazu ein. Die explizite Rede vom Ich schafft demnach beständige Zurechnungspunkte, will heißen Identitäten und soziale Adressen, an die man sich erst einmal halten kann -- im Papua der Gegenwart wie im deutschsprachigen Raum des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das Etikett 'modern' markiert in unserem Zusammenhang also nicht in erster Linie die Existenz eines, von der äußeren, von Fremderwartungen bestimmten sozialen Rolle unterscheidbaren 'inneren' Persönlichkeitskerns -- ein solcher scheint etwa den Eipos seit langem bekannt zu sein, wenn auch vielleicht statt einzigartig eher als "synecdochic self" (Krupat) organisiert --, sondern steht vielmehr für das Erfordernis, sich öffentlich mit diesem Persönlichkeitskern zu identifizieren, indem man unmißverständlich direkt auf ihn referiert, statt ihn verschämt zu verbergen: In der Moderne ist das Ich zum Problem geworden.

Angesichts der komplizierten Sachlage lohnt es, eine Differenzierung von William James heranzuziehen, um einen Pfad ins terminologische Dickicht zu schlagen. Er unterscheidet kurz und bündig zwischen "I" und "Me", wobei für uns nicht das den 'stream of consciousness' bezeichnende "I", dafür aber die Kategorie des "Me" von zentralem Interesse ist: Menschen vergegenständlichen sich als einzige Spezies durchgängig selbst; das heißt, sie thematisieren mittels der Darstellungsfunktion der Sprache (Bühler) neben Tischen, Bäumen oder anderen, auch momentan abwesenden Dingen, ebenso die eigene Person. Diese besitzt dabei alle Eigenschaften einer Sache, der man gegenüber steht, einer Entität, welche von außen betrachtet wird -- mit einer Besonderheit: Das Referenzobjekt organisiert sich als (Lebens-)Geschichte, als kohärent gefaßte Abfolge von Geschehnissen in der Zeit; es ist eine Geschichte und ein als Ganzes zu fassendes Ding in einem. Wie genau diese Narration dann jeweils im Einzelfall tatsächlich aussieht -- ob sie von kompletten Stammesgemeinschaften oder von einer einzigen unverstandenen Seele handelt, ob sie unaufgefordert etwa in Form einer gedruckten Autobiographie einem großen Publikum präsentiert oder doch lieber schamhaft von ihr geschwiegen wird -- das ist wohl eine Frage des jeweiligen kulturellen und sozialhistorischen Kontextes.

 

Das Ich kognitionswissenschaftlich

Überhaupt scheint es sich bei Lebensgeschichten von allem Anfang an um eminent soziale Veranstaltungen zu handeln: Kinder erlernen erst in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen die Inhalte ihres autobiographischen Gedächtnisses als Narrationen zu gestalten, in denen sie selbst als Hauptfigur auftreten. Derartiger "memory talk" (Katherine Nelson) ist eng an den Spracherwerb gekoppelt. Er sorgt in zahllosen Frage- und Antwortspielen zwischen Elternteil und Kind (Nelson: "Co-Narrationen") ab dem Ende des zweiten Lebensjahres dafür, daß Erinnerungen an persönliche Erlebnisse ("Zoobesuch") mehr und mehr in eine korrekte temporale Abfolge gebracht, auf die eigene Person bezogen ("Wir sind Auto gefahren, dann im Affenhaus waren junge Affen..." -- "Und dann bist Du auf dem Kamel geritten?" -- "Ja, dann bin ich geritten, und dann..."), emotional eingefärbt ("...habe ich die Ziege gefüttert und gestreichelt und..." -- "Und was hat Dir am besten gefallen?" -- "Die Ziegen!") und schließlich mit dem Ende der Pubertät zu einer eigenständigen Persönlichkeit mit individuellem autobiographischem Gedächtnis zusammengefügt werden. Eine eigene, Identität stiftende Lebensgeschichte entsteht.

Erst zu diesem Zeitpunkt, etwa ab dem 20. Lebensjahr, lassen sich auch in bildgebenden Verfahren tatsächlich signifikante Unterschiede in der Aktivierungsintensität des semantischen Gedächtnisses im Gegensatz zum episodischen, also dem autobiographischen Gedächtnis, je nach Art des dargebotenen Stimulus nachweisen: Der Abruf allgemeinen Weltwissens ("Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland") aktiviert im Gehirn eines Erwachsenen vor allem frontale und temporale Regionen der linken Hirnhälfte -- zuständig bekanntlich vor allem für Zahlen, Daten und Fakten --, während Inhalte, die man selbst erlebt hat ("der verregnete letzte Urlaubstag in Berlin"), eher durch dieselben Regionen in der rechten Hirnhälfte, die gemeinhin als zuständig für Kreativität, Emotionen und visuell-räumliches Denken gilt, bearbeitet werden. Das semantische Langzeitgedächtnis prozessiert also nicht in erster Linie persönliche Erfahrungen; es erweist sich damit als vom komplexeren autobiographischen Langzeitgedächtnis unterscheidbares, eigenständiges System.

Letzteres zeichnet sich durch einige besondere Merkmale aus: Seine Inhalte sind stets an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit gebunden; will man sie nachvollziehen, so unternimmt man eine virtuelle Zeitreise, zurück zum Beispiel zu jenem verregneten letzten Urlaubstag in Berlin -- das autobiographische Gedächtnis ist also eher räumlich-visuell, weniger sprachlich organisiert (Antonio Damasio spricht metaphorisch von einem Film, der in Gedanken abläuft). Mit der Erinnerung verknüpfen sich hier Emotionen, Stimmungen, und immer auch Selbstreflexion; in der Rückschau werden wir uns selbst zum bedenkenswerten Objekt, machen wir uns selbst zum Gegenstand unseres Nachsinnens. Dabei bleiben wir freilich den Tatsachen nicht immer treu. So verschmelzen etwa viele ähnliche, konkrete Einzelepisoden zu ein- und derselben generischen Erinnerung ("der wöchentliche Großeinkauf"), und Probanden erinnern sich eher an kürzlich Geschehenes, als an länger Zurückliegendes wirklich korrekt. Auch wissen wir eher, was geschehen ist, während wir den genauen Zeitpunkt des Ereignisses recht bald vergessen. Wenn Einzelerlebnisse explizit archiviert werden, dann handelt es sich dabei fast immer um emotional sehr stark besetzte Episoden: Beinahe jedermann weiß auch mehr als fünf Jahre später noch recht exakt zu berichten, was genau er gerade im Begriff war zu tun, als das erste Flugzeug mit einem der Twin Towers kollidierte.

Was passiert, wenn das autobiographische Gedächtnis seinen Dienst versagt, das zeigt sich bei Patienten, die unter der als Korsakow-Syndrom bekannt gewordenen Störung leiden (und ist zugleich ein weiterer wichtiger Hinweis auf seine Universalität): Berühmt sind die beiden Fallschilderungen, die der Neurologe Oliver Sacks aus seiner Praxis dokumentierte. Unter anderem berichtet er von dem ehemaligen Kaufmann Mr. Thompson, der nicht mehr in der Lage zu sein schien, sich im Hier und Jetzt zurecht zu finden. Zwar hatte er Zugriff auf sein semantisches Gedächtnis und auch auf seine vor der Krankheit liegenden persönlichen Erinnerungen, war jedoch nicht mehr imstande, neue Erfahrungen in sein Wissen zu integrieren. Daraus ergab sich das ständige Bedürfnis, das aktuelle Erleben durch fortlaufendes Fabulieren in permanent neu erzählte -- wahre genauso gut wie frei erfundene -- Geschichten einzubinden und ihm so einen 'Sinn' zu verleihen, um auf diese Weise eine stabile Identität auszubilden: In der einen Sekunde hielt er sein Gegenüber für den jüdischen Metzger von nebenan, um dann gleich im nächsten Moment, sobald die erste Diskrepanz zwischen dem gerade Erlebten und der Erinnerung an jenen Schlachter auftrat, auf die These umzuschwenken, der Gesprächpartner sei nicht besagter Bekannter, sondern der Mechaniker von der Tankstelle die Straße runter, der sich als Doktor verkleidet habe, welcher sodann in Mr. Thompsons Wahrnehmung zu seinem Hausarzt mutierte und immer so weiter fort. Dabei zeichnete sich der Redestrom des Patienten durch eine eigentümliche Ausdruckslosigkeit aus; ihm schien alles einerlei zu sein, er wirkte aufgeregt und unbeteiligt zugleich. Dieser Befund läßt sich recht gut mit der oben referierten Eigenart des episodischen Gedächtnisses erklären, Erinnerungen stets emotional einzufärben -- verfügt man über kein funktionierendes autobiographisches Erinnern mehr, so mangelt es einem auch an gefühlsmäßigem Engagement. Sacks interpretiert das Verhalten Mr. Thompsons als den Versuch, eine narrative Kontinuität des gegenwärtigen Erlebens zu sichern, einen festen, mit sich selbst durch die Zeit identischen Bezugspunkt zu schaffen -- also genau die Aufgabe zu übernehmen, die üblicherweise dem autobiographischen Gedächtnis zukommt. Mit William James könnte man auch sagen: Mr. Thompson fehlt die Fähigkeit, sich ein stabiles "Me" zu konstruieren. Er ist sozusagen nicht länger imstande, sein Erinnern an die jeweils akuten Erfordernisse der Situation anzupassen (da ihm die Fähigkeit abgeht, überhaupt noch etwas Neues zu erfassen), obwohl er sich gerade darum beinahe verzweifelt bemüht.

 

Das Ich als Produkt des Jetzt

Dabei demonstriert er eine der auffälligsten Eigenschaften des autobiographischen Gedächtnisses: Es bleibt stets funktional an die aktuelle Gegenwart gebunden. Das Erinnern arbeitet im allgemeinen nicht daran, Vergangenes akkurat unter weitgehender 'Fehler'-Vermeidung zu rekonstruieren, sondern versucht, die Inhalte des episodischen Gedächtnisses auf die Erfordernisse des Augenblicks hin zuzuschneiden. Statt die immer gleichen Dokumente aus einem geistigen Archiv lediglich wieder hervorzuholen, handelt es sich beim Vergegenwärtigen zurückliegender Ereignisse vielmehr um einen Vorgang, bei dem jene Dokumente gemäß den wechselnden, momentanen kognitiven und emotionalen Bedürfnissen des Individuums überschrieben, neu organisiert und inklusive solcher kleinerer oder größerer Änderungen erneut abgespeichert werden. Nicht zuletzt darin zeigt sich einmal mehr die starke Interdependenz von biologischen und soziokulturellen Faktoren, die in ihrer Wechselwirkung gemeinsam den Ansatz zu einer Erklärung des autobiographischen Erinnerungsprozesses ergeben könnten.

Dazu passende weitere Ergebnisse liefert die am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen angesiedelte interdisziplinäre Forschungsgruppe um den Sozialpsychologen Harald Welzer. Gemeinsam mit Hans Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie an der Uni Bielefeld, dokumentiert man dort im Projekt "Erinnern und Gedächtnis" unter anderem, wie das Repräsentieren autobiographischer Erfahrungen im Gehirn nicht nur an momentane Erfordernisse der aktuellen Gegenwart angepaßt ist, sondern ebenso den differierenden Ansprüchen unterschiedlicher Lebensphasen wie Pubertät oder hohes Alter gerecht wird: Anders als adulte Probanden zum Beispiel scheinen Jugendliche, zumindest was die Intensität der Aktivität der entsprechenden neuronalen Erregungsmuster betrifft, noch nicht weiter zwischen dem Zurückgreifen auf Fakten des Weltwissens und dem Zurückdenken an persönliche Erlebnisse zu unterscheiden. Statt wie Erwachsene auf Stimuli der Sorte "unser verregneter letzter Urlaubstag in Berlin" mit einer gegenüber Formulierungen wie "Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland" gesteigerten Aktivierung des medialen präfrontalen Cortex -- zuständig für emotionale und soziale persönliche Erinnerungen -- zu reagieren, lassen sich bei den Jugendlichen in bildgebenden Verfahren kaum Unterschiede in der Verarbeitung derartiger Sätze feststellen. Heranwachsende engagieren sich demnach gefühlsmäßig bei semantischen Inhalte nicht weniger als bei Erfahrungen, von denen sie selbst unmittelbar betroffen waren, da sie sie am eigenen Leib gemacht haben. Psychologin Silvia Oddo interpretiert diese Befunde als einen Beleg dafür, daß in der Adoleszenz die eigenständige Persönlichkeit erst im Entstehen begriffen und daher eine stabile Identität, die deutlich zwischen emotional gefärbten autobiographischen Inhalten und neutralen Fakten differenziert, noch nicht ausgeprägt worden ist; im Erwachsenwerden -- und das kann man auf der hirnphysiologischen Ebene direkt nachvollziehen -- entscheidet sich gewissermaßen, womit wir uns in der Zukunft identifizieren werden. Die Arbeit des autobiographischen Gedächtnisses ist funktional auf die, in diesem Fall ontogenetisch aktuellen Erfordernisse hin optimiert.

Nimmt man statt der Jugend das Alter in den Blick, so dokumentiert sich ebenfalls ein faszinierender Effekt, der in dieselbe Richtung weist: Bei über 60jährigen 'semantisiert' die lebensgeschichtliche Erinnerung. Sie behandeln ihre persönlichen Erfahrungen im Prinzip genauso wie ihr Weltwissen, nämlich wie unverrückbare, objektive Fakten. Daß "Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist" und daß sie selbst "als Soldat in der Wehrmacht dienten" impliziert für sie von der emotionalen Beteiligung her keinen wirklich großen Unterschied mehr. Die Zeit heilt offenbar manchmal tatsächlich alle Wunden.

Insofern macht es in bezug auf das immer auf die Erfordernisse der aktuellen Gegenwart hin, und nicht auf das detailgetreue Reproduzieren vergangener Erlebnisse konzentrierte autobiographische Gedächtnis für Forschungszwecke tatsächlich nur begrenzt Sinn, dessen Inhalte als 'wahr'/'falsch' oder 'authentisch'/'inauthentisch' zu markieren. Statt sich zu fragen, ob die Person x ihre bisherige Lebensgeschichte auch wahrhaftig und ehrlich geschildert und an welchen Stellen sie eventuell doch eher etwas geschwindelt und beschönigt habe (was in der Autobiographieforschung nach wie vor ein gutes Aufsatzthema hergibt), ist es wohl produktiver anderswo anzusetzen: Warum -- das heißt aus welchen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) entwicklungspsychologisch, ethnologisch, historisch, biologisch, neuro- und/oder sozialwissenschaftlich eruierbaren Gründen -- repräsentiert ein einzelner, eine bestimmte Gruppe seine bzw. ihre Autobiographie(n) in der vorliegenden und in keiner anderen Art und Weise? Welche Funktion kommt den (im weitesten Sinne) Texten dabei zu? Was für allgemeine, grundlegende Eigenschaften des autobiographischen Gedächtnisses und seiner Entstehung lassen sich anhand des Beispiels zeigen?

Um solche Fragestellungen angehen zu können, ist es nicht nur unerläßlich, interdisziplinär zu arbeiten, sondern ebenso wichtig, sich nicht von vornherein auf die Werke des kanonischen Höhenkamms zu beschränken. Wir hoffen mit dieser Ausgabe gerade außerhalb der Gärten und Parks der gepflegten Erinnerungskultur, dort wo der autobiographische Wildwuchs ungehemmt vor sich hinwuchern kann, vielleicht erste Ansätze zu Antworten auf die Leitfrage zu finden, wie und warum ein Ich sich selbst erzählt.

 

autoreninfo 
Steffanie Metzger, geboren 1979, studierte Germanistik, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der LMU München. Sie begeistert sich neben Kognitionswissenschaften und Systemtheorie für Autobiographien, die Literatur der neuen Sachlichkeit und für Fiktionalitätstheorie.

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