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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> frauenbiographien
 

Unsere Wüstentöchter

Zur Rezeption von Autobiographien naher und ferner Frauen

von Ulrich van Loyen

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* druckbares

In jedem Buchladen, in jeder Bibliothek werden wir mit den angeblichen Selbstzeugnissen ausgebeuteter und mißhandelter Frauen aus fremden Kulturen konfrontiert. Dabei läßt sich diese Fremdheit nur auf dem Boden einer vorausgesetzten Gemeinsamkeit konsumieren, was Leser und Autoren in ein prekäres Verhältnis zueinander setzt.

 

I

Zwei konträre Beobachtungen zum Anfang: unweit der Berliner Friedrichstraße, in relativer Nähe zu Daniel Libeskinds beeindruckendem Jüdischen Museum, spielen zwei türkischstämmige Jungen, kaum älter als zehn Jahre. Der eine, Größere, reißt den anderen am Ärmel, der fällt, regt sich auf, hebt zu einer Litanei an, der Größere schilt: "Du Opfer!" Und schon ist der andere auf den Beinen und die Rangelei geht richtig los.

Dagegen in München, auf einer Lesung im Colibris -- es geht um ein Buch, das traumatische Kindheitserfahrungen zum Gegenstand hat -- erhebt sich nach dem Szenenapplaus eine Dame mittleren Alters, gestylt im Dutzendstil, und erklärt, es sei ihr auch so gegangen, was da eben vorgelesen wurde, könnte sie aus eigener Erfahrung durchaus bestätigen, wollte aber hinzufügen, daß... Die Dame wird gehört, breitet erlittenes Unrecht aus, spart nicht mit Einblicken in ihr Innenleben, dann folgt Stille, gemurmelte Bestätigung, zaghaftes Händeklatschen. Wahrscheinlich hat die Dame sich mehr erhofft, der Abend geht zu Ende.

Was sich hier in Dichotomien von 'männlich' vs. 'weiblich', 'morgenländisch' vs. 'abendländisch', 'archaisch' vs. 'zivilisiert' darstellt -- und unter diesen jeweiligen Rubriken in gescheiten Leitartikeln erklärt wurde -- ist für das Thema 'Autobiographie' von nicht nur peripherem Interesse. Hier geht es um Strukturmodelle. Das ist zu erläutern.

Avanciertes autobiographisches Erzählen schafft Rollen, die keineswegs transzendental eingenommen, sondern in den sozialen Verkehr eingespeist werden und daraus zu Fortsetzungen drängen -- der Erzähler ist zum Autor seines Lebens geworden, er hat nicht nur einen 'autobiographischen Pakt' (Lejeune) eingelöst, sondern aus seinem Dasein Mehrwert generiert. Eines der besten Beispiele dafür ist die vierbändige Selbstbefragung des französischen Ethnologen Michel Leiris (natürlich ließen sich diese Rollen immer weiter hochschreiben, aber im Leben bleiben die Realisierungsmöglichkeiten begrenzt, ab einem gewissen Level werden sie sogar für weitere autobiographische Projekte irrelevant. Es sei denn, man ist als Autobiograph auch ein Dandy). Doch was für Leiris -- und vermutlich für jede Autobiographie, die einen mehr literarischen als dokumentarischen Anspruch verfolgt -- eher ein Problem aufwarf, daß nämlich der Autor sich mit dem Schreiben seiner Lebensgeschichte vom dargestellten Ich lossagt, den Lebenszusammenhang ob des Trennstrichs im Text auflöst, ist für schlichtere Gemüter -- die das erzählte Ich in der Realität neben sich angekommen wissen möchten -- die Lösung. Für sie bleibt nur die Frage: wo steht man jetzt, und wovon galt es sich zu emanzipieren? Dem aktuellen Ich geht es um seine derzeitige Stellung in der Welt, sie muß, zumal in einer pluralistischen Gesellschaft, fortwährend verteidigt werden. Sie ist immer in Diskussion, kann sich nur durch Diskussion bewähren. Sie zu befestigen heißt, auf eine Argumentation einzuschwören, die alle Zuhörer teilen müssen. Meine erste These lautet: nichts liegt da näher als die Opfergeschichte. Denn Verhinderte und Benachteiligte als 'gleichwertig' anzuerkennen, dazu erzieht man jeden Kindergartenzwerg. Auch wird in frühen Jahren bereits die Opferperspektive eingeübt, weil wir schließlich nicht allein von Kant, sondern auch von John Rawls gelernt haben. Und Deutschland als neue europäische Mittelmacht hält sich auf seine historisch erworbene Empathiefähigkeit einiges zugute. Woran alle Einwände zerbrechen, das ist der Opferstatus, der Rest spielt sich (s.o.) auf den Hinterhöfen der Zivilgesellschaft ab. So wenigstens scheinen die Gleise zu verlaufen, in denen sich die Rezeption -- und um nichts anderes soll es im folgenden gehen -- abspielen könnte.

 

II

"Jetzt kann ich erzählen, was mir eigentlich passiert ist." Es war nicht immer so. Und es gerinnt auch nicht immer zur 'Erzählung', sondern verschreibt sich oft genug jenem Protokollstil, dessen Form schon offenbart, daß einem etwas 'angetan' wurde. Das Protokoll eines Lebens, von ihm selbst erzählt: unlängst dokumentierte es sich in Interviews der Tagespresse und in Talk-Shows, wenn ein hochbezahlter Eiskunstlauftrainer und ehemaliger Stasi-Spitzel buchstäblich aus der Rolle fällt. "Man hat mich...", "Ich wurde verpflichtet" -- diese Passivkonstruktionen bilden einen nicht abreißenden Lebensfaden, nur kurzzeitig unterbrochen durch eine 'Karriere', die jetzt aussieht wie ein Betriebsunfall und derentwegen der Gast überhaupt auf dem Stuhl sitzen darf. Freilich handelt es sich um die sprachliche Modellierung von Solidaritätserheischung, wir durchschauen es gleich. Der Verweis auf die Jugend färbt den Protokollstil noch 'authentischer', die Regression ist der Preis, den man für die Absolution zahlen muß. Darin werden "sie alle" und "wir" zu unmündigen Kindern -- aber wer vergibt dann und spricht die Sünden los? Strenggenommen niemand, denn dies würde ja gerade den Anspruch auf das eigene Leben und dessen Geschichte voraussetzen, und der ist nicht kommunikabel, weil er die anderen ausschließt -- er ist undemokratisch oder Kunst. Die Evangelisierung der Opfergemeinschaft ist auch die Evangelisierung der Sünder. So wird der berüchtigte erste Stein entweder von allen zugleich geworfen oder von niemand.

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Abb. 1

Weniger protokollarisch, ausschweifender und doppelbödiger geht es zu in den Texten von und über Frauen, von denen hier die Rede sein soll -- wenngleich meistens ein Interview, also doch wieder ein Protokoll, am Anfang stand. Wie herrlich der Buchmarkt, selbst ein Ort der Opferungen, von Opferreden widerhallt, wird anhand der Titel aus den letzten Jahren ersichtlich: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen (2005), Hinter goldenen Gittern. Ich wurde im Harem geboren (2001) oder Bei lebendigem Leib (2004). Das im Titel emphatisch geführte Ich findet seine Entsprechung in dem wilden, bisweilen visionären, manchmal auch verschleierten Blick der Frauen, die von den Covers herunteräugen. Dabei scheinen die Gestalter auf einen ambivalenten Faktor zu setzen: die Autorin (trotz besseren Wissens nennen wir sie so), die etwa von Einschüchterungen oder Gewalt innerhalb ihrer islamischen Familie und Gesellschaft berichtet, darf ebenso Mitleid und Empathie hervorrufen wie das von den "Geiz-ist-geil"-Gesetzestafeln altbekannte Erste Gebot aktualisieren: Kauf mich! Besonders interessant ist dies etwa im Falle von Choga Regina Egbemes Haremsbericht: offensichtlich handelt es sich bei der hellhäutigen verschleierten Muslima nicht um die Autorin (diese wurde in Lagos geboren, das bekanntlich die Hauptstadt von Nigeria ist), vielmehr um eine ideale Haremsschönheit, die man(n) gern in seinen Besitz brächte. Jedes Opfer erhält lebenslänglich, davon leben die Strategen des schönen Scheins. An die Gestalter würde man gern die Frage stellen, ob sie nicht insgeheim den Blick aufs Cover mit dem (imaginären) Blick des Täters kurzzuschließen suchen, eine Gefühlsambivalenz erzeugend, die Freuds Trieblehre als Basistheorem für Ein- wie Ausgliederungsvorgänge anwendet. Aber was geschieht so mit der Opferperspektive, mit den Augen der letztlich real mißhandelten Menschen? In ihrer Singularität ist sie gewiß nicht einzunehmen, unser Unvermögen, dies zu bewerkstelligen, ist es auch, was den fortwährenden Anspruch dieserart Literatur aufrecht erhält, die es, zum Teil wenigstens, auf unser schlechtes Gewissen abgesehen hat. Vermutlich 'funktionieren' jene Berichte nicht zuletzt deshalb, weil sie die Übertragung des zwischen den Buchdeckeln verfrachteten Konflikts auf den Leser leisten, der sich nun als Opfer (als das sprechende Ich, das möglichst mit Allerklärungssätzen einschreitet) wie auch als Täter (als derjenige, der die Schöne mit dem Buch aus dem Harem kaufen möchte/soll) zu entdecken hat. Dort könnten, falls die Werke einigermaßen gut geschrieben sind, sich die pädagogisch wertvollen Anteile entfalten: Zivilisierung durch Katharsis. Nur möge man der Versuchung widerstehen, das Cover nach der Lektüre ein weiteres Mal anzuschauen.

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Abb. 2

Doch halt: Ist diese Stimulation der Oberfläche etwas anderes als meine chauvinistische Männerphantasie? Interessieren sich die Marketingstrategen überhaupt für einen männlichen Blick, wollen sie ihn den lesenden/kaufenden Frauen vorübergehend leihen, und wenn ja, was würde daraus folgen? Hier in weitere Tiefen vorzudringen, erübrigt sich, verstehe ich doch kaum etwas von der weiblichen Rezeption dieser Buchumschläge. Dabei sind es, sämtlichen Statistiken zufolge, doch Frauen, die jene Bücher kaufen und lesen, und auf deren Identifikation die Ausgestaltung der Protagonisten offensichtlich setzt. Offensichtlich, weil die mir vorliegenden Werke (sprich: jene oben genannten Titel) allesamt mit der Beschreibung beginnen, was Weiblichkeit in diesem oder jenem Kontext verheißt. "Als Frau im Dschungel", "als Mädchen in der Dorfgemeinschaft", "als Mädchen in den Fünfzigern" und so weiter. Die ersten Seiten von Bei lebendigem Leib, der Geschichte einer ehren(mörder)haften Familie, laden nachgerade ein, sich "als Frau" (und nur als das: hier spricht das "nackte Leben") einige tausend Kilometer nach Südosten zu versetzen, so simpel und dennoch plastisch wird hier die Vorstellungskraft gekitzelt. Für einen Mann ist diese Operation relativ voraussetzungsreich, denn es wäre schon wichtig zu wissen, wie eine 'normale' weibliche Pubertät abläuft, bevor ich diese im Westjordanland durchzuspielen vermag. Das rezeptionsästhetische Transfer-Konzept ist allerdings hausbacken, der Oxforder Sozialanthropologe Evans-Pritchard hat es -- als er über die Arbeiten zeitgenössischer Totemismus-Theoretiker schrieb -- als die "If I were a horse"-Psychologie bezeichnet; aber es mag Grundkonstanten des Femininen geben, die so sehr determinieren, daß die Identifikation zum Zwecke des Erkenntnisgewinns tatsächlich aufgeht. Andererseits stellt sich die Frage, ob nicht gerade solche Verfahren die Opposition von sozialem und biologischem Geschlecht auf die Spitze treiben, denn der Transfer gelingt aufgrund biologischer Gegebenheiten und kritisiert von dort die sozialen Verhältnisse (nach dem Schema: welcher Umgebung bedarf ein pubertierendes/ menstruierendes/schwangeres Wesen?). Aus dieser essentialistischen Perspektive erhellt überdies der latente Konservatismus, der mit der Rezeption der Werke einhergeht und von ihnen befördert wird -- von Unionspolitikern wurde gern auf sie verwiesen, als es um das Staatsbürgerrecht der Muslime in Deutschland und um deren Toleranzfähigkeit ging. Dieser Konservatismus bestünde dann in der Überzeugung, daß einzig der Westen das natürliche Wesen der Frau (oder des Menschen insgesamt: schließlich ist die Emanzipation der Frau immer auch eine des Mannes) zu verstehen und zu hegen in der Lage sei. Bei lebendigem Leib wäre ein Paradebeispiel: aus der Araberin im Westjordanland wird eine Französin, die ihre Lebensgeschichte "hübsch ordentlich im Bücherschrank" einreiht -- "und alles ist ein für allemal gesagt. Und ich werde es in einen ansehnlichen Ledereinband mit schönen goldenen Buchstaben stecken, damit es nicht vergilbt." (286) Am Ende reüssiert mithin die kontrollierbare Beunruhigung, das eigene Leben, das zum Buch geworden ist, und mit dem Buch im Schrank teilt Souad (die Protagonistin) nun wiederum das Schicksal ihrer westeuropäischen Leserinnen, das nun reziprok zu dem ihren verläuft. 'Erfolg' könnte für Souad bedeuten: Befreiung von ihrem Schicksal, indem sie von der Schreiberin zur Leserin wird. An dieser Stelle würde sie den autobiographischen Pakt einlösen, der sie mit ihrer neuen sozialen Umgebung verbindet. Der Leser, nicht der Schreiber, ist das Idealbild westlicher Autonomie, und das illustrieren nichts so sehr wie die gängigen Karikaturen, deren schönste George W. Bush abgab, als er, gerade über den Flugzeugeinschlag im World Trade Center informiert, in einem Kindergarten die Lektüre eines Märchenbuchs fortsetzte.

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Abb. 3

Unter anderem als Märchenbücher zugerichtet werden die Leidensgeschichten exotischer Frauen oder von Frauen in exotischer Umgebung. Dafür sorgen in der Regel einfühlsame Vor- und Nachworte, die den Abstand zwischen Einst und Jetzt hervorheben und dadurch die Singularität eines Schicksals, seine Auserwähltheit, unterstreichen. Deshalb schwenkt der Blick vom Resümee des eigenen Werdegangs auch über zum Leser, geradezu prophetische Wendungen und 'blessings' haben ihren festen Platz: "Gott schütze und segne Sie" (Hinter goldenen Gittern, 7) ist noch die prosaischste. Offenbar verleiht der Umstand, die 'rites de passage' überlebt zu haben, eine Autorität, die sonst nur Heilern zukommt. Durch die Lektüre der Geschichte wird somit nicht lediglich die Wunde der Autorin gewaschen, sondern zugleich die Verwundung des Lesers angedeutet -- warum sonst bedürfte er wohl des Segens? Ich vermute, dies hat weniger mit dessen/deren Zuschreibungen aufgrund ähnlicher Erfahrungen zu tun, dafür viel mehr mit dem Unbehagen an der Gegenwart, das jedes Märchen aufdeckt. Hier begegnen wir schließlich erneut solchen Indizien, die diese Frauengeschichten für den konservativen Roll-back unserer Tage so kommensurabel erscheinen lassen: Unserer eigenen geschundenen Umwelt wird, ohne daß dies im Text mit den notwendigen Markern vorbereitet werden müßte, die Natürlichkeit und Einheitlichkeit einer fremden Lebenswelt vor Augen geführt (als Subtext, der unter der Leidensgeschichte mäandert, und der Erzählung selbst eine Perspektive zuführt, die eben im Westen nicht vollends realisiert werden kann), in der so elementare Dinge wie Wasser, Licht, Sand, Pflanzen, Berge, Mütter, Väter, Kinder eine entscheidende Rolle spielen. Die dunkelhäutige Schöne aus dem Morgenland weiß um diese traditionellen Bezüge, sie ist als Erzählerin nie 'bloß' Opfer meist männlicher Gewalt (einer Gewalt, die in manchen Fällen aus Habgier und Verunsicherung innerhalb einer ehemals solidarischen Umwelt resultiert, die gerade als Kontaktzone mit den Abartigkeiten des Westens -- Frauenhandel, Profit durch Prostitution -- verwüstet wird), sondern stets auch Beispiel eines Modells von 'Selbstverwirklichung', das mit dem harmonischen Ausleben von 'Primärbedürfnissen' (Liebe, Muttersein) zusammenfällt. Diese können zwar einerseits nur im Westen ausgelebt werden, der andererseits zur Grauzone gerinnt, indem man den Stoff für die Wandteppiche aus der Erinnerung holen muß. "Hauptsache, wir leben", lautet der abschließende Satz des Haremsberichts, der deutlich genug den Konditionalis der Grimmschen Märchen evoziert. Aber bliebe, ohne das Erzählen des Vergangenen, anderes übrig als eine vegetative Existenz?

Die beiden vorgenannten Konservatismen -- zivilisatorische Überlegenheit des Westens, Natürlichkeit des Ostens und Südens -- muten auf den ersten Blick unvereinbar an. Die zwischen ihnen bestehende Spannung aber könnte sich gerade als jener Kitt erweisen, der die Lesergemeinde zusammenhält. Auf der anderen Seite fühlt man sich genötigt, die beiden Pole -- Zivilisation und Natürlichkeit -- als Konstruktionen des Westens zu behandeln und zu unterstellen, daß die Versöhnung beider gerade das Ziel jeder 'richtigen' Okzidentalisierung meint. Der aufgeklärte Westen verheißt dann nichts anderes als den Schutz eben jener Natürlichkeit und Authentizität, zu dessen Behuf er mitunter korrigierend einzugreifen hat, weil die Schutzverheißung ihn universal verpflichtet. Kulturell hat dies zum 'Orientalismus', politisch zur jahrhundertelanger Kolonialisierung geführt; und wer dagegen die Aufgeklärtheit des heutigen Westens ins Feld führen möchte, sei daran erinnert, daß die großen interventionistischen Expeditionen des 19. Jahrhunderts stets mit den Hilferufen geschändeter und verfolgter Einheimischer begründet wurden. Kolonialisierung läßt sich nicht nur volkswirtschaftlich rechtfertigen, sondern auch rousseauistisch. So gesehen stehen das äthiopische Model Wairis Dirie, die Nigerianerin Choga Regina Egbeme, die Araberin Souad und Ayaan Hirsi Ali in einer Kontinuität, die noch dadurch unterstrichen wird, daß ihre Berichte großenteils von frauenbewegten Journalistinnen aus Deutschland oder Frankreich mediengerecht zugespitzt werden. Die Texte, frisch auf dem Basar verlegerischer Eitelkeiten, entfalten zwar keinen politischen Zwang, animieren aber zu Spendenzahlungen -- in jedem zweiten Buch findet sich am Ende das Konto irgendeiner Hilfsorganisation --, mit deren Hilfe die Schwellenzonen -- als Importeure von Kapitalismus und Körperverwertungsstrategien eigentlich das Grundübel der unerträglichen Situation dieser Frauen -- nur noch tiefer in das Land ausgedehnt werden können. Doch wo fremde (!) Schutzvorkehrungen getroffen werden -- in Form von Frauenhäusern in der Türkei oder Westafrika -- reduziert das nicht notwendig die Unterdrückung einheimischer Ehefrauen, sondern mag sie noch verschlimmern. Das führt schließlich zu einem Kollaps gewachsener sozialer Verpflichtungen von Schutz und Gehorsam, zur 'tabula rasata', die dann wirklich zur Legitimation interventionalistischen Handelns beiträgt.

 

III

Angesichts der unüberschaubaren Mengen an Erfahrungs-, Erlebnis-, Leidensberichten, die aus den Bücherregalen der Stadtbibliotheken über die Entleihkassen ins Wohnzimmer geschleppt werden -- von einem Teil der Verwertungskette durfte ich mich überzeugen, als ich selbst jene Druckerzeugnisse, nicht ohne absichernden Blick, über die digitale Ausleihstation in München-Schwabing schleuste: zu den besprochenen Bänden werden Reisebücher und andere eskapistische Titel addiert -- stellt sich die Frage, wer welches Bedürfnis mit der Lektüre dieser Bände stillt. Daß es um die Bestätigung von Wertbeständen geht, leuchtet ein, aber handelt es sich dabei nicht eher um einen Effekt als um die Motivation? Ist es wirklich der 9/11-Schock, der die Glieder in Richtung kommunale Bildungseinrichtungen drängt, um mehr über den bösen Muslim und die barbarisch mißhandelten Frauen zu erfahren? Viel wahrscheinlicher ist es den Lesern -- statistisch exakter: Leserinnen -- doch um den Ausgleich von Fremdheitsdefiziten zu tun, um die befriedigende Gewißheit, es gehe anderen an anderen Orten nicht viel anders als uns. Prinzipiell nimmt das Begehren dabei keine Rücksicht auf die jeweilige Lebensepoche der Rezipienten. Denn zunächst sind emphatische Lektüren Vorrechte von biographischen Übergangsepochen, in denen Identitäten überprüft und gesichert werden, sodann beschleunigt man mit ihnen den Raum, für den die Lebenszeit niemals hinreicht.

Daß die Autobiographien exotischer Frauen ein Sedativum für die 'desperate housewives' -- zumindest für jene auf der westlichen Seite der Elbe -- bereithalten, ist eine Binsenweisheit, die nicht länger wiederholt zu werden braucht. Vielleicht ist ihr Anschwellen ein Indikator für die mit zahlreichen Emanzipationswellen hereingeschwappte Verunsicherung unter denjenigen 40- und 60jährigen, die einstmals, trotz aller guten Vorsätze, nicht von den neuen Freiheiten profitiert haben (oder sich darüber hinweglogen, weil sie auf die Aufgeklärtheit ihrer Männer setzten) und für die sämtliche heutige Angebote zu spät kommen: Das dritte bis sechste Kind auszutragen, die Eva-Methode also, ist eine biologisch verirrte Hoffnung, und gegen Karriereattitüden, Thea Dorns neue F-Klasse, blockt der Altersrassismus. Selbstredend verlockt es deshalb, Gutes zu tun: zu spenden und Ehrenämter zu übernehmen und damit den eigenen Horizont zum Maß der Dinge zu erklären (die wahre Liebe finden zu dürfen, Erfüllung in der Mutterschaft zu erleben, Lesen und Rechnen zu erlernen). Das Wohlgefühl bei diesen Tätigkeiten, das spezifische Selbstbewußtsein, so stelle ich es mir zumindest vor, wird gesteigert durch die Imagination eines Opferstatus (Opfer gewesen zu sein der Eltern, die die sexuelle Befreiung hintertrieben, der Professoren, die nur befriedigende Noten vergaben, der Gatten, die von ihnen häusliche Qualitäten forderten, während sie auf Dienstreisen die Welt, oder wenigstens die Märkte revolutionierten). Die unentrinnbare Überzeugung, nichts dafür zu können -- denn darin besteht, bei Lichte besehen, das Erbe ihrer Mütter -- befähigt zu besonders niederschwelligem Empathieeinstieg. Sie führt allerdings auch zu Sätzen wie: "Hauptsache leben."

Die Lebensgeschichten aus fernen Ländern werden in den Regalen der Stadtbibliothek ergänzt durch die Erinnerungen hiesiger Frauen. Da meine Aufmerksamkeit nicht der PR-Vorlage arrivierter Heldinnen, sondern den Namenlosen oder zumindest Unberühmten zuteil werden soll, seien an dieser Stelle so disparate Damen wie Naddel, Senta Berger oder Marianne Rosenberg übergangen. Die durchschnittliche 'Frau von heute', die über sich Bericht zu erstatten weiß, entpuppt sich bei näherem Hinsehen in ihrer Lebensbeschreibung als leistungswillige Berufstätige, die der Mief ihrer Kindheit beinahe erstickte. Doch Vorsicht: ihre Perspektive entwickelt sie nicht als Einzelkämpferin, die sich gottverlassen durch desaströse Beziehungen kämpft, sondern als Sprecherin einer 'Generation'. Jana Hensel, deren Erfolgsreminiszenz Zonenkinder 2004 bis in die Bestsellerlisten vordrang, sei hier ignoriert; sie erzählt eine Opfergeschichte nur insofern, als daß der Referenzrahmen DDR zwischendrin wegbrach, aber immerhin im Osten durch Mund-zu-Mund-Beatmung auf Wachkoma-Niveau stabilisiert werden durfte. Diese Geschichte ist streckenweise frivol, zotig oder einfach nur amüsant, jedoch regt die Autorin eher zur letzten Parade neben einem Schwerstkranken an als zum Verfolgen von Individualität. Mit dem Tätergerüst DDR hat man so nur Mitleid. Dagegen reiht sich ein Buch wie Hauptsache Heiraten oder Wie ich die sexuelle Revolution knapp verpasst habe (2002) in den hier interessierenden Kontext. Christine Walch -- der Waschzettel bereitet vor: sie ist beim Schweizer SonntagsBlick fürs bessere Deutsch verantwortlich -- erzählt von einer spießig-materialistischen Jugend vor 1968, von der es heißt: "Das absolut Schlimmste, was einem damals passieren konnte, war ein uneheliches Kind." (5) Aber auch nach der Kulturrevolution wurde es nicht besser:

"Außer daß sie [die jungen Frauen] nach peinlichsten Kohabitationen im Fiat 500 oder auf dem elterlichen, mit dem Handtuch vor verräterischen Spuren geschützten Sofa gräßliche Abtreibungsgeschichten durchstehen mußten, und zwar ziemlich ohne Hilfe ihrer palavernden Liebhaber, beschränkte sich ihr Anteil an der großen Bewegung -- wenn man nicht gerade Uschi Obermaier oder Iris Berben hieß -- meistens auf Bierholen, Kaffeekochen, häufig wechselnde Geschlechtspartner und aufs Vervielfältigen schwachsinniger Aufrufe." (7)

Das knappe Verpassen der sexuellen Revolution ist mithin nicht bloß der elterlichen Fürsorge zuzuschreiben. Weiter arbeitet sich die Erzählung ab an Begegnungen mit der Zeitgeschichte und ihren Größen, die zu Ohnmachtsanfällen verleiteten (J.F.K., der unwiderstehliche Beau), durchsetzt mit Kalenderstrecken privaten Lebens (ausgesprochen rudimentär), bevor sie am Küchentisch zwischen Großmutter, Mutter und Kindern Platz nimmt. Ein wirklicher Blick zurück im Zorn ist das Buch nicht; aber der Heldin stößt mehr zu, als daß sie selbst etwas unternimmt, ihr wird etwas in die Wiege gelegt und wieder entnommen, und die Gründe für ihr Handeln werden ihr selbst nicht durchsichtig. Man wäre versucht einzuwenden, dies beruhe auf dem gewählten Fokus -- für sich zu sprechen nur insofern, als daß man einer Generation angehört -- , der darum strictu sensu nicht autobiographisch, sondern soziologisch angelegt sei; indes ist dann zu fragen, warum in einer Geschichte, die doch eine Art Bildungsgeschichte zu sein vorgibt und den langen Weg von der monogamen Dauerbeziehung hin zu alternativen, in der Jugend der Autorin unaussprechbaren Lebensformen anzeigen soll, Individualisierung derart unterbelichtet bleibt. Denn es ergeben sich daraus nicht zuletzt Konsequenzen für die Erzählung als solche: kraft welcher Autorität schreibt Frau Walch über "ihre Zeit" (reicht es aus, eine Zeit überstanden zu haben, damit sie die eigene wird, oder wird sie "meine Zeit", indem ich, sie mir anverwandelnd, handele)? Geht es hier um die Verifizierung des olympischen Prinzips ("Dabeisein ist alles")? Als Erklärung böte sich womöglich an, die Ausweitung (wahlweise: Entleerung) der persönlichen Geschichte hin zu einem Generationenbild dem Verlust jener Schwellenregionen zuzuschreiben, die zwischen Subjekt und Gesellschaft früher als Filter dienten: Großfamilie, Nachbarschaft, kurz: Kontinuität des Milieus. Wahlweise geriert sich der Ausgriff auf die Generation somit als Angriff, als jedes Maß entbehrende Schuldzuweisung, oder als Weichzeichnung, die alles noch putziger erscheinen läßt, als man es damals erlebt haben mag, als Massenspeisung mit Pausenbroten. Dieser Zugriff schwebt stets in der Gefahr, die Fremdheitsressourcen der eigenen Lebenswelt aufzuzehren -- weil einem alles fremd war und dadurch wiederum nichts -- und schnurstracks Deutungshoheit zu gewinnen, die ablesbar ist am Kopfnicken der Umstehenden: "Ja so war's", "So ist es mir auch ergangen." Das funktioniert aber einzig unter Zuhilfenahme der Semantik des Opfers, weil individuelles Handeln das Selektieren von Optionen beinhaltet, die den Konnex von Ich und Gruppe an jeder Stelle neu durchschneiden und neu herstellen. Das wären die Autobiographien der Schröders, Schmidts und Joschka Fischers (nebenbei: Der lange Lauf zu mir selbst firmiert bei Amazon.de unter "Sportlerbiographie".) Wäre es schließlich vermessen zu behaupten, daß die Eigentümlichkeit des Generationenporträts die Opferung des Selbst einschließt, und daß dieses Selbstopfer mit dem Opfer korrespondiert, welches wiederum von der einzelnen Frau ihrer Familie, den Ambitionen der Eltern und Ehemänner gegenüber dargebracht wurde (ob real oder symbolisch, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle: Fakt ist, daß es die Konstitution des Selbstbildes bestimmt, weil die Möglichkeit, von sich zu erzählen, nur um diesen Preis zu haben ist)? Geht man diesen Schritt, so ergibt sich der Brückenschlag zu den individuellen Schicksalen der verfolgten Frauen von selbst, die so gern gelesen werden. Darin droht dem autobiographischen Ich in der Regel die (nicht bloß symbolische) Auslöschung, die Vernichtung durch despotische Familienoberhäupter oder eine archaische Struktur; das Ich entkommt und leistet anschließend die Selbstaufgabe als Hin-Gabe (Mutter-Sein, Gattin-Sein) im Westen. Ein Teil dessen, was das Ich einmal retten wollte -- in den seltensten Fällen erzählen die Autorinnen von frühen Bemühungen, in die heile Welt der Europäischen Union oder Nordamerikas aufzubrechen, eigentlich wollen sie in ihrem angespannten Umfeld verbleiben -- geht für immer verloren, und die Individualität im Westen ist nichts als die der Erinnerung, deren Einzigartigkeit allein der Bücherschrank als Privateigentum garantiert. In dieser Weise wird aus den Frauen und Mädchen, herbeigeströmt aus aller Herren Länder, eingereist unter falschem Namen, Geburtsdatum und Familienstand, wiederum eine 'Generation' -- die der Migrantinnen der letzten Jahrtausendwende (Vermutlich ist es das dominante Konzept der 'Generation' selbst, daß die Erzählung der Opfer zugunsten von Opfererzählungen verhindert; es streicht jene Intimsphäre fort, in der sich Lebensgeschichten ausbreiten könnten, in der es tatsächlich Verunsicherung und damit Verständnis gäbe. Die 'Selbstethnologisierung' der Rezipienten, unabdingbar für jede Erkenntnis des kulturell Anderen, ist von vornherein unmöglich). Dafür, daß von der Exterritorialität der Migrantinnen nichts haften bleibt, sorgen ihre Auftritte, ihre mediale Präsenz: ihr Fremdheitsanspruch geht unter in den wabernden Feiern der Multikulturalität, mutiert zum Tauschobjekt, das in frauenbewegten Kreisen zirkuliert. Willkommen im Reich der Anthropophagen.

 

IV

Es ist dämmrig geworden. Schlagen wir den Bogen zurück zu den zwei spielenden Jungen 'mit Migrationshintergrund' unweit der Berliner Friedrichstraße. Dort sorgt die Insinuation, jemand wolle sich durch die Qualifizierung als 'Opfer' einen Vorteil verschaffen, für die Fortsetzung einer Rauferei, weil diese Bezeichnung keiner auf sich sitzen lassen will. Ihr wird zuwider gehandelt im Namen der Gerechtigkeit sowie des Strebens, nicht als Objekt der Fürsorge auf dem harten Boden der Realität auszubluten. Damit untergraben die Jungen das Bild, das sich -- aus ihrer Perspektive -- die anderen von ihnen formen; sie suchen den Wettbewerb nicht bloß innerhalb ihrer nach welchen Regeln auch immer gestalteten Randsozietät, sondern in der Mehrheitsgesellschaft. Mit etwas Glück werden sie über sich einmal Geschichten erzählen, die viel weniger nach Berlin klingen als vielmehr nach Harlem -- und etwas von diesem Glück wird auch auf uns abstrahlen. Auch in diesem Sinn ist die Westerweiterung des Ostens nur zu begrüßen: Ex oriente lux.

 

(Coverabbildungen mit freundlicher Genehmigung der entsprechenden Verlage.)

 

autoreninfo 
Ulrich van Loyen, M.A., geboren 1978, gab mit Michael Neumann heraus: Unveralteter Sinn -- Figuren des Rückzugs. Berlin, Wien: Philo Verlag 2004 (= TUMULT Bd. 28) sowie Gesichtermoden. Alpheus Verlag/Merve: Berlin 2006 (= TUMULT Bd. 31). 2007 erschien der Erzählband Stilles Weites Land. Romanzen. Edition ERATA: Leipzig 2007. Derzeit arbeitet er an einer Biographie über den Prager Dichter und Oxforder Ethnologen Franz Baermann Steiner.

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