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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> selbstbeschreibungen der eliten
 

Im Gewächshaus gedeihen souveräne Sprecher

Biographische Selbstbeschreibungen der Elite von morgen

von Christine Kestel

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* literatur
* druckbares

Auf welche autobiographischen Erzählungen stößt man, fragt man die Elite von morgen nach ihrer Vergangenheit? Drei unterschiedliche Muster wildwüchsiger Selbstbeschreibung können unterschieden werden, mit denen die Stipendiaten der Begabtenförderungswerke ihr 'anders besser Sein' ausdrücken und plausibilisieren. Ein zusätzlicher, weitergefaßter Blick reflektiert die Zunahme wildwüchsiger Selbstbeschreibungen vor dem Hintergrund der Pluralisierung kultureller Erzählungen in der gegenwärtigen Gesellschaft.

 

Stellen Sie sich ein Gewächshaus vor. Es schützt die Pflanzen vor dem Wetter, das draußen herrscht, ein Gärtner gießt und düngt sie, entfernt welke Blätter und befreit sie von Schädlingen. Die Stipendiaten, von denen in diesem Text als der Elite von morgen die Rede ist, sitzen gleichsam wie Pflanzen in einem solchen Gewächshaus: Als Stipendiaten kirchlicher, politischer, staatlicher oder privater Stiftungen werden sie finanziell und ideell, etwa durch Weiterbildungsangebote, unterstützt, und ihre Biographien können sich, um viele Alltagssorgen erleichtert, weiter entfalten.

Stellen Sie sich noch ein zweites Gewächshaus vor, eines das erzählte Biographien vor Widerspruch, Korrektur oder Zweifel bewahrt wie Pflanzen vor Regen, Wind und Kälte. Mit 13 Stipendiaten verschiedener Stiftungen wurden im Rahmen einer Studie in der Tradition qualitativer Sozialforschung biographische Interviews geführt, deren Setting sich dadurch auszeichnet, daß die erzählten Biographien keiner Wahrheitskontrolle unterzogen werden. Mit anderen Worten: es werden keine Fangfragen gestellt um etwaige Inkonsistenzen aufzudecken und keine Beweise aus der Realität gesammelt, um das Erzählte zu belegen. Die erzählten Biographien sind somit vor Ablehnung sicher; die Erzählenden können gänzlich ihrer eigenen narrativen Logik folgen und dabei eine Erzählung hervorbringen, die für diesen Moment plausibel erscheint.

 

Biographische Erzählungen: nur Erzählungen?

Biographien sind Erzählungen. Das klingt zunächst einleuchtend und einfach. Jedoch sind die Konsequenzen dieser Aussage weitreichender als es scheint. Zudem ist die Gültigkeit dieser Aussage innerhalb der Biographieforschung durchaus umstritten, denn man zweifelt, ob Biographien nur Erzählungen sein dürfen, ob sie nicht vielmehr valide Beschreibungen eines Lebensverlaufs sein sollten.

Biographien -- als Erzählungen ernst genommen -- sind keine verbrieften, wohlformulierten Lebensverläufe. Sie bilden nicht chronologisch und exakt ab, was im Leben des Erzählenden vorgefallen ist. Sie berichten nicht von den einzig wahren Gründen, die zu dieser oder jener bedeutsamen Entscheidung geführt haben. Sie sind Erzählungen, die von der jeweiligen Erzählgegenwart aus die Geschichte des Erzählers beschreiben. Das bedeutet, daß von dieser Gegenwart abhängt, wie die Geschichte ausfallen wird: Sitzt der Biograph einer schönen Frau bei der ersten romantischen Verabredung gegenüber, legt er Rechenschaft vor einem alten Freund oder Konkurrent aus Schulzeiten ab, oder beschreibt er sich als die ideale Besetzung der Stelle, um die er sich bei Personalchef und Abteilungsleiter bewirbt? Es ist leicht vorstellbar, daß jede der drei erzählten Biographien anders ausfallen wird. Und es ist unmöglich, ein Urteil darüber zu fällen, ob wir es nun tatsächlich mit einem ritterlichen und verständnisvollen Helden, einem erfolgreichen und glücklichen Familienvater oder einem teamfähigen und kreativen Macher zu tun haben. Diese Unmöglichkeit ergibt sich aus der Einsicht, daß verschiedene Kontexte ein und denselben Menschen unterschiedlich adressieren und sich dieser Mensch unterschiedlich adressieren läßt und dementsprechend je anders ist, sich anders beschreibt. Man lauscht also erzählten Momentaufnahmen; und diese haben für die Kommunikation, in der sie entstehen, die Funktion, Kontingenzen zu reduzieren. Der Erzähler beobachtet seine Vergangenheit aus der Situation heraus, und die auf diese Situation hin erzählte Biographie erklärt während sie kommuniziert wird, warum die Dinge jetzt so sind und sich damals so ereignet haben, wie sie erzählt werden -- und nicht anders.

 

Der wissenschaftliche Blick: nur Kommunikation

Der Verzicht auf Rückbindung an eine vergangene Realität ist die erste Regel, der die hier präsentierte Spielart der Biographieforschung folgt. Die zweite theoretische Vorüberlegung bezieht sich auf die Frage nach dem Subjekt der Erzählungen. Die Analyse der Biographien ist geprägt von der Konzeption eines Subjekts, das erst in der Erzählung konstruiert wird und nicht zuvor schon mit Individualität ausgestattet existiert und nachher ebenso weiterbesteht. Das Subjekt ist nicht Voraussetzung der Erzählung, sondern wird im Prozeß des Erzählens erst konstruiert und zeigt sich nur in dieser Erzählung. Strenggenommen hat es eine so gewendete Biographieforschung lediglich mit Erzählungen, mit Kommunikation, zu tun und die dazugehörigen Erzähler aus Fleisch und Blut geraten nicht in den wissenschaftlichen Blick (vgl. dazu Nassehi 1995 und Nassehi/Saake 2002). Diese Art der Biographieforschung konstruiert die Sprecher einer Biographie als jeweils in der Kommunikation aktualisierte Zurechnungspunkte, sie beschäftigt sich folglich nicht mit Personen, die biographische Texte hervorbringen, sondern mit Texten, die jene Personen erst konstituieren und beschreiben.

Die Biographien werden so als Erzählungen ernstgenommen, die genau in dieser und vielleicht nur in dieser Situation als Erzählungen funktionieren.

 

Die Elite: ein weites Feld

Die biographischen Erzählungen von Stipendiaten -- so die Ausgangsvermutung der Studie -- erklären, warum ihr jeweiliger Erzähler auf der besseren Seite der Asymmetrie zwischen der Elite (oder zumindest der Elite von morgen) und den anderen in der Gesellschaft anzutreffen ist. An dieser Stelle ist zunächst Einhalt geboten für die Beantwortung der Fragen: Wer ist Elite? Was macht die Eliteforschung? Und was haben Stipendiaten damit zu tun?

Fest steht: Die Rede von Elite hat in Deutschland derzeit wieder Konjunktur. Dabei ist die Verwendung des Begriffs mehr und mehr vom bedrohlich negativen Beigeschmack nationalsozialistisch geformter Eliten losgelöst. Man fordert in Feuilletons und an Stammtischen eine neue Elite, die Deutschland schneller und weiter voranbringt als all die durchschnittlichen Du-bist-Deutschland-Menschen. Einrichtungen zur Eliteförderung sind vielerorts Alltag geworden. Auch Synonyme für den Begriff Elite sind populär: Exzelleninitiativen sollen frischen Wind in die Universitäten Deutschlands bringen. Auf Macher und Gestalter werden in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur große Hoffnungen gesetzt.

Der Wunsch nach einer Elite ist also offensichtlich vorhanden. Die Existenz von Elite und deren Privilegien jedoch wird in der Diskussion immer wieder problematisiert. In Gesprächen mit Leuten, die diesen exzellenten Gruppen zugerechnet werden können, zeigt sich, daß für deren Selbstbeschreibungen wohl immer noch Theodor W. Adornos Ausspruch gilt, "Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen" (Adorno 1963, 165). Die Macher der Zukunft als bescheidene Entscheider?

Die Diskussion um Berechtigung, Sinn und Funktion einer Elite stellt sich als vermintes Feld dar und die Minen lassen sich teilweise auch benennen. Demokratie: Wie läßt sich die Herrschaft aller mit der Vorherrschaft weniger vereinen? Damit eng verknüpft, Ungerechtigkeit: Warum haben Kinder aus guten Haus bessere Chancen auf eine Eliteposition? Privilegien: Warum stehen der Elite Privilegien zu oder weswegen nimmt sie sich Privilegien heraus? Elitäre Privilegien scheinen nicht mit einem demokratischen Ideal von Gleichheit oder doch zumindest Chancengleichheit vereinbar zu sein, egal ob es sich um sichtbaren oder unsichtbaren Einfluß, um den Besitz von Luxusgütern oder um mehr Chancen für den eigenen Nachwuchs handelt. Verantwortung: Wenn es eine Elite gibt, warum fühlt sie sich dann nicht auch für alle anderen in der Gesellschaft verantwortlich und löst gar die Probleme der Welt?

 

Die Elite: soziologischer Forschungsgegenstand

Die wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Elite stellen eine große Bandbreite unterschiedlicher Elitebegriffe vor. So tummeln sich unter dem Dach des Elitebegriffs je nach Studie oder Blickwinkel die Reichen, die Mächtigen und die Gebildeten, die feine Gesellschaft sowie Politiker, Celebrities, Chief Executives, Militärführung, Spitzensportler, Stars und auch religiöse Führer oder Koryphäen einer Wissenschaft. Ein allgemeiner Elitebegriff bleibt Desiderat.

In den soziologischen Blick geraten meist die sozialstrukturellen Voraussetzungen des Elite-Werdens: Die Herkunft der Machthaber oder Manager, ihre Ausstattung mit ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital (vgl. Bourdieu 1983) und ihre Netzwerke, die wechselseitig Karrieren bestärken. Besonders anschaulich beschreiben und analysieren diese Zusammenhänge die Studien von Michael Hartmann, auf die als prototypische Beispiele dieser Forschungsrichtung verwiesen sei. Den deutlichen, gut belegten und nachvollziehbaren Ergebnissen solcher Untersuchungen soll nicht widersprochen werden.

Hier interessiert allerdings etwas anderes. Nämlich die Frage, ob Erzählungen in einer Gesellschaft, die sich Gleichheit und Freiheit, wenigstens in Form von Chancengleichheit, verschrieben hat, asymmetrische Verhältnisse als legitime Verhältnisse beschreiben können. Wie also sprechen die Stipendiaten über ihre eigene Geschichte, über die zu Beginn der Erzählung nur bekannt ist, daß sie die Erzähler an einen Ort gebracht hat, an dem sie als Elite von morgen auf der besseren Seite der Asymmetrie sichtbar und ansprechbar werden?

Stipendiaten bieten sich als Erzähler ihrer Biographien besonders an, da sie quasi positiv stigmatisiert sind, denn sie müssen Asymmetrien aus der Sicht derer beschreiben, die das "Merkmal des Auserlesenseins" (Endruweit 1979:33) tragen: Sie werden am Ende der formalisierten Auswahlprozesse der Stiftungen mit einer würdevollen Zeremonie zum Stipendiat ernannt. Man ehrt sie, da sie unter zahlreichen Mitbewerbern herausragten.

Interviewt wurden Stipendiaten politischer, kirchlicher, staatlicher und freier Stiftungen, wie beispielsweise der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Stiftung Maximilianeum, dem Evangelischen Studienwerk Villigst, der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Bayrischen Eliteakademie. (Ein Überblick über Stiftungen in Deutschland findet sich auf der Website des Index Deutscher Stiftungen.) Die Stiftungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Auswahlkriterien und der Art der Förderung: Während etwa Aufnahmevoraussetzung für die Stiftung Maximilianeum exzellente Schulnoten und profundes Allgemeinwissen sind, legen die politischen Stiftungen neben der Fachqualifikation für das jeweilige Studium großen Wert auf politisches oder soziales Engagement.

 

Musterbiographien: biographische Muster

Es lassen sich bei der Analyse der biographischen Erzählungen drei verschiedene Muster unterscheiden, die Beobachtung von Asymmetrie in einer Selbstbeschreibung zu verarbeiten. Bedacht werden muß hierbei, daß sie diese drei Möglichkeiten in Interviewsituationen entfalteten, die von den Interviewten als ausgesprochen symmetrisch empfunden werden können: Eine Studentin sitzt einem Studenten gegenüber. Die Stipendiaten erzählen ihre Geschichte jemandem, von dem sie Verständnis und unter Umständen ähnliche Erfahrungen erwarten. Sie werden im Interview dann dazu aufgefordert, Unterschiede zu beschreiben, die sie zwischen sich und anderen beobachten.

 

"Man muß es halt einfach machen"

Biographische Erzählungen mit diesem Deutungsmuster beschreiben Sprecher, die durch eigene Anstrengung und aufgrund ihrer Neugierde oder ihres Willens zum Erfolg diese Position erreicht haben, in der sie als Elite ansprechbar werden. Als typisch für diese Gruppe von Erzählungen können Sätze wie die folgenden angesehen werden:

"[I]ch hatte die Möglichkeit, wie dann auch mein Zwillingsbruder, das Abitur schneller zu bekommen, wenn wir dafür eine große Last, große Lernmöglichkeiten auf uns nehmen." (Klaus)

Oder:

"[A]lso das ist sehr selten, daß man genommen wird, bevor man noch studiert. Das ist selten! [...] Mit einiger Selbstverliebtheit könnte man jetzt von Zielstrebigkeit sprechen, weil die meisten halt irgendwie erst im Studium drauf kommen, daß man sich da ja mal bewerben könnte." (Johannes)

Oder ganz klassisch:

"Na gut, ich mein ich bin einfach ehrgeizig und möchte auch der Beste sein." (Matthias)

Menschen, die auf der anderen Seite der Asymmetrie verortet werden, können nach dieser Vorgabe dezidiert als schlechter beschrieben werden. Sie sind nicht zur Leistung bereit, die anderen sind jene, "die nicht so richtig ausm Knick kommen" (Tanja). Das Wissen um die eigenen Leistung und des eigenen Erfolgs stattet die Geschichten dieser Kategorie mit einer Überlegenheit aus, welche die Erzähler in die Lage versetzt, von ihrer Seite aus bewußt mit der Asymmetrie umzugehen. Es ist ihnen möglich, sich auf das Niveau ihres Gegenübers einzustellen:

"Ich find das sehr gut in den Buddenbrooks zum Beispiel, daß dieser Johann Buddenbrooks, der spricht dann immer platt, wenn er mit seinen Arbeitern spricht. Das ist sehr schlau, weil er geht auf das Niveau herunter und läßt sie nicht merken, daß er anders ist, und spricht französisch-deutsch mit seinen --, mit seinen Familienangehörigen." (Klaus 19)

 

"Eine wunderbare Chance, die man hat"

Die zweite Gruppe von Erzählungen, in denen Glück und Schicksal als Deutungsmuster des Erfolgs dominieren, präsentiert Personen, die auf der Suche nach ihrer Bestimmung sind und so quasi zufällig in die Position geraten sind, in der sie als Elite angesprochen werden können. Der Weg zum Erfolg liest sich dann etwa so:

"Ich hab des mit viel Liebe gemacht, da merkt mer gar net, was mer so nebenbei an Leistung erbringt. Ja. Ich denke, sonst hätt des nicht geklappt. [...] Wenn mer sich des vornimmt äh, hm, dann wird's wirklich unglaublich schwer. Es, es läuft anders. Des sind eher so Zufälle, Glückfälle, solche Dinge. So hab ich's erlebt." (Sebastian)

Die Erfolgsgeschichte wird als Suche nach Selbstverwirklichung beschreibbar:

"Also einfach viele, viele Sachen angefangen, wo ich, wo ich gesagt hab, hey des ist wirklich lustig, des macht mir wirklich Spaß, darin geh ich auf, darin kann ich mich verwirklichen." (Stephan)

Ganz man selbst zu sein ist in diesen Geschichten die Erklärung für den Erfolg im Bewerbungsprozeß um die Stipendien -- und auch die Erklärung für Asymmetrien:

"Also des eine, was ich schon gemeint hab, ähm, ähm, daß du du selbst bleibst, ja, daß du nicht versuchst irgendwas vorzuspielen." (Stephan)

Bei all der Suche nach dem richtigen Selbst bleibt Leistung nicht unerwähnt. Leistung zu erbringen wird jedoch nicht als Frage bewußter Anstrengung verhandelt, sondern ist eine natürliche Folge von Begeisterung für eine Sache. Denn daß Leistung erbracht wurde, "ist mir damals vielleicht gar net aufgefallen. Ich war gern Schüler" (Sebastian).

Daß andere anders sind, ist in diesen Erzählungen nur als Verschiedenheit kommunizierbar. Mit der asymmetrischen Unterscheidung von besser und schlechter kann hier nicht angeschlossen werden. Alle Menschen sind also gleich auf der Suche nach ihrer Bestimmung, und jede Bestimmung ist an sich gleichwertig.

"Also allein dadurch, daß es andere Persönlichkeiten sind, andere Individuen sind, daß ein anderer Weg beschritten sind, sind dadurch allein schon Unterschiede gegeben, ähm, und was, was ich immer, oder was ich sehe, ähm, is, ob jemand dann wirklich glücklich ist, ob's, ob's, äh, sein Weg ist, ob er darin aufgeht oder ob's vielleicht doch nicht das Richtige ist. Also bei manchen Leuten sieht man einfach, das ist deren Weg, ja, egal wie der auch aussehen mag, und bei andern merkt mer, hm, also so richtig glücklich ist er noch nicht damit. Ähm, ansonsten also keine nennenswerten Unterschiede." (Stephan)

Die Beschreibung, daß jeder seinen eigenen Weg finden muß, deutet die Tatsache, daß in der Realität der eine mehr zur Führungspersönlichkeit geeignet ist und der andere mehr zum Ausführen von Weisungen, nicht als Ungerechtigkeit. Ungleichheit -- die gesellschaftlich schlechter bewertete Performanz der anderen -- wird in den Erzählungen dieser Gruppe unsichtbar. Sie wird zur Gleichheit Verschiedener uminterpretiert und verliert dabei den negativen Beigeschmack. Aussagen wie die, daß jeder seine Bestimmung finden soll, um glücklich zu werden, und daß jeder irgendetwas besonders gut kann, passen sich besonders geschmeidig in das Bild einer funktional differenzierten Gesellschaft ein, die von Teilinklusion ausgeht -- einer Gesellschaft also, in die der Mensch nicht mehr 'als ganzer' integriert ist, sondern in der nur noch einzelne Facetten des Menschen adressiert werden.

 

"Trotzdem hast du auch ne Gaußsche Normalverteilung bei der Intelligenz"

Die dritte Gruppe von Erzählungen naturalisiert die Beobachtung von Asymmetrie mit dem Hinweis auf angeborene Intelligenz und Begabung:

"Bei mir ist das Studium was, das läuft einfach, ähm, da muß ich mich nicht drum kümmern." (Melanie)

Besonderes Engagement im Studium, das der neben der Begabung als zweite Begründung des Erfolgs auftaucht, wird gleichfalls nicht als Anstrengung beschrieben, sondern vielmehr als natürliche, als selbstverständliche Eigenschaft vorausgesetzt:

"Also ich hab da schon immer an Sachen teilgenommen, die, die nicht zum Pflichtprogramm jetzt gehören, genau." (Tim)

Die anderen, weniger erfolgreichen, nehmen in diesen Erzählungen eine Position ein, die unverrückbar weiter unten angesetzt wird, denn man könne sie zwar fördern; dennoch hätten sie nicht die gleichen naturgegebenen Fähigkeiten, die sich die Erzähler dieser Gruppe selbst zuschreiben können. Denn

"trotzdem hast du auch ne Gaußsche Normalverteilung bei der Intelligenz. Also ich glaub nicht, daß de, äh, natürlich kann man, äh, mit mehr finanziellen Möglichkeiten Kinder auch früher fördern und so, klar, aber, äh, intelligenter kriegste se nicht." (Tim)

Ebenso wie Intelligenz und Engagement kommt auch dem damit eng verknüpften Leistungswillen, der als natürliche Eigenschaft kommuniziert wird, eine wichtige Bedeutung zu, wenn verglichen wird, wie die Menschen sind, die sich auf den beiden Seiten der Asymmetrie finden lassen:

"Und, na ja, wenn mir dann jemand gegenübersteht, der mir so erzählt, na ja, er hat jetzt da mal so ein bißchen studiert und dann hat er das gemacht. Da merke ich eben, daß da so ne ganz andere Geisteshaltung da ist." (Patrick)

Diese Erzählungen stellen ein Subjekt her, das souverän über den Dingen steht, weil es sich seiner Ausstattung mit Intelligenz ebenso sicher sein kann, wie der Tatsache, daß sich Erfolg schon einstellen wird, wenn man noch ein 'selbstverständliches' Bemühen zur naturgegebenen Begabung dazu gibt. Für Menschen mit einer anderen Ausstattung an Fähigkeiten, Fertigkeiten und Interessen können sich die Stipendiaten dieser Gruppe von dieser Position aus interessieren, souverän mit ihnen umgehen und es dabei als natürlich ansehen, daß diese anderen nicht so 'gut' sind.

Die biographischen Erzählungen der drei Gruppen zeigen, daß unterschiedliche Deutungsmuster die Asymmetrie zwischen Elite und den anderen erklären können und dabei in der Interviewsituation gleichermaßen plausibel erscheinen.

 

Wildwüchsige Autobiographien: Kulturalisierte Sprecherpositionen

Der methodische Rahmen der Interviews mit Stipendiaten, das zu Beginn beschriebene Gewächshaus, welches qualitative Sozialforschung für biographische Interviews bauen kann, stellt sicher, daß die erzählten Geschichten nicht angezweifelt und nach ihrer ganz eigenen Logik entfaltet werden können.

Jene Ablehnungsfreiheit läßt sich jedoch auch jenseits dieses Forschungssettings beobachten. So fallen einem an den Cultural Studies geschulten Blick im Alltag eine Vielzahl weiterer widerspruchsresistenter Erzählungen auf. Irmhild Saake und Armin Nassehi bezeichnen dieses Phänomen als kulturalisierende Erzählungen (vgl. Nassehi/Saake 2004). Sie verwenden dabei einen weiten Kulturbegriff, unter den nicht nur nationale Kulturen oder Religionen, sondern auch Lebensstile und Einstellungen subsumiert werden können. Worum also geht es?

Schalten Sie einmal zur besten Sendezeit den Fernseher an: In Talkshows verschiedenster Art treten Sprecher auf, deren Auftrittsberechtigung vor allem ihre Besonderheit ist. Irrelevant ist dabei, worin diese besteht; ob in Piercings an ausgefallenen Stellen oder in außergewöhnlichen zwischenmenschlichen Beziehungsformen. Vor der Zunahme von Zeitzeugenberichten, vor buchgewordenen Biographien normaler Menschen und den Reality-Formaten der Fernsehsender mußte Besonderheit und damit das Recht auf eine herausgehobene Sprecherposition gerechtfertigt sein -- durch besondere Leistungen, Begabungen, Macht oder mittels des Verweises auf religiöse Positionen. Die in Talkshows erzählten privaten Geschichten oder auch die Zeitzeugenberichte in Rückblicken etwa auf den Zweiten Weltkrieg werden nun insofern als kulturalisierte Beobachtungen oder Selbstbeschreibungen vorgetragen, als die Sprecher vermitteln, daß ihre vorgebrachte Sicht auf die Dinge nur so sein kann, wie sie ist. Der Grund hierfür liegt wiederum darin, daß sie aus ihrer Kultur heraus -- auch wenn diese nicht immer als solche benannt wird -- gar nicht anders handeln oder beobachten könnten, als sie es tun. Kulturalisierende Erzählungen blenden die Existenz anderer Kulturen, anderer Erzählungen zwar nicht aus, machen also Kontingenz durchaus sichtbar, sie verbergen jedoch, daß gerade für diesen Sprecher, in diesem Moment auch eine andere kulturelle Position möglich wäre. Damit immunisiert die kulturalisierende Erzählung die Position sowohl gegen Argumente und Kritik, wie auch gegen Verständigung. Die Einigung auf einen Standpunkt scheint nicht mehr Ziel solcher Kommunikationen zu sein, sondern lediglich das Hervorbringen immer neuer, besonderer Sprecherpositionen. Entscheidend ist dabei, daß kulturelle Beschreibungen dennoch die besten Chancen haben, ernstgenommen zu werden, angesichts einer Moderne, die die gleichberechtigte Existenz verschiedener Kulturen nebeneinander zur Leitvorstellung erhoben hat.

Solche kulturalisierten Sprecherpositionen etablieren sich gerade überall in der Gesellschaft. Jegliches Thema scheint kulturell verhandelbar zu sein, und erzählte Biographien markieren ebenso wie kommunizierte Positionen und Argumente widerspruchsfreie Zonen kultureller Prägung. Diese Diagnose versteht Biographien, Texte, Sprecher, schlicht Kommunikationen als kulturelle Praxen. Sprecherpositionen und ihre letzten Gründe werden als kulturelle Kommunikation entlarvt -- aber eben nicht entkräftet: Und so breiten sich vor unseren Augen blühende Biographien innerhalb und außerhalb der Gewächshäuser aus.

 

autoreninfo 
Christine Kestel studierte Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit den Vertiefungsgebieten Kultur- sowie Organisationssoziologie. Seit ihrem Abschluß als Diplom-Soziologin im Juli 2005 schreibt sie an ihrer Dissertation und lehrt am Institut für Soziologie der LMU.
Mit ihrer aktuellen Arbeit führt sie die in der Diplomarbeit begonnene Forschung im zum Thema 'Elite' fort. Während in der Diplomarbeit Selbstbeschreibungen der Elite von morgen im Zentrum standen, liegt der Schwerpunkt der Dissertation auf der Frage nach Form und Funktion von Elite-Kommunikation in der Öffentlichkeit der Gegenwartsgesellschaft.

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