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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> editorial
 

editorial

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Diese extradicke Ausgabe zum Jubiläumsauftakt widmet sich der Autobiographie -- einem Phänomen, das in der (post-)modernen Gesellschaft Konjunktur hat. Sei es im literarischen Bereich, wo ein neues Genre die Verlagslandschaft in Atem hält: das zwischen der klassischen Autobiographie und dem autobiographischen Roman angesiedelte 'Memoir', das nicht mit den Memoiren zu verwechseln ist. Sei es im Bereich der Dienstleistung, in dem ein Unternehmen unter der geschützten Bezeichnung "Autobiographiker" professionelle Ghostwriter ausbildet und Franchising betreibt. Sei es im Hinblick auf das massentauglichste aller Medien, das Fernsehen, das mit der der Autobiographie artverwandten biographischen Narration Publikumserfolge erzielt. Im März 2007 startete im Pay-TV die deutsche Variante des bereits in sieben anderen Ländern aktiven Biography Channels. Nicht zuletzt sind die abertausenden von Blogs, Podcasts und weitere Web 2.0-Phänomene zu nennen, mittels derer sich Menschen in Wort, Bild und Ton der Weltöffentlichkeit vorstellen. "Im Zeitalter von Second Life, MySpace und YouTube ist Individualität Mainstream" konstatieren Christine Schöpf und Gerfried Stocker, die Kuratoren der Ars Electronica in Linz.

Wir gehen davon aus, daß der aktuelle Boom an Autobiographien kein kurzfristiges Phänomen ist, sondern daß er im Kern eine Reaktion auf ein größeres sozialhistorisches Referenzproblem darstellt, das durch die medientechnologische Entwicklung der letzten 20 Jahre einen massiven Katalyseeffekt erfährt. Bedingt durch zunehmende funktionale Ausdifferenzierung und damit einhergehenden zunehmenden Kontingenzerfahrungen (Wahlmöglichkeiten) sieht sich das Individuum gezwungen, eine Instanz zu schaffen, die als Zuschreibungspunkt für die wechselnden Rollen des Alltags dienen kann und in der Zeit mit sich selbst identisch bleibt. Das eigene 'Innere' rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit des Individuums, das sich nun mehr und mehr als 'in seinem Innersten' von seiner Umwelt verschieden und damit als 'einzigartig', aber auch als 'entfremdet' erfährt. Die Rede ist mit anderen Worten von moderner Subjektivität. Zur Stabilisierung eines solchen Ichs ist die Autobiographie hervorragend geeignet. Der einzelne kann sich in ihr seiner selbst, seiner eigenen Geschichte (und seines 'Innern' als dem Raum, in dem über nicht realisierte Möglichkeiten reflektiert wird) versichern -- und er muß dies in einer Gesellschaft, in der das Ich eine der letzten nicht-kontingenten Instanzen ist, auch zunehmend tun: "Selbstdarstellung, Inszenierung des eigenen Image ist die Devise. Mach dich öffentlich, feature dich selbst oder du bist raus aus dem Spiel." (Schöpf/Stocker)

Was man heute unter einer 'Autobiographie' im engeren Sinn versteht, etabliert sich im Laufe des 18. Jahrhunderts als literarische Gattung. Die Bezeichnung Selbstbiographie findet sich, nach Michaela Holdenried, erstmals 1796. Natürlich gibt es auch schon davor verschiedenste schriftliche Äußerungen, bei denen Autor, Erzähler und Protagonist identisch sind. Jedoch fehlt diesen Texten meist eine wesentliche Markierung, die in den zahlreichen Lebensbeschreibungen aus der beginnenden Moderne allgegenwärtig ist: Die Unterscheidung zwischen einem inneren, privaten und nur dem Ich allein zugänglichen 'Selbst' und einer öffentlichen und durch soziale Zuschreibungen gestützten, diverse (wechselnde) Rollen einnehmenden 'Person'.

Es sind nicht die großen Namen der literarischen Gattung Autobiographie, denen parapluie Aufmerksamkeit widmet, nicht jene allbekannten Meilensteine der Lebenserinnerung und Dokumente erwachender Subjektivität. Im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen vielmehr Autobiographien jenseits des Kanons, die wir als 'wildwüchsig' bezeichnen. Während 'gepflegte' Autobiographien von Archiven, Museen, Universitäten und anderen etablierten Kulturgärtnern als kulturell wertvoll aufbewahrt, interpretiert und tradiert werden, erblühen ihre wildwüchsigen Verwandten scheinbar zufällig hier und da. Hat ihr Stündlein geschlagen, wird um ihr Verschwinden kein großes Aufheben gemacht.

Angesichts von wildwüchsigen Autobiographien werden an der literarischen Gattung ausgerichtete Autobiographie-Begriffe oft unbrauchbar, etwa Definitionen, die eine nähere Bestimmung der Autobiographie durch formale Aspekte oder eine teleologische Perspektive (Vollständigkeit des dargestellten Lebens) unternehmen. Die Reflexion wildwüchsiger autobiographischer Phänomene setzt vice versa einen extensiven Autobiographie-Begriff voraus, der möglichst universell einsetzbar ist. Als ein solcher Autobiographie-Begriff kann etwa derjenigen von Georg Misch (1907) herangezogen werden, der unter Autobiographie das vorstellt, was der Ausdruck besagt: Die Beschreibung des Lebens eines einzelnen durch diesen selbst. Was dabei 'Selbst' bedeutet, bzw. wie dieses jeweils geäußert wird, ist wiederum als kulturabhängig zu denken. Alternativ kommen in einigen Beiträgen dieser Ausgabe auch die Begriffe 'Selbstzeugnis' und 'Ego-Dokument' zum Einsatz.

Zunehmend bedeutsam zeigt sich auch das Forschungsfeld des autobiographischen Gedächtnisses. Die Interdisziplinarität dieses Arbeitsgebiets eröffnet Perspektiven, die über die Subjektdebatte, wie man sie spätestens seit der Aufklärung kennt, weit hinausreichen. Scheinbar widersprüchlich zur Autobiographie als 'spätem' Phänomen im Kontext gesellschaftlicher Entfremdungserfahrungen wird in diesem Zusammenhang etwa die Funktion von Autobiographien für die Herausbildung der 'anthropologischen Konstante' 'Ich' untersucht, wie auch immer dieses 'Ich' dann jeweils geartet sein mag. Um solche Fragestellungen angehen zu können, ist es nicht nur unerläßlich, verschiedene Disziplinen einzubeziehen, sondern ebenso wichtig, sich nicht von vorneherein auf die Werke des Höhenkamms zu beschränken. Vielmehr gilt es im Rahmen der Leitfragen dieser Ausgabe darüber nachzudenken, wie und warum -- das heißt, aus welchen entwicklungspsychologisch, ethnologisch, historisch, biologisch, neuro- und/oder sozialwissenschaftlich eruierbaren Gründen -- ein einzelner oder eine bestimmte Gruppe seine bzw. ihre Autobiographie(n) in der vorliegenden und in keiner anderen Art und Weise präsentiert. Welche Funktion kommt den (im weitesten Sinne) Texten dabei zu? Was für allgemeine, grundlegende Eigenschaften des autobiographischen Gedächtnisses und seiner Entstehung lassen sich anhand des diskutierten Beispiels zeigen? Was ist die jeweilige gesellschaftliche bzw. individuelle Funktion der wildwüchsigen Autobiographien? Welche Formen nimmt das sich in ihnen erzählende Ich weshalb an? Mit Hilfe welcher Techniken und Strategien werden die 'Geschichten vom Ich' verschnürt und zusammengehalten? Welche Rolle spielen dabei mediale Besonderheiten? Wildwüchsige autobiographische Phänomene sind für solche Beobachtungen besonders geeignet, da sie meist kleinteiliger, einfacher und unmittelbarer in Lebenszusammenhänge eingebettet anzutreffen sind, und somit anschaulicher illustrieren als gepflegte Autobiographien, wie und warum ein Ich sich selbst erzählt.

Der den theoretischen Teil der Ausgabe einleitende Artikel von Steffanie Metzger stellt das Forschungsfeld des autobiographischen Gedächtnisses vor und präsentiert dabei einige der zentralen Unterscheidungen, die unter diesem Schlagwort firmieren. Galen Strawson und Stephan Packard setzen sich im Anschluß kritisch mit einer der derzeit populärsten Thesen in Psychologie, Neurologie, Sozial- wie Literaturwissenschaften im Kontext der Forschungen zum autobiographischen Gedächtnis auseinander. Die These vom 'Leben als Narrativ' besagt ihrem Namen gemäß, daß, wenn Menschen ihre Selbstwahrnehmung in Worte fassen, sie das in Form einer Geschichte tun, die ihr Leben erzählt. Unter anderem mittels der Unterscheidung von 'diachronischer' Selbst-Konstitution und 'episodischer' Auffassung vom eigenen Sein setzen die parapluie-Autoren eigene Akzente. In einem weiteren theoretisch ausgerichteten Beitrag informiert Julia Berkic darüber, wie die heutige Psychologie über die prägende Kraft früher Kindheitserfahrungen denkt, denn es gibt wohl seit der 'Entdeckung der Kindheit' im 18. Jahrhundert kaum eine Autobiographie -- klassisch wie wildwüchsig --, für die Kindheitserfahrungen nicht relevant wären.

Wie und warum ein Ich sich selbst erzählt, erläutert am konkreten Fall zunächst Christine Kestel in ihrem Beitrag über Elitestudenten, der drei unterschiedliche Muster wildwüchsiger Selbstbeschreibung vorstellt und in einem weiter gefaßten Blick die Zunahme wildwüchsiger Selbstbeschreibungen vor dem Hintergrund der Pluralisierung kultureller Erzählungen in der gegenwärtigen Gesellschaft reflektiert. Christiane Holm und Christoph Bock befassen sich mit dinghaften autobiographischen Phänomenen. Im einen Fall wird die Erinnerungsminiatur Souvenir analysiert und die Bedeutung der Narrative hervorgehoben, die mit solchen Objektivationen von Lebenserinnerungen verknüpft sind. Der andere Fall warnt vor dem explosiven Semantisierungspotential einer wildwüchsigen Autobiographie der schlimmsten Sorte.

Das Medium Internet inspiriert Brigitte Rath zu einem Beitrag über die autobiographische Struktur von Personal Blogs, deren Ich meist nicht explizit thematisiert, sondern in fortgesetzten Metonymien immer wieder evoziert wird. Wie eine Autobiographie im Wechselspiel zwischen dem Leben und dem Medium Fernsehen funktioniert, ist das Thema, dem sich Heide Volkening in ihrem Essay über die Sitcom Roseanne und deren schräger Protagonistin widmet.

Ulrich van Loyen, Maximilian Benz, Karoline Hornik und Frieder von Ammon richten ihr Augenmerk auf die Autobiographie in ihrer traditionellen medialen Form -- und entdecken in den Selbstbeschreibungen naher und ferner Frauen, in Elias Canettis Aufzeichnungen, dem 'Schwellentext' Girolamo Cardanos und im Ich bei Oswald von Wolkenstein weitere Aspekte autobiographischen Wildwuchses. Julia Weber schließlich spürt der wildwüchsigen Autobiographie in der bildenden Kunst anhand eines Interviews mit der amerikanischen Künstlerin Danica Phelps nach, die sie unter anderem zu ihrer Auseinandersetzung mit Geld und dessen Auswirkungen auf die Selbstkonstitution befragt.

Christoph Bock
Steffanie Metzger

 

autoreninfo 
Christoph Bock studierte Germanistik, Komparatistik und Philosophie in Tübingen, Seattle und München. Arbeitet als freier Lektor und Redakteur. Interessiert sich für Retro- und Cyberkulturen, Medientheorien und Brass Band Jazz.
E-Mail: christoph.bock@parapluie.de

Steffanie Metzger, geboren 1979, studierte Germanistik, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der LMU München. Sie begeistert sich neben Kognitionswissenschaften und Systemtheorie für Autobiographien, die Literatur der neuen Sachlichkeit und für Fiktionalitätstheorie.

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