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no. 27: arbeit -> disziplinierende simulation
 

Kritik der disziplinierenden Simulation

ein soziologisches Fragment über 'postmoderne' Arbeitsgesellschaften

von Jan Kruse

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* literatur
* druckbares

Anders als es Hannah Arendt in den 1950er-Jahren noch vermutete, ist der "Arbeitsgesellschaft" trotz des technologischen Fortschritts die (Erwerbs-)Arbeit bislang nicht ausgegangen. Im Gegenteil: Sie hat uns fester denn je in der Hand und beherrscht die gesamte semantische Struktur unserer Gesellschaft. Das Prinzip Arbeit manifestiert sich dabei weniger als ökonomische als vielmehr symbolische Leitkategorie, die Arbeitskräfte zu Unternehmern ihrer selbst werden lässt und damit geschickter denn je auszubeuten hilft. Um diesem Reich der symbolischen Signifikation -- das die Börsenwelt uns in der Finanzkrise bereits schmerzhaft illustriert hat -- auch im Bereich von Arbeit auf die Spur zu kommen, bieten sich die Theorien der Simulation von Jean Baudrillard und der Disziplinarmacht von Michel Foucault an.

 

 

Der 'Hype' auf die Arbeit -- Einleitung zu einer never ending story

Im Zuge der weiter fortschreitenden Ökonomisierung des Sozialen in unserer Gesellschaft werden wir Zeugen einer Entwicklung ungeahnten Ausmaßes. Die globale Durchsetzung neoliberaler Wirtschaftslehren führt nicht nur zu einer Totalisierung des Marktprinzips, die Gesellschaft insgesamt wird in allen ihren Dimensionen von jener Ökonomisierung ergriffen: Die (Erwerbs-)Arbeit determiniert im neuen Gewande trotz ihrer ökonomischen Relativierung die gesamte semantische Struktur der Gesellschaft. Die Arbeitskräfte müssen sich in dieser "totalen Mobilmachung" (Bröckling) zu Unternehmern ihrer selbst stilisieren: Wurde ihre Subjektivität im Fordismus noch als Störfaktor zu eliminieren versucht, wird diese nun für die ökonomische Verwertungslogik instrumentalisiert, so dass ein totaler Zugriff auf das arbeitende Subjekt erfolgt. Überhaupt muss die gesamte alltägliche Lebensführung in der auf Arbeit ausgerichteten "projektbasierten Polis" (Boltanski/Chiapello) nach den Prinzipien markt- und betriebswirtschaftlicher Lehren durchrationalisiert werden, damit sie noch zu bewältigen ist. Das soziale Leben erhält durch die alles ergreifenden Rationalisierungsmethoden einen "totalen Arbeitscharakter" (Jünger), so dass Max Webers Analysen über die protestantische Erwerbsethik zu Beginn des 20. Jahrhunderts nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts real auf die Spitze getrieben werden, wie auch Boltanski/Ciapello in ihren Analysen zum neuen Geist des Kapitalismus eindrücklich gezeigt haben. Wie kam es dazu? War die (Erwerbs-)Arbeit nicht schon totgesagt worden?

 

Die Retotalisierung des Prinzips Arbeit in unserer Gesellschaft

Schon in den 1950er-Jahren hat die Sozialphilosophin Hannah Arendt darauf hingewiesen, dass der "Arbeitsgesellschaft" die Arbeit ausgeht. In den 1980er-Jahren ist sodann viel über die "Krise der Arbeitsgesellschaft" diskutiert und geschrieben worden. Die Rede war nicht nur von einer 'Krise', sondern gar von einem "Ende der Arbeit" (Rifkin). Tatsächlich hat sich durch die enormen Produktivitätsfortschritte seit dem Zweiten Weltkrieg gezeigt, dass die Notwendigkeit zu arbeiten -- in rein ökonomischer Hinsicht -- in der Geschichte der Menschheit noch nie so gering war und in Zukunft wohl auch noch geringer werden würde. Damit ist wieder eine Utopie am Horizont aufgestiegen, die sogar einmal der späte Marx aufgeben hatte: das Reich jenseits der Notwendigkeit, das Reich der Freiheit -- ohne Arbeit.

Im Angesicht der damaligen drohenden Apokalypse der Arbeitsgesellschaft wurden Alternativen dringend notwendig. Wie sollte man die neue Gesellschaft nennen: Freizeitgesellschaft? Spaßgesellschaft? Tätigkeitsgesellschaft? Der neuen Entwürfe gab es viele, doch scheinen sich alle selbst überlebt zu haben: Was ein Ende gefunden hat, ist nicht die Arbeit, sondern die Diskurse über das 'Ende der Arbeit'.

Stattdessen zeigt sich, dass, je geringer die ökonomische Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft ist, desto fester die Arbeit uns in sozialstruktureller Hinsicht in der Hand hat: Es ist erstaunlich, dass die gesamte semantische Struktur unserer Gesellschaft auf das Prinzip Arbeit ausgerichtet ist, dass sich Arbeit als ein gesellschaftliches Prinzip retotalisiert hat und überhaupt nicht mehr in Frage gestellt wird. Wie ist es hierzu gekommen?

Ein erster möglicher Erklärungsansatz wäre, dass Arbeit doch einfach ein anthropologisches Indiz ist. Doch ist der Mensch ein 'Arbeitstier'? Eine solche anthropologisierende und naturalisierende Perspektive scheint fragwürdig zu werden, wenn man den 'Mensch' und die 'Arbeit' aus einer sowohl historischen als auch soziologischen Perspektive betrachtet. Denn die Bedeutung von Arbeit in unserer Gegenwart und in unserem Kulturkreis ist das Ergebnis einer besonderen sozialgeschichtlichen Entwicklung und kann nicht als a priori gegeben angenommen werden. Der Versuch einer anthropologischen Fundierung des Umstandes, dass Menschen arbeiten, ist deshalb äußerst fragwürdig -- wenn auch verlockend --, da er stets mit der historischen Bedingtheit seiner eigenen Aussagen konfrontiert werden würde. Dies heißt, dass der Begriff von Arbeit stets in Abhängigkeit vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext reflektiert werden muss, wodurch Arbeit deswegen aber auch immer einen gesellschaftlichen und somit anthropogenen, das heißt 'menschengeformten' Charakter bekommt.

Ein zweiter Erklärungsansatz wäre (und sicherlich gibt es noch viele andere), dass die ungebrochene Normativität und gesellschaftliche Dominanz von Arbeit aus der ungebrochenen Machtstellung des kapitalistischen Geistes (Weber) resultiert. Boltanski/Chiapello haben in ihrer umfassenden Studie zum neuen Geist des Kapitalismus eindrücklich aufgezeigt, wie der Kapitalismus seit seiner Entstehung sich immer wieder selbst mit verschiedenen, gesellschaftlichen Kritiken an ihm produktiv auseinandergesetzt hat. Hierbei haben Boltanski/Chiapello eine reflexive Figur herausgearbeitet: Der Kapitalismus hat es bisher vermocht, die verschienen epochalen Kritiken an seinen Ausbeutungsverhältnissen bzw. -praktiken positiv aufzunehmen, die Kritik in seine Verwertungslogik zu reintegrieren, indem er auf sie eingegangen ist. Das Resultat in den verschiedenen Phasen dieses Entwicklungsprozesses (wodurch sich verschiedene Epochen bzw. 'Geister' des Kapitalismus nachzeichnen lassen) war jedoch stets, dass die kritisierten Ausbeutungspraktiken und -verhältnisse durch neue, meist sehr viel perfidere abgelöst wurden. Der Kapitalismus erwies sich somit als Hydra: Zwar war er angesichts der verschiedenen epochalen Kritiken an ihm dazu bereit, sich immer wieder selbst zu köpfen, um seine KritikerInnen zu befrieden -- jedoch wuchsen sogleich wieder neue Köpfe (Geister) nach. Eine Konstante in diesen verschiedenen epochalen Figurationen an Ausbeutungsverhältnissen und -praktiken gab es nichtdestotrotz, auch wenn eben sehr unterschiedlich ausgestaltet: (Erwerbs-)Arbeit.

Allerdings wird auch damit noch nicht die ungebrochene Bedeutung von Arbeit in unserer Gegenwart verständlich. Denn genauer betrachtet beruht jene Dominanz auf einer dimensionalen Verschiebung der Bedeutung von Arbeit: Die aktuelle Bedeutung, ja, der anhaltende 'Hype auf die Arbeit', manifestiert sich weniger in einem ökonomischen, als vielmehr in einem symbolischen Sinn. 'Arbeit' strukturiert als symbolische Leitkategorie die soziale Struktur unserer Gesellschaft. In kritischer Analyse fällt hierbei dann weiter auf, dass die symbolische Verankerung -- die Imagination oder Fiktion von Arbeit -- eine simulative Herrschaftstechnologie darstellt, um die eigentlich überflüssig gewordenen Arbeitskräfte weiterhin zu gesellschaftlichen Subjekten zu formen und als solche kontrollieren zu können, d.h. um "Gesellschaft" weiter aufrechtzuerhalten. Wie aber funktioniert diese Strategie der disziplinierenden Simulation im Einzelnen? Wie wird es möglich, Arbeit zu simulieren und in totalisierender Weise in der Arbeitsgesellschaft symbolisch zu verankern, Arbeit also nicht unsterblich werden zu lassen, sondern auch als alles durchdringende disziplinierende Technologie zu instrumentalisieren?

 

Das Prinzip der Simulation von Baudrillard

Die behauptete ungebrochene Dominanz des Prinzips Arbeit kann auf eine symbolische Repräsentation von Arbeit zurückgeführt werden. Dazu sei auf den französischen Sozialphilosophen Baudrillard zurück gegriffen, der bereits Anfang der 1980er-Jahre eine Theorie der Simulation formulierte. Nach Baudrillard beherrschen in postmodernen Gesellschaften -- wobei 'postmodern' eher eine soziale Strukturkategorie und keinen epochalen Begriff darstellt -- zahlreiche 'Tun-wir-einfach-so-als-ob'-Prinzipien: Die sozialstrukturelle Basis von postmodernen Gesellschaften stellen Fiktionen dar. Für die Begründung des Simulationsprinzips rekurriert Baudrillard auf sprachtheoretische Grundlegungen von Saussure, nach dem jeder sprachlicher Ausdruck als symbolische Bezeichnung -- als Signifikant -- sich auf das, was er in der Realität bezeichnet -- sein Signifikat --, bezieht, wobei sich dieses Verhältnis als eine wechselseitige Beziehung gestaltet. Zwei einfache Beispiele hierzu: Ein 'Tisch' ist ein Tisch, und 'Arbeit' ist Arbeit, also körperliche Betätigung zu Erreichung eines Ziels, das in der Sicherung der eigenen Existenz liegt. Baudrillard konstatiert nun aber im Projekt der Postmoderne eine Revolution, die das wechselseitige Verhältnis der symbolischen Signifikation des Realen abschafft und durch die sich die rein symbolische, strukturale Dimension verselbstständigt. Er veranschaulicht dies an einfachen Beispielen, nämlich an den Simulationen von Arbeit, Produktion, Geld und der Finanzwirtschaft in postmoderneren Gesellschaften. Nach dem weltweiten Börsenboom der 1990er-Jahre, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts dann wie eine Seifenblase geplatzt ist, sollte deutlich geworden sein, was Baudrillard vor gut 30 Jahren gemeint hat: Die Bedeutung der Realwirtschaft spielt keine Rolle mehr, die reale Wirtschaft wird simuliert, in Börsenwerten, die sich nur noch auf sich selbst beziehen.

Dass sich aus der Börsenkrise zu Beginn der ersten Dekade des 21. Jahrhundert ein Lerneffekt eingestellt hat, kann durch die gegenwärtige Banken- und Finanzkrise mühelos negiert werden. Im Gegenteil: Es zeigt sich sogar nochmals eine groteske Zuspitzung der Analysen von Baudrillard: Haben sich in den letzten 30 Jahren bisher die Staaten hoch verschuldet, haben sich also Gelder bzw. Kredite von Banken leihen müssen, um auf Pump zu überleben, mussten sich nun die Banken, die ihr Geld in wilden und für Normalbürger nicht mehr verständlichen Geschäftspraktiken (Hedgefonds GmbH & Co. KG) verzockt haben, wiederum Gelder, d.h. Kredite von den hoch verschuldeten Staaten leihen. Was also hier hin- und her geschoben worden ist, sind Schulden. Genauer betrachtet: Es zeigt sich ein arbiträrer Rollenwechsel von Gläubigern und Schuldigern in persona, d.h. die gegenseitigen Referenzwerte sind irreal und vertauschbar geworden, werden einfach reziprok simuliert. Dieser simulative Wahnsinn mit referenzentleerten Werten drückt sich sehr schön in dem folgenden Finanzwitz aus:

"Ein Bauer hat zwei Kühe und fragt nach einem Kredit, um Heu zu kaufen. Die Bank hält Milch für ein Low-Yield-Investment und empfiehlt, 50 Prozent einer Kuh zu verkaufen und die anderen Prozent als Sicherheit zu hinterlegen. Mit dem Kredit werden Heu und ein Straußenpaar gekauft, dessen Eier eine bessere Rendite erwirtschaften sollen. Die Straußen überleben den Winter nicht. Die Bank versteigert die erste Kuh zur Deckung der Schulden und bietet an, eine Hälfte der zweiten Kuh für einen Milch-Swap in Zahlung zu nehmen, der die Schwankungen des Milchpreises ausgleichen soll. Der Milchpreis fällt unter den Knockout-Preis, weil kein Geld mehr für das Heu der Kuh vorhanden war. Die Bank verkauft die zweite Kuh mit Verlust und erhält dafür einen staatlichen Bailout in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Für weitere 15 Milliarden Euro soll ein Kreditprogramm für Bauern abgesichert werden, damit diese auf eine sichere Zwei-Kuh-Strategie umsteigen können." (Quelle: u.a. wiwo.de, November 2008)

Nach dem gleichen Modell wird nun mit dem Prinzip Arbeit verfahren: Der Referenzwert von Arbeit -- die ökonomische Notwendigkeit -- wurde durch den homo faber selbst abgeschafft. Arbeit regiert fortan 'nur noch' in symbolisch-repräsentationaler Hinsicht: Nur diese Abschaffung des Referenzwertes von Arbeit und in Folge damit deren reine Symbolisierung kann die ungebrochene und totalisierende Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft überhaupt ermöglichen: In der Fiktion wird alles real, wird das Totale präsent und die Präsenz total: Willkommen in der virtual reality of labour, das Reich der rein symbolischen Signifikation der Arbeit.

Mit dem Simulationsprinzip Baudrillards allein kann jedoch die Dominanz des symbolischen Prinzips Arbeit nicht hinreichend erklärt werden. Die Menschen müssen ja schließlich dazu gebracht werden, sich in den 'Arbeitssimulator' zu begeben und auch darin zu verbleiben. Hier kann nun die Theorie der Simulation von Baudrillard sehr fruchtbar mit den theoretischen Ausführungen eines weiteren französischen Sozialphilosophen verknüpft werden: Mit der Theorie der Disziplinarmacht von Foucault, der eine ganz andere Sichtweise von Subjekt und Subjektivierung, also der Konstituierung von Subjektivität und Identität, formulierte.

 

Die Disziplinarmacht von Foucault

Foucaults Ansatz ist der, dass das moderne 'Subjekt' nicht als idiosynkratisches, autonomes Wesen betrachtet werden darf, sondern stets als ein bereits durch gesellschaftliche Machtprozesse geformtes Subjekt, das aber in diese Machtprozesse von vornherein selbst aktiv handelnd involviert ist. 'Macht' ist also nicht etwas, das von oben nach unten ausgeführt wird (vgl. Foucault 1994); die Macht kommt, wie Foucault es formuliert, von unten und ist nicht negativ zu sehen, sondern produktiv: Sie 'macht' etwas, formt die Menschen nach spezifischen Erfordernissen zu Subjekten und bringt die Menschen dazu, sich selbst zu spezifischen Subjekten zu formen, so dass sie für die Gesellschaft verwertbar sind (vgl. Rieger 2002).

Foucault interessierte sich gerade für diese produktiven Macht-Praktiken, die er auch Disziplinierungspraktiken oder Disziplinartechnologien nennt, mit denen Menschen zu Subjekten 'ge-macht' werden und sich gleichzeitig selbst zu Subjekten machen, sich zu Subjekten disziplinieren. Hierbei analysiert Foucault historisch unterschiedliche Disziplinarsysteme bzw. Disziplinarmächte. Die historisch früheren Formen zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen vor allem körperbezogen fremd-diszipliniert wurden, also sozusagen ihre hardware zugerichtet worden ist. Das Funktionsprinzip der Disziplinarmacht in modernen Gesellschaften hingegen besteht darin, dass die Individuen nicht mehr direkt körperbezogen, also 'hardwaremäßig' fremddiszipliniert werden, sondern sie dazu gebracht werden, mittels unterschiedlicher Selbstpraktiken sich selbst zu disziplinieren. Dies wird möglich durch gesellschaftliche Diskurse -- sozusagen durch 'Software-Programme' -- über verkürzt gesagt die 'vernünftige Lebensführung'. Es werden diskursiv Dispositive der Selbstsorge generiert, also Anleitungen bzw. eben Software-Programme für jene Selbstdisziplinierung bereitgestellt, die einem in Hinsicht auf die Internalisierung der Selbstrationalisierung, des Selbstmanagements, der Selbstsorge, der Selbstkultur, etc. dienen. Hierbei werden in produktiver Weise Technologien der Selbstdisziplinierung, also Selbsttechnologien entwickelt und angeboten. Die jedes Individuum durchdringenden Programme (Diskurse) der modernen Disziplinarmacht implizieren dabei stets einen projektiven Begriff von Identität, das heißt niemand entspricht einer gegenwärtig geforderten Identität, jedoch in Zukunft, wenn die Selbstpraktiken erfolgreich angewendet werden. Somit können diese projektiven Identitäten auch als "anthropologische Optimierungsstrategien" (Bröckling) verstanden werden. Genau in dieser Hinsicht werden die Subjekte an die "Ketten ihrer selbst" gelegt, da sie sich auch selbst an diese Kette legen: Subjektivierung und Identität werden damit zu einer Sackgasse insofern, dass das Subjekt nicht mehr wie im humanistischen Paradigma der eigene Ausgangspunkt, sondern der Endpunkt spezifischer "übermächtiger" Formierungsprozesse ist.

Ein anschauliches Beispiel ist hierbei nun gerade das Prinzip Arbeit: Arbeit hatte stets in Gesellschaften strukturierenden oder gar disziplinierenden Charakter, allerdings in klassisch herrschaftstechnologischer Hinsicht als Fremd-Disziplinierung. Der Clou der modernen Diszipliniermacht ist nun, dass das Prinzip Arbeit als totalisierte Fiktion in die Subjekte eingepflanzt und das Mittel der Selbstdisziplinierung geworden ist. Das identitäre Ziel dieser disziplinierenden Simulation ist offensichtlich: Nämlich ein Subjekt, das den Anforderungen neoliberal-globalisierter kapitalistischer Gesellschaften gewachsen ist, und das sich vor allem um sich selbst sorgt, damit nicht für ihn gesorgt werden muss wie bisher in den 'vor'-postmodernen Sozialstaaten. Selbstsorge ist immer billiger als Fürsorge. So sollen sich zum Beispiel die Menschen über ihre Arbeit an sich selbst zu "Arbeitskraft-Unternehmern" (Voß/Pongratz) oder "Ich-AG's" (Bröckling) subjektivieren, das heißt disziplinieren, was eine ganz andere identitäre Basis darstellt im Vergleich zum herkömmlichen Arbeiter der klassischen Industriegesellschaft. Auch die Ergebnisse der Analysen von Boltanski/Chiapello zum Geist des neuen Kapitalismus reihen sich hier ein: In Anbetracht der Kritiken an den Ausbeutungspraktiken des kapitalistischen Regimes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich der Kapitalismus mal wieder selbst geköpft und den KritikerInnen versprochen, die Arbeitskräfte nicht mehr auszubeuten. Dies ist korrekt, doch der Hydra sind in der Zwischenzeit ganz neue Köpfe gewachsen, und diesmal unzählig viele -- nämlich die Arbeitskräfte selbst, welche nun gelernt haben, sich selbst zu disziplinieren und auszubeuten!

 

Konklusion: Die disziplinierende Simulation

Vor dem Hintergrund des hier skizzierten Ausführungen wird das Prinzip Arbeit als eine zentrale Strategie moderner Disziplinarmacht plausibel. Zudem erscheinen die Aufwertung des Subjekts in der Arbeit bzw. die "normative Subjektivierung" (Baethge) von Arbeit in postmodernen Gesellschaften als notwendige Entwicklung. Da der ursprüngliche 'äußere' Referenzwert von Arbeit -- die ökonomische Notwendigkeit -- abgeschafft wurde, muß im Rahmen der Simulation von Arbeit bzw. in dem Prozess des Austausches ursprünglich dichotomer Werte ein neuer 'innerer' Referenzwert geschaffen werden, nämlich das Subjekt in seiner Totalität, damit die Disziplinarpraktiken weiterhin eine Arbeitsplattform haben, um gesellschaftlich spezifische Subjekte zu formen. Bereits hier wird die Verknüpfungsmöglichkeit des Baudrillardschen und Foucaultschen Ansatzes deutlich: Simulation und Disziplinartechnologie gehen Hand in Hand. Die Retotalisierung des Prinzips Arbeit in unserer Gegenwart vollzieht sich im Fluchtpunkt dieser beiden Kraftlinien, prozessiert sich als Phänomen der disziplinierenden Simulation von Arbeit, die kein Ende der Arbeit in symbolischer und in Folge herrschaftstheoretischer Hinsicht ermöglicht. Gearbeitet wird weiterhin und ohne Ende -- und zwar am Phantasma der Arbeit.

 

Und nun?

"Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen.
Den Vorhang zu und alle Fragen offen."
(Bertolt Brecht: Der gute Mensch 314 von Sezuan)

 

Die hier vorgestellte Perspektive auf die Struktur und Funktionsweise postmoderner Gesellschaften in Hinsicht auf die symbolische Verankerung des Prinzips Arbeit, das die Subjekte fest in der Hand hält, scheint tatsächlich ernüchternd zu sein: Welchen Ausweg gibt es aus dieser disziplinierenden Simulation, welche die Gesellschaft bis in ihre feinsten Verästelungen durchzieht? Ist die Arbeit aufgrund der Aufhebung ihrer realen Signifikation zu einem unsterblichen Fetisch geworden? Kann die Arbeit gar nicht mehr abgeschafft werden und müssen sich die gesellschaftlichen Subjekte einer totalen Sklavenherrschaft unterwerfen, wie es auch in den Analysen von Boltanski/Chiapello anklingen mag? Oder gibt es doch Möglichkeiten, diesen Prozess zu unterbinden, da es ja gerade die Subjekte selbst sind, die sich dieser Disziplinarmacht unterwerfen, um sich als postmodernes Subjekt zu konstituieren? Ist es möglich, über einen aufklärenden Gegendiskurs die moderne Disziplinarmacht zu entwaffnen und damit -- entgegen Foucaults Überzeugungen -- ein humanistisch begründetes Subjekt zu rekonstituieren, das sich wieder, wie bei Hegel und Marx, über Arbeit emanzipieren kann? Ist die disziplinierende Simulation von Arbeit nichts weiter als eine neue, postmoderne Form der Entfremdung von Arbeit und von der Subjekthaftigkeit des Menschen? Wie kann diese Entfremdung aufgehoben und das Subjekt davor gerettet werden, sich an die Kette der Fiktion Arbeit zu legen? Dies alles sind Fragen, die dringend noch einer Antwort bedürfen, Antworten, die dann vor allem praktisch umgesetzt werden müssen. Der Vorhang darf noch nicht gefallen sein...

 

autoreninfo 
Jan Kruse, Dr. phil., Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Soziologie an der Universität Freiburg, Projektmitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungsinstitut in Freiburg (SOFFI F) sowie selbstständiger Methodentrainer und Forschungsconsultant für qualitativ-empirische Sozial-/ Interviewforschung. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Methoden der Qualitativen Sozial-/ Interviewforschung, Professions- und Arbeitssoziologie, Familiensoziologie, Migrationssoziologie, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit.
Homepage: http://www.qualitative-workshops.de/
E-Mail: jan.kruse@soziologie.uni-freiburg.de

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