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no. 27: arbeit -> perspektive
 

perspektive

Geschichten aus dem Kollektiv. Arbeit in Ostdeutschland

von Patrick Wilden

Schon vor Jahren kam mir der Gedanke, Arbeit zum Thema zu machen. Damals hatte ich aus biographischen Gründen die Situation des arbeitslosen Akademikers im Sinn, während es mir heute, nach meinem Umzug nach Sachsen, naheliegender erscheint, etwas über Arbeit in Ostdeutschland zu schreiben. Bislang ist das allerdings immer gescheitert, weil ich lieber verschweigen wollte, daß ich doch gar nicht 'aus dem Osten' bin. Und deshalb, so der Kurzschluß, auch nichts darüber sagen kann.

Glücklicherweise erwähnte ich einem Freund gegenüber mein Dilemma -- der mich ermutigte: ihn würde es schon sehr interessieren, wie ich das sähe. Ich wiederum sagte ihm, daß mir, wenn ich über das Thema nachdächte, immer zuerst dieser Text von Volker Braun einfalle, mit dem Titel Die Leute von Hoywoy (2), in dem er aus der Perspektive seines Berliner Fernsehsessels das Pogrom von Hoyerswerda gegen die Vietnamesen und Mosambikaner des dortigen Asylbewerberheims im September 1991 beschreibt. "Die Werkzeuge, mit denen wir gearbeitet hatten, schleppten sie als Waffen", schreibt Braun -- denn er hatte in den 1960er Jahren diese Planstadt für das Industriekombinat Schwarze Pumpe in der Lausitz eigenhändig mit aufgebaut. Und er versucht eine Erklärung für das Verhalten der Leute -- seinen vermeintlichen Kollegen von damals? --, die mich zum Nachdenken brachte:

"Es war ihnen, den Erbauern von einst, den berühmten Leuten, etwas zugestoßen. Man war mit ihnen umgesprungen, wie kein Polier, kein Polizist es einst gewagt hatte. Es war etwas hereingebrochen, eine namenlose, eine Naturgewalt, die das Gelände entseelte und die Betriebe verödete. Die sie enteignete ihres unbestimmten Besitzes, ihrer Sicherheit."

Für den Freund -- mein Jahrgang und damit gerade noch 'gelernter DDR-Bürger', wie man so schön sagt -- ist diese "Naturgewalt" inzwischen Schnee von gestern: die Wende, die plötzlichen Massenentlassungen, die Umwertung aller Werte, die Arbeitslosigkeit in einer, mit Wolfgang Engler, "arbeiterlichen Gesellschaft"...

Vielleicht sollte ich bei mir selbst beginnen.

Ich kam 2004 nach Dresden. Ich hatte studiert, danach Arbeitserfahrungen im Verlagswesen gesammelt, war seit einiger Zeit arbeitslos gemeldet und hatte sogar, um den Schikanen der in 'Agenturen' umgewidmeten Arbeitsämter zu entkommen, auf die Beantragung der damals neuartigen Bezüge nach den Hartz-IV-Gesetzen verzichtet. Bis auf ein paar Jobs, etwas Redaktionsarbeit und ein paar Artikel für Online-Zeitschriften hatte ich wenig vorzuweisen und war entsprechend unzufrieden mit meiner Situation.

Durch einen Zufall fand ich nun in Dresden nach kurzer Zeit schon Arbeit, zuerst befristet, dann als fester Mitarbeiter in einem Antiquariat. Und sofort war ich mitten drin in der Arbeit in Ostdeutschland. Die Kollegen waren ausschließlich Ostler und hatten in der Regel früher im Volksbuchhandel gearbeitet. Mit ihnen kamen weitere Bekanntschaften, entstanden Freundschaften, mein neuer Lebensmittelpunkt. Meine prägendste Erfahrung von Anfang an war eine besondere freundlich-hilfsbereite Kollegialität, die ich bei vorherigen Arbeitsverhältnissen vermißt hatte. Am ersten Tag wurde ich der Belegschaft vom Geschäftsführer mit den Worten vorgestellt: "Das ist Herr Wilden. Er ist aus dem Westen und hat studiert." Meine Schamesröte muß so überzeugend gewesen sein, daß ich fortan der unaufdringlichen, irgendwie selbstverständlichen Solidarität innerhalb des 'Kollektivs' teilhaftig wurde.

Mit der Arbeit kamen auch die zugehörigen Erzählungen und Histörchen über die Arbeit, vor allem wie es früher, 'vor der Wende' war -- für mich die Voraussetzung, um überhaupt etwas über Arbeit in Ostdeutschland sagen zu können. Es waren keine besonderen Begebenheiten -- Geschichten aus dem Kollektiv: von Menschen, die mit gestrengen Vorgesetzten zu tun hatten, die öfter ein Auge zudrückten, mit überambitionierten Parteikadern, denen man sich zu entziehen versuchte, von kleinen Ritualen oder Feiern im Kollegenkreis. Anekdoten zum Beispiel über das Auftreten von Kunden aus dem Westen, deren Verhalten sich auch in den letzten 20 Jahren, wie es scheint, wenig geändert hat. Ein Buchhändler, das lernte ich dabei, war in einer eingemauerten Gesellschaft ein nicht unwichtiger Mensch, und sei es nur, weil er als erster an das Wissen von außen kam. Heute ist die DDR in ostdeutschen Antiquariaten noch sehr lebendig: mit großen Teilen der Bestände hätte man früher eine gediegene Buchhandlung bestücken können. Pittiplatsch meets Pumuckl -- in ihren Nostalgien und Erinnerungen werden die beiden Deutschlands wohl noch ein Weilchen zwei unterschiedliche Länder bleiben.

Auch Munkeleien und Spitzelgeschichten gehörten im übrigen dazu, die sogar mich, den Diktaturunerfahrenen, betreffen, da manche Personen, die im alten System gut funktionierten, auch im neuen noch Macht haben. Und natürlich kamen auch die Brüche zur Sprache, die Erfahrungen aus der Zeit, als mit den Menschen "umgesprungen" wurde, als Schlafstädte wie Hoyerswerda oder die Trabantenstädte von Dresden-Gorbitz und Leipzig-Grünau -- kurzfristig zumindest -- zu Wohnparks für Arbeitslose wurden. Interessanterweise, und anders, als ich es vermutet hatte, waren das aber meist keine besonders bösen Erzählungen, eher nüchterne, lakonische, abwägende, die immer betonten, daß die neue Zeit doch auch viel Gutes gebracht habe. Eine Haltung, die durch Umfragen bestätigt wird. So hat etwa der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer in der Jubiläumsfolge seiner Deutsch-deutschen Zustände von 2009 herausgefunden, daß in beiden Landesteilen die Zustimmung zur Wiedervereinigung bei rund 90 Prozent liegt. Nur gut 40 Prozent der Ostdeutschen finden allerdings nachträglich die DDR gut -- gegenüber 85 Prozent Zustimmung der Altbundesbürger für die BRD vor 1989. "Die Mehrheit verspürt weder Sehnsucht nach der DDR noch allzu große Sympathie für das neue Gemeinwesen", wie der Erfinder der Ostdeutschen als Avantgarde, der Soziologe Wolfgang Engler, konstatiert.

Ich stelle mir diese Situation des Vor-den-Kopf-gestoßen-Werdens ungefähr so vor, wie sie Volker Braun in seiner Novelle Die vier Werkzeugmacher von 1996 plakativ zur Sprache bringt, und zwar an der Stelle, wo der neue Besitzer aus dem Westen, der die Fabrik der Werkzeugmacher kurz nach der Wende übernommen hat, zu deren Brigadier sagt: "Wir sehn, was hier gelaufen ist. Sie haben die Arbeit erfunden. Bestarbeiter in der Mißwirtschaft. Heruntergewirtschaftet die Bude. Ich kann doch zwischen Arbeitern und Simulanten unterscheiden." Von ähnlichen Erfahrungen wissen viele zu berichten.

Eine ehemalige Verlagsangestellte erzählte einmal von ihrem neuen Chef aus dem Westen, der sich kurz nach der Wende vor die versammelte Belegschaft gestellt und die Parole ausgegeben habe: "Das Wort 'Kollektiv' kommt von nun an nicht mehr vor." Dabei sollte man bedenken, daß es nach ihrem Empfinden in der 'Mißwirtschaft' mehr Mitarbeiterdemokratie gegeben habe, daß auf informellem Wege manche Partei- und Firmenhierarchie umgangen werden und man auch einmal seine Meinung sagen konnte, ohne sofort um seinen Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Diese Meinung hört man in der Generation der heute 60jährigen häufiger. Ich weiß auch von einer sehr engagierten Kollegin -- weiß Gott keine 'Simulantin' --, die zur Wendezeit Mitte 50 und in der größten Buchhandelskette der Stadt beschäftigt war, welche zuvor von Käufern aus Westdeutschland übernommen worden war. Sie wurde damals kurzerhand entlassen, während sie sich noch wegen einer Hüftoperation in Behandlung befand. Kein Wunder also, daß sich die "Sympathie für das neue Gemeinwesen" in Grenzen hielt.

Nicht nur der Dresdner Volksbuchhandel machte Metamorphosen durch. Auch das Antiquariat, das als Institution noch aus DDR-Zeiten stammt, wurde nach der Privatisierung geschlossen, die Mitarbeiter entlassen und dann doch weiterbeschäftigt, seit gut zehn Jahren nun in einem auf die Städte Leipzig und Dresden verteilten Unternehmen, das heute gewinnbringend arbeiten kann. Die Zerschlagung oder Verschlankung solcher Staatsunternehmen nach der Wende führte allerdings auch dazu, daß in Leipzig eine Handvoll neuer, nun privater Antiquariate, in Dresden einige unabhängige Buchhandlungen eröffneten -- und zusammen mit den vielen Bäckereien, Frisören und Physiotherapiepraxen den sich entwickelnden neuen Mittelstand im Einzelhandels- und Dienstleistungssektor kulturell bereicherten.

Das sind nur ein paar von den Geschichten, die meine Arbeit prägen. Sie wurden und werden mir von Menschen erzählt, die meistenteils noch da sind und deren Präsenz manche Wissenslücke über die vergangenen 20 Jahre beruhigend schließt, viele der Probleme seither für mich nachfühlbar machen. Es gibt aber auch viele Geschichten, deren Protagonisten nicht mehr da sind -- eben weil sie anderweitig, nämlich vornehmlich in Westdeutschland Arbeit fanden und sich nicht selten dort eine neue Existenz aufgebaut haben. Ostdeutschland sind seit dem Fall des ehemaligen 'antifaschistischen Schutzwalls' mehr als zehn Prozent der Bevölkerung abhanden gekommen. "Per saldo hat Ostdeutschland ... rund 1,8 Millionen Menschen verloren", heißt es dazu nüchtern in dem Bericht des Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) von 2010; es hat damit "seine sehr positive demographische Reserve letztlich in die süddeutschen Flächenländer 'exportiert' und damit deren Bevölkerungs- und Humankapitalstruktur nachhaltig verbessert." Ich selbst habe mich als junger Student Mitte der 1990er Jahre gewundert, warum die Züge auf dem winzigen Tübinger Hauptbahnhof von einer sonoren Stimme mit einem leichten Thüringer Akzent angesagt wurden -- und nicht in beißendem Schwäbisch.

Auch aus dem Bekanntenkreis kenne ich Beispiele für Abwanderung. Jobs als Programmierer, bei Messe- oder Logistikfirmen sind selbst in den vermeintlichen 'Boomtowns' Leipzig oder Dresden -- trotz deren leicht positiver Wanderungsbilanz -- rar und werden eher in den besagten "süddeutschen Flächenländern" angeboten. Eine frühere Buchhändlerin muß inzwischen nach Bayern verreisen, wenn sie mal das Enkelkind sehen will. Denn es gehen mit den Arbeitswilligen ja zunächst einmal die Jungen und gut Ausgebildeten. Und das ist umso erstaunlicher, als das IWH Statistiken erstellt hat, die, auf ganz Deutschland gerechnet, einen wesentlich höheren Anteil schulisch und beruflich gut Qualifizierter in Ostdeutschland sehen. Nachwuchsschmieden wie die Technische Universität Dresden oder die Bergakademie Freiberg produzieren damit eine neue Elite, die der Region zumeist gar nicht zu Gute kommt. Im Jahr 2008 frohlockte man schon, als die Negativbilanz 'nur' noch bei 41.000 Menschen lag.

Im Gegenzug kamen natürlich auch viele Menschen aus dem Westen in die neuen Bundesländer -- und auch davon lassen sich Geschichten erzählen. Ein Beispiel aus dem engsten Familienumfeld: Zum Wintersemester 1990 ging mein -- inzwischen verstorbener -- Vater von der Universität Göttingen nach Erfurt an die damals noch existierende Pädagogische Hochschule Dr. Theodor Neubauer. Ich weiß nicht, was ihn genau getrieben hat, schließlich hatte er auch an der alten Arbeitsstätte sein Auskommen. Neben dem großen Bedarf an neuen, unverbrauchten Fachkräften war es wahrscheinlich auch so etwas wie Aufbruchsgeist, das geordnete Chaos in der gerade erst zur einer solchen werdenden 'Transformationsgesellschaft' (Engler), das ihn reizte. Jedenfalls schien in Erfurt vieles möglich, was vorher undenkbar war: beim Auf- und Umbau einer Hochschule mitzumischen und Verantwortung zu übernehmen, eine Professur, vielleicht gar eine leitende Funktion bekleiden zu können an der neuen Universität Erfurt, deren Gründung bald nach der Wende als politisches Prestigeprojekt betrieben wurde?

Was ich weiß, ist, daß es mit der Professur nichts wurde -- wohl aber mit einer recht spezialisierten Mittelbaustelle, auf der er, von den üblichen Querelen um universitäre Arbeitsverhältnisse einmal abgesehen, im Jahr 2005 seinen Ruhestand erreichte. Was ich auch weiß, ist, daß die schöne Aufbauarbeit schon nach wenigen Semestern darin bestand, Ost-Kollegen, zu denen mein Vater inzwischen vielfach ein gutes fachliches und nicht selten freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte, welche aber leider für die neue politische Klasse oftmals das falsche Parteibuch besessen hatten, zu evaluieren -- was zumeist nichts anderes bedeutete, als sie zu entlassen. Daß er bei dieser in allen Behörden und öffentlichen Einrichtungen der neuen Bundesländer typischen Prozedur fachliche und persönliche Qualifikation über politisches und berufliches Kalkül stellte, ehrt ihn -- es hätte ihn aber auch seinen neuen Job kosten können. Immerhin blieben ihm so viele seiner persönlichen Kontakte zum ehemaligen 'Kollektiv' erhalten.

Es scheint eine bestimmte Form von Bescheidenheit zu sein, die viele meiner Ost-Kollegen ihren Mitbürgern aus dem Westen voraus haben. Und das wird seinen Grund eben darin haben, daß den Menschen einmal etwas "zugestoßen" ist. Denn wer seinen angestammten Lebensmittelpunkt in etwa erhalten konnte, hat entweder Glück gehabt -- oder es gelernt, kleinere Brötchen zu backen. Sicherlich, es gibt auch in meiner Branche Kollegen, die ihr 30jähriges Berufsjubiläum nicht nur in einem Antiquariat, sondern sogar in derselben Firma feiern können. Dagegen halten kann ich aber auch Beispiele wie das des Freundes, der mich zu diesen Reflexionen ermutigte. Weil er gerne in seinem angestammten Umfeld und bei seiner Familie leben will, verkauft er lieber in Dresden in kleinem Stil Kunst, als in einem Elite-Forschungslabor irgendwo auf der Welt seinen Doktor in Biologie und seine internationale Karriere voranzutreiben.

Was die wirtschaftliche und die Beschäftigungssituation betrifft, so scheint mir, ist das Land inzwischen weitgehend zusammengewachsen. Da geht der in Dresden seit 1990 mit frischem Kapital betriebene Stadtumbau, dessen augenfälliger Höhepunkt die Weihe der Frauenkirche 2005 war, mit einer Durchkommerzialisierung der Innenstadt einher, werden allenthalben neue Einkaufszentren oder Hotelkomplexe mit Shopping-Bereich und Dienstleistungseinheiten gebaut, mieten sich überall dieselben globalen Ketten ein. Wie die Bedingungen dort sind, ist mir nur von der bereits erwähnten Dresdner Buchhandelskette bekannt. Diese wurde 2007 von einer der größten Ketten des Landes übernommen. Die Personalpolitik geht inzwischen dahin, nur noch sehr wenige gelernte Buchhändler zu beschäftigen und die übrigen Stellen durch angelernte Verkäufer zu besetzen. Nicht nur die Uniformisierung der Innenstädte verbindet das Land, sondern auch, daß, wer darin bestehen will, mit Richard Sennett, ein "flexibler Mensch" sein muß.

Und auch daß der Osten, von Ausnahmen wie der Solar- und Biomasseindustrie abgesehen, ohne wichtige Konzernzentralen dasteht und vielfach nur, wie es so schön heißt, die "verlängerte Werkbank" westdeutscher oder globalisierter Unternehmen -- in Dresden etwa die Chiphersteller Infineon oder Globalfoundries (früher AMD) -- bildet und daß es Karrierechancen und gute Verdienstmöglichkeiten statt dessen weiterhin eher in Westdeutschland gibt, verbindet das Land. Das kann man leicht beobachten, wenn man etwa an einem Freitagabend über eine der frisch ausgebauten und aus dem Solidarpakt finanzierten Autobahnen in Richtung der alten Bundesländer fährt. Anfangs habe ich mich noch etwas gewundert, warum immer auf der entgegengesetzten Fahrbahn soviel mehr Verkehr herrscht. Spätestens wenn ich am Sonntagabend wieder zurückgefahren bin, habe ich begriffen, daß da der Strom der Wochenendpendler unterwegs ist. Autobahnen wie die A2, die A4, die A9 oder die A24 sind die Transitstrecken für die modernen Arbeitsnomaden

Vor kurzem begegnete ich bei einem Hausankauf einem Wochenendheimkehrer -- und bekam zugleich eine Lektion in Sachen New Economy. Es war ein freundlicher, zurückhaltender Sachse, Ende fünfzig, der mir schweigend dabei zusah, wie ich seine Bücher einschätzte, und nur gelegentlich zum Rauchen auf den Balkon verschwand. Später, als wir uns handelseinig geworden waren und er mir beim Verladen der Bücher ins Auto behilflich war, kam er ein bißchen ins Reden. Er entschuldigte sich, wegen einer Krankschreibung nicht ganz fit zu sein, normalerweise wäre er nur wochenends in der Stadt. Und er sei froh, daß er das Berufsleben bald hinter sich habe. Vor einigen Jahren, erzählte er, hätte er -- wohl nach längerer Arbeitslosigkeit -- bei einem großen westdeutschen Maschinenbauer Arbeit gefunden. Der leitende Ingenieur suchte ein paar erfahrene Mitarbeiter, um Prototypen für wichtige deutsche Automobilhersteller zu entwickeln. Die Arbeitsgruppe habe zu Beginn aus vier Mann bestanden -- mir kamen sofort die vier Werkzeugmacher in den Sinn -- und sei recht erfolgreich gewesen. Doch dann wurde die Struktur verändert. Es wurden immer mehr jüngere Kollegen mit wenig oder gar keiner Berufserfahrung eingestellt. Ständig wurde über Neuerungen diskutiert, immer neue Strategiepapiere machten die Runde. "Inzwischen", so ungefähr seine Worte, "sind wir über sechzig Mann, aber die wesentliche Arbeit wird weiterhin von einem halben Dutzend Leuten geleistet. Der Rest produziert Papier." Kann man sich eine schönere Zusammenfassung für die von Richard Sennett beschriebene "Kultur des neuen Kapitalismus" wünschen?

Es ist natürlich die Frage: Was wäre die Alternative? In einem seiner letzten Bücher, dem 2008 erschienenen Machwerk, hat sich der mittlerweile vom kritischen Arbeiterdichter zu einem Dichter der Arbeit unserer Tage gewandelte Volker Braun die Narrenkappe aufgesetzt und den Versuch unternommen, die Arbeitsgesellschaft der DDR, die ökonomisch und gesellschaftlich erzwungene Doktrin der Vollbeschäftigung auf die Jetztzeit anzuwenden. Er hat dafür die Figur des Flick von Lauchhammer erfunden. Seine naiv immer wieder gestellten Fragen "Was liegt an?" und "Wo ist das Problem?" klingen wie eine Kampfansage, wenn dieses Faktotum eines ehemaligen Lausitzer Braunkohlekombinats zusammen mit seinem linkischen Enkel und Teufelsgehilfen Ludwig, genannt Luten, den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, 1-Euro-Jobs und Tagelöhnerarbeiten nachgeht, die so an ihn herangetragen werden. Daß Flick während der 48 "Schichten" des Buches eine Schneise der Verwüstung durch die "entseelten", "verödeten" und "enteigneten" Landstriche zieht, die sein Autor fast 20 Jahre zuvor bereits beschworen hat, verwundert nicht.

Wenn man Zahlen wie die der sogenannten 'Arbeitsplatzlücke' kennt, wird die Satire des Buches noch viel beißender. Mit dieser statistischen Größe versucht man den Bedarf an Arbeitsplätzen zu ermessen, also wie weit wir noch von der -- rhetorisch von den Parteien noch immer gerne bemühten -- 'Vollbeschäftigung' entfernt sind. In Ostdeutschland ist das Mißverhältnis zwischen dem Angebot an Arbeitsplätzen und der Nachfrage nach wie vor viel größer als im Westen: Im Jahr 2008 fehlten in Ostdeutschland noch immer 1,1 Millionen Arbeitsplätze, will heißen: 151 von 1000 potentiellen Erwerbspersonen hatten keine Arbeit, gegenüber 64 von 1000 in den alten Bundesländern -- Tendenz gleichbleibend. Auf einer Internet-Seite des Sächsischen Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit wird gegenwärtig, im Januar 2011, die Situation unter der Rubrik "Zukunft der Arbeit" in vier "Tendenzen" zusammengefaßt: "Arbeitsmenge rückläufig", "Flexibilisierung der Arbeit", "abnehmende Beschäftigungsmöglichkeiten für gering Qualifizierte" und "Alterung der Erwerbspersonen".

Im Grunde kennen wir diese Meldungen schon seit längerem aus der Zeitung. Mit der Narrenkappe auf dem Kopf lassen sich die landläufig bekannten und das ganze Land verbindenden "Tendenzen" nur ein bißchen leichter ertragen. Immerhin hat Wolfgang Engler den Ostdeutschen solch zeitgemäßen Arbeitstugenden wie Teamgeist -- Engler spricht noch immer gerne vom "Kollektiv" --, Disziplin, ja erzwungenermaßen auch Flexibilität bescheinigt. Der Umbruch von der klassischen, militärisch und meritokratisch strukturierten Arbeitswelt, in der jeder seinen Platz, sein Auskommen und seine sichere Rente hat, hin zum "postfordistisch" genannten, "neuen Kapitalismus" erfolgte in Ostdeutschland mit der Wende eben wesentlich heftiger als im Westen -- was die Ostdeutschen, laut Engler, zur "Avantgarde" macht:

"Gerade weil die Ostdeutschen eine Arbeitswelt und Arbeitsweise konserviert hatten, die in weiten Segmenten vorfordistisch zu nennen war, konnten sie in einem Sprung, ohne Vermittlung und Anlaufzeit, von der historischen Etappe an die Front der globalisierten Weltgesellschaft übersetzen; die Nachhut wurde über Nacht zur Avantgarde."

Trotz der militärischen Metaphorik -- man möchte es gerne glauben. Vor einiger Zeit kam ein Mann mittleren Alters zu mir ins Geschäft und bot mir ein Buch des vor der Bundestagswahl 2005 einmal hochgeschätzten Steuerexperten Paul Kirchhof an. Als ich ihm sagte, daß ich dafür eigentlich kein Geld ausgeben wolle, meinte er, er könne das gut verstehen, und es folgte eine längere Tirade gegen die konservativ-liberale Bundesregierung. Am Ende sagte der Mann, sinngemäß: "Zu DDR-Zeiten konnte man gegen das System sein, ja sogar dagegen kämpfen, was ich auch getan habe. Aber man hatte wenigstens sein Auskommen."

Da ist sie wieder -- die Arbeitswelt von früher, samt den Erinnerungen und Erzählungen, die sich darum ranken. Da ist auch wieder die Braunsche "Naturgewalt" -- und sie dauert offenbar an. Der Mann in meinem Geschäft deutete jedenfalls an, als freiberuflicher Übersetzer, dem mehr und mehr die Aufträge fehlten, gegenwärtig in einer existentiellen Krise zu sein. Und die Aussichten sind keineswegs beruhigend. Noch immer tendiert die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland mit durchschnittlich 10,7 Prozent fast fünf Prozentpunkte über der im Westen, liegen die Einkommen rund 25 Prozent niedriger, sind die Vermögen privater Haushalte nur halb so groß wie die in den alten Bundesländern. Auch die Lebenszufriedenheit, ohnehin schon niedriger als in Westdeutschland, sinkt weiter. Avantgarde zu sein, muß man da schon regelrecht wollen.

Volker Braun ruft am Ende seiner Geschichte von 1991 den "Elendsgestalten" von Hoywoy aufmunternd ein "Glück auf, Kollegen!" zu. Er fühlt sich mit ihnen tief solidarisch und schließt mit den Worten: "Ich gehörte noch zu ihnen." Ob dieses ostdeutsche, 'arbeiterliche' Kollektiv-Gefühl nur Episode bleibt oder das Zeug dazu hat, weitergegeben zu werden? Ich fürchte, die heutige Normalität sieht schon anders aus.

Nachbemerkung: Es gibt, wie schon der Titel verrät, einen Vorgängertext, "Die Leute von Hoywoy", der von 1971 datiert und dessen Einleitung und Duktus in dem jüngeren Text wiederaufgenommen werden. Volker Braun kehrt darin "zehn Jahre nach den großen Erdarbeiten im mitteldeutschen Loch, die mich die Jugend gekostet hatten", nach Hoyerswerda zurück, um aus der Perspektive eines Kneipentresens seine Kollegen von einst, die Erbauer der neuen Stadt, in ihr selbst ausfindig zu machen -- und findet sie nicht. Er fragt rhetorisch: "Sind sie vielleicht anwesend hier, und ich erkannte sie nicht?" Im Jahr 1991, so scheint es, hat er sie wiedererkannt -- und sich in ihnen.

 

autoreninfo 
Patrick Wilden, geboren 1973, aufgewachsen in der Gegend zwischen Kassel und Göttingen. Geschichtsstudium in Tübingen und Rouen, Verlagsvolontariat in Stuttgart. Lebt und arbeitet als Antiquar in Dresden. Schreibt neben gelegentlichen journalistischen Arbeiten Lyrik und Kurzprosa. Mitarbeit bei den Internet-Zeitschriften parapluie und kultura-extra.de. Im Jahr 2000 Würth-Literatur-Preis mit der Kurzgeschichte "Klassenfeind". Gründungsmitglied des Literaturforums Dresden.

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