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no. 27: arbeit -> kinderarbeit
 

Kinderarbeit abschaffen?

Ein anderer Blick auf Geschichte und Gegenwart eines geächteten Phänomens

von Iven Saadi / Philip Meade

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* literatur
* druckbares

Kindheit und Arbeit -- das scheinen einander ausschließende Konzepte zu sein, so stark sind die Bilder von schlimmen Formen von Kinderarbeit wie Drogenhandel, Prostitution und Sklaverei. Und so setzt sich die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vehement für ein Verbot von Kinderarbeit ein. Treffen diese Missstände jedoch die Realität der meisten arbeitenden Kinder? In einem Großteil der Welt ist die aktive Beteiligung von Kindern am wirtschaftlichen Leben alltäglich und Teil einer wesentlichen Sozialisationsstrategie. Arbeit spielt eine wichtige Rolle für das Aufwachsen, Lernen und die Entwicklung von Kindern -- sowohl in ökonomisch armen als auch reichen Ländern. Das meinen auch die Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher und pochen auf ihr Recht auf Beteiligung an diesem politischen Prozess.

 
"Ich wurde gezwungen im Alter von fünf Jahren auf der Straße zu überleben. Mit sieben Jahren war ich immer noch ein Abfall-Sammler und schlief im Bahnhof. Sogar in der kältesten Nacht konnte ich nicht zu Hause schlafen. Später wurde ich Rikscha-Zieher. Während ich auf der Straße arbeitete, sah ich einige andere Straßenjungs, die über etwas Neues sprachen. Sie sagten, sie kennen einen Ort, der sich sehr von den anderen unterscheidet. Kinder wie wir treffen sich dort und helfen sich gegenseitig, um Veränderungen in ihren Leben zu bewirken. Ich folgte ihnen und als ich fast sieben Jahre alt war, formten wir eine Gruppe namens Child Brigade."

Der damals 16-jährige Salah Uddin gehörte zu den 32 Delegierten des zweiten Welttreffens der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher, das im Jahre 2004 in Berlin stattfand. Damals erreichten die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen die rege Aufmerksamkeit der deutschen Medien, weil sie -- entgegen hier geläufiger Vorstellungen -- weder für ein sofortiges Verbot von Kinderarbeit noch für Gütesiegel oder Sozialklauseln plädierten, sondern, im Gegenteil, das "Recht zu arbeiten" einforderten.

Ein Beweggrund für Salah Uddin, sich in einer Kinderbewegung zu organisieren, war die Entlassung zehntausender Kinder aus den Textilfabriken in seinem Herkunftsland Bangladesch im Jahre 1993. Kurz zuvor wurde in den USA diskutiert, den Child Labor Deterrence Act, ein Gesetz zur Ächtung von Kinderarbeit, vom Parlament beschließen zu lassen. Parallel dazu erschienen weltweit skandalisierende Medienberichte über Kinderarbeit in der Textilindustrie Bangladeschs, der größten Exportindustrie des Landes. Aus Angst vor einem Boykott beschlossen Textilunternehmen auf Anregung lokaler Industrievereinigungen, die Kinder und Jugendlichen -- hauptsächlich Mädchen -- fristlos zu entlassen. Nachfolgestudien zeigten, dass ein Großteil der Kinder danach gezwungen war, eine noch schlechter bezahlte und gefährlichere Arbeit aufzunehmen. Viele landeten auf der Straße, einige gar im Bereich der Prostitution. Nur die wenigsten Kinder gingen nach ihrer Entlassung zur Schule; dabei war dies das vom Westen erhoffte Ziel der Maßnahmen gewesen.

Das Berliner Treffen war weder das erste noch das letzte Mal, dass arbeitende Kinder und Jugendliche auf internationaler Ebene Aufmerksamkeit auf sich zogen. Seit ihrem ersten Welttreffen 1996 in Kundapur, Indien, sind Organisationen arbeitender Kinder und Jugendlicher weltweit vernetzt. Es fällt auf, dass ihre Forderungen denen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) -- einer mit der Etablierung internationaler Arbeitsstandards befassten Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf -- oftmals diametral entgegenstehen. Anstatt wie die ILO Kinderarbeitsverbote zu fordern, versuchen die Kinder und Jugendlichen, ihre Spielräume zu erweitern und die Spielregeln zu ändern. Während die ILO in ihrer Konvention 138 aus dem Jahre 1973 ein Mindestarbeitsalter festlegt und in ihrer Konvention 182 aus dem Jahre 1999 die unverzügliche Beseitigung der "schlimmsten Formen von Kinderarbeit" verlangt, fordern die arbeitenden Kinder in ihrer "Deklaration von Kundapur" eine Arbeit ohne Ausbeutung und in Würde.

Die 15-jährige Yajaira, ebenfalls Delegierte beim Berliner Welttreffen, gibt Aufschluss darüber, wie sie sich eine Arbeit in Würde und ohne Ausbeutung vorstellt:

"Eine würdige Arbeit kann jede Tätigkeit beinhalten, aber es ist eine Arbeit, für die ich mich selber entscheide. Ausbeutung ist, wenn dich jemand zwingt. Ich arbeite zum Beispiel in der Landwirtschaft. Meine Arbeit ist mir wichtig, aber ich arbeite so lange ich kann und will. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Eltern arbeite -- und wir müssen aus ökonomischen Gründen alle arbeiten, was natürlich auch ein gewisser Zwang ist --, dann setzen sie mich nicht unter Druck, sondern ich entscheide mich aus freien Stücken dazu, weil ich sie und unsere Situation sehe. Das bewegt mich."

Die "schlimmsten Formen von Kinderarbeit", zu denen die ILO Sklaverei, Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft, sowie den Einsatz als Kindersoldaten, als Drogenhändler, in der Prostitution oder bei der Herstellung von Pornografie zählt, bezeichnen die Kinder und Jugendliche schlichtweg als "Verbrechen gegen Kinder". Sie seien mit gängiger Gesetzgebung zu bekämpfen, hierzu sei kein Verbot von Kinderarbeit vonnöten.

Für die unterschiedlichen Einstellungen und Umgangsweisen mit Arbeit zwischen der ILO, aber auch anderen internationalen Organisationen und den arbeitenden Kindern, gibt es vielfältige Gründe. Ein Blick auf gesellschaftliche Vorstellungen und Konzeptionen von Kindheit und Arbeit, sowie das kritische Hinterfragen der Intentionen und Ziele von internationalen Organisationen, gibt hierüber Aufschluss.

 

Kindheit als kulturelles Konzept

Die Annahme, dass Kindheit und Arbeit einander ausschließen, ist in Europa ein relativ neues Phänomen. Dem französischen Historiker Philippe Ariès zufolge hat sich das Konzept von 'Kindheit' -- verstanden als eine von der Erwachsenenwelt getrennten Schutz- und Schonphase -- erst im 17. Jahrhundert herausgebildet. Die Institution Schule als verpflichtender Ort des Lernens, so wie wir sie kennen, wurde im 18. Jahrhundert flächendeckend eingeführt. Davor nahmen Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechend an den Tätigkeiten der Erwachsenen teil, sie waren Teil der Produktion und Reproduktion des Alltags und hatten eine wichtige ökonomische Bedeutung für ihre Familien und die Gesellschaft insgesamt.

Es war jedoch nicht die Einsicht in vermeintlich spezifische Bedürfnisse und Rechte der Kinder, die zu einer neuen Wahrnehmung von Kindheit und den Bestrebungen führte, Kinder aus der Arbeitswelt herauszuhalten und sie körperlich zu schonen. Vielmehr stand die Erkenntnis dahinter, dass der Bedarf an gesunden, disziplinierten und staatstreuen erwachsenen Soldaten und Arbeiter/-innen aufgrund des massiven Einsatzes von Kindern in Fabriken schlichtweg nicht mehr gedeckt werden konnte. So wurde 'Kindheit' in westlichen Industriegesellschaften mehr und mehr zu einer Zeit der Vorbereitung auf die Rollen, die Kinder als spätere Erwachsene ausfüllen sollen. Ihre gesellschaftliche Teilhabe und ihr ökonomischer Beitrag während der Lebensphase Kindheit rückten zugunsten ihrer zukünftigen wirtschaftlichen Produktivität in den Hintergrund. Es ist unter anderem diese Einstellung, die sich in der Politik der ILO und anderen internationalen Organisationen bis heute widerspiegelt, wenn verlautbart wird, "Schule ist der beste Arbeitsplatz", Kinderarbeit mit Ausbeutung gleichgesetzt wird, von Kindern als "unsere Zukunft" oder gar als "Humankapital" die Rede ist und den Ländern des globalen Südens die gleichen Entwicklungsschritte empfohlen werden, die Europa im 19. Jahrhundert durchlaufen hat.

Allen Gesellschaften ist gemeinsam, dass sie den Prozess des Alterns in Phasen einteilen und diesen Phasen Namen geben. Das Bündel von Ideen und Annahmen, das in den meisten wohlhabenden Gesellschaften unter dem Konzept 'Kindheit' zusammengefasst wird, ist aber keineswegs weltweit gültig. Zwar gibt es einige konzeptionelle Übereinstimmungen, zum Beispiel in Bezug auf die Verletzlichkeit und Abhängigkeit von Menschen im Laufe ihres ersten Lebensjahres, oder bei der Annahme, dass Kleinkindalter und frühe Kindheit Zeiten der Nicht-Vernunft sind. Doch insbesondere wenn es um die Frage der wirtschaftlichen Betätigung von Kindern geht, überwiegen die Unterschiede.

 

Arbeit und der gesellschaftliche Beitrag von Kindern

Ob auf dem Land oder in der Stadt -- in einem Großteil der Welt ist die aktive Beteiligung von Kindern am wirtschaftlichen Leben unübersehbar. Diese wirtschaftliche Teilhabe steht in der Regel nicht im Widerspruch zu den lokalen Annahmen darüber, was für Kinder angemessen ist und was nicht. Ganz im Gegenteil, in vielen Gesellschaften wird das Kind vorgestellt als Mitglied des Gemeinwesens mit zwar besonderen Eigenschaften, die aber seine Beteiligung am wirtschaftlichen Leben nicht ausschließen. Von ihnen wird häufig erwartet, dass sie, sobald sie dazu fähig sind, für Familie oder Gemeinschaft wichtige Aufgaben übernehmen. Während die Arbeiten zu Anfang noch leicht sind, werden Kinder angehalten, mit der Zeit zunehmend komplizierte und anspruchsvolle, aber an vorhandene Fähigkeiten angepasste Aufgaben zu verrichten. Die Übernahme einer Arbeit durch ein Kind wird als eines der wichtigsten Zeichen angesehen, welche den Übergang von der frühen Kindheit und den damit verbundenen Abhängigkeiten zur mittleren Kindheit und einer zunehmenden Unabhängigkeit, aber auch Verantwortlichkeit für die Gesellschaft markieren. Die Arbeit von Kindern wird, wenn sie in Zusammenarbeit mit Familien- oder Gemeinschaftsangehörigen verrichtet wird, als eine wesentliche Sozialisationsstrategie verwendet. Zudem wird sie als grundlegender und häufig auch wichtigster Zugang zu solchem Wissen und Kompetenzen angesehen, die eine spätere Lebensgrundlage ermöglichen.

Doch auch in Bezug auf Kindheitsrealitäten in wohlhabenden Ländern wird zumeist unterschlagen, dass sich die Trennung von Kindheit und Arbeitsleben keineswegs so umfassend durchgesetzt hat, wie im gängigen Kindheitsverständnis vorausgesetzt wird. Vielmehr kommt aktuelle Forschung zur Kinderbeschäftigung in Industrieländern zum Schluss, dass wirtschaftliche Entwicklung, gradueller Abbau der Armut und Schulpflicht nicht dafür gesorgt haben, Kinder aus der Arbeit zu entfernen, sondern (auch bezahlte) Teilzeitarbeit zu einem normalen Bestandteil der Kindheits- und Jugendphase in wohlhabenden Ländern gehört. Zum Beispiel stellen Bourdillon u.a. in ihrem kürzlich erschienenen Fachbuch über die Arbeit von Kindern fest, dass die allermeisten Schulkinder in den sogenannten Industrieländern in der Regel schon vor dem Erreichen des 15. Lebensjahres Arbeitserfahrungen gesammelt haben und die Bandbreite von Jobs, die sie ausüben, weit über die gängige Vorstellung von 'Kinderjobs' hinausgeht.

Zudem ist in den letzten Jahren zunehmend deutlich geworden, dass die Verwendung eines engen, auf entlohnte Tätigkeiten fokussierenden Arbeitsbegriffes den umfangreichen gesellschaftlichen Beitrag ausblendet, den Kinder im Rahmen ihrer eigenen Familien und Haushalte oder ehrenamtlich in ihrem sozialen Umfeld leisten. Während feministische und gendertheoretische Interventionen gegen viel und anhaltenden Widerstand zumindest in Ansätzen erreicht haben, dass hauptsächlich von Frauen ausgeübte, unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als gesellschaftlich wichtige Arbeit anerkannt wird, kommt der Verantwortung, die Kinder in diesem Bereich übernehmen, weiterhin nur sehr wenig Aufmerksamkeit zu.

Auch wenn eine Zunahme der Erwerbsarbeit von Kindern in wohlhabenden Ländern verzeichnet wird, ist die Tatsache, dass Kinder auch in hochindustrialisierten Gesellschaften jenseits der sogenannten Haushaltsökonomie wirtschaftlich tätig sind, kein neues Phänomen. Wie historische Studien nahelegen, ist die 'Wiederentdeckung' der Arbeit von Kindern zum Beispiel in Europa eher der Tatsache geschuldet, dass das weiter oben geschilderte Kindheitskonzept die Sicht auf reelle Kinderleben bisher versperrt hat. Auch der wissenschaftliche Blick ist hiervon nicht unbeeinflusst geblieben, und das weitgehende Fehlen von Untersuchungen sowie statistischen Erhebungen über die wirtschaftliche Betätigung von Kindern und Jugendlichen scheint hauptsächlich der Tatsache geschuldet zu sein, dass ungeprüft vorausgesetzt wurde, Kindheit in Europa bestünde nur aus Familienleben, Schule und Spiel. Erst seit relativ kurzer Zeit findet hier ein Umdenken statt, wodurch viele althergebrachte 'Wahrheiten' über Kindheit und Arbeit ins Wanken geraten.

 

Arbeit -- immer zu Lasten der Kinder?

Dass Kinder arbeiten, darf nicht in dem Sinne verstanden werden, dass sie an einem Mangel an Kindheit leiden oder durch ihre Arbeit zwangsläufig Schaden nehmen würden. Es ist unbestritten, dass manche Kinder schrecklichen Arbeitsbedingungen gegenüberstehen, die unter keinen Umständen hinnehmbar sind. Doch die Realität der weitaus meisten arbeitenden Kinder ist eine andere. Neue qualitative und partizipative Forschungserkenntnisse zeichnen hier ein sehr viel differenzierteres Bild, als die in der Kinderarbeitsdebatte gängigen Verallgemeinerungen vorsehen.

In historischer Perspektive hat Arbeit immer schon -- häufig eingebettet in und verbunden mit Spiel und Freizeit -- für das Aufwachsen, Lernen und die Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle gespielt. In angemessenem Umfang kann Arbeit wichtige Funktionen für das psychosoziale Wohl von Kindern erfüllen, zum Beispiel indem es ihr Selbstwertgefühl stärkt. Ergebnisse einer Langzeitstudie aus Äthiopien legen nahe, dass sogar in mancher Hinsicht risikoreiche Arbeit die Widerstandsfähigkeit (auch 'Resilienz' genannt) von Kindern gegenüber entbehrungsreichen Lebensumständen stärkt. Die jüngere wissenschaftliche Debatte nimmt zur Kenntnis, dass Arbeit Kindern bedeutende Vorteile bringen kann, und bewertet in einem Balance model individuell und kontextbezogen die Vor- und Nachteile spezifischer von Kindern verrichteter Tätigkeiten. Diese bergen also nicht per se die Gefahr, die körperliche, geistige oder soziale Entwicklung und Bildung von Kindern zu beeinträchtigen.

Ähnliche Sichtweisen und Einschätzungen über ihre Arbeit äußern Kinder in Nord und Süd, wenn ihnen Gelegenheit dazu gegeben wird. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Arbeitssituationen, sehen sie in ihrer Arbeit nicht eine Bürde oder Notwendigkeit, sondern bewerten die Tatsache, dass sie arbeiten, in der Regel positiv. Sie verbinden damit unter anderem die Möglichkeit, Dinge zu lernen und zu erfahren, die ihnen in der Schule nicht geboten werden, oder verstehen ihre Arbeit als Voraussetzung einer gesellschaftlichen Teilhabe unabhängig vom guten Willen von Erwachsenen.

Doch was ist, wenn etwa Mädchen ganztags in fremden Haushalten arbeiten, keinen Zugang zur Außenwelt oder zu Bildung haben, gar sexueller Gewalt durch Haushaltsmitglieder ausgeliefert sind? Für Außenstehende stellt sich die Frage, wie jenseits von pauschalen Kinderarbeitsverboten interveniert werden kann. Was ist im 'besten Interesse' der Kinder?

 

Ein- und Ausschluss der Kinder auf internationaler Ebene

Interventionen, die zum Ziel haben, die Arbeits- und Lebensbedingungen von Kindern zu verbessern, dürfen es sich nicht zu leicht machen. Programme, die -- mit Schutz- und Fürsorgeargumenten begründet -- auf ein Verbot von Kinderarbeit setzen, bedeuten in der Regel keine Lösung für arbeitende Kinder, sondern schlagen häufig in das Gegenteil des Intendierten um. Hierfür gibt es neben dem eingangs genannten Fall in Bangladesch weitere gut dokumentierte Beispiele, darunter aus Indien, Pakistan und Marokko. In all diesen Fällen haben die betroffenen Kinder sich vehement gegen ihre Entlassungen ausgesprochen, doch ihre Ansichten wurden übergangen.

Die ILO, die mit ihrem Kinderarbeitsprogramm IPEC (International Programme on the Elimination of Child Labour) die Marschrichtung für die weltweite Politik gegen Kinderarbeit angibt, übergeht mit erstaunlicher Regelmäßigkeit sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse über die Konsequenzen ihres Lösungsansatzes als auch die Ansichten der betroffenen Kinder. Nachdem arbeitende Kinder im Jahr 1997 an einer ILO-Konferenz zur Vorbereitung der Konvention 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit teilnehmen durften, ihre Positionen und Forderungen aber auf heftige Ablehnung insbesondere der Gewerkschaftsvertreter in der ILO stieß, ist die ILO wieder dazu übergegangen, eine Politik über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu betreiben.

Ein aktuelles Beispiel für dieses Verhalten -- das außerdem einen Verstoß gegen das durch die UN-Kinderrechtskonvention etablierte Recht von Kindern darstellt, an allen sie betreffenden Entscheidungen angemessen beteiligt zu werden (Artikel 12) -- lieferte die ILO im Mai 2010. Zusammen mit der niederländischen Regierung richtete sie in Den Haag eine internationale Großkonferenz zu Kinderarbeit aus. Auf der knapp 400 Personen zählenden Teilnahmeliste standen zwar eine ganze Reihe illustrer Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und der einschlägigen NGO-Szene mit mehr oder weniger Bezug zum Thema Kinderarbeit, aber kein einziges arbeitendes Kind und auch keine Vertreter/-in der Bewegungen und Organisationen arbeitender Kinder. Auf diesem Treffen wurde der neueste ILO-Bericht über weltweite Kinderarbeit und eine Roadmap bis 2016 (ein Fahrplan, der eine gemeinsame Strategie aller wichtigen mit Kinderarbeit befassten staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, Ministerien etc. koordinieren soll) vorgestellt. In beiden wird Kinderarbeit entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse und den Stellungnahmen arbeitender Kinder ausschließlich als "Entwicklungshindernis" dargestellt, das es vor allem in ärmeren Ländern zu überwinden gälte. Positive Aspekte von Arbeit und die komplexe Lebenssituation der arbeitenden Kinder spielen keine Rolle.

Erfolgreich waren die Strategien der ILO zur Abschaffung von Kinderarbeit allerdings bisher nicht. Zwar verbreitet die ILO immer wieder Meldungen über den Rückgang von Kinderarbeit; Wissenschaftler/-innen und Basisorganisationen, die in den jeweiligen Ländern vor Ort arbeiten, bezweifeln diese jedoch und stellen die Methoden der Datenerhebung in Frage. Es scheint also, als wären die organisierten arbeitenden Kinder der ILO weit voraus gewesen, als sie sich selber nicht nur als Problem, sondern auch als Teil der Lösungsstrategie begriffen. Schon bei ihrem Treffen in Kundapur in 1996 forderten sie:

"Wir wollen, dass die arbeitenden Kinder auf den großen Konferenzen gehört werden. Wenn 20 Minister zu einer Konferenz kommen, dann sollen auch 20 arbeitende Kinder da sein. Wir wollen mit den Ministern diskutieren, sie sollen nicht über unsere Köpfe hinweg über uns reden."

So wundert es nicht, dass arbeitende Kinder und solidarisch handelnde Erwachsene zeitgleich zur Großkonferenz der ILO in Den Haag ein Alternativtreffen ausrichteten. Zum Ende des Treffens sprachen die anwesenden Kinder der Roadmap jede Legitimität ab, da sie ohne Beteiligung der arbeitenden Kinder zustande gekommen sei und machten die holländische Regierung und die ILO als Veranstalter der Konferenz für die darin zum Ausdruck kommende Verletzung der UN-Kinderrechtskonvention verantwortlich.

 

Ausblick: Wandel durch Beteiligung der Betroffenen

Zweifelsohne befürwortet ein Großteil der Menschen auf dieser Erde eine Verbesserung der Lebenssituation arbeitender Kinder. Doch wie wir aufzuzeigen versucht haben, ist 'Kinderarbeit' ein komplexes gesellschaftliches Phänomen, bei dem sich einfache Lösungsansätze verbieten. Insbesondere das Vorgehen internationaler Organisationen wie der ILO wirft die Frage auf, ob wirklich die besten Interessen der Kinder die vorwiegende Motivation sind, oder ob nicht doch in einem bestimmten gesellschaftlichen und historischen Kontext entstandene, von Erwachsenen getragene Interessen und Konzeptionen handlungsanleitend sind. Des Weiteren ist immer wieder die Rede davon, ob nicht auch protektionistische, ökonomische und/oder politische Interessen die voreilige Durchsetzung von Kinderarbeitsverboten vorantreiben.

Was die Einsichten und Erfahrungen der letzten Jahre aber deutlich aufzeigen ist Folgendes: Wenn wir wirklich ein Interesse daran haben, dass das in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebene Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung (Artikel 32) für Kinder weltweit Realität wird, dann müssen wir über Strategien nachdenken, die statt westlicher Vorannahmen einer 'guten Kindheit' die Lebenskontexte, -erfahrungen und Meinungen der arbeitenden Kinder zu ihrem Mittelpunkt machen. Eine ernsthafte Beteiligung der Bewegungen arbeitender Kinder, die bereits in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas etabliert ist, an internationalen Entscheidungen zum Thema Kinderarbeit wäre hierfür Grundbedingung. Voraussetzung wäre eine Sicht auf Kindheit, in der Kinder nicht als passive Opfer ihrer Lebensumstände gedacht werden, sondern als kompetente Akteure, die in der Lage sind, ihre eigene Situation zu begreifen, zu reflektieren und darauf zu reagieren. Dies bedeutet nicht, dass Kinder nicht zeitweise auch Opfer von Gewalt oder Ausbeutung sein können, doch geht es darum, die Kinder dabei zu unterstützen, in diesen Situationen erlebter Ohnmacht, Handlungsmacht zurückzugewinnen.

Im Falle des oben erwähnten Beispiels von in fremden Haushalten arbeitenden Mädchen haben die Kinderbewegungen auch schon eigene Lösungsansätze entwickelt. In regelmäßigen Treffen beraten sich die Child domestic workers (CDWs) und sie unterstützende Frauen in Nigeria, wie sie am besten Kontakt zu schwer erreichbaren Arbeiterinnen aufnehmen können, wie sie deren Arbeitsbedingungen verbessern und wie sie ihnen helfen können, sich bei Übergriffen zu wehren. Bei Bedarf suchen sie gemeinsam den Kontakt zum Arbeitgeber und üben mit Einverständnis der betroffenen Mädchen Druck auf diesen aus. In besonders schweren Fällen suchen sie andere Haushalte, die bessere Arbeitsbedingungen aufweisen oder stellen alternative Tätigkeiten und Einkommensquellen zur Verfügung.

Interventionen auf internationaler Ebene können nicht länger die unhinterfragte Abschaffung von Kinderarbeit zum Ziel haben, sondern müssen das Recht der Kinder zu arbeiten, sowie die Rechte der Kinder in ihrer Arbeit anerkennen. Eine ernsthafte, neuere Erkenntnisse einbeziehende Befassung mit dem Thema muss sich der Tatsache stellen, dass der den Kindern verbriefte Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung am besten durch eine Legalisierung der Arbeit von Kindern in Zusammenhang mit einer Regulierung der Arbeitsverhältnisse gewährleistet werden kann. So wären arbeitende Kinder nicht mehr Stigmatisierung, Marginalisierung und Kriminalisierung ausgesetzt, sondern hätten eine gesetzliche Grundlage, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, ähnlich wie es in der Arbeitswelt der Erwachsenen bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts gehandhabt wird. Solidarisch handelnde Organisationen Erwachsener könnten den Kinderbewegungen notwendige Ressourcen zur Verfügung stellen, anstatt viel Geld in wirkungsschwache bzw. -- aus der Perspektive des 'besten Interesses' arbeitender Kinder -- kontraproduktive Instrumente 'von oben' zu investieren. Das primäre Ziel wäre, auf lange Sicht eine Welt zu schaffen, die arbeitenden Kindern wie Erwachsenen mehr Handlungsmöglichkeiten einräumt und darin ihre Selbstbestimmung anerkennt.

Auch die Kinderbewegungen kämpfen dafür, "die Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Kinder dieser Erde zu verbessern". Langfristig wollen sie, "daß alle Kinder dieser Erde eines Tages das Recht haben zu entscheiden, ob sie arbeiten wollen oder nicht" (Mini-Weltgipfel in Dakar 1998).

 

autoreninfo 
Iven Saadi ist Politikwissenschaftler und lebt in Berlin. Er ist neben weiteren Tätigkeiten in den thematischen Bereichen Kindheit, Kinderrechte und Kinderarbeit Dozent an der FU Berlin und engagiert sich im Vorstand von ProNATs, Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder.
Philip Meade ist Sozialpädagoge mit einem European Master in Children's Rights. Er arbeitet als Kinderrechts-Beauftragter in einem Berliner Jugendhilfeverein, veranstaltet Kinderrechte-Workshops und -Fortbildungen mit Jugendlichen und Erwachsenen und ist Vorsitzender von ProNATs e.V..

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