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no. 27: arbeit -> galerie
 
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Thomas Bachler und Karen Weinert: Menschen des 21. Jahrhunderts

Um 1928 fotografierte August Sander (1876-1964) einen rundlichen Mann mittleren Alters, mit einer Rührschüssel in der Backstube stehend. Das frontal aufgenommene Porträt des "Konditors" war Teil seiner umfangreichen Fotoserie über "Menschen des 20. Jahrhunderts", die über einen Zeitraum von rund 40 Jahren hinweg entstand, jedoch erst posthum publiziert wurde. Das Resultat dieses fotografischen Langzeitprojekts war eine gesellschaftliche Typologie, die sich in der Betitelung der einzelnen Porträts mit dem jeweiligen Beruf des oder der Dargestellten einem noch stark ständischen Denken verhaftet zeigte.

Die Schwarzweißaufnahme eines "Abrissökonomen", ausgestattet mit Schutzhelm, den Thomas Bachler und Karen Weinert vor dem im Abbruch befindlichen Berliner Palast der Republik fotografiert haben, zeigt hingegen einen "Menschen des 21. Jahrhunderts". Indem die beiden Fotografen Sanders über die Bild-Text-Kombination erzielten dokumentarischen Gestus aufgreifen, zerfällt diese Einheit zugleich wieder -- als Kommentar zur gegenwärtigen Arbeitswelt. Die von Bachler und Weinert in der bislang rund 40 Fotografien umfassenden Serie porträtierten Berufe muten real an, belegen doch die Aufnahmen von denjenigen, die sie ausüben, ihre Existenz. Aber so wie die Fotografien mit Modellen inszeniert wurden, sind auch die Beschäftigungen erfunden. Die "Massenpsychologin", der "Telemasseur" oder die "Routenplanerin" entspringen zeitgenössischen Wortfeldern. Im Kontext sich immer weiter ausdifferenzierender Tätigkeitsfelder, deren tatsächliche Inhalte sich nicht mehr über ihre Bezeichnung erschließen lassen, scheinen solche Berufe möglich. Die Grenze zum Fiktiven scheint auch im Realen schnell überschritten.

In August Sanders Fotografien verhalten sich Beruf und Habitus der Dargestellten, Text und Bild kongruent zueinander: Nichts anderes scheint der "Konditor" sein zu können als ein Vertreter dieses althergebrachten Handwerks; die runde Backschüssel als Attribut seines Berufstandes korrespondiert mit seiner Korpulenz. Die "Menschen des 21. Jahrhunderts" jedoch sind Statisten eines gesellschaftlichen Spiels, in dem Arbeit ungleich verteilt ist: Beruf darf nicht mehr Profession, "Bekenntnis", sein, sondern wird zur Rolle, die, je nach Bedarf und Nachfrage, gewechselt wird -- und wenn man sie erfinden muss.

(Agnes Matthias)

 

Karen Weinert, geboren 1976, studierte an der Bauhaus-Universität Weimar, der Hochschule für Bildende Künste Dresden und der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2003 betreibt sie zusammen mit Uwe Patzer den Ausstellungs- und Projektraum bautzner69 in Dresden. Zahlreiche Preise, Stipendien und Gruppenausstellungen. Lebt und arbeitet in Dresden.

Thomas Bachler, Jahrgang 1961, studierte an der Kunsthochschule in Kassel. Seit 1985 zahlreiche Einzelausstellungen und Beteiligungen, seit 1990 wechselnde Lehraufträge. Lebt und arbeitet in Dresden.

Gemeinsam entwickeln Karen Weinert und Thomas Bachler seit 2007 das Fotoprojekt "Menschen des 21. Jahrhunderts".

Agnes Matthias, geboren 1973, studierte in Karlsruhe und Tübingen Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft und promovierte 2003 zum Thema Krieg in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart. Seit ihrer Teilnahme am Krupp-Stipendium "Museumskuratoren für Fotografie" lebt und arbeitet sie als freie Kunsthistorikerin und Kuratorin vorwiegend in Dresden.

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