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no. 27: arbeit -> staat und familie
 

Kann Liebe Arbeit sein?

Überlegungen zum Verhältnis von Staat und Familie

von Bruno Hildenbrand

zum artikel:

* literatur
* druckbares

In der gesellschaftspolitischen Debatte um bezahlte Familienarbeit hat ein Arbeitsbegriff Konjunktur, welcher häusliche Arbeit durch Geld aufzuwerten meint, stattdessen aber der zunehmenden Enteignung von Familien Vorschub leistet. Nicht nur wird verkannt, dass Familien- und Lohnarbeit durch unterschiedliche, nicht austauschbare Solidaritäten gekennzeichnet sind; auch der Nutzen öffentlicher Kindererziehung in Kindergärten, Krippen und Horten wird ideologisch überhöht, wie ein Blick in internationale Studien zeigt.

 

 

Die Forderung nach bezahlter Familienarbeit und das Patriarchat

Was Arbeit ist, ist eine Frage der Definition. In einem philosophisch-anthropologischen Arbeitsbegriff werden alle menschlichen Tätigkeiten als Arbeit bezeichnet, die in die gegenständliche Welt eingreifen und in denen sich der Handelnde gestaltend verwirklicht. In diesem Fall kann man auch von "Gefühlsarbeit" (Anselm Strauss) sprechen.

In der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte um bezahlte Elternarbeit wird jedoch ein anderer Arbeitsbegriff zugrundegelegt. Hier geht es um Lohnarbeit. Wer bezahlte Elternarbeit für sinnvoll hält, hofft damit die häusliche Arbeit aufzuwerten. In diesem Denken ist offenbar nur das etwas wert, was geldwert ausgedrückt werden kann.

Hintergrund dieser Sichtweise ist die nach wie vor bestehende Geschlechterungleichheit im Erwerbsleben sowie in Paar- und Familienbeziehungen. Beispielsweise ist der Begriff des 'Familienernährers' noch nicht aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden. Es ist auch noch nicht lange her, dass Männer ihren Frauen von ihrem Lohn ein 'Haushaltsgeld' zugeteilt haben. Dieses war mehr oder weniger knapp bemessen. Wie hoch es ausfiel, war eine Frage der Machtverhältnisse im jeweiligen Fall. Mit dieser Perspektive hätte im Prinzip Schluss sein können, seit im Code Napoléon (als Code civil 1804 in Kraft gesetzt) festgelegt wurde, dass das außerhäuslich erzielte Einkommen als ein Familieneinkommen zu betrachten ist. Es gehört nicht dem Erwerbstätigen, sondern seiner Familie, ihn eingeschlossen. (Zwischenbemerkung: Ich verwende in diesem Beitrag einen erweiterten Familienbegriff, der Alleinerziehende, Fortsetzungs- bzw. Stieffamilien sowie auch gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern einbezieht.) Der Code Napoléon hat auch die deutschen Gesetzeswerke beeinflusst. Jedoch zeigt es sich hier wieder einmal deutlich, dass Geist eines Gesetzes und Alltagspraxis auseinander fallen können. Nicht nur werden Hausarbeit und Kindererziehung geringer eingeschätzt als Berufsarbeit; auch wird die Berufsarbeit von Frauen meist geringer entlohnt als die von Männern, die eine vergleichbare Tätigkeit ausführen.

Wo das außerhäuslich erzielte Einkommen als Familieneinkommen gewertet wird, sind außerhäusliche und innerhäusliche Arbeit gleichwertig. Wenn aber die Familienarbeit der Lohnarbeit gleichgestellt werden soll, wird diese historische Gleichbewertung aufgegeben. Der gesellschaftliche Konstruktionsfehler, der mit der Bezeichnung 'Familienernährer' und mit der Minderbewertung häuslicher Tätigkeiten verbunden ist, wird also mit eben den Mitteln beseitigt, die diesen Fehler hervorgebracht haben: Weibliche Tätigkeiten sollen auf das Niveau männlicher Tätigkeiten empor gehoben werden. An die umgekehrte Richtung denkt niemand, geschweige denn daran, eine Hierarchisierung dieser Tätigkeiten überhaupt aufzugeben.

 

Familie und Beruf: zwei Orte mit unterschiedlichen Solidaritäten

Familienbeziehungen und Erwerbsarbeitsbeziehungen unterscheiden sich grundlegend hinsichtlich der jeweiligen Solidaritäten. Die Unterschiede sind die folgenden:

  • In westlichen Gesellschaften (aber auch in anderen, was hier nicht vertieft werden kann) gilt, dass Paare dann zusammenleben, wenn die Partner in romantischer Liebe einander zugetan sind. Soziologisch heißt das 'Höchstrelevanz'. Misst jemand seinem Beruf Höchstrelevanz zu, hinter dem alles, auch die Familie, zurückzustehen hat, gilt das als gestörtes Verhalten. Es sei denn, er oder sie ist hinter einem unverzichtbaren Medikament her, das dringend gebraucht wird, um Leben zu retten. Aber so etwas gibt es nur im Film und kann als Begründung nicht mehr herhalten, wenn das Medikament gefunden ist.
  • Paarbeziehungen werden auch nicht auf Zeit eingegangen, jedenfalls nicht in der Durchschnittsbevölkerung. (Mir wird berichtet, in gewissen Stadtvierteln Berlins sei das inzwischen so. Ob dieses Modell zukunftsfest sein wird, wird sich erweisen. Berlin ist nicht die Welt). Die lebenslange Verpflichtung auf einen Arbeitsplatz ist dem gegenüber nicht erwartbar. In der Familie sind die Personen nicht austauschbar. Jedenfalls kann man seinen Kindern nicht kündigen, seinen Eltern auch nicht. Am Arbeitsplatz ist Kündigung von beiden Seiten als Möglichkeit eine Selbstverständlichkeit. In der Paarbeziehung ist es die Ausnahme, jedenfalls vom Prinzip her, nicht empirisch betrachtet.
  • Der Partnerin bzw. dem Partner kann man den Wunsch, über aktuelle Sorgen zu sprechen, nicht abschlagen, dem Kollegen schon. Es sei denn, man hat zu ihm eine über die Arbeit hinausgehende und somit freundschaftliche Beziehung. Stürzt das Kind am Sonntag mit dem Rad, und der Vater verbringt den Nachmittag in der Notaufnahme anstatt im Wald, dann wird er nicht nach einem Sonntagszuschlag für ungeplante Einsätze fragen; der Arbeitnehmer aber schon. Arbeitnehmern kann gekündigt werden. In der Eltern-Kind-Beziehung sind Kündigungen wie gesagt ausgeschlossen. Kündigen Partner, dann ist das -- jedenfalls bei Beginn der Partnerschaft -- nicht vorgesehen. Tritt das Unvorhergesehene dennoch ein, wird dies -- außer in Hollywood -- als Katastrophe und als Scheitern erlebt. Affektive Solidarität steht den Familienangehörigen, nicht aber der Berufstätigkeit zu.
  • Erotische Solidarität ist eine Angelegenheit, die für die Paarbeziehung konstitutiv, am Arbeitsplatz aber erklärungsbedürftig ist, jedenfalls nicht gerne gesehen wird -- es sei denn, sie ist gerahmt als Paarbeziehung.

Nun hat die Basler Philosophin Angelika Krebs den Vorschlag gemacht, die Logik von Lohnarbeitsbeziehungen auf die Familie zu übertragen, den Bereich der Liebe aber auszusparen. Pflege-, Fortpflanzungs- und Erziehungsleistungen sollen demnach als Lohnarbeit begriffen und entsprechend bezahlt werden, während Kochen, Putzen und Sex als "Partnerarbeit" und damit in das Ressort Liebe fallend von Lohnarbeitsverhältnissen frei gehalten werden sollen. (Kinder kommen in dieser Gegenüberstellung nicht vor, das hätte die Sache vielleicht zu kompliziert gemacht.)

Wie die Autorin auf die Idee kommt, Fortpflanzungsaktivitäten von Sex (Erotik) zu trennen, muss sie selber erklären. Mich überzeugt die ganze Richtung ihres Ansatzes nicht, denn er vermeidet die Risiken nicht, die unweigerlich auftreten, wenn die Familie auch nur partiell dem Diktat des Ökonomischen unterworfen wird. Das strukturelle Risiko besteht darin, dass unbedingte und bedingte Solidaritäten miteinander vermischt werden. Das historische Risiko besteht darin, dass Familiengrenzen zerstört werden. Die Ausdifferenzierung der Familie gegenüber dem Staat ist eine historische Errungenschaft liberal-demokratischer Gesellschaften, die auf diese nicht beschränkt ist. So zitierte nach einer Meldung der Süddeutschen Zeitung vom 7.1.2010 ein chinesischer (!) Strafverteidiger den englischen Liberalen William Pitt d. Ä. mit den Worten, dass in die Hütte eines Normalsterblichen Wind und Regen eindringen dürften, jedoch der König nicht.

Der Preis bezahlter Eltern- oder Familienarbeit - siehe beispielhaft das seit 2006 in Thüringen gebotene Elterngeld sowie das für ganz Deutschland seit 2007 wirksame Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz -- ist demnach nicht nur die Zerstörung familialer Solidaritäten, sondern auch die Einschränkung von Freiheitsgraden von Familien gegenüber dem Staat. Das führt uns zu einem weiteren Thema, das nur auf den ersten Blick mit dem bisher verhandelten nichts zu tun hat: Es geht um die Ablösung der Erziehung in der Familie durch die öffentliche Erziehung.

 

Offene und verdeckte Motive einer flächendeckenden öffentlichen Kindererziehung

Das Hineinregieren des Staats in die Familie durch bezahlte Elternarbeit liegt auf derselben Linie wie die öffentliche Kindererziehung in Kindergärten. Dem Siebten Familienbericht der Bundesregierung vom 26.4.2006 ist zu entnehmen, dass 68 Prozent der Paare in den USA zusammengerechnet über 80 Stunden pro Woche arbeiten; in Deutschland sind es 43 Prozent, in Großbritannien 34 Prozent, in den Niederlanden 16 Prozent. In der Schweiz ist es schon seit einigen Jahren üblich, dass (bei den Paaren der akademischen Mittelschicht vor allem) beide Partner unter 100 Prozent arbeiten, wobei ihnen entgegen kommt, dass dort die Wochenarbeitszeit nicht in halben oder ganzen Stellen, sondern eben in Prozent ausgedrückt sind und damit eine größere Variabilität möglich wird. Solche flexiblen Arrangements, wenn sie denn eingehalten werden, erlauben es, dass Eltern unabhängig vom Geschlecht für ihre Kinder sorgen können. Insbesondere Frauen berichten allerdings, dass sie es schaffen, tatsächlich ihre berufliche Arbeitszeit nicht zu überschreiten, während Männer rasch und unter der Hand ihre berufliche Arbeitszeit erhöhen.

Während in Deutschland die Beteiligung von Paaren an der Erwerbsarbeit im internationalen Vergleich relativ hoch ausfällt, ändert sich das Bild, wenn Kinder kommen. In Deutschland sind 40 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren nicht berufstätig. In Griechenland sind es 50 Prozent, in Dänemark, Schweden und Frankreich 10 Prozent. Deutschland ist demnach ein Land, in welchem viele Paare ohne Kinder arbeiten bis zum Umfallen, während Paare mit Kindern eine traditionelle Arbeitsteilung einrichten. Entsprechend geraten die Mütter dann ins Hintertreffen, wenn es darum geht, Anschluss an die Entwicklung in der Arbeitswelt zu halten, und der Wiedereinstieg in den Beruf wird schwierig. Also verzichten Frauen auf Kinder, und dem Staat geht die Bevölkerung aus.

Deshalb verspricht der Sozialstaat Abhilfe, indem er die Vereinbarkeit von Familie und Beruf propagiert. Der Weg, wie das erreicht werden soll, ist schlicht: Die Kindertagesstätten sollen ausgebaut werden. Die bekannte Praxis der DDR soll nun auf Gesamtdeutschland ausgedehnt werden ("es war nicht alles schlecht in der DDR"). Dabei wird vergessen, dass 93 Prozent Frauenerwerbsquote und eine öffentliche Kinderbetreuung vom Säuglings- bis ins Schüleralter mit der Frauenemanzipation wenig, mit einer maroden Wirtschaft, die auf jede Hand angewiesen war, viel zu tun hatte. Und weil das alles verschleiert werden musste, hießen und heißen die fraglichen Stätten öffentlicher Erziehung "Villa der glücklichen Kinder" (so gesehen in Halle) o.ä.

Weshalb zwingt der Staat Eltern, so viel zu arbeiten, dass sie nicht selber entscheiden können, wann sie ihre Kinder selber betreuen und wann sie sie in den Kindergarten bringen? Die Alternative wäre ja, Familien durch ausreichende Transferzahlungen in die Lage zu versetzen, flexibel mit ihrem Kind zu klären, wann es zu Hause bleibt oder wann es in den Kindergarten geht. Die Debatte um das Elterngeld in Thüringen als Kompensation für einen Teilverzicht auf den Kindergartenbesuch offenbart das eigentliche Motiv: Den Eltern wird nicht zugetraut, Kinder so zu erziehen, wie der Staat und die ihm dienstbaren PädagogInnen das für richtig halten. Der Staat stellt die Eltern unter den Generalverdacht, das als Ausgleich für nicht erfolgten Kindergartenbesuch gezahlte Geld zu verprassen. Selbst eine sich als liberal bezeichnende Partei wie die FDP lässt durch ihre Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Piper, der Öffentlichkeit ausrichten, dass künftige Erhöhungen des Kindergeldes den Eltern nur noch in Gutscheinen ausgehändigt werden sollen, und zwar in Gutscheinen nicht für Alkohol und Zigaretten, sondern für Bildung. Abgesehen davon, dass die Eltern schon selber (mehrheitlich) wissen werden, was sie mit ihrem Geld anfangen, steckt in dieser Ankündigung noch ein zweiter Fehler. Es wird angenommen, man könne nicht früh genug den Nürnberger Trichter an einem Kindeskopf ansetzen. Was ein Kind im frühen Alter benötigt, ist jedoch Muße zum Erkunden der Welt, sagen jedenfalls Entwicklungspsychologen und Pädiater wie zum Beispiel Remo H. Largo. Seit es dafür Belege aus der Hirnforschung gibt, werden solche Überlegungen ernster als zuvor genommen. Natalia Ginzburg, die große linksliberale italienische Schriftstellerin, hat dies vor Jahrzehnten schlichter, aber nicht weniger treffend ausgedrückt: Die Familie ist der Ort, von dem aus Kinder den Rest der Welt betrachten.

 

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Ich habe mit Überlegungen zur bezahlten Elternarbeit begonnen und bin unversehens in die Diskussion über öffentliche Erziehung geraten. Das ist kein Zufall, sondern hat damit zu tun, dass sowohl die Interpretation von Elternarbeit als Lohnarbeitsverhältnis als auch die Enteignung der Eltern durch öffentliche Erziehung im selben Trend liegen: Der Staat greift zunehmend in die Familien ein und versucht, deren Verhältnisse zu regeln.

 

Regionale Unterschiede im Verhältnis von Familie und Staat

Die Bereitschaft von Familien, diese Spiele mitzumachen, ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. In Baden-Württemberg stehen laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums im Jahr 2003 je 100 der Kinder im infrage kommenden Alter ein Platz in der Krippe, 122 Plätze im Kindergarten und zwei Plätze im Hort zur Verfügung. In Mecklenburg-Vorpommern stehen im selben Zeitraum je 100 der Kinder im infrage kommenden Alter 31 Plätze in der Krippe, 128 im Kindergarten und 62 im Hort zur Verfügung. Ein Makroökonom aus Mecklenburg-Vorpommern hat diese Relation jüngst auf einer Tagung des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle zum Anlass genommen, dringende Modernisierungsschritte in Baden-Württemberg anzumahnen. Damit steht er nicht alleine. Vergessen wird dabei regelmäßig, dass die Südländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen seit Jahren (genauer: seit dem Niedergang der Schwerindustrie in Nordrhein-Westfalen) Bruttozahler im Länderfinanzausgleich sind. Der Wohlstand wird in Deutschland also dort erwirtschaftet, wo die Familien aus Sicht der Nordländer rückständig sind.

Eine ähnliche Irritation zeigt sich hinsichtlich der Idee, der Kindergarten sei der Ort, an dem schon früh Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit in der Welt gesichert wird. Sie verliert an Überzeugungskraft, wenn man sich folgende Statistik vor Augen hält: Auf 100.000 der Bevölkerung entfallen in Baden-Württemberg 120 Patentanmeldungen, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 11 pro 1oo.000. Dieses Missverhältnis damit zu erklären, dass Mecklenburg-Vorpommern ein Agrarland und Baden-Württemberg ein Industrieland ist, zieht nicht ganz, denn in Thüringen als einem Land der Hochtechnologie und einem Land mit zahlenmäßig bester Versorgung mit Kindergartenplätzen sind es auch nur 30 Patente pro 100.000 der Bevölkerung (vgl. Bohler und Hildenbrand 2006).

Dass staatliche Eingriffe in Familienbeziehungen Kindern nicht sonderlich nützen, zeigt eine aktuelle Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF). UNICEF hat in 19 europäischen Ländern sowie in Kanada das materielle sowie subjektive Wohlbefinden von Kindern erhoben. Ich stelle einmal die Frage beiseite, wie derlei messbar gemacht werden kann, und befasse mich nur mit den Ergebnissen. Was das materielle Wohlbefinden anbelangt, so sind die vier skandinavischen Länder an der Spitze. Das sind jene Länder, die der deutschen Bevölkerung von Ursula von der Leyen (als sie noch Familienministerin war) bis Bodo Ramelow (der im Thüringer Landtag die Fraktion der Linken anführt) als Vorbilder hingestellt werden, wenn es um das Verhältnis von öffentlicher und privater Erziehung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf etc. geht. Dass diese Länder hinsichtlich des materiellen Wohlbefindens an der Spitze der industrialisierten Länder stehen, ist erwartbar.

Beim subjektiven Wohlbefinden sieht es indessen völlig anders aus. Hier stehen die Niederlande -- das ist jenes Land, siehe oben, in dem nur 12 Prozent der Paare mehr als 80 Stunden pro Woche arbeiten, verglichen mit 43 Prozent in Deutschland -- am ersten Platz. Es folgen die üblichen Vertreter des traditionalen Familienmodells, nämlich Spanien und Griechenland. In Griechenland, auch daran sei erinnert, arbeiten 50 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren nicht. Norwegen steht beim subjektiven Wohlbefinden der Kinder als erstes skandinavisches Land auf Platz acht. Deutschland steht übrigens beim materiellen Wohlbefinden der Kinder auf Platz 14 und beim subjektiven Wohlbefinden auf Platz neun, vor Dänemark und Finnland. Deutschland kommt, was die häusliche Betreuung von Kindern unter sechs Jahren anbelangt, mit 40 Prozent nach Griechenland mit 50 Prozent, wir haben diese Zahlen oben aufgeführt.

 

Wem nützen bezahlte Elternarbeit und öffentliche Kindererziehung?

Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass die Ausweitung der öffentlichen Kinderbetreuung und die systemfremden Eingriffe in das Familienleben kaum den Kindern nützen. Sie nützen (a) dem Staat, der einen immer rigideren Zugriff auf sein 'Humankapital' (Kinder) anstrebt, das ihm u. a. auch aufgrund einer verfehlten Familienpolitik wie auch aufgrund einer verfehlten Einwanderungspolitik mangels ausreichender Geburtenquote ausgeht; sie nützen (b) den Bediensteten von Krippen, Kindergärten und Horten; (c) sie nützen schließlich jenen Vätern und Müttern, die es nicht schaffen, mit der Geburt ihrer Kinder die Aufgaben von Kinderziehung, Besorgung des Haushalts und Berufsarbeit neu zu ordnen, sondern bei den traditionalen Modellen verharren. Diese Modelle können rechtstraditional oder linkstraditional sein. Im rechtstraditionalen Fall erschallt der Ruf an die Frauen, an den Herd zurück zu kehren, im linkstraditionalen Fall soll die Hausarbeit durch Orientierung am männlichen Modell der Bezahlung aufgewertet werden.

 

Alternativen zu staatlichen Eingriffen in Familienbeziehungen

Derzeit ist die öffentliche Debatte um das Verhältnis von Liebe und Arbeit polarisiert. Die einen wollen die Familie enteignen und die öffentliche Regulierung von Familienbeziehungen durch Frühförderung etc. immer weiter treiben (vgl. dazu die Kontroverse zwischen Cierpka und Hildenbrand). Die anderen sehen in der bezahlten Familienarbeit einen Fortschritt der Frauen im Geschlechterkampf. Die Dritten hängen einem Familienbild an, das die Frau am Herd und den Mann draußen im feindlichen Leben zeigt.

Es gibt Alternativen. Eine aktuelle Vaterschaftsstudie des Deutschen Jugendinstituts zeigt, dass 11 Prozent der Väter ihre Kinder im ersten Lebensjahr und 16 Prozent der Väter ihre Kinder im zweiten Lebensjahr betreuen, ohne dass ihnen der Staat dabei über Kindergeld und Steuersatz hinaus unter die Arme greift. Beziehen diese Väter Elterngeld, dann erhöht sich ihre Zahl auf 23 Prozent im ersten Lebensjahr und 31 Prozent im zweiten Lebensjahr. Zu interpretieren sind diese Zahlen allerdings vor dem Hintergrund dramatisch niedriger Geburtenzahlen einerseits und vor dem Hintergrund der Zunahme von Teenagermüttern und jungen Müttern ohne anwesenden Vater anderseits. Das Mittelfeld der konventionellen Familien wird immer schmaler.

Arlie Hochschild, um zu einer anderen Alternative zu kommen, hält wenig von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf dem Weg der Ausweitung öffentlicher Erziehung. Sie nennt das die "kalte Fürsorge". Sie ist aber andererseits keine Gegnerin von Kindergärten. Hochschild wünscht nur, dass das Kind seinem eigenen Rhythmus gemäß zwischen öffentlicher und privater Fürsorge pendeln kann und dass die Eltern die Möglichkeit haben, ihre Arbeitszeiten flexibel entsprechend diesen Ansprüchen zu regeln. Das nennt sie dann die "warme Fürsorge".

Auch zur Arbeitszeitregelung gibt es interessante Ideen. Wie kann man, so wird gefragt, Lösungen finden für das Dilemma, dass Eltern meist in jenem Zeitraum Eltern werden, in denen sie sich im Berufsleben bewähren (sprich: Karriere machen) sollen? Eine Lösung bestünde darin, Arbeitszeit nicht in den Einheiten von Tag oder Woche zu berechnen, sondern im Rahmen eines gesamten Arbeitslebens zu sehen. Eltern könnten dann in der Zeit, in der ihre Kinder klein sind, deutlich weniger arbeiten und diese Arbeitszeit nachholen, wenn die Kinder größer oder aus dem Haus sind. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, Paare durch ausreichende finanzielle Transferleistungen in die Lage zu versetzen, eine Wochenarbeitszeit unterhalb der Regelarbeitszeit einer Vollzeitanstellung zu wählen. Diese Zahlungen dürften nicht an Bedingungen geknüpft sein. Firmen müssten bereit sein, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dann als vollwertig zu betrachten, wenn sie nicht ihre gesamte Arbeitszeit und zusätzliche Überstunden dem Betrieb widmen. Daran hapert es besonders, das hat Arlie Hochschild am Beispiel eines Unternehmens aus den USA gezeigt, welches einen Preis für vorbildliche Verbindung von Familie und Beruf erhalten hat.

Im Siebten Familienbericht aus dem Jahr 2006 wird den Gedanken von Arlie Hochschild sowie ihren Thesen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie breiter Raum gewidmet, und sie findet viel Zustimmung. Am Kurs "Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die Ausweitung öffentlicher Erziehung" hält die aktuelle Bundesregierung jedoch ebenso fest wie die vergangene. Wenn die Früherkennung von familialen Risiken eines Kindes erweitert und die Angebote zur Frühförderung gesteigert werden, werden die betroffenen Familien weiter enteignet. Warme Fürsorge zu propagieren, kalte Fürsorge zu betreiben, scheint Strategie zu sein. Ich bin versucht, Familien mit Kindern zu raten, sich nicht auf den Staat zu verlassen, sondern ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Dieser Rat ist aber blauäugig: Er nutzt jenen Familien nichts, die auf den Wohlfahrtsstaat angewiesen sind.

 

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Ich habe diesen Beitrag begonnen mit einer kritischen Betrachtung der Idee, Familienarbeit zu bezahlen, dann meine Auffassung deutlich gemacht, dass Familienleben und Lohnarbeit durch unterschiedliche, nicht austauschbare Solidaritäten gekennzeichnet sind, und schließlich die Idee von der bezahlten Familienarbeit in einen umfassenderen Kontext gestellt. Sieht man diese Idee zusammen mit der Ausweitung öffentlicher Kindererziehung, dann zeigt sich folgendes Bild: Wir befinden uns in Deutschland derzeit in einer Phase der zunehmenden Enteignung von Familien. Diese Enteignung wird nicht als das bezeichnet, was sie ist, nämlich als ein Übergriff. Stattdessen wird sie als wohlfahrtstaatliches Handeln verkauft. Tatsächlich aber geht es darum, die Familie an die Kandare zu nehmen. Die Idee von der bezahlten Familienarbeit ist nur ein Bauer in diesem Spiel.

 

autoreninfo 
Bruno Hildenbrand, Jg. 1948, ist Professor für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Laufende Arbeitsschwerpunkte: Transformationsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe in Ost- und Westdeutschland; Notfallkommunikation, Klinische Soziologie, fallrekonstruktive Verfahren in den Sozialwissenschaften.

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