parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 5: perspektive afrika -> kritik medialer vernunft (2)
 

Zur Kritik der medialen Vernunft -- Teil 2

von Goedart Palm

zum artikel:

* druckbares

Die Freiheit, die die Medien vermitteln in ihrem scheinbar unmittelbaren Zugriff auf eine per Knopfdruck erreichbare Wirklichkeit, suggeriert die uneingeschränkte Autonomie des sich ihrer bedienenden Subjekts. Doch die so erreichte Verlängerung des Bewußtseins weit über die Grenzen der biologischen Sinne hinaus produziert gleichzeitig die völlige Standortlosigkeit des Beobachters, dem die Verarbeitung der Flut an dissoziierter neuer Information stets selbst überlassen ist. -- Wer es wagt, sich in den Medien zu spiegeln, muß fortwährend damit rechnen, von seiner Reflektion hintergangen zu werden. Für Authenzität ist so letztlich kaum Platz im unendlichen Spiel der in sich geschlossenen Medienwelt.

 

Mediale Authentizität

Kommunikationsmedien vermitteln dem Gemeinplatz nach Informationen einer äußeren Welt. Fernsehen eröffnet multiperspektive Ansichten von Nah- und Fernwelten, die wir nie leibhaft erfahren werden, Telefone klingeln und verbinden uns mit körperlosen Stimmen, das Internet produziert das Kommunikationsszenario einer Weltgesellschaft, die in multilateraler Weise ohne Zentren und Peripherien miteinander redet. Während diese Medien wie gefällige Heinzelmännchen vorwitzig in äußere und virtuelle Sphären eindringen, um unser Bewußtsein mit deren Botschaften aufzurüsten, bleiben wir unseren vertrauten Kontexten treu. "My home is my castle", auch oder gerade wenn in Bagdad die Marschflugkörper detonieren. Zwischen unserem Leib und dem medialisierten Außen besteht eine kommunikative Schutzzone, die nicht nur körperliche Unberührbarkeit, sondern auch emotionale Distanzierbarkeit gegenüber fremden Erfahrungen sichert -- weit entfernt von Rousseaus "je me fis acteur pour être spectateur" (um Zuschauer zu werden, wurde ich Schauspieler). Wir werden zu Schleusenexistenzen zwischen unseren Bodenstationen und einem zweiten Kosmos digital-elektronischer Allpräsenz. In diesem Kosmos ohne schöpferische Signatur, dieser Welt ohne herrschaftliche Einschlußfunktionen und Sperriegel einer göttlichen Ordnung sind wir frei zu glauben, zu hoffen, zu lieben, zu wissen -- jederzeit können wir die virtuellen Fenster zur äußeren Welt schließen, das aufdringliche Weltelend exilieren und nichtberührtes Dasein in unserem eigenen aristotelischen Kleindrama prätendieren. Nicht zufällig wurde 'windows' zum Paradigma digitaler Welterschließung, einer Schachtelwelt, in die immer neue Fenster hineingebrochen wurden.

Wir lösen uns in der Großdramatik der medialisierten Ereignisse von unserem Miniaturtheater, verkraften besser die Leichtigkeit unserer Selbstentwürfe, wenn wir die Unendlichkeit der Weltbezüge für eine kurze Zeit der Beobachtung zulassen. 'Groß' und 'klein' dürfen in Medien rücksichtslos oder teilnahmsvoll disproportioniert werden, der Tod von Lady Di mag wichtiger als das Dahinscheiden des Nachbarn sein, die Lewinsky-Affäre ist explosiver als die 'chirurgischen' Eingriff im Irak. Hieß es früher in einer urbanen Diätetik "Stadtluft macht frei", ließe sich heute mit mehr Anspruch auf psychophysische Wirksamkeit sagen: "Medien machen frei", auch wenn diese vermittelte Freiheit nur in wechselnden Fluchten, Hin- und Her-Bewegungen zwischen Heimat und teletouristischer Fremde besteht. Standortlosigkeit, um den eigenen Standort zu konturieren, Raum- und Zeitlosigkeit, um unser Bewußtsein besser zu erden: das sind die greifbaren Welterschließungslüste, die Medien versprechen und denen wir glauben, weil Ketchup und Fernsehblut eine Substanz sind, deren Monstranz uns vor dem Monitor unverletzlich und transzendent werden läßt. Die Selbstversicherung des Schutzes vor dem Fremden belegt unsere mediale Macht. Der Wechsel zwischen Ein- und Ausschluß läßt uns persönliche Autonomie als Medienherrschaft erfahren. Zum Zepter unserer Souveränität wird die remote control, die Wirklichkeit per Knopfdruck entstehen und vergehen läßt. Auch wenn nur unsere Sinne in diesen ungeordneten Kosmos eintauchen, sind wir entschlossen, die virtuelle Geburt von Tragödien und Komödien auch als das zu nehmen, was sie nicht sind, sondern nur wir stiften können: Wirklichkeit. Anders wäre kathartische Teilhabe an blutleckenden und mitteilungsbrünstigen Medien nicht möglich, anders wären wir auf unser Selbst im engen Quadrat unserer realen Leiblichkeit zurückgeworfen. Das mediale Selbst will aber mehr als Botschaften empfangen, mindestens soll die Fernerfahrung unsere Selbsterfahrung auf neue Höhepunkte und omnipotente Erlebnisweisen treiben, soll das Fremde Assimilations- und Dissoziationsoptionen zur besseren Suche des Selbst in seinen Weltbezügen bereithalten. Die vormalige Selbstbescheidung, den eigenen Horizont für das Ende der erfahrbaren Welt zu halten, wird gegenüber der medialen Alltagsdurchdringung armselig.

Geschlossene Gesellschaften, Treibhäuser symbiotischer Intimität interessieren uns in den Medien nur als Stundenhotels zum Billigtarif. Im Wechsel von Exklusivität und Inklusivität sprengen wir die engen Räume des realen Selbst, müssen wir nicht mehr nach Syrakus spazieren gehen, um exotische Perspektiven zu finden, die vom Beobachter wegführen, um ihn so besser zu erreichen. Die Fremde, das Exotische wurden zum Stelldichein des Selbstverständlichen: Permanente Bacardi-Time in der Südsee rückverwandelt zwar Heimat zum Erlebnisort. Diese Rückbindung an die Heimat eröffnet aber nicht länger kulturell-identitäre Regionalitäten, sondern ist tiefdurchdrungen von vermittelten Erfahrungen.

Das ist alles andere als paradox, weil das Subjekt sich selbst nur erfährt, wenn es sich mit der Welt ins Verhältnis setzt. Im Angewiesensein des Selbst auf seine Spiegelungen in der Welt erfüllt sich ständig Bischof Berkeleys "Esse est percipi aut percipitur" -- aber in der Immaterialität der Medien verlängert sich das wahrnehmbare Sein mit ungleich stärkeren Mitteln, als es unserer Leiblichkeit vorprogrammiert ist. Hinter dem Horizont biologischer Sinne geht es weiter -- ad infinitum. Vormalige Zentren werden ausgetauscht, Königreiche von Provinzen überspült, marginal wird selbst die Unterscheidung von Zentrum und Marginalien. Es entsteht eine unfaßbare Topografie der Ein-, Aus-, und Überblendungen, eine imperiale Promiskuität von Örtern und Zeiten, von Personen und ihren medialen Wiedergängern. Medien wie Fernsehen und Internet reproduzieren sich über einen unstillbaren Einverleibungshunger, ohne daß Programmen ein substantieller Unterschied zwischen Katastrophen und Kochrezepten, Apokalypsen und Alltag geläufig wäre. Authentizität verpflichtet den Zuschauer zu subjektiver Allzuständigkeit für diese technokannibalistischen Angebote. Noch der letzte Zipfel Wirklichkeit wird einverleibt, um die Distanz des Ereignisses zum Beobachter zu liquidieren. Es herrscht ein paganer Schöpfungsglaube, alle Phänomene unter den Mediensonnen als Gottes neue Kreaturen aufzulisten, auf daß nichts dem Vergessen anheimfalle, nichts durch den Rost der Geschichte fällt. Allein die Empfänger werden verurteilt, diese Botschaften in ihrer Identität zu einem realistischen Weltverhältnis verarbeiten.

 

Provokationen der Wirklichkeit

Kommunikationstechnologien wie Fernsehen und Internet vervielfachen die Wahrnehmungsräume ihrer Beobachter, aber auch der Beobachteten, die mindestens für eine Viertelstunde zu Weltbürgern avancieren. Dabei wird das Außermediale nicht nur vermittelt, sondern Medien greifen in eine vermeintliche vorgängige Wirklichkeit ein, um aus disparaten Stoffen eine Form zu machen, ihnen ein (Sende)Format zu geben. Komplementär zu diesen Formen ist die Formlosigkeit des Ganzen, das zu einem gigantischen Arsenal für Selbstentwürfe wird. Auch wenn Programme per definitionem auf Zeit- und Ortsparametern insistieren, um ihre unübersichtlichen Szenarien begehbar zu machen, lasten auf unseren Navigationen die Halbwertszeiten ständig neu entstehender Örter. Dislozierung und Desynchronisation avancierten zu Reisekrankheiten der Zapper und Surfer.

Medien haben in ihren metamorphotischen Räumen, deren geschäftiger Lärm uns schaudern läßt, eine hypertrophe Allgegenwärtigkeit im Bewußtsein der Zeitgenossen installiert. Zeitgenossenschaft wird zum medialen Zwang, Gegenwärtigkeit zur fragilen Befindlichkeit, da letztlich die alten Demarkationslinien der Zeitmodi nicht mehr konturierbar sind. Das schafft die neuen Leiden des um Authentizität ringenden Subjekts, weil lineare Zeitformen und zyklische Erlebnisweisen, die leibhaftes Erleben erst möglich machen, zersplittern. Die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist durch Medienzeiten in eine nicht absehbare Konfusion geraten. "Nirgendwo im Überall" präsentieren sich Medien als babylonischer Glaubensstoff, der beliebige Anbindungen und Verwerfungen eröffnet. Es gibt keine Instanz exegetischer Herrschaft, keine kanonischen Regeln, denen Menschen folgen könnten. Nach den Zentrumsverlusten lastet auf der Authentizität die Hypothek, sich immer wieder neu gegen die Anmutungen fremder Botschaften selbst zu finden. Just hier haken Medien ein, hier spielen sie mit der Glaubensmasse ihrer Adepten. Wer es wagt, sich in den Medien zu spiegeln, sein Spiegelbild in deren Koordinaten zu finden, muß fortwährend damit rechnen, von seiner Reflektion hintergangen zu werden. Das Spiel mit der Verwirrung der Beobachter, die im Unklaren belassen werden, ob es sich um Live, Echtzeit, MAZ handelt, ist nicht nur ein zentrales Moment des Fernsehens. Schon die "Marsinvasion" in Orson Welles' beklemmendem Radioszenario nutzte Authentizitätsirritationen der Zuhörer als dramaturgische Spannungshilfe. Direktübertragung und Aufzeichnung, Einspielung und Werbepausen wechseln mediale Zeitformen, ohne den Generalbaß ihres Welt- und Zeitverhältnisses mitzuliefern. Virtualisierungen von Figuren und Szenarien lösen sich vollends von klassischen Zeitmodi zugunsten von imaginären Zeiten, die je nach Beobachter für authentisch gehalten werden. Es entstehen diffuse Gemengelagen, die in der Identität der Beobachter aufgelöst und neu zusammengesetzt werden müssen. Dabei ist das Fernsehen selbst dann noch ein Aktualitätsmedium, wenn es Konserven zeigt, weil das Fernsehen wie jedes elektronische Medium seine eigene Gegenwart gegen die Eigenzeit der Zuschauer ausspielt: "Ich sende, also bin ich", so heißt der selbstgewisse Existenzentwurf des Fernsehens. Wer sich informiert, d.h. in das Format des Formlosen eintritt, muß sich dem Präsenzmodus der Audiovisionen fügen. Das 'Jetzt' bleibt für den Empfänger authentisch, auch wenn der untergründige Konstruktionsmodus der Ungleichzeitigkeit dieses 'Jetzt' ständig hintertreibt. Insbesondere Tagesnachrichten prätendieren unsere Gleichschaltung mit einem imaginären Zeitmittelpunkt der Welt und seiner Beobachter. Ereignisse geraten in die Zentripetale des Programmformats, das alles daran setzt zu unterschlagen, daß die Botschaften nicht nur semantisch wahllos sind, sondern auch zur Gleichzeitigkeit gebündelt, Zusammenhänge befördern, die nicht mehr im Zeitmodus begreifbar sind. Mediale Gegenwart wird in Rück- und Einblendungen zu einem oszillierenden Zeitraum ausgedehnt. Die Zeitmontage, die russischen Cineasten in der Frühzeit des Kinos wesentlich wurde, hat sich zum bestimmenden Gestaltungsprinzip des Fernsehens entwickelt. War zunächst die Zeitmontage ein stilistisches Mittel, den moralischen Schock der Moderne den Bildsprüngen einzubrennen, degeneriert heute die Zeitmontage zum affirmativen Modus medialer Selbstdarstellung. Während Eisenstein oder Vertov in den dialektischen Konfrontationen der Bilder noch eine geschichtliche Wahrheit zu befördern versuchten, verkam die uns geläufige Montagetechnik zum Ungeist gewaltsamer Zusammenhänge. Allenfalls nacheilender Rekonstruktion, die indes sogleich von neuen Informationswellen angegriffen wird, könnte eine psychische Abgleichung gelingen. Eine Gegenwart kontemplativer Rückbesinnung findet nicht statt. Das Fernsehen begibt sich nicht von selbst auf die Suche nach der verlorenen Zeit, sondern überläßt es den Empfängern fremde Zeiten zu Eigenzeiten zu transformieren. Aber wer packt schon wirklich den Medienbaukasten aus, um das zu verarbeiten, was nicht mehr verarbeitbar sein will? In den 70er Jahren beflügelte Medienkritiker wie Enzensberger oder Kluge der Glaube, daß der kritische Umgang mit den Medien ihr Existenzrecht für Verbraucher absichern könnte. Eco glaubte noch 1967, daß aus der Drohung des Mediums als der Botschaft eine Rückkehr zur individuellen Verantwortlichkeit hervorgehen könne: "Gegenüber der anonymen Gottheit der Technologischen Kommunikation könnte unsere Antwort lauten 'Nicht Dein, sondern unser Wille geschehe'." Aber aus diesem Impetus sollten keine Re-Medien erwachsen, die das Rettende in der Gefahr verorteten. Eco erkannte später, daß Medienkritik nicht länger dem Machtdiskurs folgen kann, weil die Suche nach dem diabolischen Urheber medialer Botschaften ergebnislos blieb. Der Verdacht gegenüber bösen Intentionen wurde gegen die Konstruktion selbstläufiger Medien eingetauscht. In der Diversifikation der Instanzen und Akteure wird es schwer, persönliche Verantwortlichkeiten zu finden.

 

So nah, so fern

Primär präsentieren sich die Botschaften einer medial kolonisierbaren Welt live, aktuell, direkt, unvermittelt, um jenen Zweck authentischer Rückversicherung in vorzüglichster Weise zu erfüllen. Keine erheblichen Übertragungsverluste sollen vom Ort des Geschehens über die Sender zu den immobilen Empfängern auftreten. Gegenüber diesem primären Vermittlungsmodus erscheinen andere Klassen von Nachrichten, deren Verarbeitung und Zeitgestalt zwar Authentizitätsverluste markieren. Aber auch diese Vermittlungen fordern uns den Glauben ab, daß ihre Botschaften just das Ereignis treffen, das unseren Nähesinnen entzogen bleibt. Darin folgen Kommunikationsmedien ihrer historischen Ausrichtung: Aufklärung über die Welt durch Zeichen, Bilder und ihre mächtigen Distributionsinstrumente wie zunächst Buch und Zeitung, später Telegraf, Telefon, Rundfunk und Internet. Das Gutenberg-Universum prätendierte Darstellbarkeit und Kartografierbarkeit, nirgendwo sollte noch länger verzeichnet werden: "Hic sunt leones". Wenn schon Löwen, dann nur im authentischen Agfachromformat und nicht als Hilflosigkeitsgestus einer unerschlossenen Welt! Ray Bradbury hat diese Aufdringlichkeit des Realen als Ausbruch der Raubtiere geschildert, die den Monitor verlassen, um die vermeintlichen Zaungäste zu fressen. Blutzoll der Paradoxie einer Vermittlung, die aus sich selbst heraustritt, um real zu werden! So weit dürfen unsere medialen Virtualisierungen aber nicht reichen, weil wir unseren fröhlichen Schauer, der Welt beizuwohnen, ohne Schaden zu nehmen, verlören -- dieser Spielzug virtueller Medien würde die gesamte Äquilibristik unserer Selbstaneignung im Medium zerstören, würde die Welt grenzen- und uferlos machen. Dem hielte kein Subjekt stand, würde das Selbst als Antagonisten einer imperialen Welt verschwinden lassen. Unser mediale Anspruch an die Welt bescheidet sich aus Sicherheitsgründen darin, die mediale Korrespondenz von Wahrheit und Ereignis für möglich zu halten, ohne daß dieser Glaube noch länger Inquisitionsobjekt kollektiver Herrschaft wäre. Aber auch neopaganistische Selbstversicherungen, Entzauberung der Werte und postmoderne Dekonstruktion konnten dem stammesgeschichtlichen Programm, nicht freiwillig mit dem Kopf gegen die Mauer zu laufen, nichts anhaben. Noch werden Differenzen zwischen realer Wirklichkeit und virtueller hartnäckig gegen ihre "Interpenetrationen" behauptet. Dieser Glaube ist wie jedes Für-Wahr-Halten, ein pragmatischer Selbstversicherungsgestus als Welterschließungsweise. Der Korrespondenzmodus ist nicht nur eine biologische Reliktmenge, sondern zugleich die Deckungsmasse der politischen, sozialen und kulturellen Weltkonstruktion. Würden wir den Medien nicht glauben, würden öffentliche und private Meinungsbildung pure Illusion, basierten demokratische Entscheidungsprozesse auf haltlosen Diskursen, wäre unsere kognitiv aufgerüstete Identität Fiktion, weil wir nur über leeren Schein richten würden. Ketzertum wäre die Vermutung, daß dieser Glaube an die Deckungsreserven einer auf Wahrheit und Authentizität gegründeten Welt selbst nur virtuell bestätigt, was pure Selbsterhaltung ist. Kodierungsfehler haben ihren Preis. Wer aus dem Lauf der Gestirne seine Zukunft bestimmt, setzt nicht nur Handlungsalternativen aufs Spiel, sondern verfehlt auch Authentizitätsgewinne. Gerade das Virtuelle reduziert sich nicht auf Realitätsverlust, sondern baut eben eine Wirklichkeit mit neuen Regeln und Akteuren auf. Auch diese Konstruktionen lösen sich nicht von kollektiven und individuellen Konstitutionsprinzipien. So jungfräulich uns diese Welten auch erscheinen mögen, treten wir hier nicht in das Reich der Freiheit ein. Brücken zu konsensfähigen Diskursen sind hier aber längst abgebrochen, Medien sind unabhängig davon, ihrem Wesen ist Diskursivität fremd. So kündet die Kommunikationshysterie nicht von Handlungs- oder Entscheidungsnotwendigkeiten, sondern belegt nur die Lust am unendlichen Spiel. Resultate würden nur die Kontinuität des Geschehens stören. Serien, Fortsetzungen, Remakes -- ein rasendes Förderband, dessen Wandlungen nur die Wiederkehr des Immergleichen verbergen sollen: Fortschritt ohne soteriologische Hoffnung. Dieses mediale Fortschreiten ohne Ziel als jüngster Existenzweise hat auch den Zug ins posthistoire befördert, dem Telosverlust arbeiten Medien unablässig zu.

Fortsetzung folgt ...

[ Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 | Teil 7 ]

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/afrika/vernunft/