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no. 5: perspektive afrika -> unterwegs
 

Überlaufen

warum ich heute nicht mehr von Dakar nach Wagadougou trampe, selbst wenn dort das Filmfestival winkt

von Georg Hehn

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* druckbares

Warum reisen? Es scheint keine Erklärung zu geben für das ständige Unterwegssein in fremden Ländern, welche die durchzumachenden Strapazen auch nur halbwegs aufwiegen könnte. So drängt sich schließlich der Gedanke auf, daß hinter dem kollektiven Exodus der postmodernen Lebensweltler letztlich nicht mehr als ein Mißverständnis steckt.

 

Eine seltsame Seuche hat sich ausgebreitet in den letzten fünfzig Jahren: Es ist zum Normalzustand geworden, auf Reisen zu sein. Alle, bis auf wenige Ausnahmen stationärer Genügsamkeit, scheinen heute fast ununterbrochen unterwegs. Die wenigen, die sich einen Sommer entgehen lassen, fremde Menschen und Länder mit ihrer Anwesenheit zu belästigen, erscheinen befleckt mit einer Art Erbkrankheit, wie Farbenblinde oder Legastheniker. Mit mitleidiger Nachsicht wird auf sie geschaut, denn sie können ja nichts für ihr Gebrechen, auch die schönere Hälfte des Jahres auf ihren gewohnten Wegen zwischen Arbeitsplatz, Supermarkt, Kino und Kneipe zu beharren.

Doch der Mensch als solcher, das ist der junge Mensch, aufgeschlossen, mit Schulabschluß und zwei noch lebenden Großmüttern, der ist unterwegs: im langen Sommer nach der Schule ohnehin, und auch zwischendurch noch hier und da ein paar Freunde besuchen, in Paris, in Minsk oder in Melbourne. Und dann gibt es auch noch den Schulfreund, dessen Eltern die Wohnung im Tessin haben, wo man kurz zwischendurch hintrampen kann, für eine Woche im Februar falls noch Geld übrig ist nach dem Wandertrip in den Pyrenäen.

Später dann kommen die Flitterwochen in Irland, wenn nicht gleich der erste Familienurlaub in den legendär kinderfreundlichen Hotels Tunesiens oder wenn der Job nicht so gut läuft zwei Wochen Sandburgenbau auf Mallorca, eingeschoben zwischen die Fortbildung in Berlin und die Konferenz in Rom. Doch Unterwegssein ist lange kein Privileg der Besserverdienenden mehr: Es verschiebt sich im Zweifelsfalle einfach zu einer unvergeßlichen Latzhosentour durch Schweden oder einer melancholischen Strandspaziergangswoche auf Rügen.

Die Flugzeuge, die Busse, die Herbergen der erreichbareren Zonen sind überfüllt mit T-Shirt-Trägern, die kurz mal einen Sommer durch Frankreich touren, durch Indonesien oder den Mittleren Westen, mit einem kurzen Abstecher rauf nach Yellowstone und einen Tag vor dem Abflug in New York ohne mehr als in den vagen Formeln von allgemeinen Begeisterungsausbrüchen angeben zu können, warum sie das tun. Yellowstone ist schon eindrucksvoll, Niagara sehenswert und Angkor Wat faszinierend, aber eigentlich haben wir das eh schon im Fernsehen gesehen, und in Yellowstone langweilten wir uns ewig im Auto, an den Niagarafällen hatten wir nach zehn Minuten kalte Füße und gingen einen Burger essen, und in Angkor Wat hatten wir so Durchfall, daß wir uns die ganze Zeit nach Hause sehnten.

Es ist also sehr schwer zu sagen, was die Leute zum Reisen treibt. Ich war schon immer allen überschwenglichen Psychogrammen von Wanderlust und Fernenrausch gegenüber zutiefst skeptisch. Was ist das Schöne, das Lohnenswerte, wieso man sich in dreckige Züge, klapprige Busse, zuletzt auf die Pritschen dubioser Überlandlastwagen zwängt? Wieso findet man sich ab mit schmerzenden Gliedern von Nächten auf Bänken und Betonböden, mit dem unbeschreiblichen Geruch der dritten Woche in der Sonne und im Staub an der Straße? Reisen heißt heute oft genug, nur zu essen, was man auf den Märkten klauen konnte, immer aufs Neue an den Straßen zu stehen oder sich in heiße Gehäuse zu zwängen. Reisen heißt, sich durchschütteln zu lassen bis alle Knochen die Verbindung aufgeben wollen, heißt, sich auf Ladeflächen zu flohverseuchten Ziegen zu quetschen, die aus unerfindlichen Gründen von Oran nach Blida gekarrt werden, oder von Tiflis nach Baku, obwohl es da schon jeweils genügend gibt. Es heißt, sich auf verdreckten Toiletten in Busbahnhöfen die Zähne zu putzen und gleichzeitig ein Auge auf das Bündel zu haben, das entweder gerade von streunenden Hunden bepißt wird oder von Typen mit Sonnenbrillen geklaut, die nie aussehen, als bräuchten sie meine Fetzen dringender als ich.

Sicher ist es also nicht das Unterwegssein, das die immergleichen Leute anzieht, die ich an der Fähre in Ceuta, in der Absteige hinter Euston Station oder der Wartehalle von Reykjavík Flugvöllur treffe, denn niemand wird mich überzeugen können, daß er Dreck, schmerzende Knochen, Erschöpfung, schlechtes Essen und vor allem das ewige Warten, aus dem Reisen vor allem anderen besteht, genießen würde. Nicht der verrückte Pole, der über Norwegen, Färör, Island und Grönland nach Kanada will, in Turnschuhen und einem aus einem Schulatlas ausgerissenen Blatt mit der nördlichen Hemisphäre, nicht die zwei Pärchen, die auf Korsika von Strand zu Strand trampen, wo sie immer Leute treffen, im Schein von deren Treibgutfeuern man schlafen darf, und vielleicht noch ein paar gegrillte Sardinen abbekommt, auch nicht die drei Mädchen, die seit drei Monaten in Greyhounds durch die USA ziehen, immer mit den Nachtlinien, das spart die Herberge, und die nirgends anzuhalten wagen für mehr als ein paar Stadtpark- und Waschsalonstunden, aus Angst vor den Großstädten, die nachts um die Busbahnhöfe herum pulsieren.

Aber vielleicht ist es dann das Ankommen? -- Aber wenn man im Busbahnhof einer weiteren Stadt, der aussieht, wie alle Busbahnhöfe aller Städte dieser Welt, ins Freie taumelt nach einer Übernachtfahrt und sich zu erinnern versucht, wie genau der Tip für eine billige Bleibe in dieser Stadt lautete, den einem jemand einmal vor ein paar Jahren auf einem anderen Busbahnhof gegeben hatte, so zweifelt man auch daran.

Was also ist es am Reisen, das den schmerzenden Rücken, den Schweiß und Gestank, den ewigen Hunger ausgleicht? Vielleicht ist es das Adrenalin der Anspannung, die gnadenlose Wachheit, die einen spannt wie eine Bogensehne in einem fremden Land, dessen Schilder und Fahrpläne sich einem nur mühsam entschlüsseln, das fremde Städte, fremde Straßen, fremde Selbstverständlichkeiten in unentwegter Folge aufreiht. Die beständige Aufmerksamkeit und Wachheit, um die Fremde, die soweit alles weniger als einen weiteren verdreckten Reisenden nötig hatte, in einen Ort zu verwandeln, der einen unterhält für einen weiteren Tag? -- in dem etwas zu essen zu finden ist, ein sicherer Platz zum Schlafen womöglich und eine Gelegenheit für eine Arbeit, die genug für den nötigen Obolus erbringt, einen weiterzuschleudern zur nächsten Stadt, zum nächsten Busbahnhof oder auch nur zur nächsten Ausfallstraße im Regen? Die Antwort mag vielleicht darin liegen, daß Reisen, so stumpfsinnig es auch im Zeitalter der U-Bahnen und Stratosphärenjets sein mag, potentiell den gesamten Menschen ohne Ausnahme fordert, und zwar je mehr, je weniger es durch die große Virtualität des Geldes zum Verschwinden gebracht worden ist. Es scheint eine Art Instinkt, der uns immer weitertreibt, um neue Plätze sich öffnen zu sehen, und seien es auch nur die immergleichen Straßendörfer im öden Dekkan. All die komplizierten Vermögen und Physiognomien des Menschen lassen sich darauf beziehen, der Verstand, um die verschlungensten Fahrpläne zu systematisieren; die Vernunft, um zu entscheiden, welche Route die beste sein wird; Intuition, um zu ahnen, in welcher Absteige die Nacht zu ungesund sein würde, Phantasie, um etwas zu finden, das fremden Menschen ein wenig Geld entlockt, sich eine weitere Woche zu erhalten, Spontaneität, um zu erfassen, warum ein Fahrer wirklich gehalten hat, einen aufzusammeln; Witz, um ihn zu unterhalten, damit er ein Paar Tips abgibt; Kreativität, um doch noch einen Ort zum Schlafen zu finden, wenn dann kein Wagen und kein Bus mehr kommt, oder um eine neue Chance zu finden, etwas zu sehen, zu verdienen, sich waschen zu können oder einfach nur weiterzukommen.

Darum vielleicht rotten sich die Menschen in einem unruhigen Gekrabbel zusammen in riesigen Haufen, in denen sie ohne Unterlaß übereinanderkriechen, in Waben, Schächten, Bändern, Tunneln und Kammern in immer dichterem Haufen aneinanderkleben und schleudert es sie auch wieder heraus aus dem Pulk, setzen sie ihre Gesundheit, ihre Kraft und ihre Vernunft aufs Spiel, um in irgendwelche Winkel zu kriechen, nur weil diese noch ein wenig weiter entfernt sind als irgendein anderer Winkel von einem Ort, den niemand kennt. Sie klettern auf irgendwelche Kuppen, nur um noch ein bißchen höher zu sein, ein bißchen weiter entfernt von ihresgleichen als würden sie sie hassen. Sie bekommen glänzende Augen, wenn sie erzählen, als wären Patagonien, Tasmanien und Kamtschatka nicht entsetzliche, stumpfe Ödnisse voll Kälte und Dreck, so weit weg von allem anderen wie alles andere auch auf der Kugel und wohlweislich größer, als daß man sie jemals erfassen könnte über ein paar der Städte, Küsten und Flugfelder hinaus.

Was also treibt die Menschen hinaus? Wer könnte ein Argument finden, das ohne Not aufzustehen machte aus einem warmen Bett am Morgen? Es ist die vermeintliche Wirklichkeit, die sich ihnen in allen Steinen in die Sohlen drückt, sie durch die Riemen des Rucksacks gemahnt und durch die schmerzenden Glieder, den Schweiß und den Dreck, daran, daß sie wirklich sind, daß sie noch Teil sind und Ding, das die Unvergleichlichkeit des Daseins hat. Das verlieren sie zwischen den indirekt beleuchteten Büros, den ergonomischen Sesseln und den Automatikgetrieben. In einer Umgebung, die nur eine unvollkommene Projektion der menschlichen Gedanken ist, finden sie sich selbst reduziert auf den Punkt des Bewußtseins. Die Künstlichkeit ihrer Städte und Informationsstrukturen hat sich über den Menschen geschlossen und damit kurzgeschlossen: Wir beziehen unsere Wahrnehmung nur noch aus Dingen, deren Zweck eben jene Wahrnehmung ist, auf die hin sie bereits entworfen wurden von Menschen, deren Wahrnehmung an eben solchen Dingen ausgebildet wurde. Mit dem Verlust des letzten unbearbeiteten Winkels verlieren sie den letzten Bezug zu etwas, das sich durch seine Sperrigkeit als wirklich ausweist, da es für sich existiert und nicht als Reflex des funktionalen Geistes eines anonymen Stadtplaners, Designers oder Konstrukteurs. In der Überformung des allein für sich Daseienden zum für den Menschen Funktionierenden verlieren die Dinge ihre Wirklichkeit. Sie werden zu materiellen Reflexionen des funktionalen Geistes, der selbst nicht wirklich ist, da er nur Wirklichkeitsbezug darstellt. Letztlich wird die bloße abstrakte Veränderung des Ortes auf dem immergleich gemachten Globus zum Surrogat des Eigenständigen, die Variation zum letzten Halm der Wirklichkeitsversicherung. Indem die Menschen das vermeintlich Natürliche oder den Reiz des Fremden suchen, verwechseln sie das Verwirklichen mit dem wirklich werden.

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