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no. 5: perspektive afrika -> zwei mark zum Überleben
 

"Man braucht da nur zwei Mark zum Überleben"

oder wie die neuen Missionare statt Bibeln Bausparverträge bringen

von Daniel Sturm

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* literatur
* druckbares

Die Konsequenz der europäischen Raubzüge hat Lichtenberg paradox beschrieben. "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung". Europa beobachtet und vergleicht, der Rest der Welt wird beobachtet und verglichen. Afrikas Chance ist es, Beobachtern und Bausparern den Rücken zu kehren.

 

Wenn Kyamakya lächelnd von der "Nation Voltaire's" spricht, meint er die weißen Angehörigen einer Gesellschaft, zu deren materiellen und kulturellen "Cargo" er sich als Kind zugehörig fühlte. "Paris war für mich die Hauptstadt Kongos, Voltaire unser größter Philosoph und die französische Revolution die Vorgeschichte meines Volkes, auf die ich stolz sein mußte." Daß diese hegemoniale Weltsicht schließlich nur Ausdruck einer Kontinentaldrift ist, unter deren Folgen die Menschen Afrikas noch heute leiden, ist bekannt. Gradmesser für die Intensität der Überflutung des Globus mit Europäern seit ungefähr 1500 n. Chr. ist die Latenz solcher Vorurteile, die sich auf die Überlegenheit der europäischen 'Rasse' in -- früher hätte man gesagt -- kulturellen Angelegenheiten erstrecken.

Heute heißt es 'besser' ökonomisch und daß dem so ist, hat ein mir unbekannter Michael auf MDR stichhaltig belegt: "Dort zu überleben ist gar nicht so schwer. Man braucht da nur ein, zwei Mark zum Übernachten...". Was Michael sicher wenig kümmert, ist, daß die drei reichsten Menschen der Welt zusammen mehr haben als das kumulierte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 48 ärmsten Länder der Welt (ein Viertel aller Staaten) zusammen. Die Länder Afrikas stellen in dieser Statistik den 'Löwenanteil'. Michaels afrikanische Erfahrung lehrt, daß es zwei Arten des Überlebens gibt, die eben so unterschiedlich definiert sind, wie es nur sein kann. Während viele Afrikaner noch gegen die Erfahrung von Knappheit kämpfen, um zu überleben, heißt Überleben für Michael vor allem, den Überfluß richtig zu organisieren.

Was Michael nicht weiß, ist, daß das Leben im Überfluß -- wie z.B. in Deutschland -- der historische Sonderfall ist. Demgegenüber stehen die nicht- oder weniger industrialisierten Gesellschaften als der historische Normalfall. Die Lebenswelt ist hier vollkommen anders, vor allem deshalb, weil der Tod zur normalen und realen Erfahrungswelt zählt. Das Bedrohungspotential ist existentieller, näher und offensichtlicher: 30 Millionen Menschen verhungern Jahr für Jahr, 800 Millionen leiden an chronischer Unterernährung, viele sind permanent in Sorge um die Sicherung der wenigen Ressourcen, die von Katastrophen wie Trockenheit, Überschwemmung, Seuchen etc. bedroht sind. Sylvie Brunel und Jean-Luc Bodin revidieren in Geópolitique de la faim diese Anschauung durch die These, Hunger sei eine politische Strategie jener politischer Führer und Organisationen, deren Finanzquellen mit dem Ende des kalten Krieges versiegt seien. Ausgehungert würden heute nicht mehr feindliche Völker, die man erobern will; ausgehungert würden vielmehr die eigene Bevölkerung, und zwar mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Medien und folglich das Mitleid der internationalen Gemeinschaft auf sich zu ziehen, um den darauf einsetzenden Geld- und Nahrungssegen einzuheimsen und um sich zudem eine politische Tribüne für die eigenen Forderungen zu schaffen.

Es ist letztlich egal, wer es war. Aber Michael auf MDR könnte schließlich doch jener Typ gewesen sein, der mich 1994 in Tübingen fragte, ob ich einen Bausparvertrag besäße. Pointiert verwies er damit auf das Thema des europäischen Sicherheitsprinzips, das mithin die einzige Legitimierung unserer Selbstgerechtigkeit ist. Warum aber haben sich die Häuslebauer gegenüber Afrika durchsetzen können? Pulitzer-Preisträger Jared Diamond dreht in Arm und Reich den Spieß um, indem er sich dem Rätsel Afrikas mit einem herrlichen, den tatsächlichen Geschichtsverlauf konterkarierenden Ansatz nähert. Angesichts des gewaltigen zeitlichen Vorsprungs, den Afrika zweifelsohne besaß, stellt er die Frage, warum Kanonen und Stahl nicht zuerst in Afrika auftauchten und den Afrikanern und ihren Krankheitserregern die Macht gaben, Europa zu erobern. Diese scheinbar völlig ungehörige Vermutung ist deswegen so gut, weil sie Europas Gefechtsstationen, seine religiösen, kulturellen und ökonomischen Vorzüge, deren einfache Nennung bis heute als Vorwand zur gewaltsamen Missionierung anderer Weltteile ausreicht, als historisch völlig unbedeutende Blasiertheiten auswertet. Denn bis 1450 n. Chr. war Europa, was technische und wissenschaftliche Erneuerungen anging, nach Diamond die rückständigste Region. Das Reizvolle an dem Erklärungsansatz ist, daß er die unmittelbaren Faktoren, etwa Webers ideengeschichtliche Theorie von der religiösen Fundamentierung des okzidentalen Kapitalismus, durch möglicherweise viel entscheidendere Umweltfaktoren ergänzt. Der "fruchtbare Halbmond" ist zum Beispiel Diamonds Lieblingsbegriff für den vorderen Orient, weil er auf paradoxe Weise den historischen Fall der Region verdeutlicht: Im einst fruchtbaren Waldland und infolgedessen reich an Möglichkeiten, Wiege der Innovation, raubte die Erosion im Laufe der Zeit die Ressourcen. "Nord- und Westeuropa blieb dieses Schicksal erspart, aber nicht etwa, weil seine Bewohner ein klügeres Verhalten an den Tag legten, sondern weil sie das Glück hatten, in einer weniger empfindlichen, niederschlagsreichen Umwelt mit rasch nachwachsender Vegetation zu leben." (S. 509).

Und was ist mit dem Internet, das die 'guten' Ideen wie ein Lauffeuer über die weite Welt verbreitet und egalitär -- wie kein Missionar je zuvor -- Afrika an wirtschaftlicher Prosperität teilhaben läßt? Alles kalter Kaffee? Im Internet-Café zu Kinshasa, so steht zu befürchten, trinken künftig nur Menschen ihren Kaffee, die den immergleichen Satz aufs Neue variieren: "Dort zu surfen ist gar nicht so schwer. Man braucht da nur ein, zwei Mark ...". Denn dieses -- wie Diamond es nennt -- allgemeine Verlaufsmuster der Geschichte, das die vorgebliche Überlegenheit der Europäer allein auf ihre geopolitische Mediokrität zurückführt, taugt für nüchterne Prognosen. Die Länder, die gegenwärtig zu neuer Macht aufsteigen, so Diamond, seien in der Regel jene, die schon vor Jahrtausenden mit den alten, auf Landwirtschaft basierenden Machtzentren verbunden waren oder von dort neu besiedelt wurden. Diese Tatsache ist wohl der schwerste Schlag für alle jene Eurozentriker, die sich immer noch einbilden, ihre Kultur hätte etwas mit ihrer intellektuell exklusiven Fettleibigkeit zu tun. Der Umkehrschluß ist zutreffender. Wo sich Europäer ihrer besonderen Kultur brüsten und in der Vorstellung sonnen, fleißiger und klüger als ihre "armen" Nachbarn zu sein -- und das sind heute oft schon die faulen Ossis -- preisen sie in erster Linie ihre Kultur des Vorhängeschlosses. "Wenn man auf einer entfernten Insel einmal ein Volk anträfe, bei dem alle Häuser mit scharf geladenem Gewehr behängt wären und man beständig des Nachts Wache hielte, was würde ein Reisender anders denken können, als daß die ganze Insel von Räubern bewohnt wäre? Ist es aber mit den europäischen Reichen anders?" Dieses spezifisch europäischen Räubertum hat Lichtenberg paradox beschrieben. Er kontrastiert die Borniertheit der Entdecker, die in der offiziellen Geschichtsschreibung als Entdeckerneugier firmiert, die aber in Wirklichkeit allein zur gewaltsamen Beseitigung abweichenden Aussehens und Verhaltens geführt hat, mit dem aufrichtigen Interesse der ursprünglichen Besitzer: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung." Europa beobachtet und vergleicht, der Rest der Welt wird beobachtet und verglichen. Die Entdeckten konnten sich natürlich auch in ein Verhältnis zu ihren Entdeckern setzen, "doch verfügten die Eingeborenen nie über jenen privilegierten Standpunkt Europas" . Dabei scheint den wenigsten Entdeckern klar zu sein, welches Wissen ihnen mit der Zerstörung ganzer Kulturen flöten gegangen ist. Rühmliche Ausnahmen bleiben Menschen wie Hermann Gundert, seinerzeit Großvater von Hermann Hesse, der in seinen Berichten über die Fortschritte der Missionierung Indiens sinngemäß schrieb: "Hier in der Mission leben vier Christen: Meine Frau, mein Kind, ich und vom Hund weiß man's nicht genau". Den Rest der Zeit verbrachte Gundert damit, ein Lexikon indischer Sprachen zu verfassen. Ob Gundert selbst in Indien schwäbische Maultaschen aß, wer weiß? Mochte er wahrscheinlich auch kein Curry am Hühnchen dulden, so praktizierte er doch einen rationalen Umgang mit fremder Identität. Zusammenleben mit Anderen setzt nicht voraus, daß der eine sein Hühnchen aufgibt und stattdessen Maultaschen mampft. Für das Gegenteil steht die gewaltsame Kolonialisierung der Welt durch die Europäer Pate. Afrikas Chance ist, den Beobachtern und Bausparern den Rücken zu kehren und in mandelamäßiger Ruhe die eigenen Schritte zu tun.

Wieder lächelt Kyamakya, diesmal über eine Meldung der Nachrichtenagentur AFP: Ein asylsuchender Priester aus Kongo, der eigenen Angaben zufolge schwer gefoltert worden ist, mußte nach Angaben der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl im Anerkennungsverfahren das kirchliche Morgengebet auf Latein vorsingen und den Gottesbeweis des heiligen Augustinus erklären, um sein Priestertum zu beweisen. Die nüchterne Betrachtung einer Weltkarte lehrt, daß die Nachfahren der einst unterjochten Völker noch heute eine Unterschicht bilden, Jahrhunderte nach der Eroberung bzw. Verschleppung als Sklaven. Die Tatsache, daß die sich hartnäckig haltende Chancenungleichheit von den global players der Nordhalbkugel, überlegen zugleich in Aufgeklärtheit wie in Rassismus, eilig kopfnickend und etwas leise murmelnd mit "soziale Benachteiligung, keinesfalls biologische Faktoren" abgetan wird, sich aber in der Sache wenig tut, offenbart eine kognitive Dissonanz. Auf der Speckseite der Welt hält man gerne für möglich, daß Reichtum auch erstohlen werden kann, andererseits gilt weiterhin als plausibel, daß gewissen Menschen eine Beteiligung am Reichtum "schon aus biologischen Gründen" verwehrt werden müsse. Solange eine gut gemeinte Erklärung nur 'völlig pc' oder als Lippenbekenntnis ausfällt, und nicht wirklich überzeugend erklärt, wie es zu den unübersehbaren Ungleichheiten zwischen Afrika und Europa gekommen ist, werden viele Menschen weiter die Vermutung hegen, daß an der rassistischen biologischen Erklärung doch etwas dran ist. Das beginnt mit der ignoranten Meinung, Kenianer seien die besseren Marathonläufer, weil ihnen das Laufen im Blut liege und setzt sich fort in der Legende von den südländischen Wallungen, die eben naturgemäß zu keiner nachhaltigen Philosophie hätte führen können. Besäßen diese Determinismen Gültigkeit, müßten wir Deutschen uns schon aus simplen genetischen Gründen für Gartenzwerge und Gadamer engagieren.

Gnadenlos deutlich wabert der ökonomistische Dumpf-kurs mit den Zutaten 'Globalisierung', 'EU-Norm' und 'Pro-Kopfverschuldung' wie ein dicker fetter Pfannekuchen durch die Welt. Während in den Ländern Afrikas, die wir gerade mal dem Kontinent nach zuordnen können, sachkundig die Wahlaussichten Schröders diskutiert wurden, kapriziert man sich hierzulande auf den enzyklopädischen Vergleich konjunktureller Eckdaten. Allmonatlich wird Wissen auf dem Altar von IWF, Dow-Jones und Dax geopfert. Mit aller Macht scheinen sich die vermögenden Länder eine kulturelle Unkenntnis leisten zu können, die dem Slogan "Wissen ist Macht" Hohn spricht. Kein Wunder: Allein in den letzten sechs Jahren sind allein in Deutschland 1,2 Billionen Mark an privatem Vermögen vererbt worden. Französische Bürger und Bauern kannten den Adel in den Jahren vor 1789 weit besser als umgekehrt. Marie Antoinettes berühmter Ausspruch, wenn die Leute kein Brot hätten, dann sollten sie halt Kuchen essen, ist zutreffend. Daß die intellektuellen Kuchenesser dann und wann ihre feisten Bäuchlein entblößen müssen, entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik: Es war eine Augenweide, die global players über den unvorhersehbaren Einbruch der 'asiatischen Tiger' spekulieren zu sehen. Wie konnten -- so fragte man sich erschüttert -- diese fernöstlichen Satellitenstaaten in der Einflußzone des nordhalbkugeligen Speckgürtels einfach gegen die von Weltbank, IWF und den anderen Maklern der Nordhälfte gemachten Konjunkturdaten "verstoßen"? Hatte man etwa kulturelle oder gar soziale Gesichtspunkte in der Bewertung der ökonomischen Potentiale außer Acht gelassen? So ein verkniffenes Bankergesicht, das die eigene Torheit mit gespielter Seriosität nur wenig zu übertünchen weiß, gleicht in solchen Momenten einer Staumauer, die See und Tal voneinander scheidet: innen voll und flüssig, außen dürr und leer. Mit Afrika machen es sich die Banker vom IWF leichter: Gerne greifen sie auf die vorgebliche Evidenz der "kulturbedingten Entwicklungshindernisse" zurück. Die Bauern seien eben nur arm, weil sie traditionell seien. Die Städter investierten in ihre familiären Bindungen, statt Shell-Aktien zu kaufen aus dem gleichen Grund und überhaupt: den Rückstand Afrikas erklären sich die Finanzinstitute gerne immer noch über den Kinderreichtum der Armen. Die Wirtschaftskrise Afrikas sei ein Zusammenspiel aus regressiver Armutsspirale, Bevölkerungswachstum und Umweltschädigungen. "Darüber wird gerne vergessen, daß an der Elfenbeinküste etwa gerade durch die Ausbreitung der Plantagenwirtschaft innerhalb von fünfzig Jahren vier Fünftel des Regenwaldes zerstört wurden", meint der kamerunische Hochschullehrer Jean-Marc Ela. Hinter all diesen Betrachtungen, die man hierzulande gerne mit dem Feuilletonismus "Rätsel Afrika" überschreibt, steckt ein simpler Grundgedanke: "Warum können die nicht nachmachen, was wir erfolgreich vorgemacht haben?" Ungeachtet der berechtigten Zweifel, ob die Erfolge des Nordens ungetrübt auf der Habenseite verbucht werden können, scheint mir diese Erwartung ähnlich dubios zu sein wie die des berühmten Dichters, der von seinen Schülern am Ende des Semesters künstlerische Meisterwerke erwartet. Entsprechend bleibt den Afrikanern nur die Reproduktion des westeuropäischen Gesellschaftsmodells. Niemand hat ihnen je geraten, die Innovation in einem eigenen Tempo zu gestalten und an eigenen Maßstäben zu orientieren.

Das Mindeste, was wir Bewohner der Nordhalbkugel in diesem Prozeß tun können, ist, das dunkle Erbe unserer Vorfahren durch deren gute Hinterlassenschaften zu kompensieren, als da wären Toleranz und Vernunft. Dazu gehört die Einsicht, als Speckgürtelbewohner mit hungrigen Besuchern zu rechnen. Das haßerfüllte Staunen des bayerischen Innenministers Beckstein, mit dem er stellvertretend für viele Landsleute die Fremden empfängt ("Ich glaube nicht, daß Jesus mit Hilfe einer kriminellen Schleuserorganisation nach Deutschland gekommen wäre"), diskreditiert ihn als Verstandesmenschen. Vergegenwärtigte er sich den Prozeß der europäischen Zivilisation als einen Raubzug ohne gültige Einreisestempel, könnte er viel Gutes tun.

 

autoreninfo 
Daniel Sturm, Journalist und Autor, half nach seinem Umzug von Leipzig in die USA 2002 als Chefreporter beim Aufbau der alternativen Wochenzeitung City Pulse in Lansing, der Landeshauptstadt Michigans. Daniel studierte Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Tübingen und arbeitet als Chefreporter für die Stadtillustrierte Kreuzer in Leipzig. Er war Redakteur des Internationalen Forschungsberichts Medien Tenor in Bonn und Leipzig und schrieb frei für Tageszeitungen, u.a. Die Welt. Daniel unterrichtet Journalismus an der Youngstown State University im Nordosten Ohios und schreibt frei für Verlage in Amerika und Deutschland. Veröffentlichungen: Stadiongeschichten. Leipzig zwischen Turnfest, Traumarena und Olympia. Leipzig: Forum-Verlag 2002 (Mit Cornelia Jeske und Grit Hartmann).
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