parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 5: perspektive afrika -> lac horo
 

Wo der Sahel blüht

Lac Horo -- eines der selbstgemachten Wunder in Afrika

von Ilja Trojanow

zum artikel:

* druckbares

Ohne einen Überfall der Tuareg wäre die Bewässerung am malischen Lac Horo möglicherweise ein ganz normales Entwicklungshilfeprojekt geblieben. Doch der zunächst fatal erscheinende Flucht der deutschen Entwicklungshelfer, die der Überfall provozierte, verdankt die Region ein selbstverwaltetes Projekt, das wie kaum ein anderes beweist, was möglich ist, wenn sich Idealismus, Verantwortungsbewußtsein und Durchhaltevermögen verbinden.

 

Sonntag ist Markttag in Tonka, einer kleinen Stadt im westafrikanischen Mali, am Rande der Sahara und am Ufer des Niger gelegen. Der Reisende, der sich nach langer Bootsfahrt von Süden her an den Anblick sandiger Ebenen gewöhnt hat, staunt über den unerwarteten Anblick: Hier blüht ein Markt; der wichtigste in einem Gebiet von der Größe Deutschlands. Ein Markt, auf dem sich Händler aus Mauretanien und Südalgerien treffen, die Hunderte von Kilometern Wüste durchquert haben, um ihr Vieh und Kunsthandwerk feilzubieten und Nahrungsmittel einzukaufen. In den staubigen, engen Gassen, zwischen grellem Licht und tiefen Schatten, tummeln sich neben Arabern, Berbern und Tuareg die anderen Völker der Sahel. Fulbefrauen mit schwarzbemalten Mündern und goldfarbenem Ohrenschmuck, die schmalen Gesichter ihrer Männer unter breitkrempigen Hüten, Bella-Bauern mit Turbanen, Songhaifrauen mit Kleidern, die ein Festival der Farben feiern.

Jedes Produkt hat seinen Platz auf dem Markt. Der weitläufige Eingang beherbergt den Kamel- und Ziegenbasar. Weiter innen führt ein Pfad durch Säcke voller Reis, Hirse, Sorghum und Kartoffeln. Um die Ecke herum liegen Tomaten, Okra, Bohnen, Zwiebeln und Kohlköpfe fein säuberlich auf Matten ausgebreitet. Etwas weiter, in einem anderen Geruchsrevier, wird Fisch angeboten, getrocknet und geräuchert. In überdachten Ständen türmen sich eine Vielzahl von Gewürzen zu bunten Kegeln und Häufchen auf. Der Markt von Tonka bietet den Einheimischen alles, was sie zum Leben brauchen; und dem Besucher alles, was seine Sinne anregt.

Aber das erstaunlichste am Markt von Tonka ist, daß Getreide und Gemüse vor Ort angebaut werden, an einem See, an dessen Südende sich Tonka befindet -- dem Lac Horo. Dieses Wunder der Fruchtbarkeit, dem rund hunderttausend Menschen drei reiche Ernten pro Jahr verdanken, ist nicht gottgegeben. Zwei künstliche Kanäle verbinden den Lac Horo über einen Staudamm mit dem Niger; ein um den gesamten See herumgezogener Graben speist 40 Schleusen und ermöglicht durch Bewässerung und Überflutung ganzjährigen Anbau. Daß dieses System noch funktioniert, daß es nicht politischen Wirrungen zum Opfer fiel, ist der Verdienst einer außergewöhnlichen Gruppe junger malischer Experten. Mit Unterstützung deutscher Entwicklungshilfe halten sie die Region und somit auch den sonntäglichen Markt von Tonka am Leben.

Die Geschichte des Lac Horo nahm einen unspektakulären Anfang. Tonka war nur ein kleines Dorf der Bozo, eines Fischervolkes am Niger, als vor einem halben Jahrhundert französische Kolonialbeamte auf der Suche nach Anbauflächen für ihre cash crops den See auswählten. Sie errichteten eine Staumauer und entwässerten ihn, um Baumwolle und Zuckerrohr anzubauen. Zehn Jahre später war ihnen klargeworden, daß sich der Boden für solche einseitige und intensive Landwirtschaft nicht eignete. Die Franzosen stellten das Projekt ein, die Kanäle versandeten, die Bauern schlugen ein Loch in die Staumauer, und der See füllte sich wieder auf. Die erste Phase menschlichen Eingriffs war alles andere als erfolgreich verlaufen. Fast dreißig Jahre lang schlummerte das Potential dieses Brotkorbes -- so die Bedeutung von 'Horo' in der Sprache der Songhai.

Anfang der achtziger Jahre begann eine Kooperation mit deutschen Entwicklungsfachleuten. Ein Team kam nach Tonka. Zunächst förderten die Mitarbeiter nur die Viehzucht, zwei Jahre später begannen sie den Wasserpegel des Sees zu regulieren. Mit Bulldozern, Baggern und Lastwägen erweiterten sie die von den Franzosen zurückgelassenen Anlagen. Es war ein nicht unübliches Projekt integrierter ländlicher Entwicklung, mit dem Ziel, durch diversifizierten Anbau die Selbstversorgung der örtlichen Bevölkerung zu sichern.

Wahrscheinlich wäre Lac Horo ein ganz normales Entwicklungshilfeprojekt geblieben, wenn es nicht den scheinbar verhängnisvollen Tuareg-Aufstand im Frühjahr 1991 gegeben hätte. Die Tuareg, seit Jahrhunderten kriegerische Nomaden der Sahara, tauchten eines Abends aus der Wüste auf. Das Gesicht verhüllt, militärisch gekleidet, brausten sie in Nissan- und Toyota-Jeeps in das Camp des Projekts, schwangen Kalaschnikows und nahmen fünf Mercedes-Geländewagen mit. Bei einer zweiten Attacke ließen sie einen Laster, ein Motorrad und Ersatzteile mitgehen. Die Tuareg warfen der malischen Regierung vor, nicht genügend Entwicklungskapital zu ihnen in den Norden zu leiten, und dies war ihre Art, sich das Vorenthaltene zu besorgen. Die Regierung bekam die Sicherheitslage am Lac Horo, wie auch im gesamten Norden Malis nicht unter Kontrolle. Den vier GTZ-Experten vor Ort wurde es zu brenzlig. Sie verließen im Mai 1991 Tonka, und mit ihnen verschwand die Finanzierung -- bekanntlich sind Gelder fast immer an die Präsenz von Experten gebunden (das macht diese auch so beliebt!).

Die zweite Phase menschlichen Eingriffs war zu Ende, und es schien, als habe das Projekt keine Zukunft mehr. Anstatt jedoch ebenfalls die Koffer und Säcke zu packen, hielt eine engagierte Crew die Projekte am Leben und harrte am Lac Horo aus: 23 Kollegen aus allen Landesteilen, unter ihnen Soulé Traoré, ein charmanter Mann mittleren Alters, der dem Projekt seit Jahren vorsteht. Nicht nur erhielten sie keine Projektgelder mehr, auch die Gehaltszahlungen versiegten, und jeder in der Region, der etwas Geld hatte und mobil war, machte sich aus dem Staub. Nur das Projekt vermittelte etwas Hoffnung.

"Eigentlich waren die Überfälle ein Glück für uns, aber das wußte damals natürlich niemand", sagt Soulé Traoré verschmitzt. Das Team mußte die Bevölkerung davon überzeugen, die Zukunft ihres Brotkorbes zu sichern, nicht angesichts der Krise Reißaus zu nehmen und die Bewässerungsanlagen versanden zu lassen. Sie hielten acht Monate lang durch, bedroht durch gelegentliche Raubzüge der Tuareg-Rebellen und zunehmend von Unsicherheit geplagt. "Am Anfang war das ganze Team noch sehr optimistisch und motiviert, aber mit der Zeit setzte uns die Ungewißheit schon zu und die Bevölkerung war am Verzweifeln", so Traoré. "Wir mußten mit den Bauern auf den Feldern arbeiten, um uns zu ernähren."

Im April 1992 unterzeichneten die Tuareg und die malische Regierung einen Friedenspakt. Beeindruckt von der Leistung der malischen Projektmitarbeiter nahm die Gesellschaft zur technischen Zusammenarbeit (GTZ) die Finanzierung wieder auf, zahlte die Rückstände.

"Das Ausharren des Projektteams hat die Region gerettet. Wären wir gegangen, wäre es zu einem Exodus der örtlichen Bevölkerung gekommen", meint Traoré. Und danach befragt, wieso er als ortsfremder Beamter ohne Mittel und Gehalt dageblieben ist, antwortet er auf eine Weise, die zeigt, wie die afrikanischen Eliten ihre Verantwortlichkeit eigentlich sehen müßten und wie weit sie davon entfernt sind: "Das Projekt ist unser Kind, und man kann sein Kind doch nicht alleinlassen. Wir konnten nicht zulassen, daß es Schaden nimmt, zerstört wird. So dachten alle von uns."

Seit nunmehr gut zwei Jahren ist Lac Horo ein von deutschen Steuergeldern bezuschußtes, aber nur von Maliern geleitetes Projekt -- damit ist es in eine dritte und hoffentlich letzte Phase getreten.

Als wir am Montag mit Soulé Traoré und seinem Kollegen Ali auf einer staubigen Piste den Damm entlangfahren, der den See vom Bewässerungsgraben trennt, haben wir reichlich Gelegenheit, uns davon zu überzeugen. Wir halten an einem Gemüsefeld. Eine Gruppe von Frauen hat sich beim größten Baum versammelt, Lachen und Singen dringt zu dem Damm herauf. Als die Frauen uns erblicken, verstummen sie, stehen still und blicken zu Boden. Doch nachdem wir ihnen vorgestellt wurden, fahren sie da fort, wo wir sie unterbrochen hatten -- eine ältere Frau löst sich aus der Gruppe, in ihrer Rechten trägt sie stolz einen Kohlkopf, wie eine ruhmreiche Beute; sie duckt sich, geht tief in die Knie und wirbelt mit kreisendem Becken den Kohl umher. Die anderen Frauen begleiten sie mit Händeklatschen und ondulierenden Schreien. Eine zweite Frau tritt aus der Reihe, synchron stampfen die beiden auf den Boden, drehen sich um die eigene Achse, die Schreie werden lauter, die Bewegungen schneller.

Die Präsidentin der Frauengruppe erklärt uns die Gründe für die Freude. Auf diesen Feldern hätten die Frauen zum ersten Mal ihren eigenen Salat, Zwiebeln, Tomaten, Okra, Tabak und Kohl angepflanzt. Soeben sei der erste Kohl geerntet worden. Es habe Widerstände seitens der Männer gegeben, aber die Frauen seien nun sehr zufrieden -- kein Wunder angesichts des beachtlichen Preises, den ein Kohl auf dem Markt von Tonka erzielt. Ein Agronom fügt hinzu, das Projekt versuche die Frauen mehr zu integrieren, ihnen ein eigenes Einkommen zu verschaffen, um damit die Abhängigkeit von den Ehemännern zu verringern.

Auf der anderen Seite des Damms wäscht eine Gruppe Frauen im Kanal und legt die saubere Kleidung auf der kleinen Mole und der betonierten Böschung zum Trocknen aus -- eine von vielen kleineren Erfolgen des Zusammenwirkens von Dorf und Projektteam. Derweil bespricht sich Soulé Traoré mit dem Präsidenten des Dorfes hinsichtlich des Anpflanzens von Baumsprößlingen, die den vordringenden Sanddünen Einhalt gewähren sollen.

An einer der nächsten Schleusen machen wir wieder halt, und Traoré führt uns auf weitere Felder. Nach der Regenzeit (Juni bis Oktober) -- die Bauern pflanzen in diesen Monaten am oberen Rand des Sees Hirse, Mais und Bohnen an --, entscheiden sie im November selbst, wann die Schleusen geöffnet werden, um den See zu überfluten. Von November bis März folgen Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Kohl und Salat. Und im Überflutungsgebiet bauen die Bauern zwischen März und Oktober Reis, Sorghum, Kartoffeln und Hirse an. Es ist besonders fruchtbares Land, denn der Fluß bringt organische Abfälle in den See und reichert somit die Böden an. Sorgen macht Traoré die bewässerte Zone: "Der Boden ist durch die fast ganzjährige Nutzung ausgelaugt und die Versalzung macht uns zu schaffen." Wie Puderzucker liegt das Salz auf den von den Bauern nur mit Tierexkrementen gedüngten Feldern. Kunstdünger ist zu teuer und müßte aus dem tausend Kilometer entfernten Dakar herangeschafft werden.

Rund 4300 Parzellen bewirtschaften die Bauern aus den Dörfern rund um den Lac Horo. Sie teilen ihre Erträge mit den Helfern aus der Verwandschaft, den Landarbeitern, den Transporteuren zu Wasser und auf der Straße. Selbst die Marabouts, Weise des Islams, kommen mit ihren Koranschülern aufs Feld, um die Ernte zu segnen, aber auch um mitzuhelfen.

Das Land ist vom Staat gepachtet. Dieser verpflichtet sich, die Staudämme und Kanäle instandzuhalten, Brunnen zu bohren und landwirtschaftliche Beratung zu leisten. Einfache Arbeiten an den Kanälen und den Straßen machen die Bauern selbst: So säubern sie die Kanäle; das Projekt stellt nur Lastwagen und Schaufeln zur Verfügung.

Zur landwirtschaftlichen Beratung legen die Projektmitarbeiter in Zusammenarbeit mit Bauern aus verschiedenen Dörfern Versuchsfelder an. Wenn die Ernte dort dann reichhaltiger ausfällt als auf den herkömmlichen Parzellen, finden die verbesserten Anbaumethoden überzeugte Nachahmer bei den stets zur konservativen Skepsis neigenden Anbauern. Doch die Verbreitung agrartechnischen Know Hows scheitert oft am Analphabetismus der Bevölkerung. Technische Handbücher gibt es bisher nur auf Französisch, das nur die wenigsten sprechen und kaum jemand liest. Eine Alphabetisierungskampagne ist daher wichtiger Bestandteil des Projektes. Ziel ist es, den Menschen mithilfe eigens entwickelter Lehrbücher Songhai beizubringen, die lingua franca der Region. Langfristig sollen schriftliche Anleitungen die Arbeit der Agrarberater im Feld unterstützen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.

Das Programm zur Alphabetisierung basiert auf dem Schneeballprinzip. Aus den Dörfern werden jeweils drei oder vier Männer und Frauen in einem Schulungszentrum ausgebildet. Danach, wenn sie offiziell alphabetisiert sind, errichten sie in den Dörfern eine Abendschule. Die Bauern bestimmen selbst, wo es Schulungszentren geben und wann der Unterricht stattfinden soll. Angesichts der täglichen Feldarbeit kommen aber für die Männer nur die Abende in Frage. Fünf- bis sechsmal die Woche sitzen sie nach zehn-bis zwölfstündiger Arbeit auf Matten im Sand und lauschen ermüdet dem Animateur vor der Schiefertafel, sprechen diesem zunächst ihnen bekannte Worte nach, bilden daraus dann Silben, schließlich einzelne Buchstaben, die sie dann wieder zu Wörtern zusammensetzen lernen. Auch die vier Grundrechenarten sind Lehrstoff, denn die Dörfer sollen die Wassergebühren selbst verwalten, die sie an das Projekt für den Unterhalt der Brunnen bezahlen.

Obwohl immer mehr Bauern einsehen, daß dieses zielorientierte Lesen und Schreiben für das Management ihrer Felder und die dörfliche Selbstverwaltung wichtig ist, schicken nur wenige von ihnen ihre Kinder in die Schule nach Tonka. Sie befürchten, daß die Jungen nach der Schule in die Arbeitslosigkeit der Städte abwandern werden. Zudem benötigen sie ihre Arbeitskraft. Auch fürchten sie, daß die überlebensnotwenigen traditionellen Fertigkeiten und Kenntnisse den Kindern in der Schule abhanden kommen.

In diesem Sinne ist die Erwachsenbildung erfolgreicher als die Kinderausbildung. So lernen inzwischen auch manche Frauen, selbstverständlich getrennt von den Männern. Traditionell arbeiten die Frauen in der Region nicht auf dem Feld, sondern kümmern sich um Haushalt und Kinder. Die Frauen aller Altersgruppen haben sich die Teilnahme am Programm von ihren Männern genehmigen lassen und müssen den Spott der anderen Frauen ertragen, die zu Hause bleiben. Das macht die Sache nicht immer einfach, denn die Frauen geben zu, nicht konkret zu wissen, wozu sie eigentlich Lesen und Schreiben lernen sollen. Traoré richtet deshalb den Blick auf die Zukunft, spricht davon, daß es Entwicklung nur mithilfe der Frauen geben kann, doch all das klingt noch recht abstrakt.

Bei allen Aktivitäten des Projekts gilt das erklärte Prinzip, daß Traoré und seine Kollegen Entscheidungen stets im Einklang mit den Bauernvertretern treffen und der örtlichen Bevölkerung immer mehr Verantwortung übertragen. Die Dezentralisierung hat in Mali seit Ende der Militärdiktatur im Jahr 1991 neuen Auftrieb erhalten, sicherlich auch angesichts der leeren Staatskassen. Entwicklung kann es in einem armen Land wie Mali vermutlich nur auf der Basis lokaler Selbsthilfe und Eigeninitiative geben.

So ist gewissermaßen den Tuareg-Überfällen die Erkenntnis zu verdanken, daß es am Lac Horo ohne deutsche Langzeitexperten genausogut, wenn nicht sogar besser läuft. "Als die Deutschen noch da waren, entschieden die GTZ und wir von der malischen Regierungsseite, was zu tun sei", beschreibt Traoré das frühere Vorgehen. "Jetzt sind die Bauern viel stärker involviert, wir haben mehr Austausch mit ihnen. Das gab es vorher zuwenig." Insofern hat Lac Horo Modellcharakter für die Entscheidung, inwieweit die Entsendung von Langzeitexperten überhaupt nötig ist und ob nicht ein Weniger an Entwicklungshilfe ein Mehr bedeuten kann.

So sieht es auch Jochen Salow, der Leiter des GTZ-Büros in der Hauptstadt Bamako. Er bewertet die Möglichkeiten flexibler Entscheidung vor Ort anstelle von zentral entwickelter, starrer Planung positiv. Die Rolle der GTZ sollte sich in solchen Fällen auf das Controlling und auf technischen Beistand bei Bedarf beschränken, meint er. Gelegentlich fährt ein Gutachter von Mopti aus in einem Boot den Niger hinauf bis nach Tonka, um den Fortgang des Projekts zu evaluieren.

Trotz allen Optimismus beschäftigt eine Bedrohung das Team und die Einwohner: Noch immer herrscht in der Region Unsicherheit. Obwohl die Kämpfe offiziell eingestellt sind, gibt es gelegentliche Überfälle von Tuareg. Ohne eine Armeepräsenz -- nur einige Polizisten sind in Tonka stationiert --, ist die Bevölkerung den Überfällen wehrlos ausgeliefert. Die Armee wird regelmäßig zur Unterstützung aufgefordert, bislang vergeblich. Der Gouverneur verspricht seit einiger Zeit, daß in Goundam eine Spezialeinheit aufgebaut werden soll, die die Sicherheit der gesamten Region garantieren soll. "Wir müssen abwarten, wie einsatzfähig sie sein wird", meint Soulé skeptisch. Aber man muß sich hüten, von diesen vereinzelten Attacken auf die Haltung aller Tuaregs in der Gegend zu schließen. Nach dem Rückzug während der Rebellion, haben sie sich in letzter Zeit wieder dem See genähert, campieren hinter den Dünen, von wo aus sie ihre Herden zur Tränke führen.

Die Region rund um den Lac Horo ist jedenfalls nicht existentiell bedroht. "Solange der Fluß Wasser führt, werden wir hier Leben haben", betonen alle Mitarbeiter des Projekts. Und das wird noch lange der Fall sein. Der seit Jahrzehnten sinkende Wasserspiegel des Niger, der Seen wie den Lac Fagabuine -- einst so groß wie der Bodensee -- austrocknen ließ, hat noch keinen Schaden angerichtet. Lac Horo liegt glücklicherweise 2,40 Meter tiefer als der Fluß. Bei der herzlichen Verabschiedung am Hafen von Tonka drückt Soulé Traoré aus, was uns während unseres Besuches sehr klar geworden ist: "Der See ist das Leben der Region selbst, er ist heilig geworden -- ohne ihn gäbe es all das nicht."

alle rechte liegen bei den jeweiligen autorinnen und autoren.
issn 1439-1163, impressum | datenschutz. url: https://parapluie.de/archiv/afrika/lachoro/