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manifest
 
"Etwas Para-artiges ist nicht nur gleichzeitig
auf beiden Seiten der Grenze zwischen innen
und außen: Es ist auch die Grenze als solche,
der Schirm, der als durchlässige Membran
zwischen innen und außen fungiert. Es bewirkt
eine Verschmelzung, läßt das Äußere eindringen
und das Innere hinaus, es teilt und vereint sie."
J. Hillis Miller, The Critic as Host

 

Auf dem Spiel steht unser Weltbild.

parapluie ist eine Kulturzeitschrift, die für ein bewegtes und bewegendes Weltbild Zeichen setzt.

parapluie versteht somit Kultur als einen Prozeß, der im ständigen Wandel begriffen ist, ohne daß deshalb die Einnahme eines eigenen Standpunktes unmöglich wäre. Ohne die uns jeweils eigenen Träume, Wünsche und Vorstellungen ist schließlich an den Fortgang dieses Prozesses gar nicht zu denken, in dem die eingenommenen Positionen jedoch offen genug sein müssen, um stets neu verortet werden zu können. Kultur in diesem Sinne ist von Veränderung, der Konfrontation, dem Bedenken sowie der Vermittlung verschiedener, gleichwertig bestehender Perspektiven geprägt.

Daß wir nur über den Anderen und im Anderen ein Stück von uns erreichen, ist längst ein offenes Geheimnis, und der Schritt auf die Straße ist nichts anderes als der kürzeste Weg nach Hause. Dies gilt im Zeitalter der Satellitenkommunikation und der interkulturellen Gesellschaft mehr als je zuvor, werden doch die inneren wie die äußeren Grenzen von Tag zu Tag fragwürdiger und bedürfen der steten Verhandlung. Ein Weltbild, das im Spiel bleiben will, kann sich nur gleichzeitig als Bild des Anderen verstehen, muß stets im Gange sein und darf auch die Infragestellung nicht scheuen.

Parapluie, ein Gegenstand, der sich aus unserem Alltag nicht mehr wegdenken läßt, blickt auf eine Geschichte zurück, die bis weit in die Anfänge der Antike zurückreicht. Bei den frühen Chinesen, Ägyptern und Assyrern nimmt sie ihren Anfang, gelangt mit den Römern über die Alpen, geht mit ihnen zusammen zu Ende und kommt erst durch die portugiesischen Weltumsegler des 15. und 16. Jahrhunderts aus Afrika und Indien dazu, auch in Europa wieder weitergeschrieben zu werden. - Was heute als Parapluie in jedermanns Schirmständer steht, war einst als Parasol Zeichen der Würde von Kaisern und Pharaonen!

Parapluie verbindet auch heute noch Kulturen und Zeiten und bringt ein Bewußtsein ins Spiel, in dem das Eigene und das Fremde dieselbe Geschichte haben.

Es geht darum, das Selbstverständliche nicht mehr für selbst-verständlich zu erachten, sondern zu erkennen, daß die eigene immer nur eine Perspektive unter vielen ist, die der ständigen Korrektur bedarf. Es ist entscheidend, die gleichzeitige Existenz der verschiedenen Perspektiven als eine Möglichkeit zu begreifen, das Eigene in der Konturierung gegenüber dem Anderen besser zu bestimmen, es durch die Erfahrung der anderen Perspektiven überhaupt erst als etwas Besonderes zu erkennen, zu bemerken, daß die selbstverständlichen Dinge gerade nicht mehr selbstverständlich sind, wenn sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden.

Die Chance der gegenwärtigen Situation besteht darin, durch die Auseinandersetzung mit dem Anderen - dem sich in einer "globalen Stadt" niemand mehr in provinzieller Dörflichkeit verschließen kann - die jeweilige Bedingtheit der eigenen Existenz vor Augen zu bekommen, um sich dann mit einem neuen Selbst-Bewußtsein im Zusammenspiel mit dem Gegenüber auf neue Wege machen zu können.

Wie sehen uns die "Anderen"? Wie sehen wir uns selbst? Sehen wir uns überhaupt? Wie werden die "Anderen" von uns betrachtet und wie verstehen sie sich? Wie ist es bestellt um das "freie Spiel" der Kulturen? Wie läßt sich Interkulturalität sinnvoll gestalten und wie lassen sich kulturelle Differenzen produktiv umsetzen? - Blickwinkel und Fragen, die unter parapluie Platz haben werden.

Dabei wird sich parapluie mit Vorliebe auf den Gegenstand hin öffnen, der selber durch nichts besser charakterisiert ist, als durch Offenheit: Die Künste.

Da, wo etwas auf dem Spiel steht, sind die Künste niemals weit, kann es ihnen doch nur um die Fragen gehen, die noch nicht beantwortet sind, ja eigentlich sogar nur um solche, die gar keine endgültige Antwort haben und deshalb in ihren Möglichkeiten stets erneut aufs Spiel gestellt werden müssen. Der parapluie wurde im 19. Jahrhundert zum echten Kunstobjekt, er erhielt durch alle erdenklichen Möglichkeiten der Phantasie immer wieder neue Formen, um schließlich so wandlungsfähig zu werden, daß er sich - falls nötig - jeden Tag in einer neuen Haut präsentieren konnte. Ebenso sollen in parapluie die Künste in der schillernden Vielfarbigkeit erscheinen, die ihnen der Blick auf die offenen Fragen des menschlichen Daseins verleiht.

Es sind die Künste, die parapluie in den Blick nimmt, nicht Literatur, bildende Kunst, Musik, Theater oder Film in einer Eigengesetzlichkeit, die ihnen so eigen gar nicht ist. Da, wo die Grenzen zerfließen, die Künste sich gegenseitig interpretieren und beeinflußen, an einer gemeinsamen Entwicklung arbeiten, spannt sich parapluie vornehmlich auf.

Als Grenzgänger und vielgestaltiger Perspektivspiegel ist parapluie aber nicht zuletzt auch eine Verteidigungswaffe, und so, wie man sich in Singapur mit einem Parapluie höchst wirksam Tiger vom Leibe hält, die nichts so sehr fürchten, wie das rasche Öffnen und Schließen eines Regenschirmes, richtet sich die Spitze von parapluie gegen den Vorgang, der aus Deutschland einen reinen "Wirtschaftsstandort" zu machen und dem gegenwärtigen und zukünftigen Geschehen einen Stempel aufzudrücken droht, der in seiner Ausschließlichkeit gefährlicher nicht zu denken ist: Den rein ökonomischen.

Gespannt hält sich parapluie aber auch durch die Auseinandersetzung mit jenen universitären Ritualen, die eifrig dabei sind, sich selbst überflüssig zu machen und so dem Rotstift der ökonomisierten Kulturpolitik munter in die Hände arbeiten. Universität darf nicht mit intellektuellem Autismus gleichzusetzen sein, in dem die Forschung sich gegenstandslos vor der Lehre und der Gesellschaft verschließt und auf nicht enden wollenden Symposien Spezialthemen von einer Aktentasche in die andere wandern läßt. Universität darf auch nicht zu reiner Tradierung eines Bildungskanons verkommen, in dem die Künste immer weiter mit dem Tranchiermesser für die Vitrine zurechtgeschnitten werden, mit dem Ergebnis, daß die Geisteswissenschaften irgendwann nur noch dem eigenen Schwanz hinterherjagen.

parapluie durchbricht diesen Kreis und soll von der einen Seite auf die andere hinüber und wieder herübergereicht werden. parapluie trägt so dazu bei, den Bezug der Geisteswissenschaften zur gelebten Kultur wiederherzustellen und unterstreicht, daß das Nachdenken über Kultur einen Teil derselben darstellt und darstellen muß.

Nimmt es wunder, daß Herr Barben-Dubourg, als er am Ende des letzten Jahrhunderts den tragbaren Blitzableiter erfand, diesen auf einem Parapluie installierte? parapluie wird dort geöffnet werden, wo es brenzlig ist, den Blitzableiter dort ausfahren, wo es knistert vor Elektrizität, wird mitspielen, wo das Spiel spannend wird, soll der Ort sein, wo der Blitz einschlägt.

Die Notwendigkeit, interdisziplinär zu arbeiten, die Allüren der Einzeldisziplinen zu überwinden, unter anderem Philosophen mit Philologen, Anthropologen mit Naturwissenschaftlern, Ökonomen mit Künstlern zusammenzubringen und dem Ergebnis außerhalb der Universitätsmauern Gehör zu verschaffen, liegt auf der Hand, wird aber leider noch viel zu selten auch in die Hand genommen. parapluie soll stets zur Hand sein: Ein Katalysator für den Kopf, der in jede Tasche paßt.

Last but not least soll parapluie auch verführen. So wie in Frankreich die Vervollkommnung der Verführungsstrategien Anlaß zu der Redewendung gab: "Wenn du wissen willst, ob ein Mann dich liebt, warte, bis er dir seinen Parapluie anbietet.", wird auch parapluie Verführung zur Begeisterung sein: In- und außerhalb der Universität, für jene, die sich noch treffen lassen wollen, wenn es um Künste, Kulturen und Literaturen geht.

Für alle, die mit von der Partie sind, wenn wir auf dem Spiel stehen.

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