parapluie elektronische zeitschrift für kulturen · künste · literaturen -> übersicht | archiv | suche
no. 22: zeugenschaft -> montagetechnik
 

Montagetechnik als Möglichkeit, Geschichte objektiv zu bezeugen?

Walter Kempowskis Echolot-Projekt und Jürgen von der Wenses Blumen blühen auf Befehl

von Andreas Lampert

zum artikel:

* anmerkungen
* literatur
* druckbares
* diskussion

Daß Dichter lügen, war für Platon unbestritten -- und Literatur bekennt sich entweder freimütig (und gewinnbringend) zu diesem Topos oder antwortet darauf mit Strategien fingierter Neutralität, wie sie in Montagetechniken suggeriert werden. In Bezug auf die Dokumentation brisanter historischer Ereignisse erwächst ihr aus Letzterem ebenfalls ein ungeahnter Gewinn, indem jegliche Neutralität immer schon -- auch jenseits der Literatur -- als Utopie entlarvt wird -- geben kann es sie nur als unendlichen Prozeß der Annäherung. Dieses Verfahren der fingierten Neutralität zielt allerdings auf einen 'mündigen' Leser.

 

1

Inwiefern kann und soll im Umgang mit faktisch-historischen Dokumenten gewährleistet werden, daß der Erzähler selbst Neutralität bewahrt und Geschichte(n) aus einer unbeteiligten, nichtwertenden Position darstellt? Zunächst scheinen Kempowski und von der Wense unterschiedliche Strategien zu verfolgen: zwar ist beiden Texten primär eigen, als Ausgangsmaterial nicht-fiktionale Texte zu verwenden; doch die Komposition und Neben-, Gegeneinanderstellung der einzelnen Collagestücke -- so unterschiedlich die Technik der beiden Autoren auch sein mag, dazu im Folgenden mehr -- wird als Konsequenz vielleicht doch eine Reaktion im Leser hervorrufen, die von den Autoren tendenziell beabsichtigt ist.

Wer spricht im Echolot? Kempowski selbst erspart sich jeglichen fiktionalen Erzähler-Kommentar. Stattdessen findet der Leser ein vielstimmiges Stimmengewirr aus Zeitdokumenten des 2. Weltkriegs vor. Kempowski radikalisiert die Methode Walter Benjamins, dessen Passagen-Werk zeitweise schon als Zitat-Arrangement geplant war, dann aber doch von Benjamins Einschüben strukturiert und kommentiert wurde. Bei Kempowski soll die reine Sammlung von persönlichen Erzählungen -- völlig autonom? -- dazu beitragen, aus der Zusammenschau möglichst breitgestreuter subjektiver Wahrheiten eine Annäherung an die historisch-objektive Wahrheit zu ermöglichen. Kempowski selbst löst konsequent ein, was Benjamin in einer frühen Arbeitsphase noch geplant, dann aber wieder verworfen hatte: "Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich so zu sein, daß der Erzähler völlig zurücktritt und die einzelnen Geschichten sich selbst erzählen, für sich sprechen. Doch darf nicht vergessen werden, daß nicht nur das einzelne (immer auch subjektiv motivierte) Zitat perspektivisch verzerrt die Wirklichkeit abbildet, sondern daß auch noch die Komposition der Zerrbilder stillschweigend dafür sorgt, daß der Leser weiterhin einen getrübten, wenn auch komplexeren Blick auf die historische 'Wahrheit' präsentiert bekommt. Der Autor verschwindet nämlich nicht vollkommen, sondern verwandelt sich in einen Arrangeur von Textbausteinen, deren konkrete Platzierung im Gesamttext, sei es durch Emphase, Kontrastierung oder Parallelisierung mit anderen narrativen Elementen, leise und implizit das Rezipientenbewußtsein steuert und (ver-)leitet. So konstituiert das polyphonische Erzählen also doch eine gewisse Wirkung und Wertung der Geschehnisse, auch wenn Kempowski diesen Umstand, aus welchen Gründen auch immer, nicht eingestehen möchte.

Als Exemplifizierung für diese (insgeheim) wertende Erzähltechnik kann das letzte Kapitel aus dem Echolot herangezogen werden, in dem unterschiedliche Reaktionen zum Kriegsende zusammenfaßt werden. Zu Beginn des Kapitels kommen Churchill, Truman, Stalin und de Gaulle zu Wort, die jeweils die Niederlage Deutschlands als triumphalen Sieg ihres jeweiligen Landes darstellen. Anschließend erfolgt die apolitische, medizinische Schilderung der verbrannten und vergifteten Leiche Adolf Hitlers mittels eines forensischen Gutachtens. Also erst vier Siegesbekundungen welthistorischer Dimension, dann ein toter Körper in einem Obduktionsbericht. Auf der nächsten Seite schreibt der emigrierte Literaturwissenschaftler Kantorowicz in New York:

"Zwölf Jahre, die die Verbrechen von tausend Jahren angehäuft haben. Ich versuche mir eine Vorstellung davon zu machen, wie es jetzt da drüben aussieht, aber ich weiß, daß jede Vorstellung von der millionenfältigen Wirklichkeit versagen muß. Noch wage ich nicht weiterzudenken. Von irgendwoher wird Beethovens Fünfte gesendet. Die Hymne des Sieges!? Es gibt keinen Sieg. Es gibt am Ende dieses Krieges nur Besiegte."

Was nun? -- Sieger, Besiegte, Tote. Was man über dieses Fragment aus Fragmenten denken und -- nicht zu vergessen -- fühlen soll, steht zur offenen, unabschließbaren Debatte: die Affekte des Mitleids, Abscheus, Entsetzens und der Verzweiflung stehen dicht beieinander, vermischen sich vielleicht sogar zu gemischten Gefühlen über eine grausame Geschichte, die aus unzähligen Einzelgeschichten besteht, die, so Kempowski an anderer Stelle, als "endloser Dialog zwischen Irrsinnigen" aufgezeigt wird. Fast zwangsläufig stellt sich die Frage nach der Schuld, auch bei Kempowski selbst, wie er in Culpa. Notizen zum "Echolot" schreibt:

"Es kommt mir so vor, als müsse ich mit dem 'Echolot' Schuld abtragen. Ich habe mal ein Klassenfoto gesehen, auf dem waren die später dann Gefallenen mit Bleistift eingekreist. Das wirkte so, als ob man sie für den Tod ausgewählt hätte."

Offen bleibt die Frage, wie Kempowski Schuld durch seine Echolot-Komposition wieder abtragen, ausgleichen kann. Wählt er, ähnlich wie im obigen Zitat, im Echolot nicht die Toten, sondern die Schuldigen aus? Gibt er den "Gefallenen" ihre Stimme zurück? Abgesehen von Schuldgefühl als persönlicher Motivation zum Verfassen des Echolots wird auch die Frage nach den Tätern und deren Schuld aufgeworfen. Doch als Antwort erhält man ein nur vages Bild: "Wind ist nur am Kornfeld darzustellen, nicht an einem einzelnen Halm", so Volker Hage. Welchen Begriff von Schuld legt diese Vorstellung nahe? Kempowskis Vorgehen ist wohl deshalb so kontrovers diskutiert worden, weil manichäische Schwarz-Weiß-Schuldzuweisungen durch den Text unmöglich gemacht werden. Prinzipiell stehen sich zwei konträre Arten von Geschichtsauffassung gegenüber, die ganz unterschiedliche Lesarten des Echolots provozieren: Auf der einen Seite eine tragische, in der lediglich überpersönliche Instanzen Geschehnisse zu "verantworten" haben und der Einzelne nur Objekt von Vorgängen ist, die er nicht kontrollieren kann und andererseits eine Betrachtungsweise, in der klar zwischen Tätern und Opfern differenziert und Schuld zurechnungsfähigen Subjekten eindeutig zugewiesen werden kann. Milan Kundera beschreibt diesen Sachverhalt in Der Vorhang sehr deutlich:

"Hitler brachte nicht nur unsägliche Greuel über Europa, er brachte es auch um seinen Sinn für das Tragische. Nach dem Muster des Kampfes gegen den Nationalsozialismus wird seither die gesamte Zeitgeschichte als Kampf des Guten gegen das Böse gesehen und erlebt. Krieg, Bürgerkriege, Revolutionen, Gegenrevolutionen, Aufstände und ihre Unterdrückung wurden aus dem Territorium des Tragischen verjagt und der Autorität von strafwütigen Richtern unterstellt. Ist das regressiv? Ein Rückfall in das vortragische Stadium der Menschheit? Doch wer ist in diesem Fall regrediert? Die Geschichte selbst, ursurpiert von Kriminellen? Oder unsere Art und Weise, Geschichte zu verstehen? Ich sage mir oft: das Tragische hat uns verlassen; und darin besteht vielleicht die wirkliche Strafe."

Kempowskis Methode der Montagetechnik produziert im Endeffekt ein zwangsläufig vielstimmiges und widersprüchliches Werk. Das ist nur konsequent, wenn Kempowski als unbestechlicher Zeuge alles schildern, jede Seite zu Wort kommen lassen will und, auch wenn er durch die Anordnung gewisse Reaktionen forciert, doch dem Leser die letzte Entscheidung überläßt, was 'Wahrheit' und was 'Schuld' nun zu bedeuten haben. Das Werk bietet Leerstellen, die der Leser selbstständig ausfüllen kann.

 

2

Wenses Textcollage hingegen ist das Produkt einer unmittelbaren, über Jahre hinweg andauernden Auseinandersetzung mit tagesgeschichtlichen Ereignissen. Wense verwendet im Gegensatz zu Kempowski, der -- aus geschichtlichem Abstand --gleichermaßen Politiker, Schriftsteller und 'Namenlose' zu Wort kommen läßt, ausschließlich Zeitungs-Textfragmente und -Bilder "aus dem westfälischen, südniedersächsischen und nordhessischen Raum," wie Dieter Heim im Vorwort zu Wenses Text bemerkt. Also gewissermaßen Weltgeschichte en miniature gespiegelt an peripheren, fast schon ephemeren Zeitungsartikeln aus der Provinz. Ähnlich wie Kempowski versucht Wense anhand von nicht-fiktionalen Dokumenten den Einfluß der nationalsozialistischen Propaganda auf das deutsche 'Durchschnittshirn' nachzuzeichnen. Die literarische Technik Wenses beschränkt sich allerdings nicht auf die Montage von Texten (deren genaue Quellenangabe ihm nicht sonderlich wichtig zu sein scheint), die für sich selbst sprechen sollen, sondern er versieht die Ausschnitte mit kleinen Anmerkungen und Unterstreichungen oder setzt einzelne Überschriften über andere Texte, so daß, anders als bei Kempowski, der Autor explizit Stellung bezieht.

So zeigt die Seite 118, die zwischen 1937 und 1938 erstellt wurde, verschiedene untereinander montierte Überschriften aus der damaligen Presse wie "Deutschland muß brandrein werden!, 'Pflichtmilchkontrolle', Deutschlands Razzia auf einen Käfer -- Hausbock könnte Milliarden-Schäden anrichten" neben einem Foto am rechten unteren Seitenrand, auf dem man eine Gruppe uniformierter junger Frauen mit Gasmasken in den Händen sieht, das mit "Spiele unter der Volksgasmaske" betitelt ist.[Anm. 1] Dieses Bild weist darauf hin, wie spielerisch den Menschen jener Krieg nahegebracht wurde, dem es dann doch in der Realität am Spielerischen mangelte und der in blutigen Massenmord mündete. Eine ebenfalls eingeklebte Unterschrift von H. Himmler wurde von Jürgen von der Wense mit einem handschriftlichen Kommentar am Seitenrand versehen. Die Anordnung der Collageelemente sowie der Zwischenräume lädt den Betrachter ein zur Stiftung neuer Sinnzusammenhänge. Schriftgrößen, Neigungswinkel und Neigungsrichtung der aufgeklebten Textelemente spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Positionierung des besagten Bildelementes. Wie und mit welcher Technik aber ist eine solche Text-Bild-Collage zu entziffern? Wer etwa ein geometrisches Zentrum der Collage sucht, blickt dabei nicht auf Schrift oder Bild, sondern in eine Leerfläche, die sich exakt zwischen der damals üblichen Grußformel "Heil Hitler" und der Unterschrift von "H. Himmler" befindet. Es handelt sich dabei um eine ebenso sprechende wie nichtssagende Lücke zwischen solchen Personen, die wohl in jener Zeit etwas zu sagen hatten. Zeigt auch Wense somit auf das Nichts, das auch Walter Benjamin bereits zu zeigen bemüht war, ohne etwas sagen zu wollen ("Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.")? Immerhin schreibt Wense seinen Kommentar neben dieses Collage-Vakuum zwischen Hitler und Himmler als Glosse an den Rand. Somit steht Banales wie Alltägliches ("Pflichtmilchkontrolle") neben übertriebenen Formulierungen betreffs des ökologischen Ungleichgewichts ("Razzia auf einen Käfer."), aber eben auch neben Parolen, die auf die tödlichen Konsequenzen des Naziregimes hindeuten ("Deutschland muß brandrein werden!"). Deutsche Tugenden kippen um in Verbrechen und Massenmord. Wenses Vorgehensweise präsentiert Wirklichkeitsauffassung in satirisch-parodistischem Textgewand. Aus dem "Volksgenossen" Wense wird somit aus einer bestimmten zeitgenössischen Perspektive heraus dann doch eher ein Nestbeschmutzer.

Die Kontrastierung der einzelnen Elemente soll den Betrachter eher zum Lachen bringen, durch das man sich von autoritären Dogmen lösen und distanzieren kann. Im scheinbaren Gegensatz dazu äußerte sich Kempowski in einem Gespräch mit Carla A. Damiano: "Aber mein Lebenszweck ist nicht der, die Menschen zum Lachen zu bringen, sondern sie guter zu machen. Nicht besser, das kann man nicht. Aber guttätiger zu machen." Aber warum kann man nicht gleichzeitig gut sein und lachen? Weil die Geschichte im Grunde überhaupt nicht komisch ist? Oder läßt sich aus den Zeilen eine feine Ironie herauslesen? Ist Kempowski selbst (unfreiwillig) sarkastisch-komisch?

Beide Vorgehensweisen sind letzten Endes legitim, die eine nicht besser als die andere. Bei Kempowski hört der Autor auf, Autorität zu sein, wenn der Leser in den Collagezwischenräumen selber anfangen muß, zu denken, gerade dort, wo er durch gewisse Zitatkonstellationen zu (vorschnellen) emotionalen Reaktionen verleitet wird und in einem moralfreien Text doch wieder eine solche zu finden meint. (Vielleicht ist gerade diese Morallosigkeit des Echolots dessen Moral.) Bei Wense wird der Leser selbst in der Konfrontation mit Schrecklichem sogar ein wenig unterhalten, auch auf die Gefahr hin, daß ihm das Lachen im Hals stecken bleibt.

 

autoreninfo 
Andreas Lampert ist zur Zeit wissenschaftliche Hilfskraft am Deutschen Seminar der Uni Tübingen. Er promoviert dort über Aspekte des Lachens in der Literatur.

 

Für Ergänzungen, Meinungen, Widersprüche gibt es ein Diskussions-Forum zum Artikel.

copyright © 1997-2011 parapluie & die autorinnen und autoren. alle rechte vorbehalten.
issn 1439-1163, impressum. url: http://parapluie.de/archiv/zeugenschaft/montage/