Einerseits erscheint heute das Bedürfnis nach Zeugenschaft allgegenwärtig, beispielsweise im Hinblick auf (bald) nicht mehr zur Verfügung stehende Zeitzeugen. Andererseits stellt sich angesichts technischer Durchdringung und virtueller Herstellung von Realität die Frage, welchen Stellenwert Zeugenschaft haben kann, wenn Kommunikation zunehmend aus immateriellen Datenströmen gespeist wird.
Und doch: Aus Zeugenschaft erwächst unsere Zukunft. Wen diese These überrascht, der denkt dabei immer noch zu einseitig nur zurück an zu bezeugendes Unheil, das sich vom tragischen Verkehrsunfall bis zur irreversiblen Geschichtskatastrophe erstrecken kann. Grundsätzlicher zu fragen aber ist auch mit Blick in die Zukunft, ob sich überhaupt authentisch von Menschheitskatastrophen, wie sie vor allem Genozide darstellen, berichten läßt und wer oder was die Zeugenfunktion für ein Ereignis übernimmt, wenn eines Tages keine Zeitzeugen mehr leben? Wie sieht ein Zeugenschaftskonzept aus, das über Zeugenaussagen und Augenzeugenberichte, die Authentizität und größtmögliche 'Objektivität' gewährleisten sollen, hinausgelangt, ist doch gerade dieser 'herkömmliche' Begriff von Zeugenschaft in einigen Diskurszusammenhängen möglicherweise eben nicht zureichend bzw. herstellbar?
Die Beiträge dieser Ausgabe skizzieren das Phänomen der Zeugenschaft dabei ebenso aus den Sichtweisen der Dokumentarfilmanalyse wie der Archäologie und reflektieren es bis hinein in die aktuelle Diskussion über das öffentliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Stolpersteine von Gunter Demnig sind nicht nur Gesprächsgegenstände im parapluie-Interview mit dem Künstler, sie sind vor allem Denkanstoß für eine basisdemokratische Gedenkkultur in Deutschland. Es finden sich unter den Beiträgen aber auch sehr persönliche Zeugnisse von Autoren, die im Kontext von Völkermorden selbst als Häftling in Auschwitz oder als Beobachter in Ruanda gewesen sind.
Alle Beiträge, seien sie nun eher wissenschaftlich, künstlerisch oder persönlich motiviert, verdeutlichen jedoch, wie wichtig das Phänomen der Zeugenschaft für die Identitätsbildung einzelner Personen, in einzelnen Staaten sowie in einer Welt sein kann, in der die Achtung der Menschenrechte global allererst noch durchzusetzen sein wird. Zeugenschaft wird so zu einem wesentlichen Bestandteil eines unverzichtbaren Zukunftsprojektes.
Julia Genz
Thomas Hilger